10.12.1990

„Ehrlich, treu, zuverlässig“

Acht Jahre lang - so geht aus Stasi-Akten und Aussagen hervor - hielt sich die Stasi einen Mitarbeiter mit dem Decknamen „Czerny“ für die Ausspähung der Evangelischen Kirche und der Bonner Ständigen Vertretung. Klarname: Lothar de Maiziere. Dieselbe Abteilung XX/4 plante die Ermordung von Dissidenten.
Eigentlich konnte nichts mehr schiefgehen. In der allgemeinen Suchkartei, F 16 in der Stasi-internen Logistik, gab es keine Akte de Maiziere. Auch in der Decknamenkartei F 77 tauchte kein kompromittierendes Material unter "Czerny" auf.
Das war der Stand bis zu Beginn der vorigen Woche. Seitdem muß sich Lothar de Maiziere von neuem mit den alten Vorwürfen auseinandersetzen, er habe für die Stasi gearbeitet. Vorsichtshalber setzte der ehemalige DDR-Ministerpräsident Innenminister Wolfgang Schäuble in Kenntnis und bat ihn zu prüfen, was jetzt gegen ihn vorgebracht werde.
Aus dem Riesenschlund der Stasi sind unvermutet Papiere aufgetaucht, die den nie verstummten Verdacht gegen de Maiziere frisch beleben. Aus einer bislang nur Eingeweihten bekannten "Territorial-Kartei", registriert als F 78, fischte ein Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für Stasi-Akten, Joachim Gauck, eine "Findekarte", auf der zum erstenmal das Stasi-Pseudonym "Czerny" mit de Maiziere direkt verknüpft wird: Der Inoffizielle Mitarbeiter (IM) "Czerny, Reg.-Nr. XV/3468/81", wohnt laut Karteikarte Am Treptower Park 31 - das ist die Adresse Lothar de Maizieres.
Die Territorialkartei hatte die Stasi in ihrem Hang zur Überperfektion angelegt. Der Zweck bestand darin, die Agenten gleichmäßig in Stadt und Land zu stationieren; sie sollten sich nicht an der einen Stelle ballen oder andernorts Lücken entstehen lassen. Dank der Kartei behielten die Stasi-Oberen jederzeit die Übersicht über die geographische Verteilung ihrer Spitzel.
Für den stellvertretenden CDU-Vorsitzenden de Maiziere ist dieser Fund schon unangenehm genug. Schlimmer noch: SPIEGEL-TV-Rechercheure förderten zusätzliche Schriftstücke aus dem Binnenverkehr des Stasi-Apparats zutage.
Die Unterlagen haben auf den ersten Blick wenig mit de Maiziere zu tun. Sie sind hausintern gesammelt worden, bei einer Überprüfung ausgerechnet jener Abteilung, die den IM "Czerny" geködert hatte und führte. Die Revision war von der ersten Kontroll-Brigade der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) in Gang gesetzt worden, weil ruchbar wurde, daß das Referat XX/4 sogar für Stasi-Verhältnisse über die Stränge schlug.
Als starker Mann in XX/4 galt Major Edgar Hasse, Deckname "Holger Klein" oder "Edgar". Er führte insgesamt acht Inoffizielle Mitarbeiter, darunter zwei IM, nämlich "Bob" und "Czerny".
Die Revisoren vom ZAIG verlangten von Hasse und seinen Kollegen eine lückenlose Aufstellung über die von ihnen geführten Agenten. Die Offiziere der XX/4 mußten genau aufzählen, wann sie wen in welchen konspirativen Wohnungen trafen. Die Pedanterie ging so weit, daß Hasse handschriftlich notierte, wieviel Geld er dabei für Kekse oder für Kaffee und Zigaretten ("19 mal Kaffee zu 8,75 Mark, 21 mal Zigaretten zu 7,-Mark") ausgab.
Bei der Revision wurden viele Regeln außer Kraft gesetzt, an die sich die Stasi sonst peinlich hielt. Was aus Gründen der Übervorsicht nur wenige wissen sollten und nicht unbedingt niedergeschrieben werden mußte, ging gebündelt in den Kontrollbericht ein. Was zum Zwecke der Konspiration zum Geheimwissen eines Agentenführers gehörte, mußte diesmal enttarnt werden.
