22.10.1990

„Hier lernt man das Beten“

Der Kanzler hat seinen Minister kaum wiedererkannt. 17 Stunden nach dem Attentat bietet Wolfgang Schäuble ein Bild des Jammers. Vier Sonden in Nase, Mund und Unterkiefer. Eine Infusion im rechten Unterarm und ein Dauerkatheter unterhalb des Schlüsselbeins. Die Brust verkabelt mit dem EKG, Sensoren an den Fingern. Dränagen im Brustkorb, Katheter für die Blasenfunktion.
Kopf, Kiefer und Brustkorb verbunden, den Körper merkwürdig bizarr gelagert, um die zerschossene Wirbelsäule zu entlasten. Die Beine schlaff und abgewinkelt. Rund um das Bett Infusionspumpen, gläserne Unterdruckbehälter, Einweginstrumente und auf dem Monitor die flimmernde grüne Linie von Schäubles Herzschlag.
In der Intensivstation der Chirurgischen Universitätsklinik Freiburg rang Kohl um Fassung. Seine Brille beschlägt, er sucht nach aufmunternden Worten. Das Echo bleibt aus. Weil Schäuble maschinell beatmet wird und dabei sein Kehlkopf außer Funktion gesetzt ist, signalisieren nur die Augen ein Wiedererkennen. Beide Männer kämpfen mit den Tränen. "Hier lernt man das Beten", bekennt Kohl vor dem Abflug.
Es war der Tag, an dem Schäuble dem Tod am nächsten war. "Sehr ernst" sei der "Gesamtzustand", verlautbarten die behandelnden Ärzte. Und keine Besserung der "bestehenden neurologischen Symptomatik".
Daß der Minister überhaupt noch am Leben war, verdankte er einer Reihe glücklicher Umstände - zuallererst seiner guten sportlichen Konstitution (die weit besser ist als die anderer Berufspolitiker) und seinem vergleichsweise jungen Lebensalter. Schäuble ist 48 Jahre alt, und er hat sich, von Jugend an, nebenbei immer sportlich betätigt - als Bergwanderer, Radfahrer, Tennisspieler und Mittelfeldspieler in der Fußballmannschaft des Deutschen Bundestages. Er raucht keine Zigaretten, trinkt selten und sehr mäßig und schleppt kein Übergewicht mit sich herum. Ein Mann mit schlechteren Voraussetzungen hätte das Attentat wohl nicht überlebt.
Die Tatwaffe, ein fünfschüssiger Revolver der berühmt-berüchtigten Marke Smith & Wesson, Modell "Chief special", gilt als höchst effizient. Sie wiegt nur 528 Gramm und kann unauffällig in der Jackentasche transportiert werden. Ihre Schußleistung gilt als "außerordentlich gut".
Auch die deutschen Jäger schätzen S & W-Handfeuerwaffen. Attentäter Dieter Kaufmann entwendete den Revolver aus dem Waffenschrank seines Vaters. Die fünf Patronen, die er einschob, gehören zum Teuflischsten, was der Markt zu bieten hat. Jäger erledigen damit ihr weidwund geschossenes Wild. Kaufmann verwendete "Fangschußmunition", die "Geco Revolverpatrone Kaliber 38" spezial mit einem 7,5-g-Geschoß; deren Vorzüge rühmt der Hersteller wörtlich so: _____" Das niedrige Geschoßgewicht erlaubt eine hohe " _____" Anfangsgeschwindigkeit von 320 m pro Sekunde . . . Das " _____" verkupferte Bleigeschoß hat an der Spitze eine zwei " _____" Millimeter tiefe Ausnehmung. Es spricht beim Eindringen " _____" in den Wildkörper durch starke Deformation sofort an. Bei " _____" stärkerem Wild wie Sauen oder Rotwild wird die gesamte " _____" Energie voll im Wildkörper abgegeben, beste " _____" Voraussetzungen für ein Verenden des kranken Stückes. " _____" Ausgedehnte Versuche . . . haben eindeutig bewiesen, daß " _____" diese Konstruktion allen herkömmlichen Geschossen für den " _____" speziellen Zweck des Fangschusses überlegen ist. "
Der erste Schuß traf Schäuble von hinten rechts am Kopf, aus einem halben Meter Entfernung. Er drang unterhalb des rechten Ohres ein und zerstörte den rechten Ober- und Unterkiefer. Der zweite Schuß lag 20 Zentimeter tiefer. Er durchschlug von hinten den dritten Brustwirbelkörper und zerstörte ihn. Ein Rest der Kugel, die wie die seit 1868 völkerrechtlich geächteten Dumdum-Geschosse sofort "aufpilzt", blieb im Rückenmarkskanal liegen.
