19.11.1990

„Das blutige Schwert der CIA“

Nachrichten aus dem Kalten Krieg: In ganz Europa gibt es geheime Nato-Kommandos, die dem Feind aus dem Osten widerstehen sollen. Kanzler, Verteidigungsminister und Bundeswehrgenerale wußten angeblich von nichts. Die Spuren führen nach Pullach, zur „Stay Behind Organisation“ des Bundesnachrichtendienstes.
Als die Teilnehmer des Nato-Rats Anfang November einen Bericht des italienischen Kollegen über ein Unternehmen namens "Gladio" hörten, wußten sie zunächst gar nicht, wovon eigentlich die Rede war. "Wir dachten", so ein deutscher Diplomat, "das ist eine neue Übung."
Wovon sie nichts wußten und was sie trotz Aufklärung erst einmal nicht glauben wollten, hat es fast überall gegeben - und natürlich auch in Deutschland: streng geheime Nato-Guerilla-Abteilungen als Aufklärungs- und Sabotage-Truppen für den Fall, daß die Sowjetunion Westeuropa überfällt und erobert. In Italien hießen die Kommandos "Gladio" nach dem Kurzschwert der Römer für den Nahkampf; die Franzosen dachten sich wechselnde lyrische Bezeichnungen aus: "Regenbogen", "Windrose"; die Griechen bezeichneten das hoch geheime Unternehmen, von dessen Existenz nur die wenigsten Politiker eine Ahnung hatten, als "Haut des roten Berges".
In der Bundesrepublik nannte sich die Truppe, ganz auf US-Linie, "Stay Behind Organisation": Sie sollte zurückbleiben, hinter den feindlichen Linien ausharren nach jenem Tag X, an dem die östlichen Horden die Macht in Westeuropa übernommen hätten.
Was da nach und nach durchsickerte, verursachte in manchen Ländern tiefste Verlegenheit. In Italien und Belgien kamen die Regierungen in Bedrängnis, überall wird nach parlamentarischen Untersuchungsausschüssen gerufen. Bloß in Bonn reagierte Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg gehemmt wie immer: Er behauptete - auch nichts Neues -, von nichts zu wissen, und beauftragte die Beamten seines Hauses mit der Spurensuche.
Der Verdacht blüht, in Bonn wie in Rom oder in Brüssel: Verbarg sich hinter "Gladio" - die Chiffre prägte sich rasch ein - ein Geheimbund, der nicht nur gegen den äußeren, sondern auch gegen den inneren Feind eingesetzt werden sollte? Eine "Ku-Klux-Klan-Organisation" gegen die Demokratie, wie der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer argwöhnt? Waren Parlamente und Regierungen gezielt ausgeschaltet worden? Und wer steckt eigentlich dahinter, wer ist die Spinne im Netz?
Tagelang liefen allüberall bei der Nato, in Rom wie in Bonn, die Dementiermaschinen; und nur nach und nach sickert die Wahrheit durch: Hier führte ein multinationales militärisches Geheimunternehmen jahrzehntelang ein Eigenleben, das genährt wurde aus der Angst vor der kommunistischen Weltrevolution und das vor den Spitzenpolitikern der betroffenen Staaten sorgfältig versteckt wurde.
Der amerikanische Geheimdienst CIA hatte die Idee, 1951, mitten im Koreakrieg, dem klassischen Beispiel für skrupellose kommunistische Expansion bei mangelnder Gegenwehr. Damals ging in fast allen europäischen Hauptstädten die Furcht vor einer tödlichen Bedrohung aus dem Osten um. In Italien und Frankreich gab es starke kommunistische Parteien, der blutige Bürgerkrieg in Griechenland lag wenige Jahre zurück, durch Deutschland verlief die Grenze, die damals die Welt teilte.
"Gladio" schien durch ein Szenario gerechtfertigt, das bis vor kurzem in der Nato zum Weltbild gehörte: Gelingt den Warschauer-Pakt-Truppen zum Beispiel in Deutschland der Durchbruch, sollten in den besetzten Landesteilen sofort die "Stay Behind"-Untergrundkämpfer in Aktion treten. Ihre Aufgabe war es, Politiker, Wissenschaftler und andere unentbehrliche Führungskräfte in Sicherheit zu bringen, Kontakte zur Exilregierung herzustellen, Aufklärung und Sabotage zu betreiben.
In der Welt erinnerte sich ein Kommentator an "seltsame Turnübungen auch im Odenwald und in anderen Gefilden Germaniens" - Übungen für den Ernstfall.
