15.10.1990

Das bevorzugte Stück aus Köln

Meisteragent Klaus Kuron brachte den Verfassungsschutz mit seinem Geständnis in größte Verlegenheit. Acht Jahre lang gab er zu Sonderkonditionen Wissenswertes weiter nach Ost-Berlin. Was soll Bonn nun mit den Spionen aus dem Kalten Krieg anfangen: Alle einsperren und anklagen - oder doch besser amnestieren?
Es war eine der ungewöhnlichsten Bewerbungen in der Spionagegeschichte. Klaus Kuron, 54, Abwehr-Spezialist im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), diente sich dem Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS) schriftlich an - in einem anonymen Brief, den er im September 1981 ganz einfach in den Kasten der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn warf.
Obwohl die seltsame Offerte genügend Hinweise enthielt, aus denen das Haus des Erich Mielke auf eine lohnende Quelle schließen konnte, verhielten sich die DDR-Aufklärer lange still - wahrscheinlich aus dem gesunden Mißtrauen heraus, daß es ein Versuch der westdeutschen Gegenspieler sein könnte, ihnen ein Ei ins Nest zu legen.
Auch Kuron hatte es nicht eilig. Erst Mitte 1982 vereinbarte er ein Treffen mit einem MfS-Mann im Ausland - und das muß der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) wie Weihnachten vorgekommen sein. Nachdem die DDR-Spezialisten den unverhofften Neuzugang sorgfältig überprüft hatten, nahm ihn HVA-Chef Markus ("Mischa") Wolf höchstpersönlich zu Sonderkonditionen unter Vertrag. Nach einem ersten Treffen im August 1982 händigte der oberste DDR-Spion im Oktober in seiner Dresdner Dienstvilla Kuron ein Einstandsgeld in Höhe von 30 000 Mark aus. Und statt des sonst üblichen Höchstlohns von 1000 Mark war Kurons Verrat den Ost-Berlinern 4000, zuletzt sogar 4500 Mark im Monat wert, dazu Sonderzahlungen.
Die letzte Prämie in Höhe von 10 000 Mark erhielt der 54jährige Regierungsoberamtsrat erst, kurz bevor er sich Anfang vergangener Woche stellte. "Eine höchst peinliche Angelegenheit", befand ein Kanzlerberater - zeige die Transaktion doch, "daß es im Untergrund immer noch operative Einheiten des MfS gibt, die offenkundig sogar schwarze Kassen haben".
Für die einstige DDR jedenfalls hat sich der acht Jahre währende kostspielige Einsatz gelohnt. Kuron saß auf einem besonders interessanten Posten. Zum einen wußte er nicht nur eine Menge über die Abwehrmaßnahmen der Kölner gegen die einschlägigen Spionageaktivitäten der Ost-Missionen in Bonn, voran der Ständigen DDR-Vertretung. Noch viel wichtiger: Kuron führte sogenannte Countermen - HVA-Agenten, die sich dem Verfassungsschutz angedient hatten oder von ihm angeworben worden waren und fortan ihren Dienstgeschäften mit Wissen der westdeutschen Abwehr nachgingen.
Dank Kuron wurde daraus ein doppeltes Doppelspiel zum Nachteil der Kölner. Ein hoher Verfassungsschützer: "Die Ost-Berliner wußten, daß wir an ihrem Mann dranhängen, aber wir wußten nicht, daß die das wußten."
Vor einem Jahr noch hätte der Fall Kuron und die fast zeitgleiche Enttarnung der Auswerterin beim Bundesnachrichtendienst (BND), Gisela Gast, 47, schwere politische Beben in Bonn ausgelöst. Da wären Untersuchungsausschüsse eingesetzt worden, da wären Köpfe gerollt. Doch seit BRD und DDR vereinigt sind, wird das jahrzehntelange verbissene Indianerspiel der Dienste gelassener gesehen.
Ohnehin hinken die Vergleiche, die jetzt angestellt werden. Größer als der Fall Guillaume ist der Fall Kuron nicht, kann er gar nicht sein. Günter Guillaume war von Ost-Berlin systematisch aufgebaut und auf die SPD angesetzt worden. Und einen amtierenden Kanzler wie Willy Brandt 1974 zu stürzen ist in Bonn ein Superlativ, unüberbietbar. Der Fall Tiedge lag anders. Der BfV-Gruppenleiter, von dem im Amt bekannt war, daß er privat in großen Schwierigkeiten steckte, konnte sich 1987 noch in die DDR flüchten, um dort für sein Ausplaudern belohnt zu werden.