Weil Schäubles Leibwächter Klaus-Dieter Michalski den Schützen sofort ansprang und ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen versuchte, verfehlte der dritte Schuß das anvisierte Ziel und verletzte dafür den reaktionsschnellen Bodyguard an Hand und Bauchwand.
Die Druckwellen der beiden Schüsse und die zerplatzenden Metallteile zerrissen zahlreiche große und kleine Blutgefäße. Sie zerstörten aber auch neben der Wirbelsäule das Lungen- und Rippenfell. Sofort drang von außen Luft in den schmalen, sonst nur von einer dünnen Flüssigkeitsschicht ausgefüllten Hohlraum. Die Folge: Das elastische Lungengewebe zog sich herzwärts zusammen. Das verletzte Gewebe nahm an der Atmung nicht mehr teil. Luft im Brustfellraum - Fachwort: "Pneumothorax" - ist eine gefürchtete Komplikation.
Denn erstens vermindert "der Pneu" (Ärztejargon) die Sauerstoffsättigung des Blutes, zweitens bringt er auch ein unverletztes Herz aus dem Takt, und drittens verstärkt er den Verletzungsschock. Ein Angeschossener leidet in den ersten Minuten nicht so sehr unter den Wundschmerzen als unter dem - oft zutreffenden - Gefühl, ihm ginge jetzt für immer der Atem aus.
Fangschußmunition macht alles noch viel schlimmer. Die beiden Druckwellen und der Blutverlust katapultierten auch den robust-sportlichen Schäuble minutenschnell in einen lebensgefährlichen Schockzustand. Dann unterliegen Blutdruck und Herzfrequenz extremen Schwankungen. Alle unbewußt ("vegetativ") gesteuerten Körperfunktionen sind außer Takt. Das Bewußtsein schwindet. Setzt keine Behandlung ein, ist der Tod nur eine Sache von Minuten.
Schäuble hatte wieder Glück: Seine unverletzten Leibgardisten brachten ihn in die richtige, die "stabile Seitenlage".
Deshalb erstickte er nicht am eigenen Blut. Zehn Minuten nach dem Attentat war der lokale Bereitschaftsarzt zur Stelle. Mit einer Infusion und Medikamenten stabilisierte er den Blutkreislauf und machte den Verletzten so überhaupt erst transportfähig. 30 Minuten nach den Schüssen lag Schäuble im Rettungswagen.
Die Fahrt ging über gewundene Straßen erst in das Oberkircher Krankenhaus und von dort in das Kreiskrankenhaus Offenburg. Hier wurden die richtigen Diagnosen gestellt. Das ist bei Schußverletzungen erfahrungsgemäß schwer. Selbst Feldchirurgen auf einem Hauptverbandsplatz suchten manchmal stundenlang nach den Kugeln. Sicherheitshalber sind inzwischen zwei amerikanische Chirurgen, die in US-Slums alle Tage Schußverletzte verarzten, nach Freiburg eingeflogen worden.
Ein Schuß in die Wirbelsäule, der das Rückenmark verletzt, ist immer Sache der Spezialisten, der "Neurochirurgen": Denn nicht der zersplitterte Wirbelknochen ist das Problem, sondern der in seinem Inneren verlaufende zentrale Nervenstrang, das Rückenmark (siehe Grafik Seite 36).
Es reicht vom Hinterhauptsloch des Schädels bis in die Höhe des zweiten Lendenwirbels. Von diesem weichen, nur bleistiftdünnen Nervenstrang gehen rechts und links kleinere Nerven ab, die Beweglichkeit der Muskeln, Sinneswahrnehmungen und die inneren Organe steuern. Eine Durchtrennung des Rückenmarks bewirkt die gefürchtete "Querschnittslähmung". Sind die Rückenmarkbahnen unterbrochen, *___kann der Patient die Muskeln, meist der Beine, nicht ____mehr willkürlich bewegen, er ist und bleibt teilweise ____gelähmt; *___fallen in den betroffenen Gebieten die Berührungs-, ____Schmerz- und Temperaturempfindungen vollständig aus; *___sind auch Blasen-, Mastdarm- und Sexualfunktion, die ____Kreislaufregulation und die Schweißabsonderung gestört.
