25.06.1990

TranssexuelleVergessene Gruppe

Mehr als 100 Geschlechtsumwandlungen pro Jahr werden in einer Amsterdamer Klinik vorgenommen. Jetzt wurde eigens ein Lehrstuhl dafür eingerichtet.
Als Paul vier Jahre alt war, wollte er so sein wie seine Schwester. Mit elf wußte er genau, was mit ihm los war. Aber: "Ich konnte mich niemandem anvertrauen. Ich habe mein Gefühl verdrängt, ich mußte mich benehmen wie ein Mann, ich lief wie ein Mann, redete wie ein Mann. Wieviel Mühe das gekostet hat, ist unbeschreiblich."
Erst mit 33 Jahren raffte Paul Kwikkel, vierfacher niederländischer Meister im Standardtanz, all seinen Mut zusammen und sagte seiner Ehefrau Marja, er fühle sich als Frau, habe sich immer als Frau gefühlt und wolle von nun an als Frau durchs Leben gehen. Das war am 26. Februar 1989, einen Monat nach einem Selbstmordversuch.
Jetzt geht Pauline ihrem Beruf wieder nach: Sie tanzt - nunmehr als weiblicher Partner. "Das ist kein Problem, ich träumte immer davon, mich beim Tanzen führen zu lassen." Die Kwikkels sind im gegenseitigen Einvernehmen geschieden. Pauline hat einen Freund, läßt sich als Kosmetikerin ausbilden und bekommt Aufträge als Fotomodell. "Paul?" sagt sie. "Den hat's eigentlich nie gegeben."
Pauline, vorher irrtümlich Paul, ist eine von mehr als 1300 Patientinnen in der Kartei des niederländischen Medizinprofessors Louis Gooren, 46. An der Freien Universität Amsterdam wurde Gooren auf den ersten - und bislang auf der Welt einzigen - Lehrstuhl für Transsexologie berufen. Die Geschlechtsumwandlung von Transsexuellen ist für den niederländischen Professor nicht nur ein Problem von Chirurgie und hormoneller Steuerung. Ihm geht es auch darum, die relativ kleine, aber mit Tabus belastete Gruppe der Transsexuellen "endlich in die Gesellschaft zu integrieren".
Jedes Jahr registriert Goorens Poliklinik in Amsterdam 125 Neuzugänge. Viele kommen aus dem Ausland, weil die ärztliche und psychologische Begleitung der Patienten in Amsterdam als vorbildlich gilt.
Seit 1975 ist der Amsterdamer Professor dabei, an der Freien Universität seine Abteilung aufzubauen. Inzwischen ist er international anerkannt und wird von Kollegen häufig konsultiert. Gooren hat sich vorgenommen, eines der letzten sexuellen Tabus auszuräumen. Holland ist dabei richtungweisend.
Auch nach erfolgreicher Geschlechtsumwandlung wollen die meisten Transsexuellen "kein Bild in der Zeitung", wie es Jacqueline Sch. aus dem deutschen Wetzlar ausdrückt, die sich in Amsterdam hat behandeln lassen und auch dort wohnt: "Ich beginne nun ein völlig neues Leben, mit neuen Freunden, einem neuen Beruf, einer neuen Wohnung, neuen Nachbarn. Niemand kennt meine Vergangenheit, und niemand soll sie kennen. Sonst würden 20 Prozent der Freunde und Kollegen mich sicher total ablehnen."
Nur Jacquelines Freund (er arbeitet in der Finanzabteilung der niederländischen Hoechst-Gruppe) hat alles miterlebt, auch die entscheidende Operation, bei welcher der Penis entfernt und eine Vagina gebildet wurde. Der Freund (der auch bei den Eltern in Wetzlar als Fürsprecher auftrat) betet seine um fast zwei Kopf größere Jacqueline an; er findet die 1,85 Meter große, blonde Frau mit den kräftigen Händen und dem sensiblen Gesicht "goldrichtig".