"Der Plan sah vor", erklärte der britische General Sir Anthony Farrar-Hockley, zuvor Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte Nordeuropa, "ein Netz zu installieren, das Widerstandskämpfer aus der Zivilbevölkerung bewaffnen sollte, während die regulären Streitkräfte anderweitig in Einsatz sind."
Das Netzwerk dehnte sich bald auf ganz Westeuropa aus. Die Geheimdienste in den einzelnen Ländern waren die richtige Adresse für die subversive Ausgeburt des Kalten Krieges. Die Zusammenarbeit mit Shape, oberstes militärisches Hauptquartier der Nato-Streitkräfte in Europa, band die nationalen "Gladio"-Gruppen in Übungen ein und betreute sie fachlich. Seit 1954 heißt die Nato-Abteilung für die Betreuung der Untergrundorganisationen "Allied Coordination Committee" (ACC).
Auch die Sowjets haben Einheiten für den Einsatz hinter den feindlichen Linien. Die Speznaz-Truppen sollen allerdings schon in Krisenzeiten in gegnerisches Territorium einsickern, perfekt getarnt in olivgrünen Nato-Uniformen und ausgerüstet aus den Beständen des westlichen Bündnisses. Sie sollen den Gegner verunsichern durch Sprengstoffanschläge, aber auch, wie westliche Dienste wissen, Politiker entführen oder gar Generale ermorden.
In der Bundesrepublik gründete Ex-General Reinhard Gehlen, erster Chef des BND, den antikommunistischen Stoßtrupp. Wie in den meisten anderen Freundstaaten ressortierte die Subversionsarmee beim zivilen Geheimdienst, nicht beim militärischen.
Hat der skandalumwitterte BND, oft schon in dubiose Dinge verwickelt, unter Verletzung seines gesetzlichen Auftrags eine eigene Truppe mit "Stay Behind"-Partisanen dirigiert? Was wußte Bonn von den Pullacher Kriegsspielen? Und warum sind sie nicht längst abgeblasen worden, da doch der Kalte Krieg vorbei und ein heißer so wenig in Sicht ist wie nie seit 1945?
Als die ersten Hinweise aus Italien in Bonn bekannt wurden, hüllte sich die Regierung in Schweigen. Nicht anders machten es die Nato-Partner. Abenteuerliche Vermutungen kamen europaweit auf.
Aufgabe dieser Truppe sei es gewesen, in Zusammenarbeit mit rechtsradikalen Terroristen demokratische Regierungen in Europa zu destabilisieren, lautete der schlimmste Verdacht. Die Belgier glaubten, jetzt sei das Geheimnis einer Mordserie in Brabant von Anfang der achtziger Jahre gelöst, als eine Bande ohne erkennbare Motive Passanten auf offener Straße umbrachte: "Glaive", so heißt "Gladio" in Belgien, stecke dahinter. Die Italiener spekulierten, daß die subversive Staatsguerilla für das Bombenattentat im Hauptbahnhof von Bologna 1980 verantwortlich sein könnte, bei dem 85 Menschen getötet wurden. In Deutschland tauchten aberwitzige Vermutungen auf, die BND-Partisanen hätten Linke wie Herbert Wehner ermorden und Kernkraftgegner provozieren wollen.
Besonders gegen linksgerichtete Politiker seien die Operationen der deutschen Sabotagetruppe gerichtet, hieß es im SPD-nahen Parlamentarisch-Politischen Pressedienst: "Das blutige Schwert der CIA".
Aufgebrachte Parlamentarier richteten Anfragen an die Bundesregierung, wer was seit wann wisse und wer die Mittel für "Stay Behind" bewilligt habe. SPD-Scheer forderte unverzüglich staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, "um Verdunklungsgefahren vorzubeugen". Auch FDP-Geheimdienstkontrolleur Burkhard Hirsch ist "höchst beunruhigt". Denn: "Wenn etwas so lange so geheim gehalten wird, sagt mir meine Lebenserfahrung, dann ist was faul an der Sache."
Erste Fragen aus dem Parlament wimmelte Verteidigungsstaatssekretär Karl-Heinz Carl ab und verwies aufs Kanzleramt. Dessen Geheimdienst-Koordinator Lutz Stavenhagen schob den heiklen Fall zurück auf die Hardthöhe.
Als die SPD eine Sondersitzung des Verteidigungsausschusses verlangte, ließ Gerhard Stoltenberg über sein Parlamentsreferat ausrichten, sein Haus habe nichts mitzuteilen. Die für vorigen Donnerstag, 13 Uhr, angesagte Sitzung wurde von der Tagesordnung gestrichen.