Einer der Revisoren, denen die damals noch vollständig vorhandenen IM-Akten vorlagen, schrieb säuberlich die jeweiligen Klarnamen unter die bekannten Decknamen. So kommt es, daß der IM "Czerny" - diesmal "Cerni" geschrieben, aber mit der richtigen Registriernummer gekennzeichnet - im XX/4-Dossier unter seinem bürgerlichen Namen aufgeführt wird: Lothar de Maiziere.
Aus der Registriernummer erschließt sich, daß "Czerny" seit 1981 für die Stasi dienstbar war. Unter vier Punkten führt der Revisor auf, was an diesem IM interessant schien: *___Hinweise auf Dekonspiration gegenüber Kirche (im ____Stasi-Deutsch: Die Zielgruppe hegt keinen Verdacht ____gegen den IM); *___Treffs finden unter anderem in Wohnung/ Büro des IM ____statt, *___Bundessynodaler, als Rechtsanwalt für Kirche tätig; *___Verbindungen zu leitenden Mitarbeitern der StäV ____(Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin).
"Czerny" war in der Stasi-Einschätzung kein gewöhnlicher Inoffizieller Mitarbeiter. Sein Draht zur Bonner Vertretung trug ihm einen besonderen Status ein. Als IMB gehörte er zu den Elite-Zuträgern. "B" steht für Bearbeitung von Agenten und Oppositionellen, die unmittelbar "an feindlich tätigen Personen oder in Verdacht der Feindtätigkeit stehenden Personen arbeiten, deren Vertrauen besitzen, in ihre Konspiration eingedrungen sind und auf dieser Grundlage Kenntnis von deren Plänen, Absichten, Maßnahmen, Mitteln und Methoden erhalten".
"Czernys" Rang für die Stasi ergibt sich aus einem Passus im Bericht der ZAIG-Revisoren. In ihrer zusammenfassenden Kritik an der Arbeit des Referats XX/4 monieren sie, daß für einen mehrfach einsetzbaren IM - wie "z. B. IMB Czerny" -, der sowohl für XX/4 als auch für die Spionage-Abteilung II tätig war, "keine Einsatzkonzeption erarbeitet worden" sei.
Im Klartext: Der Rohdiamant "Czerny", so urteilten die Revisoren, könne, geschickt und gezielt eingesetzt, zum funkelnden Stasi-Juwel werden.
Auf die neuen Belege für eine Stasi-Mitarbeit reagierte Lothar de Maiziere am vergangenen Freitag halb empört, halb fatalistisch: Er könne nur wiederholen, daß er nichts mit der Stasi zu tun gehabt habe; der Name "Czerny" sage ihm nichts. Wenn der Deckname in den Akten stehe und mit ihm in Verbindung gesetzt sei, so könne das eine Erfindung der MfS-Leute sein - mit ihm, Lothar de Maiziere, habe all das nichts zu tun. "Ich habe die Nase voll", sagte er eher resigniert.
Am Freitag abend vergangener Woche äußerte sich zum erstenmal "Czernys" Führungsoffizier, Major Edgar Hasse, zu de Maizieres Dementi: _____" De Maiziere ist mit Wissen und freiwillig zu " _____" Gesprächen mit dem MfS bereit gewesen. Er kannte den " _____" Namen Czerny. Ich glaube, er hatte sich ihn selbst " _____" ausgesucht. Ich wäre auf diese Idee nicht gekommen. "
Für den ausgebildeten Bratschisten de Maiziere ist der österreichische Klavierpädagoge und Komponist Carl Czerny (1791 bis 1857) eher ein Begriff als für den Physiker Hasse. Die Stasi-Buchhalter hatten stets Probleme mit dem Namen und verhunzten den Musiker zu Czerni, Cerni oder gar Czeon.
De Maiziere bleibt bei seiner Stellungnahme aus dem Frühjahr, wonach er weder eine Verpflichtungserklärung für die Stasi unterschrieben noch jemandem geschadet, geschweige denn Geld bekommen habe.
Das stimmt soweit. Wenn es jemals eine Verpflichtungserklärung zur Zusammenarbeit mit dem MfS gegeben haben sollte, müßte sie sich in einer Akte de Maiziere befinden - die aber ist verschwunden.
Daß die Akte nicht mehr da ist, gefällt auch de Maiziere nicht. Schließlich gab es über jeden Rechtsanwalt in Berlin, der ja von Berufs wegen mit dem "Untersuchungsorgan" - der Stasi - zu tun hatte, derlei Unterlagen.
