15.10.1990

„Wer leuchten will, muß brennen“

Ein Montag im November 1989. Zehntausende demonstrieren auf den Straßen Leipzigs, umringt von Volkspolizisten und Stasi-Spitzeln.
Die Leipziger Bürger haben sich mit Transparenten gewappnet: "Wir sind das Volk" und "Demokratie jetzt" lauten die immer wiederkehrenden Parolen. Ein kleine Gruppe entfaltet - zur Verwunderung der Umstehenden - ein Spruchband mit der Forderung: "Wir wollen Freie Schulen".
Bald sammeln sich immer mehr Demonstranten hinter dem Transparent. Rufe "Freiheit für die Schule" werden laut oder auch "Wir wollen Waldorfschulen". Der Pulk der Schulfreunde wächst und wächst - die Geburtsstunde einer neuen Bewegung.
Noch am selben Abend gründen Leipziger Demonstranten die "Initiative Freie Pädagogik". Lehrer sind vorerst in der Minderzahl, vor allem Eltern und ältere Schüler reden sich hier die Köpfe heiß: Endlich soll Schluß sein mit dem autoritären Unterricht, dem politischen Drill und der dumpfen Einförmigkeit des Schullebens in der DDR.
Die Wende hat das zu SED-Zeiten so festgefügte Bildungswesen in den Ländern der Ex-DDR porös gemacht: Zahlreiche Initiativen für eine "Bildungsreform von unten" entstehen. Ganze Lehrerkollegien lassen sich von der Euphorie der Reformer anstecken.
Noch profitieren die Aktivisten vom Rechts-Chaos in dem untergegangenen Staat. Von heute auf morgen werden Polytechnische Oberschulen zu Gesamtschulen erklärt, andere Kollegien setzen kurzerhand den gesamten Lehrplan außer Kraft und unterrichten nach eigenem Gutdünken. In Jena machten Lehrer und Eltern aus der Oberschule "Grete Unrein" eine "Modellschule". "Dieses neue Gefühl, Lehrer zu sein, ist für mich das größte", sagt die Jenaer Pädagogin Gisela John, 40, die bislang den Drill der sozialistischen Einheitsschule lehren mußte.
Auch den Privatschulen - die es in der DDR nicht geben durfte - gilt die Neugier der Ost-Pädagogen. 700 Interessierte, davon die Hälfte allein aus Leipzig, besuchten im Februar die Nürnberger Rudolf-Steiner-Schule. Im März bildete sich der erste Ableger der Leipziger Initiative Freie Pädagogik: die "Arbeitsgemeinschaft freier pädagogischer Einrichtungen in der DDR".
"Wir werden die Reformtraditionen wiederbeleben", sagt AG-Geschäftsführerin Else Urban, "die es hier vor Jahrzehnten gab."
Vor 57 Jahren, im März 1933, erlosch im Süden der ehemaligen DDR eine pädagogische Kultur, die in Deutschland ohnegleichen war. Seit der Jahrhundertwende hatten Erzieher in Sachsen und Thüringen eine Reihe von ambitionierten Reformschulen gegründet - zum Beispiel die Jena-Plan-Schule des Pädagogen Peter Petersen, die Dresdner Waldorfschule oder Gustav Wynekens Freie Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld.
Die Anhänger der sogenannten Reformpädagogik hatten vor allem eines im Sinn: das Recht des Kindes auf eine eigene, freie und nicht fremdbestimmte Entwicklung - also genau das Gegenteil dessen, was in den deutschen Schulen zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktiziert wurde.
Mit der Machtergreifung der Nazis wurden alle Reformschulen gleichgeschaltet oder aufgelöst. Der SED-Staat gab ihnen keine neue Chance. Die Reformpädagogen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, so hieß es in der DDR nach 1949, seien bloß "anarchistische Scheinrevolutionäre" gewesen, die ein kapitalistisches System zu kurieren vorgegeben hätten, das doch nur durch Revolution zu beseitigen sei.
Die Absage an die Reformpädagogik war zugleich die Wiedergeburt der klassischen Paukschule. Bis zur Wende im vergangenen Herbst herrschten in den Schulen der DDR in etwa jene Zustände, die den Jenaer Professor Peter Petersen schon 1923 zu einem dramatischen Aufruf veranlaßt hatten: Es gelte, so Petersen damals, "aus der Schule als Ganzem etwas Neues zu machen, das heißt das ganze Schulleben von Grund auf radikal zu ändern".