Die Grünen verlangten eine Sondersitzung des Innenausschusses, doch die Regierung zeigt sich lediglich bereit, in dieser Woche der geheim tagenden Parlamentarischen Kontrollkommission zu berichten - jenem Gremium, lamentierten die Grünen, "das mehr unter den Teppich kehrt als aufklärt".
Im Bonner Verteidigungsministerium will keiner von "Stay Behind" gewußt haben. SPD-Minister Georg Leber, von 1972 bis 1978 im Amt, würde heute, wie er sagt, "gehörig Rabatz machen". Stoltenberg ließ die Akten durchforsten - kein Hinweis.
Vorigen Dienstag hielt der für das militärische Nachrichtenwesen zuständige General Georg Bautzmann vom Führungsstab der Streitkräfte, vormals zum BND abkommandiert, Vortrag im Kanzleramt. Ergebnis: Die Bundeswehr habe nichts mit der Sache zu schaffen.
Auch der deutsche Nato-Generalsekretär Manfred Wörner, selber sechs Jahre lang Verteidigungsminister in Bonn, will vom Casus keine Kenntnis haben. Wolfgang Altenburg, Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr und bis vor einem Jahr noch Vorsitzender im Nato-Militärausschuß in Brüssel, hat mal als junger Hauptmann in den fünfziger Jahren Gerüchte mitgekriegt, aber "seither nie etwas davon gehört".
Außenminister Hans-Dietrich Genscher erfuhr aus einem Telegramm seines Nato-Botschafters Hans-Friedrich von Ploetz von dem Aide-memoire, das die Italiener den Nato-Partnern übergeben hatten. Danach war "Gladio" vor allem in Italien aktiv, wo die Truppe auch für innenpolitische Zwecke genutzt worden sei. Selbst Geheimdienstchefs und ihre Aufseher melden Fehlanzeige.
Weder der frühere SPD-Kanzleramtsminister Horst Ehmke noch Helmut Kohls späterer Koordinator Waldemar Schreckenberger, weder der einstige BND-Chef Klaus Kinkel noch der Ex-Präsident des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heribert Hellenbroich, waren eingeweiht, obwohl etwa Hellenbroich jahrelang an den Treffen der Geheimdienstchefs im Allied Coordination Committee in Brüssel teilgenommen hatte.
Immerhin ist es dem Kanzleramt inzwischen gelungen, ein wenig Licht in die Affäre zu bringen. In einem geheimen Vermerk "Betr. Meldungen über eine angebliche Geheimorganisation der Nato" vom 14. November hat der Leiter der Abteilung VI, Hermann Jung, die "Aktenlage" seines Hauses beschrieben.
"Kern der Angelegenheit" war danach der in den fünfziger Jahren geäußerte Wunsch des Nato-Oberbefehlshabers Europa, "auch im Verteidigungsfall auf Unterstützung durch die Nachrichtendienste der Bündnispartner rechnen zu können".
Informationen sollten beschafft werden im vom Feind okkupierten Land, abgestürzte Nato-Piloten gerettet werden. Und zudem, heißt es verschwommen bei Jung, "spielte bis etwa 1973 der Gedanke eine Rolle, Widerstandskräfte hinter den feindlichen Linien zu bilden" - Sabotagetrupps.
Auftragsgemäß baute der BND in der Bundesrepublik ein "Quellennetz" auf. Vorgesehen waren 50 militärische, 125 allgemeine und 25 "Schleusungsquellen", die Piloten, aber auch bedeutende Wissenschaftler aus Feindeshand befreien sollten. In Pullach waren zudem 75 Stellen für die "Steuerungsorganisation" eingerichtet.
Koordiniert wurden die Aufgaben, die in der Verantwortung der nationalen Geheimdienste blieben, seit 1954 unter der Ägide von Shape. 1959 wurde der BND offizielles Mitglied.
Wie sich aus dem Kanzleramtspapier weiter ergibt, wurde die "Widerstandskomponente" allmählich reduziert, die Sabotage-Einheiten schrumpften langsam. Waren Mitte der siebziger Jahre noch elf Mitarbeiter dafür abgestellt, so verminderte sich deren Zahl 1981 auf vier. Die BND-Planstellen für die Steuerungsorganisation wurden auf derzeit 35 reduziert, die "Aktionsgruppe" 1983 ganz aufgelöst: "Es blieb nur die nachrichtendienstliche Aufgabe."
Keine Auskunft konnte Jung über die Vorgeschichte geben, "die möglicherweise bis in die Nachkriegsjahre zurückreicht": "Der BND bemüht sich hier um Aufklärung." In den Akten des Kanzleramts sind erste Hinweise jedenfalls erst aus dem Jahr 1977 zu finden, auch der Deckname "Stay Behind Organisation".