Die Jagd nach Sündenböcken verlief bisher nicht besonders erfolgreich. Peter-Michael Diestel, der in seiner Eigenschaft als DDR-Innenminister den Stasi-Apparat zerschlagen wollte, mußte sich von Innenstaatssekretär Carl-Dieter Spranger vorwerfen lassen, wie wenig Erfolg er offensichtlich gehabt hat. Auch Hans Modrow, der Übergangspremier der DDR, geriet ins Schußfeld. Modrow hatte behauptet, die Stasi spioniere seit dem Frühjahr nicht mehr in Bonn. Davon kann keine Rede sein. Dank Kuron weiß man, daß noch immer konspirative Treffs verabredet werden und daß noch immer Geld an verdiente Agenten fließt.
BfV-Chef Gerhard Boeden, 65, dürfte die Blamage im Amt überstehen. Den Schaden hat allerdings die Institution Spionageabwehr - und von neuem eine Diskussion darüber, wieviel sie taugt, wieviel Schutz sie gewährt oder ob sie überhaupt von Nutzen ist.
Über den Verrat der Pullacher Dame Gast können sich die Bonner nicht sonderlich aufregen. Sie war an der Zusammenstellung der täglichen BND-Lageberichte fürs Kanzleramt beteiligt und konnte so die Ost-Berliner mitlesen lassen. Wahrscheinlich ist es der SED-Führung dabei ähnlich ergangen wie Kanzler Helmut Kohl, der die größtenteils aus Agenturmeldungen zusammengestückelten BND-Analysen meist langweilig fand.
Verglichen mit dem Fall Gast hat die Affäre Kuron schweres Kaliber. Nun sind die Verfassungsschützer dabei, den Schaden festzustellen und über Konsequenzen nachzudenken.
Auch für Gegenwart und Zukunft haben die Ermittler aus dem Geständnis Kurons schon einiges gelernt: Detaillierter als zuvor wissen sie jetzt, wie alte Mitarbeiter des aufgelösten MfS im Untergrund munter weitermachen und wie sich der sowjetische Geheimdienst KGB aus der DDR-Erbmasse bedient.
Zugleich steht damit die vertagte Entscheidung über eine Amnestie für die versprengten HVA-Leute wieder dringlich auf der Tagesordnung und auch die Frage, was mit jenen Verrätern aus der ehemaligen Bundesrepublik passieren soll, die sich den Behörden offenbaren. Denn Kuron ist ja vermutlich nur der erste Agent, der sich freiwillig gestellt hat; andere dürften folgen.
Daß Kuron so lange unbehelligt hat wirken können, ist zum einen der extremen Rücksichtnahme seiner Ost-Berliner Auftraggeber zuzuschreiben. Weder mußte Kuron die übliche Verpflichtungserklärung unterschreiben, noch gibt es Belege über Geldtransaktionen und anderes. Vor allem aber verzichtete Wolfs HVA lange darauf, auch nur einen der von Kuron enttarnten und geführten Doppelagenten aus dem Verkehr zu ziehen.
Zum anderen galt Kuron in seiner Kölner Behörde als Musterbeispiel des zuverlässigen Beamten und treusorgenden Familienvaters. Der Bau eines schmucken Eigenheims, vier Söhne im Studium - nichts davon geeignet, Mißtrauen auszulösen; die regelmäßigen Sicherheitsüberprüfungen des A-13-Mannes (rund 5000 Mark Grundgehalt) ergaben, daß er finanziell in soliden Verhältnissen lebte. Auch dienstlich wurde Kuron stets hervorragend beurteilt.
Kurons Doppelleben blieb seiner Behörde bis zuletzt verborgen. Daß er im Urlaub teure Hotels bevorzugte und sich an der Costa Brava eine Ferienwohnung zulegte, zu der Wolfs HVA 90 000 Mark beisteuerte - Boedens Amt merkte nichts davon. Niemand traute dem beliebten Kollegen etwas Böses zu.
Erst mit der Wende in der DDR neigte sich Kurons erfolgreiche und einträgliche Agentenkarriere ihrem Ende zu.