Petersens Appell gilt wieder.
Ein Montag im September 1990. Schulbeginn in der Freien Alternativen Schule Leipzig-Connewitz. 20 Kinder zwischen fünf und acht Jahren tummeln sich in den ehemaligen Räumen eines Kindergartens. Betreut werden sie von Siegfried Scharff, 29, Lehrer und Gründer der ersten alternativen Privatschule, die in der DDR den Betrieb aufnehmen durfte. Zusammen mit zwei Kollegen entwarf er das Konzept dieser neuen Schule - für den jungen Pädagogen hat sich ein Traum erfüllt.
Nach der Wende hatte auch Scharff zunächst versucht, seine alte Schule von innen her zu reformieren. Doch schon der "Vorschlag, bloß die Bänke umzustellen", sei "von der Schulleitung blockiert" worden. Auf der letzten Lehrerversammlung im Juni, erinnert sich Scharff, sei einhellig gefordert worden, jetzt müßten "endlich wieder Zucht und Ordnung" einkehren.
Scharffs Abschied von der Staatsschule stand damit fest: "Ich wollte mich nicht in einem jahrzehntelangen Kleinkrieg um winzige Reformen verheizen lassen."
Für sein Konzept machte Scharff Anleihen bei ganz unterschiedlichen pädagogischen Denkschulen. Die Mischung verschiedener Altersjahrgänge im Unterricht etwa folgt dem Ansatz Peter Petersens, die Öffnung der Schule für Kontakte zum sozialen Umfeld beruht auf der englischen Community Education.
Sein Programm hatte der Gründer der Freien Alternativen Schule Leipzig-Connewitz dem Ost-Berliner Bildungsministerium auf knappen 14 Seiten vorgestellt - die Schule wurde dennoch genehmigt. "Daß man mit 14 Blatt Papier eine Schule gründen darf", meint Wolfgang Tiefensee, Leiter des Leipziger Schulamtes und Sympathisant Freier Schulen, "das wird es so schnell nicht wieder geben."
In der Tat profitieren die kurz vor dem Ende der DDR eröffneten Privatschulen noch von pragmatischen Entscheidungen aus einer Übergangsphase, die spätestens mit der Einrichtung aufgeblähter Bürokratien in den neuen Bundesländern zu Ende gehen wird.
Bisher fühlt sich für die neuen Schulen keine Behörde verantwortlich - aus finanzieller Vorsorge. Zwar hatte die Volkskammer im Juli ein Gesetz verabschiedet, das den Privatschulen eine "Finanzhilfe" von "mindestens 70 und höchstens 90 Prozent" der Kosten garantierte. Doch der damalige Bildungsminister Hans Joachim Meyer mußte sogleich passen: Für zusätzliche Schulen sei in seinem Etat keine Mark zu finden.
Die Connewitzer Alternativschule soll bis Weihnachten aus Mitteln der Bezirksverwaltung finanziert werden - mit Lehrergehältern von 900 Mark netto; die weitere Zukunft ist völlig ungewiß.
Der Leipziger Amtsleiter Tiefensee beklagt schon jetzt ein 21-Millionen-Mark-Defizit im Schulhaushalt. Etwa 15 Schulen könnten im Winter nicht mehr beheizt werden. Ein Kindergarten nach dem anderen müsse schließen. Tiefensee will deshalb auch nicht "morgens den Eltern erklären, daß ihr Kindergarten aufgelöst" werde, und "nachmittags dafür Freie Schulen gründen".
Vor allem den Anhängern der Waldorfschulen leuchten solche Erklärungen nicht ein. Sie haben gleich sieben neue Schulen in der DDR aufgemacht und hohe Vorleistungen erbracht - Geld gab es dafür bisher kaum.
"Der Staat hat einfach die Pflicht, uns zu erhalten", empört sich Wolfram Knabe, 41, Mitgründer der Weimarer Waldorfschule. Knabes Argument: "Solange Eltern ihre Kinder zu uns schicken, muß unser Schulbetrieb genauso aus Steuermitteln bestritten werden, wie das in staatlichen Schulen der Fall ist."
