19.11.1990

GlücksspielPapst und Diakon

Zockergeld, so enthüllt der Prozeß gegen einen Glücksspiel-Boß, macht auch westdeutsche Beamte schwach.
Wenn Manfred Hauschild, 43, Kaufmann und Zockerkönig aus Mönchengladbach, aus seinem Leben erzählt, ist meist vom großen Geld die Rede.
"An die 200 Millionen", räumte er vor Vertrauten ein, habe er "in 15 bis 20 Jahren schon selber verzockt". Ein Vielfaches jedoch, verkündet er stolz, sei ihm im Laufe der Zeit als Inhaber illegaler Spielkasinos zugewachsen.
Der "Papst der Glücksspielmafia", wie Hauschild in der Szene genannt wird, herrschte im Rotlicht-Milieu der Republik über ein goldenes Imperium privater Zockerstuben, in denen Zehntausende von Bundesbürgern Woche für Woche viele Millionen Mark verlieren (SPIEGEL 39/1989).
Jetzt sei er pleite, läßt Hauschild, der wegen seines Gewerbes seit 18 Monaten als Untersuchungshäftling in Stuttgart-Stammheim einsitzt, neuerdings verbreiten. Sein Anwalt Henry Littwitz hat "dieses Jahr noch kein Honorar gesehen" und beteuert, bei seinem Mandanten sei nichts mehr zu holen.
Seit Dienstag vergangener Woche steht Hauschild vor der 13. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts. Nach dreijährigen Ermittlungen, an denen 1600 Polizisten, 200 Steuerfahnder und 9 Staatsanwälte beteiligt waren, muß sich das selbsternannte Oberhaupt der Spielersekte wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung im Zusammenhang mit illegalem Glücksspiel", Beamtenbestechung, illegalen Waffenbesitzes und der Hinterziehung von mindestens 36 Millionen Mark Umsatzsteuer verantworten. Acht "Kardinälen" des "Papstes", die seit 18 Monaten in Untersuchungshaft sitzen, und zwei Dutzend "Bischöfen", "Dekanen" und "Diakonen" stehen ebenfalls Verfahren bevor.
Ihrem Oberhirten Hauschild wirft die Anklage vor, mindestens 20 Kasinos, ein Heer von Strohmännern und Croupiers, eine reisende Schutztruppe und manchen bestechlichen Staatsdiener dirigiert zu haben. Über Autotelefon im C-Netz, Telefax, Btx und tragbare Telefonkoffer liefen die Kommunikationsstränge; elegant wurde der Millionen-Reibach Nacht für Nacht per Blitzgiro auf verdeckte Konten überwiesen und so an den Finanzämtern vorbeigeleitet.
Wenn der Papst eines seiner Etablissements verkaufte, verlangte er "als Faustregel" den Gewinn von sechs Wochen als "normalen Preis" - 300 000, 400 000 oder 500 000 Mark. "Bei einer Überlebenschance von drei Monaten" (Hauschild) brachte die Spielbude dem neuen Konzessionär 100 Prozent Gewinn. Bis das Ordnungsamt das illegale Treiben erkannte und den Laden dichtmachte, war der Einsatz längst hoch verzinst.
In den deutschen Spielhallen sind nach der Gewerbeordnung nur harmlose Geschicklichkeits- und Beobachtungsspiele erlaubt. Meistens wurde in Hauschilds Lokalen jedoch heimlich echtes Roulett gespielt, was nur staatlich konzessionierten Kasinos gestattet ist.
Vehement griff der angeklagte Papst letzte Woche in Stuttgart das Bundeskriminalamt (BKA) an, das regelmäßig bundesweit die Zockertische und Drehkessel überprüft und Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellt, ehrliche Betreiber jedoch "in den Ruin laufen" lasse. Mit einem erlaubten Höchsteinsatz von "15 Mark alle 15 Minuten" und einem Maximalgewinn von 42 Mark sei kaum ein Zocker zu fesseln. Hauschild: "Niemand sagt den Leuten ,laßt es sein, ihr kommt in Teufels Küche''."
Hauschild schilderte dem Gericht offen und detailliert, wie er mit seinen arbeitsteilig und abgeschottet agierenden Komplizen gegen fifty-fifty vom jeweiligen Kasino-Gewinn für 1000 Mark Tagesgage oder Stundenlöhne von 120 Mark das verbotene Roulett veranstaltete. Mit Schutzgelderpressern, die partizipieren wollten, ging er laut eigenem Bekenntnis wohlwollend um: "Menschenskinder, wir sind hier nicht in Chicago."