Den radikalen Bruch mit der gehaßten Vergangenheit, wie Berufstänzerin Pauline ihn äußerte, beobachtet Gooren bei fast all seinen Patienten. "Haben sie sich einmal entschieden, dann wollen sie die Geschlechtsumwandlung am liebsten sofort vornehmen und ihr voriges Leben total vergessen." Dem Wunsch nach sofortiger Umwandlung entsprechen Gooren und seine Mitarbeiter im allgemeinen nicht. Das in Amsterdam entwickelte Therapiemodell veranschlagt etwa vier bis fünf Jahre für den Umwandlungsprozeß vom Mann zur Frau (dies ist der häufigere und einfachere Fall) beziehungsweise von der Frau zum Mann.
Professor Gooren hat ein sogenanntes Gender-Team um sich geschart. Dazu gehören ein Psychiater, ein Internist, ein praktischer Arzt, ein Professor für plastische Chirurgie (mit Assistent), zwei spezialisierte Krankenpfleger und zwei Psychologen. Die Amsterdamer wählten bewußt den Begriff "gender", das englische Wort für Geschlecht (im grammatischen Sinne), das an Geschlechtsorgane nicht erinnert.
Die Chirurgen treten erst später auf den Plan, zuerst prüfen die Seelenärzte den Umwandlungswunsch des Transsexuellen, seinen Lebenslauf, sein soziales Umfeld. Dann werden Hormone verabreicht, je nach der Umwandlungsrichtung weibliche oder männliche. Die sich anschließende Behandlung, von den Amsterdamer Medizinern "real life test" genannt, beansprucht 18 bis 24 Monate und ist bis zu einem bestimmten Zeitpunkt umkehrbar.
Der "Test im echten Leben" lehrte beispielsweise Jacqueline, ihre weibliche Wirkung im sozialen Umfeld zu erproben. Das Weibliche zog die Kollegen nicht hinan - "die haben mich", so Jacqueline, "glatt ausgelacht". Der Betriebsleiter des Supermarkts, in dem sie arbeitete, ließ sich nicht irritieren, sondern schickte sie in eine andere Filiale.
Das Kriterium in dieser Behandlungsphase ist die Frage nach "Glück". Erst wenn die Probleme der neuen Geschlechterrolle gemeistert sind und sich der Transsexuelle im Gleichklang mit seiner Identität findet, erfolgt die chirurgische Geschlechtsumwandlung. Bei einem Mann genügt eine Operation. Bei einer Frau, die Mann werden will, sind mehrere nötig, denn es muß (beispielsweise aus Unterarmgewebe) ein Penis aufgebaut werden - ein chirurgisch nur selten befriedigendes Unterfangen. So wird etwa in der Uni-Klinik Bern den Patientinnen empfohlen, sich mit einer (unter Hormongabe) vergrößerten Klitoris zu begnügen, die bis zu einer Länge von vier Zentimetern wachsen kann.
Die Kosten der Umwandlung beziffert Professor Gooren mit umgerechnet rund 15 000 Mark (vom Mann zur Frau) bis 20 000 Mark (von der Frau zum Mann). In den Niederlanden werden die Arztrechnungen, einschließlich nachfolgender kosmetischer Chirurgie, von Krankenkassen und Versicherungen übernommen.
Der Lebensweg eines Transsexuellen, der in sein falsches Geschlecht eingesperrt bleibt, "ist ein Leidensweg", konstatiert der Amsterdamer Professor. Gooren, der seine wissenschaftliche Laufbahn als Endokrinologe begann, stieß auf "diese vergessene Gruppe" und "fand es ungerecht von der Gesellschaft, den Transsexuellen als minderwertig zu betrachten und ihn oder sie ins Dirnenmilieu herunterzudrücken".
Was die Transsexuellen - die weder den Schwulen noch den Lesben oder den Transvestiten zuzurechnen sind - ausmacht, hatte bereits in den fünfziger Jahren der amerikanische Psychologieprofessor John Money in Baltimore so formuliert: "Sie haben im Kopf ein anderes Geschlecht als zwischen den Beinen." Jeweils ein Mann auf 20 000 und eine Frau auf 50 000, so der gegenwärtige Stand der Forschung, zählen zur Gruppe der Transsexuellen - Menschen, "deren Körper nicht mit der geschlechtlichen Identität übereinstimmt", wie die etwas weniger saloppe Definition von Gooren lautet.