Wieder erwiesen sich die mittlerweile in Auflösung befindlichen Auftraggeber als ebenso rücksichtsvoll wie spendabel. Im Februar dieses Jahres schalteten sie ihr bestes Stück aus Köln ab, zum Dank gab's 30 000 Mark. Daß Kuron, um daheim nicht aufzufallen, acht "Altfälle" weiterführte, wurde ihm ebenfalls vergolten - im August mit 15 000 und schließlich mit den letzten 10 000 Mark.
Die acht Spione - allesamt aus dem Wirtschaftsbereich, davon zwei aus den Rüstungskonzernen MBB und einer von MTU - waren für die Verfassungsschützer deshalb von besonderem Interesse, weil an ihnen studiert werden konnte, wie einzelne Agenten aus dem alten MfS-Apparat weiter operierten und wie die Übergaben an das KGB funktionierten. Doch wie früher wußten die Kölner auch jetzt nicht, daß die Ex-HVA und somit auch das KGB durch Kuron über alles informiert waren.
Wenn Kuron gewollt hätte, wäre er seinen Häschern leicht entwischt. Am vorvergangenen Freitag, zwei Tage nach der deutschen Vereinigung, fuhr er nach Ost-Berlin, um mit seinem alten Führungsoffizier zu besprechen, wie es denn nun weitergehen solle. Der HVA-Mann empfahl ihm, in die Sowjetunion zu gehen. Als Kuron einwandte, einen solchen Schritt könne er nicht ohne Familie tun, wurde am Samstag morgen seine Frau eingeflogen, die von Anbeginn über den Doppeljob des Ehemannes informiert gewesen war.
Am Nachmittag wurde Kuron zunächst allein zur KGB-Residentur nach Berlin-Karlshorst gebracht. Die Russen versprachen ihm ein gesichertes Leben in der Sowjetunion. Doch im Gespräch mit seiner Frau entschied sich Kuron gegen einen Lebensabend im Vaterland aller Werktätigen.
Nun galt es, wieder unauffällig aus Karlshorst zu verschwinden. Auf seinen Vorschlag, in Köln für Moskau weiterzuarbeiten, reagierten die Russen zurückhaltend. Zu seinem Führungsoffizier sagte Kuron, er müsse über alles noch genau nachdenken und derweil, solle nichts vorzeitig auffliegen, seine Dienstgeschäfte wahrnehmen. Schließlich erfand er eine Geschichte: Einem seiner Söhne habe er zu einer bestimmten Zeit einen Anruf versprochen - wenn der nicht komme, werde Vermißtenanzeige erstattet. Da ließen die Ost-Freunde ihren Mann mit Frau heimfahren.
Aus einem Hotel in der Nähe Braunschweigs rief Kuron am Sonntag abend einen befreundeten Mitarbeiter des BfV-Sicherheitsreferats an: Er habe etwas zu offenbaren, wolle sich aber vorher beraten und bitte ihn, am Montag in sein Hotel zu kommen. Der Mitarbeiter alarmierte sofort Amtschef Gerhard Boeden; der aber wollte nichts anbrennen lassen und schickte seine Leute sofort Richtung Niedersachsen.
Einen Moment spielte Boeden mit der Idee, das Kuron-Spiel mit neuen Karten fortzusetzen, verwarf sie aber rasch. Ausmaß und Dauer des Verrats, schließlich die Aussicht, einen solchen Mann im Amt zu halten, als wäre nichts geschehen, brachten den Präsidenten zu dem Entschluß, gleich auch Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt einzuschalten. Kuron wurde noch am Montag morgen festgenommen. Wenig später griffen sich die Fahnder auch die acht Wirtschaftsspione und zwei MfS-Führungsoffiziere Kurons, Stefan Engelmann, 36, und Günther Nehls, 53.
Nun müssen die Bonner sehen, wie sie den verbliebenen Geheimdienstsumpf der Ex-DDR trockenlegen und überdies weitere unerkannte West-Verräter dazu bringen, sich zu stellen. Boeden, aber auch Politiker wie Innenminister Schäuble sehen sich durch den Fall Kuron in ihrer Forderung nach einer Amnestie für Spione bestätigt.
Bliebe diesen Menschen, sagt Boeden, keine Perspektive, müsse am Ende auch mit Verzweiflungsaktionen gerechnet werden. Boeden: "Ich schließe auch Gewalttaten nicht aus."

DER SPIEGEL 42/1990
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