Der Boß verlangte von seinen 1700 Bediensteten strenge Disziplin. Wer als Croupier in Tennissocken zum Dienst kam, wurde beurlaubt, wer Interna ausplauderte oder sonstwie die Geschäfte störte, an Leib und Leben bedroht. "Wer mir auf die Füße tritt", verkündete der Zocker-Papst ex cathedra, "dem trete ich auf das Haupt."
In Hauschilds Psychogramm paßt das von seinen Helfern ausgestreute Gerücht, ihr Chef habe etwas mit dem spurlosen Verschwinden seines Rivalen Gerd Hertel zu tun. Hauschild selbst setzte, als er noch flüssig war, eine Million Mark Belohnung für "sachdienliche Hinweise" auf den Verbleib von Hertel aus. Doch der blieb, auch für die Polizei, verschwunden.
Ähnlich wie Hertel hat sich der Hauschild-Konfident Rigobert ("Rigo") Taubert aus dem westdeutschen Rotlicht-Milieu davongemacht. Taubert hat sich nach Insider-Hinweisen mit Hauschild-Geld, das in den Benelux-Staaten gebunkert war, nach Osten abgesetzt. In der Ex-DDR und in Polen soll Taubert "den neuen Kasino-Boom mitnehmen" und sich "dicke eingekauft" haben, sagt ein Zeuge aus Hauschilds Dunstkreis. Zuletzt wurde "Rigo" in einem Warschauer Hotel gesehen.
Hochgeschafft hatte sich Taubert mit Zocker-Buden im Ruhrgebiet und an der Schweizer Grenze - unter Einsatz von reichlich Schmiergeld.
Bei Rigo, Papst und Konsorten wurden auch Beamte schwach. In den frühen achtziger Jahren zum Beispiel reiste ein Hauptkommissar des Bundeskriminalamtes durch die Lande und bat bei Staatsanwälten um Schonung gewisser Zocker-Klubs, "weil wir da V-Leute drin haben". Später stellte sich heraus, daß der BKA-Beamte bestochen und erpreßt worden war: Er mußte den Schutz-Mann des Milieus spielen.
Auch beim Einsatz der Justiz gegen Hauschild gab es ein päpstliches U-Boot: Ein Beamter der nordrhein-westfälischen Polizei verriet wochenlang die Strategien der Ermittler an die Papst-Leute und ließ sich für die Übergabe von BKA-Fernschreiben (mit 1000 Mark) und Fahndungsunterlagen (mit 4000 Mark) honorieren; Informationen über Taubert waren 7000 Mark wert. Ein Stuttgarter Gericht hat den Ordnungshüter zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt.
Der neueste "Schmiermann" (Szene-Jargon) der Zocker-Zunft ist sogar ein Staatsanwalt: Udo Hentschel, 44, besondere Kennzeichen: Dauerwelle, teurer Pelz und kleiner Ohrring, soll seit Herbst 1988 für 5000 Mark Cash im Monat seine schützende Hand über den Essener Spielklub "Cat" und andere Etablissements Rigobert Tauberts gehalten haben. Hentschel, heißt es, habe Ermittlungsverfahren gegen Klubbetreiber "wegen geringfügiger Schuld" eingestellt, obwohl Anklagen oder Strafbefehle angebracht gewesen seien.
Geführt wurde Staatsanwalt Hentschel nach den Recherchen seiner Amtskollegen von Oberzocker Hans-Jürgen ("Dackel-Hansi") Conrad, Tauberts Regionalchef für das Ruhrgebiet. Als im Rotlicht-Milieu Gerüchte über Hentschel aufkamen, ließ ihm ein Hagener Ermittler auf Weisung des Hammer Generalstaatsanwaltes Rudolf Mosqua Material zukommen, um ihn zu testen.
Prompt lief der kriminelle Staatsanwalt in die Falle. Tips und Hinweise, die er "Dackel-Hansi" weitergab, wurden bei einer richterlich angeordneten Telefonüberwachung mitgeschnitten. Außerdem beobachteten verdeckte Ermittler ein Treffen der beiden im Essener "Sheraton".
Ähnlich flog Alfred Kilzer auf, Leiter des Essener Steueramtes. Ein Polizist, der Kilzer aufsuchte, informierte ihn vage über eine Aktion im Milieu. Kaum war der Besucher draußen, griff der Steuerbeamte zum Hörer, um "Dackel-Hansi" anzurufen.
Am Telefon meldete sich Kilzer mit dem Namen "Säckelmann". Geld, so beteuerte er nach seiner Festnahme, habe er nie bekommen. _(* Polizeifoto von Razzia in Hamburg-St. ) _(Pauli. )
Glücksspiel-Boß Hauschild "An die 200 Millionen verzockt"
Glücksspiel-Boß Taubert "Dicke eingekauft"
Westdeutsches Spielcasino*: Harmlose Spiele erlaubt
* Polizeifoto von Razzia in Hamburg-St. Pauli.

DER SPIEGEL 47/1990
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