15.10.1990

Parteien

Nichts zu verbergen

Um ihr Erbe unauffällig zusammenzuhalten, hat sich die PDS einen Trick ausgedacht: Als Geldwaschanlage dient ein Verbund von Medien-Firmen.

Am 11. Juni, 20 Tage vor der Währungsunion, ist Franz A. Pindorfer scheinbar zum mehrfachen Millionär geworden. An diesem Tag ging auf dem Konto des West-Berliners mit Nebenwohnsitz im Ostteil der Stadt die hübsche Summe von 7,86 Millionen Ost-Mark ein. Absender des Darlehens: Gerd Pelikan vom PDS-Vorstand in Ost-Berlin.

Bei Pindorfers Video-Produktions-Gesellschaft und seinem Kompagnon Wolfgang Wenzel kam im ersten Halbjahr 1990 noch mehr PDS-Geld an. Eine zweite Rate belief sich auf 10,55 Millionen, eine dritte auf 1,8 Millionen Ost-Mark.

Auch mit den einst streng gehüteten Devisen ließ sich der PDS-Mann nicht lumpen: 5,75 Millionen und 3,5 Millionen West-Mark wanderten auf Privat- und Geschäftskonten des Duos, das bis zur Wende mit seiner Firma Pindorfer & Wenzel A.V. Production vor sich hin gedümpelt hatte. Solange mußten der Musikdramaturg, Komponist, Toningenieur, Musikproduzent und Musikwissenschaftler Pindorfer und der selbsternannte Regisseur Wenzel mit bescheidenen Einkünften zufrieden sein. Sie hielten sich mit Aufträgen für Wahlvideos des West-Berliner SED-Ablegers SEW über Wasser.

Die SEW gewährte den beiden Künstlern Unterschlupf. Die Firma logierte am Tempelhofer Damm 158. Im Hause hatte die SEW eine ganze Etage gemietet; die Hälfte davon stand der A.V. Production zur Verfügung.

Jahrelang finanzierte die SED die zwei Unternehmer. Pindorfer und Wenzel unterhielten zur Abteilungsleiterin für Kultur im SED-Zentralkomitee, Ursula Ragwitz, enge Beziehungen. Über die Funktionärin des DDR-Kulturbetriebs, behaupten ehemalige Mitarbeiter, seien Aufträge an Pindorfer und Wenzel ergangen. Davon will Regisseur Wenzel nichts wissen: "Ich habe diese Dame nie gesehen."

Auch der Vorwurf, er diene der PDS als Geldwäscher, kümmert den mittlerweile finanzkräftigen Unternehmer nicht. Für die Zuwendungen aus der Parteikasse hat er eine einfache Erklärung: "Das alles sind wasserdichte Darlehensverträge, die jeder Finanzprüfung standhalten."

Woher die PDS-Gelder stammen, interessiere ihn nicht, behauptet Wenzel. Er fühle sich zwar bestimmten Leuten aus der SED-Nachfolgepartei verbunden, habe auch Wahlkampf-Videos für sie produziert, ansonsten seien die Kontakte jedoch eher lose. Spätestens in vier Jahren wollen Wenzel und Pindorfer die Gelder zurückgezahlt haben. Wenzel: "Mich interessieren zwar linke Medienprojekte, aber erst einmal geht es ums Geschäft."

Das Geschäft und die losen Beziehungen zur PDS: Am 5. April 1990 wurde ins Ost-Berliner Handelsregister B unter der Nummer 15-5682 die Elektronische Medien-Forschungsgesellschaft mbH (EMG) eingetragen. Das Stammkapital von 500 000 Mark teilen sich zu je 50 Prozent die beiden Gesellschafter Lothar Bisky, Präsidiumsmitglied der PDS, und der Kassenwart Gerd Pelikan. Einer der beiden Geschäftsführer: Wolfgang Wenzel.

Einen knappen Monat zuvor hatte das Charlottenburger Amtsgericht in West-Berlin die Elektronische Medien-Produktionsgesellschaft mbH registriert. Abgesehen vom Firmennamen und vom Sitz des Unternehmens sind alle anderen wichtigen Angaben deckungsgleich mit der EMG: Gesellschafter und Geschäftsführer, der Gegenstand des Unternehmens, Anteile am Stammkapital - nur diesmal in D-Mark.