Für die verschollene Akte bieten sich zwei plausible Erklärungen an. Zum einen startete der Chef der MfS-Nachfolgebehörde, General Wolfgang Schwanitz, im späten November vergangenen Jahres eine groß angelegte Reißwolf-Aktion "zur Reduzierung des Bestandes registrierter Vorgänge".
Zum anderen aber stand "Czerny" unter dem besonderen Schutz der Staatssicherheit.
Kurz nach dem Sturm der Leipziger Bevölkerung auf die dortige Stasi-Bezirksverwaltung, als sich mithin in der Kraken-Behörde die nackte Angst ausbreitete und hektisch Zukunftspläne gewälzt wurden, machten sich in Berlin Mitarbeiter Gedanken über "Maßnahmen zum Schutz ausgewählter IM''s".
Diese Überlegungen mündeten in einen Brief, der an den ZAIG-Chef Generalleutnant Werner Irmler und an seinen Stellvertreter Oberst Karl Bausch, zugleich zuständig für die "IM-Analyse", gerichtet war. Für ein knappes Dutzend ausgewählter IM verlangte das Schreiben besonderen Schutz: Auf der Liste standen "Torsten", der später als Wolfgang Schnur, der zeitweilige Chef des "Demokratischen Aufbruchs", identifiziert wurde, und "Czerny".
Die zweite Rechtfertigung de Maizieres, er habe niemandem geschadet, ist weder zu beweisen noch zu wiederlegen.
Laut Hasse ging es de Maiziere darum, "ein konfliktfreies Nebeneinander von Staat und Kirche zu ermöglichen". So habe der Anwalt, der "zwangsläufig mit gesellschaftlichen Problemen zu tun hatte, über Wehrdienstverweigerer Bericht erstattet".
Die Rapports aus der Ständigen Vertretung fand Hasse hingegen bedeutungslos: "Dies spielte keine große Rolle, höchstens Eindrücke über das Verhältnis BRD-DDR."
Geld bekam "Czerny" auch nach Aussage von ehemaligen Mitarbeitern der Abteilung XX/4 tatsächlich nicht. In den Revisionsunterlagen der ZAIG-Kontrolleure ist für die Reg.-Nr. XV/3468/81 zwischen 1986 und 1988 lediglich ein "Operativgeld" von 1476 Mark ausgewiesen. Dazu Hasse: "De Maiziere erhielt aber gelegentlich Geschenke."
Spezialisten für die Stasi-Gepflogenheiten haben dafür eine simple Erklärung: Wer als Rechtsanwalt in der DDR tätig sein durfte, war genug belohnt und hatte bei einer etwaigen Stasi-Arbeit keinen Anspruch auf ein Zubrot.
In den neu aufgetauchten Papieren finden sich Belege für Zusammenkünfte Hasses mit "Czerny". Der XX/4-Major verfertigte am 9. September 1988 handschriftlich eine "Aufstellung von IMK ("K" steht für konspirative Wohnung - Red.) und IM, die durch mich seit ca. 1980 genutzt bzw. geführt werden", an.
Danach traf sich Hasse mit "Czerny" in der Straße der Befreiung 23 im zehnten Stock, Wohnung 1006. Die Wohnung (Deckname "Bärbel Tunnel") nutzte das MfS seit März 1983, Hasse seit Mai 1984.
Ein paar Häuser weiter, Straße der Befreiung 30, Wohnung 0102, lag die konspirative Wohnung "Friedrich". Hasse traf sich hier seit Juli 1987 mit seinen Konfidenten, auch mit "Czerny". Schließlich stand auch noch die Wohnung Nr. 0602 in der Dolgenseestraße 4 (Deckname: "Knut") "Czerny" und Hasse zur Verfügung.
Während de Maiziere darauf beharrt, weder die konspirative Wohnung noch Hasse oder dessen Decknamen "Klein" zu kennen, bekräftigte der Stasi-Major am Freitag abend seinen schriftlichen Vermerk: "Er ist mit Wissen und freimütig zu Gesprächen bereit gewesen. Diese haben auch in konspirativen Wohnungen stattgefunden. Ich traf ihn etwa zehn- bis zwölfmal im Jahr."