Knabe, seit 23 Jahren Mitglied der Blockpartei CDU, hält das Schulmonopol für eine völlig ungerechtfertigte Einmischung des Staates in das Bildungswesen. "Wieso", ereifert sich der Waldorf-Mann, "kann ein zufällig entstandenes Parlament entscheiden, wie die Kinder im ganzen Land gebildet werden?"
Knabe gehört der anthroposophischen Christengemeinschaft an, einer Keimzelle der Weimarer Waldorfschule. Auch die übrigen neuen Waldorfschulen, sei es in Leipzig, Dresden oder Chemnitz, können nicht zuletzt mit Lehrern und Schülern aus diesem Milieu rechnen. Allein in Weimar wurden mehr als 60 Kinder angemeldet.
Anhänger der Waldorfschulen in Ost und West erklären den starken Zulauf mit dem hohen Ansehen ihrer Pädagogik in der Bundesrepublik. Attraktiv sind die Schulen aber auch deswegen, weil sie Eltern und Schülern genau das bieten, was den Ost-Schulen gerade gründlich abhanden gekommen ist: eine geschlossene Weltanschauung.
In den Wirren dieser Übergangszeit gewährt die Pädagogik Rudolf Steiners mit ihrem mystischen Überbau einen festen Halt. Die staatlichen Schulen dagegen bieten ein zumeist kümmerliches Bild allgemeiner Auflösung. Die alten Werte gelten nichts mehr, und die neuen sind in Köpfen der Lehrer noch kaum verankert. Auch personell fehlt es an Alternativen. In den Sommermonaten durften Lehrer, Eltern und Schüler erstmals ihre Schulleiter selber wählen - das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der neu gewählten Direktoren amtierte schon in der Vorwendezeit.
Zu den rühmlichen Ausnahmen zählt die Jenaer Oberschule "Grete Unrein": Mit der Wahl des neuen Rektors Wolfgang Prokosch, 37, hat seit August das Mitglied einer Reformgruppe um die Deutschlehrerin Gisela John die Leitung der Schule übernommen. Englischlehrer Prokosch ist vom Reformwillen seines Kollegiums durchaus überzeugt. Immerhin habe die Schule vor der Wende den "guten Ruf politischer Unzuverlässigkeit" gehabt.
Dieser Tradition sind die Lehrer der Grete-Unrein-Schule mit besonders phantasievollen Aktionen treu geblieben. Am Schulanfang, zum Beispiel, lotste ein als "neuer Geist" verkleideter Pädagoge die kleinen Pennäler in das Schulhaus. Und kurz vor den Sommerferien durften sich die Schüler in einer ersten Projektwoche mit Geschichte und Kultur der Renaissance vertraut machen - der Unterricht fiel derweil aus.
Diese erste Projektwoche war für Gisela John so etwas wie der Vorschein einer neuen, besseren Schule. Auf ihre Anregung hin hat sich das Kollegium nun für das Konzept einer "Modellschule" entschieden, mit dem die Errungenschaften des Neubeginns in die noch ungewisse Zukunft gerettet werden sollen.
Zum ersten Mal seit 1923, als der Erziehungswissenschaftler Peter Petersen die zur Universität Jena gehörende Versuchsschule übernahm und daraus die sogenannte Jena-Plan-Schule machte, wird in der thüringischen Uni-Stadt wieder nach Methoden Petersens unterrichtet: Lehrer und Schüler gestalten den Schulalltag gemeinsam mit dem "Wochenplan", der Unterricht beginnt mit dem "Morgenkreis" - die Kinder sitzen in einer Runde und berichten von den Erfahrungen daheim -, und sogar eine "Schulwohnstube" wird bereits eingerichtet.
Doch auch in der Pädagogik fehlt es nicht an Wendehälsen. Erziehungswissenschaftler der Universität in Jena bereiten ebenfalls die Gründung einer Peter-Petersen-Versuchsschule vor - dieselben Professoren, die bis zur Wende nur Hohn und Spott für die bürgerliche Reformpädagogik übrig hatten.