Die Prägung der "Gender-Identität" erfolgt im frühesten Lebensstadium, sie ist bei Beendigung des dritten Lebensjahres festgelegt und läßt sich danach ohne schädliche Folgen für das Kind nicht mehr verändern. Offenbar haben weder der genetische Code noch die Geschlechtsdrüsen und die von ihnen ausgeschütteten Hormone einen determinierenden Einfluß auf die Entwicklung der Gender-Identität, die sich auf ähnliche Weise einprägt wie die Muttersprache.
Auch auf die Einflüsse des Milieus ließ sich die Transsexualität, von Medizinern auch Geschlechtsdysphorie genannt, nicht zurückführen - in der Regel wachsen die Transsexuellen in einem normalen Elternhaus auf. Wie der Amsterdamer Psychologe Anton Verschoor nach dem Studium von Lebenserinnerungen Betroffener feststellte, spielen besondere emotionelle Bindungen zu Mutter oder Vater keine Rolle.
Ein Problem für die Medizin ist die Tatsache, daß Transsexuelle sich selten vor dem 18. Jahr zur Behandlung melden. Der Zeitabstand zur frühesten Jugend und die besonders massiven Formen von Verdrängung erschweren eine Rekonstruktion der ersten Erfahrungen.
Um seelische Schäden zu verhüten, wäre Früherkennung erwünscht. "Wenn ein Mädchen seine Puppen verschenkt, mit Autos und technischen Baukästen spielt und Jungenbücher liest, sollten die Eltern beim Psychologen vorsprechen" und klären lassen, ob das Kind transsexuell ist, meint Gooren.
Als psychische Zerreißprobe bezeichnet Gooren die Pubertät, zum Beispiel wenn das Mädchen, das sich als Junge fühlt, einen Busen bekommt und sexuelle Empfindungen sich Bahn brechen. Gooren: "Ist das für einen nicht-transsexuellen Pubertierenden schon ein verwirrender Prozeß, dann erst recht für das transsexuelle Kind. Die meisten Transsexuellen erinnern sich dieser Periode mit Abscheu."
Die Störung, die bei den Transsexuellen im Entwicklungsprozeß ihrer Geschlechtsidentität aufgetreten ist, sei weder zu enträtseln noch nach dem heutigen Stand der Wissenschaft zu korrigieren, resignierte Gooren in seiner Antrittsrede in Amsterdam. Daher bleibe den Medizinern nichts übrig, als eben das Geschlecht zu korrigieren, wenn sie dem Transsexuellen zum Lebensglück verhelfen wollen.
Ob der schwerwiegende Eingriff zu rechtfertigen sei, ist von Medizinern lange Zeit kontrovers diskutiert worden. Eine kürzlich von der Universität Bern an 58 Transsexuellen vorgenommene Studie kam zu dem Schluß, der Behandlungserfolg sei aus der Sicht der Ärzte wie der Patienten als "mehrheitlich gut" beurteilt worden; keiner der in Bern operierten Patienten hat die vollzogene Geschlechtsumwandlung bereut.
Der Amsterdamer Transsexologe Gooren teilt diese Einschätzung und macht bei seinen Bemühungen auch an keiner Altersgrenze halt. Goorens jüngster Patient war 7, der älteste 78.
Der Amsterdamer Arzt sah keinen Grund, den alten Herrn nicht zu behandeln: "Warum nicht, wenn einer mir sagt, er sei sein ganzes Leben lang unglücklich, sei zweimal verheiratet gewesen und habe in zwei Ehen zwei Frauen unglücklich gemacht, nun wolle er auch mal glücklich sein."
Der/die Patient(in), inzwischen 82 und Rentnerin, genießt, wie Professor Gooren konstatiert, nach der Geschlechtsumwandlung "einen voll erfüllten Lebensabend". f

DER SPIEGEL 26/1990
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