"Einstweilen besteht hier der Eindruck", urteilen die Spurensucher des Kanzlers, "als sei die Sache jahrelang nur im Kreise der beteiligten Nachrichtendienste behandelt worden, ohne daß die Bundesregierung oder einzelne Ressorts wirklich unterrichtet worden wären." Nicht auszuschließen sei allerdings, daß die BND-Leitung womöglich mündlich die Spitze des Kanzleramts unterrichtet habe.
Daran erinnert sich tatsächlich Manfred Schüler, von 1974 bis 1980 Hausmeier des SPD-Kanzlers Helmut Schmidt. Der damalige BND-Chef Gerhard Wessel hatte ihn über die Vorbereitungen für den Ernstfall ins Bild gesetzt. Die abenteuerlichen Zusammenhänge mit Mord und Terror hält Schüler jedoch für "grotesk".
Die Sabotage-Einheiten der Nato gibt es immer noch; sie sind - anders als der Jung-Bericht nahelegt - noch keineswegs aufgelöst. Amerikaner und Briten halten sich weiterhin für den Ernstfall "special forces". Die aus dem Vietnamkrieg berüchtigten Green Berets stehen für den Kleinkrieg gegen die Invasoren in Bereitschaft. Die Engländer erprobten ihre Sondertruppe mit dem Kürzel SAS - Special Air Service - zuletzt 1982 im Falklandkrieg. Der letzte "Gladio"-Lehrgang in Italien fand im Mai dieses Jahres statt.
Die Einsätze der Kommandotrupps koordiniert der Sonderstab "Special Forces Section" in einem streng abgesicherten Trakt im Nato-Hauptquartier in Casteau. Eine graue Stahltür, die sich wie ein Tresor nur durch Eingabe einer Zahlenkombination öffnen läßt, verwehrt Unbefugten den Zutritt.
Zu Besprechungen geladene Offiziere anderer Abteilungen müssen sich gleich hinter der Tür an einem dunklen Tresen abfertigen lassen. Die meisten Papiere in dem ausschließlich von Amerikanern und Briten dirigierten Stab tragen den Stempel "American Eyes Only" - Einblick nur für Amerikaner.
Die USA sind nicht nur auf subversive Aktionen, sondern sogar auf die Rückeroberung besetzter Gebiete bestens vorbereitet. So flog bei einer großen Nachschubübung namens Logex eine US-Reserve-Einheit ein, die im Fall des Falles die Verwaltung in dem von ihr befreiten Land hätte übernehmen sollen. Zur Mannschaft gehörten Richter, Staatsanwälte, Bürgermeister, Landräte und auch einige Chefredakteure für die Zeitungen der Nachkriegszeit.
"Die Amis", mokiert sich ein hoher deutscher Nato-Offizier, "haben ein Faible fürs Indianerspielen."
Auch die Bundeswehr spielt mit. Drei "Fernspäh-Kompanien" müssen im Ernstfall im feindlichen Gebiet die Besatzer beobachten. Harte Jungs mit 60 Kilogramm Gepäck sind, wenn nötig, unterwegs, mit klappbarem Sturmgewehr, Nachtsichtgeräten und Verpflegung für zwei Wochen. "Wir melden", so ein Mitglied, "wie dick die Butter auf dem Brot des Feindes ist; die anderen schlagen den Gegner nieder und essen sein Brot auf."
Ehemalige Fernspäher dienten wohl auch als Ausbilder der deutschen "Stay Behind Organisation". Die Hardthöhe stellte schon mal, wie aus dem Kanzleramtsvermerk hervorgeht, Hubschrauber und Flugzeuge und gewährte "materielle Unterstützung bei der Ausbildung", wahrscheinlich an der Fernspäh-Schule der Bundeswehr in Weingarten.
Die Bonner Regierung glaubt sich nicht sonderlich bedroht von der Affäre, die aus einer anderen Zeit kommt. CDU, CSU und FDP regieren erst seit 1982; diese Leiche liegt nicht in ihrem Keller, meint die Koalition. Um so größer ist die Aufregung in Paris, in Brüssel und vor allem in Rom, wo das Geheimnis von den Nato-Sabotagetrupps zuerst verraten wurde: Rückwirkungen auf Bonn nicht ausgeschlossen.
In der vorletzten Woche gab Premier Giulio Andreotti vor dem italienischen Senat die bisher ausführlichsten Informationen über das Regionalnetz der internationalen Agententruppe preis.