Die West-Berliner Firma hatte vorgebaut. Sie ließ sich rechtzeitig vor dem Beschluß der Volkskammer über die treuhänderische Verwaltung des Vermögens der Alt-Parteien registrieren. Das zeugt von Weitblick, denn in einigen Jahren soll die PDS ihr Geld zurückerhalten - womöglich an der Treuhand vorbei.

Und nebenbei erklärt es das hilflose Gestammel von Kassenwart Pelikan gegenüber dem Stern im April: "Zu ausländischen Firmen weiß ich also im Prinzip bloß soviel, also, die sind nicht in erster Linie auf meinem Tisch."

Auch Lothar Bisky, im Parteivorstand verantwortlich für Medien, zuckt mit den Achseln: "Von geschäftlichen Dingen verstehe ich nichts."

Mag sein. Dennoch hat Medien-Professor Bisky einen Posten als Verwaltungsratsmitglied bei der Europäischen Mediengesellschaft. Diese Aktiengesellschaft hat ihren Sitz in Luxemburg, 35 Boulevard Prince Henri, und ist im dortigen Handelsregister, Section B, als Nummer 34255 eingetragen.

Unter den sechs Verwaltungsratsmitgliedern findet sich - neben Bisky, Wenzel und Pindorfer - auch Marion Morgenstern, PDS-Abgeordnete im gesamtdeutschen Bundestag. Welch ein Zufall: Sie ist im Nebenjob bei der Ost-Berliner EMG angestellt.

In Luxemburg existiert noch eine weitere Tochtergesellschaft - die Elektronische Medien-Gesellschaft Holding AG. Sie allerdings wird von den ortsansässigen Rechtsanwälten Zeyen, Feider und Adam geführt. Im Unterschied zu den Berliner Unternehmen, die sich ausschließlich mit Film-, Fernseh- und Musikproduktionen beschäftigen und darüber hinaus mediale Entwicklungen erforschen sollen, sind die Luxemburger Firmen für jegliche Art von Finanzgeschäften offen.

Wenzel gibt sich ahnungslos: "Wir haben im Prinzip nichts zu verbergen. Über die Luxemburger Firmen sichern wir den Namen ,Europäische Mediengesellschaft' rechtlich ab."

Manager Wenzel mag nicht ausschließen, daß seine Geschäftspartner in Luxemburg bereits weitere Tochterfirmen gleichen Namens in anderen westeuropäischen Ländern gegründet haben. Über Finanz- und Geschäftspartner will er aber nichts sagen: "Geschäftsgeheimnis, Sie verstehen . . ."

Ins Reden verfällt er, sobald es um die technische Ausstattung der Ost-Berliner Firma geht. Was an High-Tech auf den vier Etagen im Verwaltungsgebäude des ehemaligen SED-Betriebes Zentrag (der noch in PDS-Hand ist) steht, gehört zum Feinsten - Ton- und Fernseh-Studios, Video-Strecken, Synclavier.

Die EMG wird auch demnächst besitzen, wovon andere in der Branche nur träumen: ein HDTV-System zur höheren Bildauflösung, vom japanischen Elektronik-Riesen Sony auf der Berliner Funkausstellung vorgeführt.

Manager Wenzel wirtschaftet ausgesprochen großzügig mit den PDS-Geldern - Motto: "Nicht kleckern, sondern klotzen". Die Investitionssumme: 25 bis 30 Millionen Mark.

Die Gesellschafter Bisky, Pelikan und das Verwaltungsratsmitglied Morgenstern halten ihm bislang die Treue. Doch unter den 25 Mitarbeitern der EMG regt sich langsam Widerspruch: Zu undurchsichtig, zu selbstherrlich finden sie das Geschäftsgebaren ihres Geschäftsführers. Ein Mitarbeiter vermutet: "Da stoßen sich doch einige Herren kräftig gesund."

Als seine gleichberechtigte Geschäftsführerin Marlies Prenz aus Berlin-Ost das Wenzelsche Monatsgehalt von 14 000 Mark halbieren wollte und andere finanzielle "Unregelmäßigkeiten" monierte, stellte Wenzel sie kurzerhand kalt. Sie mußte die EMG verlassen. Andere renitente Mitarbeiter fürchten ebenfalls um ihren Job.

Manager Wenzel paßt die Aufmerksamkeit, die sein kleines Medienreich findet, gar nicht ins Konzept. Vorsorglich ließ er im Hause nach undichten Stellen fahnden. Seine Drohung war unmißverständlich: "Wer quatscht, der fliegt." o


DER SPIEGEL 42/1990
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