Die nach der Jenaer Fabrikantentochter und Mäzenatin Grete Unrein benannte Oberschule soll in staatlicher Hand bleiben. Auch die amtlichen Lehrpläne sowie die für alle Oberschulen in den neuen Bundesländern vorgeschriebene Aufteilung der Schüler in verschiedene Leistungsgruppen will das Kollegium der Modellschule strikt befolgen.
An der Erweiterten Oberschule Wickersdorf, einem bei Saalfeld gelegenen Internat, tragen realsozialistische Pädagogen und Neu-Bürgerliche dagegen noch heftige Richtungskämpfe aus.
In den provisorisch hergerichteten Räumen eines leerstehenden Staatsgutes hatte der Pädagoge Gustav Wyneken am 1. September 1906 die "Freie Schulgemeinde Wickersdorf" gegründet. Das idyllisch im Thüringer Wald gelegene Landerziehungsheim bot Lehrern und Schülern gleiches Stimmrecht in allen Fragen des Schullebens. Zu diesem Zweck tagte regelmäßig eine Art Schulparlament, die "Schulgemeinde".
Der SED-Staat richtete 1964 in Wickersdorf eine Spezialschule ein, in der sich künftige Russischlehrer auf ihr Studium vorbereiteten. Während andere DDR-Schulen Partnerschaften zu den Kombinaten ihrer Umgebung unterhielten, hatten die Wickersdorfer einen besonders ehrenwerten Sponsor: die Staatssicherheit. In jedem der Wickersdorfer Schülerwohnhäuser logierte mindestens ein Stasi-Spitzel und spionierte pflichtgemäß in den Kladden und Tagebüchern seiner Mitschüler.
Nur das in Jugendstilschrift geschnitzte Schild am Eingang "Wer leuchten will, muß selber brennen" erinnert heute an die Pädagogen-Weisheit der Gründerzeit. Ein Stockwerk höher hängt immer noch ein mannshohes Heldenporträt von Lenin.
Im Zimmer des ehemaligen Direktors Dieter Barth diskutieren die Kolleginnen und Kollegen Lehrer über das weitere Schicksal ihrer Schule. "Diese Politik im Schulbereich, das war das schlimmste in meiner Arbeit", klagt die Musiklehrerin Heidi Rang. Als parteilose Lehrerin sei sie besonderen Schikanen der Schulleitung ausgesetzt gewesen: "Wenn ein Schüler in meiner Klasse schlecht war, dann wurde das immer als politisches Versagen von mir gewertet." Und mit wütendem Blick auf den Ex-Direktor fügt sie hinzu: "Hier bei dir mußte ich immer sitzen und mir deine Predigten anhören."
"Aber Heidi, das ist doch mindestens 20 Jahre her", versucht Barth zu beschwichtigen - und hat damit sogar Erfolg. An die jüngere Vergangenheit mag im Grunde keiner der Wickersdorfer Lehrer gern erinnert werden. Um so mehr ist ihnen plötzlich die Tradition ans Herz gewachsen. Barth höchstpersönlich hat dafür gesorgt, daß an der Zufahrt zum Schulgelände wieder ein frisch lackiertes Holzschild mit der Aufschrift "Freie Schulgemeinde Wickersdorf" prangt.
Aus der Spezialschule für Russisch soll nun ein neusprachliches Internat werden. Der Deutschlehrer Robert Dietzel hat dazu ein wohlklingendes Schulprogramm im Geiste Gustav Wynekens verfaßt. Doch noch ist die Zahl der Kollegen, die dieses Programm aus Überzeugung mittragen wollen, gering. Mit Wynekens Idee einer besonderen "Kameradschaft" zwischen Lehrern und Schülern etwa mögen sich die Wickersdorfer Pädagogen überhaupt nicht anfreunden.
"Die Lehrer haben das Zusammengehörigkeitsgefühl mit uns total zerstört und sind immer weiter auf Distanz gegangen", sagt der Schüler Thomas, 17. Nach der Wende habe sich in dieser Beziehung nichts geändert. Auch Sandra, 16, meint: "Vor allem muß die Angst vor den Lehrern abgebaut werden, damit überhaupt mal ein Kontakt entsteht."
"Mit diesen Lehrern geht das aber nicht", entgegnet ihr Mitschüler Michael, 16. Die meisten Pauker seien "wohl zu alt für einen Neuanfang".
