26.11.1990

GeheimdiensteAngreifen und Zerstören

Als Vorläufer von „Gladio“ finanzierten die USA eine Truppe deutscher Partisanen mit rechter Gesinnung.
Lutz Stavenhagen, als Staatsminister im Bundeskanzleramt zuständig für Geheimdienste, wußte es nach der Sitzung der parlamentarischen Kontrollkommission ganz genau: Die Geheimorganisation "Gladio", unter dem Tarnnamen "Stay behind" auch in Deutschland aktiv, habe niemals Verbindungen zu rechtsextremistischen Gruppierungen gehabt.
Nicht ganz so abgegrenzt hatte sich jedoch die Vorgängerorganisation für das Kommando "Stay behind". Schon Anfang der fünfziger Jahre sollte eine Truppe deutscher Partisanen für den Fall eines sowjetischen Überfalls im Hinterland bleiben und Sabotageakte verüben. Die Kämpfer benutzten damals als Deckung den rechtsgerichteten Bund Deutscher Jugend (BDJ).
Bei seiner Gründung 1950 in Frankfurt galt der BDJ offiziell als ein Gegengewicht zur kommunistisch gelenkten Freien Deutschen Jugend (FDJ). Das Startkapital bekamen die deutschen Rechtsausleger von Mitarbeitern des amerikanischen Geheimdienstes CIA gestellt. "Der BDJ", so sagt der ehemalige Agent Dieter von Glahn, 67, "war nur eine von mehreren antikommunistischen Organisationen, die damals von den Amerikanern bezahlt worden sind." Wer gegen den Osten agitierte, etwa im "Kampfbund gegen Unmenschlichkeit", hatte gute Chancen, mit Rat und Dollar unterstützt zu werden.
Der BDJ war keine Geheimorganisation, sondern arbeitete offen als "Stoßtrupp gegen den Kommunismus". Die Mitglieder verteilten Flugblätter und verbreiteten Propagandamaterial - nichts Ungewöhnliches in dieser Hoch-Zeit des Kalten Krieges. Wer den Deutschbündlern im Westen als Sympathisant des Ostens verdächtig war, mußte damit rechnen, an seiner Haustür Plakate zu finden mit Aufschriften wie "Ich bin ein Landesverräter, ich unterstütze die Kommunisten" oder "Auch dieser Laden wird bald volkseigen".
Diese und ähnliche Aktionen vollstreckte der legale Arm des BDJ. Die Amerikaner hatten gleichzeitig eine Organisation ins Leben gerufen, die verdeckt unter Geheimdienstbedingungen arbeitete und ebenfalls vom CIA finanziert wurde. Zunächst firmierte die Truppe unter der harmlosen Bezeichnung "Technischer Dienst (TD)". Später nannten sich die Konspirateure "Organisation Peters" nach dem TD-Chef und BDJ-Funktionär Erhard Peters.
Viele führende BDJ-Mitglieder waren auch Agenten des Technischen Dienstes. So baute BDJ-Mann Dieter von Glahn für den TD "verantwortlich in Norddeutschland" Geheimdienststrukturen auf. "Unser Auftrag und unsere Organisation", sagt er, "waren deckungsgleich mit dem, was man heute über ,Gladio' weiß." Bei einem Einmarsch der Roten Armee wollten die Partisanen in "kleinen unabhängigen Einheiten" Widerstand leisten, "später durch Fallschirmabwurf versorgt und bewaffnet werden und Nachschubstrecken und isoliert gelegene Wachgarnisonen angreifen und zerstören". Und, auch dies eine Parallele zu "Gladio": Gefährdete Politiker sollten beschützt und außer Landes gebracht werden.
Wie der BDJ wurde auch der Technische Dienst von amerikanischen Geheimdienstlern finanziert: Bis zu 50 000 Mark pro Monat kostete der Unterhalt einer Ausbildungsstätte bei Grafenwöhr, zwischen 500 und 1000 Mark kassierten die Partisanen-Funktionäre.
Das Geld, so berichtet von Glahn, bekamen sie jeweils in Frankfurt in einem Koffer ausgehändigt.
Die Amerikaner überprüften vorher Lebenslauf und Gesinnung; rechte Antikommunisten und Rechtsradikale galten als zuverlässig. Dieter von Glahn hatte darüber hinaus das Plus, nicht erst das Agentenhandwerk lernen zu müssen. Als ehemaliger Abwehroffizier der Wehrmacht kannte er sich im "Geschäft der verdeckten Arbeit" bereits aus. Seiner politischen Linie ist von Glahn bis heute treu: Vom ganz rechten CDU-Rand wechselte er kurzfristig zu den Republikanern und ist außerdem Mitglied der deutschnationalen Konservativen Aktion.
Ohne jegliche Kontrolle durch Bundesbehörden oder Parlament bereiteten sich von Glahn und die Partisanen des TD auf den "Tag X" vor. Sie errichteten Depots, in denen Nachrichtentechnik, Funkgeräte, aber auch Waffen aufbewahrt wurden. Ein Depot lag bei Huchting in der Nähe von Bremen. Ihre Kampfausbildung absolvierten die deutschen Geheimdienstler - immerhin vier Jahre vor der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik - an amerikanischem Gerät und an sowjetischen Beutewaffen. Dazu steckten die Amerikaner ihre Helfer in US-Uniformen und brachten sie zum Truppenübungsgelände bei Grafenwöhr.
Neben der militärischen Vorbereitung auf den Ernstfall beschäftigte sich der Technische Dienst mit Kommunismus-Sympathisanten in der Bundesrepublik. Die TD-Leute legten schwarze Listen an von Personen, die "aus dem Verkehr gezogen" werden sollten. Auf rund 200 Karteikarten hielt von Glahn als Bereichsleiter Oldenburg/Bremen die Daten von "Staatsfeinden" gespeichert. So war zu einem Arzt aus Oldenburg etwa vermerkt: "Halbjude, starker Edelbolschewist, vermutlich Freimaurer, befreundet mit Herrn S., der SPD-Mitglied ist."
Ob "aus dem Verkehr ziehen" bedeuten sollte, daß die Personen getötet, oder ob sie "nur interniert" werden sollten, wie von Glahn es darstellt, blieb umstritten. Ein entsprechendes Verfahren gegen von Glahn wurde 1955 eingestellt, weil die Existenz einer schwarzen Liste noch keine Tötungsabsicht belege.
Als der Technische Dienst 1952 aufflog, blieb die Sammelarbeit der Mitarbeiter nicht umsonst. Der Verfassungsschutz in Hannover, so berichtet von Glahn, habe nach seiner Gründung die Sympathisantenkartei des TD komplett übernommen. o

DER SPIEGEL 48/1990
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