Die Stasi-Abteilung XX in Berlin, als deren Mitarbeiter "Czerny" geführt wurde, gehörte zu den markanten Gruppierungen des gigantischen Spitzelapparats. XX kümmerte sich um die "Bekämpfung politisch-ideologischer Diversion und politischer Untergrundtätigkeit". Im Abkürzungsjargon ging der Kampf gegen "Pid" und "Put".
Der Chef der Abteilung, Oberst Manfred Häbler, der sich in diesem Sommer aus einem Fenster stürzte, war ein überaus selbstbewußter Mann. Er hatte ständig Umgang mit den Parteigrößen, Kleinkram und Bürokratie verachtete er: "Solange hochkarätige Informationen kommen", sagte er gern, "interessiert mich die Aktenführung nicht." Häbler war stolz darauf, daß seine Abteilung, wie er sich im Oktober 1986 brüstete, "als eine der wenigen Diensteinheiten des MfS überhaupt operative Maßnahmen der Zersetzung realisiert".
Was zersetzt werden mußte, war klar: "Pid" und "Put", das verdeutlichte das Ende der DDR, waren besonders in den Kirchen heimisch. So fiel auf das Referat 4 der Abteilung XX, das für "Kirche/ Religionsgemeinschaften" zuständig war, die Hauptlast der Arbeit.
Antreiber beim Kampf gegen die kirchliche Opposition in Berlin hätte eigentlich Major Kurt Dohmeyer, Chef des Referats XX/4, sein müssen. Aber "Dicker" oder "Kurt", wie Dohmeyer im Dienstgebrauch hieß, war ein überforderter Vorgesetzter. Der Job wuchs ihm über den Kopf, er kam nicht mehr dazu, die Post durchzulesen, und übertrug eine Reihe von Kompetenzen an seine Untergebenen.
Die starken Männer waren lange Jahre zwei überaus tatkräftige junge Offiziere: _(* Bei der 3. Tagung der 5. Synode 1987 ) _(in Görlitz, mit Rosemarie Cynkiewicz, ) _(Präses Gäbler. ) Major Hasse, heute 39, offiziell Stellvertreter von Dohmeyer, und ein Hauptmann mit dem Decknamen "Rudi Schreier", heute 40.
Hasse diente dem MfS seit 1974. Der gelernte Kfz-Schlosser, der später ein Studium als Physiker abgeschlossen hatte, wurde von Häbler als "klügster Mitarbeiter" eingeschätzt. Folgerichtig übernahm es Hasse, den 1981 gewonnenen Inoffiziellen Mitarbeiter "Czerny" fast acht Jahre lang zu führen.
Die künstlerischen Ambitionen seines Informanten teilte Hasse nur begrenzt: Er interessierte sich zwar für moderne Kunst, aber seine eigentliche Leidenschaft galt "technischen Fragen (Pkw, Flugwesen, Raumfahrttechnik und Elektronik, insbesondere Heimelektronik)", wie es in einer Beurteilung heißt.
Die Vorliebe zu technischem Gerät teilte Hasse mit seinem Kompagnon Rudi, der sich stets für das Neueste aus dem Westen interessierte, besonders für Videotechnik. "Rudi schwärmte für alles, was blank ist, alles, was neu ist, und Pornos", berichtete ein Inoffizieller Mitarbeiter. Der Hauptmann, laut Beurteilung ideenreich und "mit hohem persönlichem Mut" ausgestattet, unterhielt intensiven Kontakt zu einem in Dänemark lebenden Schwager.
"Rudi" kann sich, obwohl nicht er, sondern Hasse als Führungsoffizier tätig war, gut an "Czerny" erinnern. In den "Ideenkonferenzen", die alle 14 Tage im Referat XX/4 stattfanden, wurde "Czerny" stets bestens beurteilt: "Ehrlich, treu, zuverlässig der Sache verbunden".
"Czernys" Berichte erreichten in der Spitze den Chef der Berliner Stasi-Bezirksverwaltung, Generalmajor Siegfried Hähnel. Eine Weile wurde im Referat XX/4 darüber diskutiert, ob "Czerny" nicht ein besonders geeigneter IM für die heikelste Operation des Referats sein konnte, die fast ein Jahrzehnt unter dem Decknamen "Blues" und der "Reg.-Nr.: XV/1104/81" lief: der Operativplan "bezüglich des Pfarrers Rainer Eppelmann".