Oberstudienrat Eberhard Horn ist 53, aber für den neuen Rektor der Landesschule Pforta bei Naumburg gilt das Verdikt nicht. Horn ist Westdeutscher und hat sein Amt im Juli übernommen.
Rektor Horn mußte erst einmal ein paar Überraschungen wegstecken, als er seine neue Wirkungsstätte inspizierte. Im Keller entdeckte der Altphilologe ein gewaltiges System von Mauern, Gängen und Lagerräumen, vollgestopft mit Telefonkabeln und Versorgungsleitungen.
Die gesamte Anlage der traditionsreichen Landesschule Pforta, so fand Horn heraus, war von einer "geheimen Befehlszentrale" der Nationalen Volksarmee unterminiert. "Viel wäre gewonnen", klagt der Rektor, "wenn meine neue Schule auch nur halb so intakt wäre wie diese militärische Anlage."
Dabei übernimmt Horn ein einst international angesehenes Institut, das schon seit 1543 besteht. Prominente Schüler wie Friedrich Gottlieb Klopstock und Friedrich Nietzsche durften - oder mußten - den rigorosen Drill der protestantischen Fürstenschule über sich ergehen lassen.
1952 wurde das altsprachlich orientierte Gymnasium in das DDR-Einheitsschulsystem überführt. Seither verfällt die ehemalige Klosteranlage zusehends. Das Dach der gotischen Schulkirche ist bereits eingestürzt und das Betreten des Kirchenschiffs den Schülern verboten. Nur Hunderte von Tauben schwirren durch die Ruine.
In diesem Frühjahr traf dann die Bildungskommission des Runden Tisches in Naumburg eine in der DDR einmalige Entscheidung: Ein bundesdeutscher Pädagoge sollte das Traditionsinternat wieder flottmachen. Die Wahl fiel auf Horn, weil der Altphilologe bisher an der Evangelischen Landesschule Zur Pforte im westfälischen Meinerzhagen unterrichtete - einer 1968 eingerichteten Nachfolgeeinrichtung der kursächsischen Traditionsschule.
Noch unterzieht sich Horn seiner pädagogischen Missionsaufgabe "mit großer Freude". Die evangelische Kirche hat ihm die Fortzahlung seines West-Gehalts garantiert. Nur die Rektorenwohnung in der Schule fand er völlig verwahrlost vor. Für ein Duschbad etwa muß der Herr Rektor morgens im Bademantel durch das gesamte Mädcheninternat unter die ihm dort zugewiesene Brause stapfen.
In der letzten Ferienwoche hatte Horn die 50 Lehrerinnen und Lehrer von Schulpforta auf seinen neuen Kurs getrimmt. Nicht weniger als vier Fremdsprachen müssen ab sofort von Klasse 9 an unterrichtet werden, darunter Griechisch und Latein. Musikalisch besonders begabte Schüler erhalten eine Spezialausbildung.
Die politische Vergangenheit seiner Lehrer - jeder zweite gehörte der SED an - will der neue Mann aus dem Westen so lange unbeachtet lassen, wie die Leistung stimmt. Immerhin hat Horn den Eindruck, daß "die Kollegen es jetzt alle ganz anders und besser machen" wollten. "Ob es gelingt, das weiß ich nicht."
Mit Schrecken hat Horn beobachtet, "wie unglaublich unbeholfen die Kollegen mit den neuen Schulbüchern aus der Bundesrepublik umgehen". DDR-Lehrer, so sein Eindruck, hätten "nach westlichen Maßstäben nur die Ausbildung von Volksschullehrern", müßten aber ab sofort auf "gymnasialem Niveau" unterrichten.
Der Wessi Horn erscheint in der verschlafenen Traditionsschule wie die Inkarnation des Leistungsprinzips. Das forsch-freundliche Auftreten des neuen Chefs verunsichert die Lehrer mehr als die rabiaten Politkader der alten Ära.
Zwar hat Horn dem Kollegium versichert, niemand müsse um seinen Arbeitsplatz fürchten. Andererseits macht er kein Hehl aus seiner Überzeugung, "daß nur ein Rückgriff auf die westdeutschen Vorräte an Gymnasiallehrern" den ostdeutschen Schulen helfen werde.
Die Drohung diszipliniert auch hartgesottene ehemalige Genossen. o

DER SPIEGEL 42/1990
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