Die italienische Abteilung der Untergrundarmee habe, so der Regierungschef, 622 Mitglieder; 139 Waffenlager hätte sie angelegt, von denen leider 12 nicht mehr zugänglich seien. "Gladio" stamme aus der Zeit des Kalten Krieges, wiegelte Andreotti ab, ihre Mitglieder, allesamt "Patrioten", seien längst im Rentenalter oder stünden kurz davor.
Auch das ist wohl noch nicht die ganze Wahrheit. Vergangene Woche besuchten zwei kommunistische Senatoren in der Nähe des sardischen Badeortes Alghero ein geheimes Lager, in dem "Gladio"-Kämpfer ausgebildet wurden. Sie bekamen hochmoderne Anlagen zur Guerilla- und Sabotage-Ausbildung zu Gesicht, die sich kaum als Rentnerspielplatz eigneten.
Die belgische Dependance zählt 40 Mitglieder; ihre Anlagen zur Nachrichtenübermittlung wurden noch 1985 auf modernsten Stand gebracht. Premierminister Wilfried Martens "wußte von nichts" - bis zu den römischen Enthüllungen.
Hollands Regierungschef Ruud Lubbers verweigerte Details über das holländische Netz, doch habe man vor einigen Monaten beschlossen, die Organisation "auf das absolut Notwendige" zurückzustutzen. 1983 wurde ein Waffendepot in Velp gefunden. Dessen Bürgermeister war vom Verteidigungsministerium bedeutet worden: Die Waffen würden für Widerstandsgruppen im Fall einer sowjetischen Invasion gebraucht.
In Norwegen entdeckte 1978 ein Polizist 60 Handfeuerwaffen und 12 000 Schuß Munition. Ihr Besitzer entpuppte sich als Agent, der beim Verhör behauptete, der norwegische Geheimdienst habe die Waffen als Ausrüstung für spätere Widerständler bereitgestellt, was die Regierung schließlich bestätigen mußte.
Auch die britische Regierung ließ ein weitverzweigtes Netz von Waffendepots anlegen. Franzosen, Griechen und Türken haben eingestanden, daß sie ebenfalls an dem gigantischen Versteckspiel beteiligt waren.
Die Amerikaner machten nicht einmal vor den Bündnisgrenzen halt. Der ehemalige CIA-Chef William Colby, der Anfang der fünfziger Jahre an der US-Botschaft in Stockholm Dienst tat, berichtet in seinen Memoiren "Honorable Men", er habe den Auftrag gehabt, in vier skandinavischen Ländern eine militärische Untergrundorganisation aufzubauen. Nur Dänemark und Norwegen gehören der Nato an, Schweden und Finnland betreiben offiziell strikte Neutralitätspolitik.
In der Bundesrepublik sind bis in die jüngste Zeit hinein noch Millionenbeträge für "Stay Behind" im BND-Etat, einer geheimen Beilage des Kanzleretats, verplant worden. 854 hochmoderne Agenten-Funkgeräte mit der Bezeichnung "Harpune" hat der BND noch vor kurzem bei der Daimler-Tochter AEG/TST für sich und seine Partner bestellt, zum Gesamtpreis von 130 Millionen. 138 Geräte behält der BND, Kosten 25 Millionen, den Restbetrag müssen die Verbündeten ersetzen.
Diese Anschaffung ist, wie sich inzwischen herausstellt, auch von dem Vertrauensgremium des Bundestages, das für die Wirtschaftspläne der Nachrichtendienste zuständig ist, ordnungsgemäß bewilligt worden. "Stay Behind" sei für ihn "ein Begriff", erklärte der Vorsitzende des Gremiums, SPD-MdB Rudi Walther; dafür sei immer Geld genehmigt worden.
Nachdem aber die Franzosen ihre Teilnahme an "Gladio" abgesagt hatten, wuchsen auch in Bonn die Zweifel, ob die Kriegsspiele noch in die weithin friedliche Landschaft passen.
Seit dem 3. Oktober, dem Tag der Einheit, beantragte die SPD im geheimen Parlamentsausschuß bereits zweimal, die Planstellen zu streichen. Das Projekt "Harpune", sinnierte Kanzleramtsmann Jung, lasse sich "auch für viele andere nachrichtendienstliche Zwecke ausgezeichnet verwenden", da es "ein Höchstmaß an Sicherheit und eine sehr große Reichweite besitzt".
Aber auch grundsätzlichere Überlegungen werden derzeit angestellt. In der letzten Sitzung der Nato-Koordinationsstelle ACC wurde die Frage erörtert, ob "Gladio" überhaupt noch einen Sinn macht. "Von deutscher Seite", heißt es in dem Kanzleramtspapier, "wird die Auflösung der Organisation für 1991 angestrebt." o

DER SPIEGEL 47/1990
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