Am Ende beschlossen die Stasi-Offiziere, "Czerny" von Eppelmann fernzuhalten, weil die persönlichen Antipathien der beiden einen zielgerichteten Einsatz des Mitarbeiters "Czerny" behindert hätten.
Statt dessen gelang es Hasse und seinen Leuten, einen anderen IM in unmittelbarer Nähe von Rainer Eppelmann zu plazieren: "Irene", eine Ost-Berliner Lehrerin, gehörte jahrelang zum innersten Eppelmann-Kreis in der Samaritergemeinde.
Wie knifflig die Tätigkeit des Referats XX/4 zuweilen war, läßt sich am Einsatz von "Irene" veranschaulichen.
"Irene", wegen ihrer Vorliebe zur kräftigen Schminke in der Szene "Die Bunte" genannt, hatte ursprünglich einen anderen Auftrag, im Stasi-Deutsch "Operativer Vorgang" (OV) genannt: Sie sollte den "OV Pazifist" bearbeiten. Unter diesem Decknamen bespitzelte die Ost-Berliner Stasi den Oppositionellen Reinhard Schult, der später nach dem Fall der Mauer am Runden Tisch das Neue Forum repräsentierte.
Doch "Irenes" Einsatz gegen Schult scheiterte. In einer Stasi-Akte wundert sich ein Mitarbeiter darüber, daß "die Zielstellung nicht realisiert werden konnte, da Schult von Anfang an einen durch keinen sachlichen Hintergrund begründeten Verdacht gegen den IM hatte". Also wurde "Irene" beim "OV Pazifist" herausgelöst und beim "OV Blues" eingeschleust: "Der IM entwickelte sich bei der Bearbeitung von ,OV Blues'' zum besten eingesetzten IM."
Mit Hilfe von "Irene" setzte das Referat XX/4 im Juli 1987 gegen Eppelmann eine "Zersetzungsmaßnahme" in Gang, die später sogar Erich Mielkes Stellvertreter Rudi Mittig mißbilligte.
Durch "Irene" hatten die Stasi-Leute erfahren, daß Eppelmann mit Freunden in Darlingerode im Harz, im Ferienheim "Gustav-Lücke-Stift", 14 Tage für eine sogenannte Rüste zubringen wollte. Neben Ferien, das war bei XX/4 sofort klar, würde es "vor allem um die konzeptionelle Beratung der künftigen feindlich-negativen Arbeit" gehen. Außerdem war ein Treffen mit Markus Meckel geplant, gegen den die Kollegen von der Bezirksverwaltung Neubrandenburg den "OV Wanderer" laufen hatten.
Zwei Tage lang tagte die "Ideenkonferenz", dann war der Plan fertig: "Um die Bewegungsmöglichkeiten der Gruppe einzuschränken", sollten zwei oder drei Autos "beschädigt oder beschmiert" werden. Referatsleiter Major Dohmeyer und der Chef der Abteilung, Oberst Häbler, stimmten zu.
So geschah es. "Irene" meldete noch am selben Tag, daß "völlige Ratlosigkeit im Kreis der Betroffenen um Eppelmann herrsche, die geplante inhaltliche Arbeit am Boden liege" und asoziale jugendliche Trunkenbolde als Täter verdächtigt würden.
Die Räuberpistole im Harz verwirrte seinerzeit die Vopo wie die Journalisten, auch vom SPIEGEL, die die beschmierten Autos als Indiz für einen Aufstand in der Provinz gegen die allmächtige Hauptstadt Berlin werteten. Diese Deutung erboste die oberste Stasi-Führung: Die Maßnahme sei "ein grober Verstoß gegen die bestehenden Befehle des Genossen Minister".
Sie war vor allem ein Indiz dafür, daß das Referat XX/4 selbst für Stasi-Verhältnisse eine besonders rücksichtslose Truppe stellte.
Im Zuge der "OV Blues" schreckten die Offiziere nicht einmal vor Mordplänen zurück. Hauptmann "Rudi" erzählte einer Untersuchungskommission unbefangen von Gedankenspielen, Eppelmann umzubringen.
Kurz nach dem Tode Robert Havemanns besuchte Pfarrer Eppelmann oft die Witwe des Dissidenten. Da "Eppelmann häufig mit hoher Geschwindigkeit spät abends von Grünheide nach Berlin" zurückfuhr, planten die Stasi-Leute einen Autounfall: "Hierzu wurden mehrere Varianten geprüft (Radmuttern lockern, in der Kurve Scheibe zerstören, vor der Kurve Spiegel aufstellen)."
Daß der Plan schließlich verworfen wurde, lag lediglich daran, "daß das Zuschadenkommen von unbeteiligten Personen nicht ausgeschlossen werden konnte". Verletzungen "bzw. physische Vernichtung von Eppelmann" wurden hingegen "einkalkuliert".
Mord gehörte gedanklich zum Geschäft der Kämpfer gegen "Pid" und "Put", auch wenn Hasse sich heute davon distanziert: "Es hat niemals unter meiner Führung konkrete Planungen gegeben oder Absichten."
Im Rahmen des "OV Blauvogel" traten die Phantasien der Stasi-Leute über alle hemmenden Ufer. "Blauvogel" richtete sich gegen den Dissidenten Ralf Hirsch, der sich zu jener Zeit als Friedhofswärter durchschlug.
In einem Untersuchungsprotokoll wird ein Gespräch mit dem XX/4-Leiter Major Kurt Dohmeyer zitiert: "Zum Beispiel hatten wir auch Gedankengänge, Hirsch, der viel trank, in einer strengen Winternacht Alkohol einzuflößen, daß er erfriert; weitere Vorstellungen an Zersetzungsmaßnahmen bestanden im Anbohren der Bremsleitung von Autos, in Paketen enthaltenen Flaschen was reinmischen."
Eine andere Passage aus demselben Bericht enthüllt die Denk-Kategorien in der Bezirksverwaltung: "Im Zusammenhang mit dem Fall Popieluszko (den vom polnischen Geheimdienst ermordeten Solidarnosc-Priester -d. Red.) haben wir uns Gedanken gemacht", wird wiederum Dohmeyer zitiert, "wir würden in einem solchen Fall allein dastehen, müßten dann alles verantworten - ich habe dann entschieden, alle Aufzeichnungen/Unterlagen zu vernichten, das Zeug mußte weg."
Die Einschüchterungen, Drohungen, Verunglimpfungen, mit denen die Stasi arbeitete, um die in den Kirchen untergeschlüpften Abweichler zu verunsichern, drangen in die intimsten Lebensbereiche. Das Referat XX/4 schickte einer Frau einen Vibrator von Beate Uhse mit Spottversen auf den Ehemann. Der stellvertretende Leiter der Abteilung, Major Manfred Bronder, ließ es sich nicht nehmen, über das außereheliche Verhältnis einer Pfarrersfrau "perverse und anzügliche" Reime zu schreiben, wie ein beteiligter Offizier zu Protokoll gab.
Die erfindungsreiche Truppe von XX/4 hätte womöglich bis zum Fall der Mauer weitergewirkt - wäre ihr nicht ein schwerer Fehler unterlaufen. Ein langjähriger Inoffizieller Mitarbeiter lief aus dem Ruder, ohne daß sein Führungsoffizier "Rudi" schnell genug die Lage erkannte. "Rudi" deckelte statt dessen den IM ("Dich drücke ich in den Skat"), der gegen die Befehle aufmuckte.
Da packte der IM höheren Ortes aus, daß er für das Referat XX/4 öfter zum Diebstahl angehalten worden sei. Überdies enthüllte er die gängige Übung der Stasi-Truppe, bei jeder Gelegenheit Westgeld und Westwaren, notfalls unter Mißbrauch der Amtsgewalt, zu besorgen.
Am Ende zerstob die Abteilung in alle Winde. Oberst Häbler wurde abgelöst. Hauptmann "Rudi" wurde zum Leutnant degradiert und später entlassen. Major Hasse fand in der Abteilung XVIII, zuständig für Volkswirtschaft, einen neuen Job. Nur der müde Major Dohmeyer mit den Gewaltphantasien durfte bleiben, wurde allerdings zum Stellvertreter XX/4 herabgestuft.
Für das letzte knappe Jahr, das die DDR noch existierte, blieb ihm eine wichtige Aufgabe: Anstelle von Hasse führte Major Kurt Dohmeyer alias "Kurt Heinemann" den IMB "Czerny". o
* Bei der 3. Tagung der 5. Synode 1987 in Görlitz, mit Rosemarie Cynkiewicz, Präses Gäbler.

DER SPIEGEL 50/1990
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