"Ich spüre meine Beine nicht mehr", hatte Schäuble in der Minute nach dem Attentat geflüstert. Querschnittslähmung? Alle seine behandelnden Ärzte vermieden das Schreckenswort. Statt dessen hieß es "neurologische Symptomatik", auch noch am letzten Wochenende. Ein mildes Wort für einen schlimmen Zustand.
Denn auch das rasche und richtige Handeln der Ärzte konnte den Schaden am Rückenmark nicht ruck, zuck korrigieren. Selbst ein Schnelltransport mit einem nachtflugtauglichen Hubschrauber unmittelbar vom abgelegenen Tatort zum Großklinikum Freiburg hätte nichts geändert. Erst mußte der Pneumothorax erkannt und fachgerecht behandelt sein. Das ist notärztliche Routine: Man verschließt die Wunde, so gut es geht, und saugt dann durch ein oder auch zwei Dränagen die Luft aus dem Brustraum. Dadurch entfaltet sich die Lunge und nimmt wieder an der Atmung teil. Ein Angeschossener mit einem Pneu, geliftet durch einen Helikopter, ist ein toter Mann.
Kurz nach ein Uhr nachts, drei Stunden nach den Schüssen, landete der Rettungshubschrauber mit Schäuble an Bord in Freiburg. Sieben Stunden brauchten die Spezialisten, um durch weitere Untersuchungen, darunter ein Computertomogramm, Schwere, Ausdehnung und Folgen der Schüsse abzuklären. Die Gesichtsverletzungen waren nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Deshalb wurden sie nur notversorgt.
Neurochirurgen und Brustkorb("Thorax"-)Chirurgen entfernten zehn Stunden nach der Tat die Fangschußkugel - genauer: das, was von ihr noch übrig war - aus dem Rückenmarkskanal. Das sichtbare Maß der Verletzungen sagt wenig aus über die drohenden Folgeschäden. Nur dann, wenn das Rückenmark völlig durchtrennt ist, hat der Verletzte keine Chance, der kompletten Querschnittslähmung zu entgehen. Andererseits beweist die erhaltene anatomische Kontinuität des Nervenstranges nicht, daß er alle seine Funktionen wiedererlangen wird. Massiver Druck von außen oder Blutungen von innen können die empfindlichen Nervenbahnen für immer und total ruiniert haben, ohne daß man ihnen dies ansieht.
Bisher gibt es keine Möglichkeit, ein zerstörtes Rückenmark erfolgreich wieder zusammenzunähen. Auch Medikamente, selbst wenn sie sofort angewendet werden, helfen nicht weiter. Rückenmarkschäden nehmen einen weitgehend schicksalhaften Verlauf, der sich nur vage voraussehen läßt. Je höher die Verletzung sitzt, desto massiver sind die Folgeschäden. Eine Läsion in Höhe des dritten Brustwirbels wie bei Schäuble gilt als weit oben, der Schaden liegt nur wenige Zentimeter von der Halswirbelsäule und dem Atemzentrum entfernt.
Je länger die "neurologische Symptomatik" - also der Verlust der motorischen, sensiblen und vegetativen Funktionen - anhält, desto geringer werden die Chancen einer völligen Genesung. Dabei zählt jeder Tag, eigentlich jede Stunde. Als gutes Zeichen gilt die Wiederkehr der sensiblen Empfindungen. Wenn ein Patient die Beine wieder zu spüren beginnt, darf er auch auf neue Beweglichkeit hoffen. Teilfunktionen können noch zwölf Wochen nach dem Trauma zurückkehren.
In einem zweiten Eingriff, einen Tag nach dem Besuch des Kanzlers, haben die Freiburger Neurochirurgen am vorletzten Sonntag versucht, der Schwellung des Rückenmarks durch eine druckentlastende Operation die Gefährlichkeit zu nehmen. Erkennbar geholfen hat das nicht. Die fehlenden Rückenmarksfunktionen kehrten nicht zurück. Schäuble spürt nichts.
Sicherheitshalber begann man Mitte der Woche mit krankengymnastischen Übungen. Das hält die gelähmten Glieder beweglich und trainiert "kompensatorisch", wie die Ärzte sagen, die gesunden Extremitäten. Weil Herz und Kreislauf stabil waren, konnten die Kieferchirurgen am Dienstag die Schußwunde versorgen und zwei Geschoßsplitter entfernen. Es war die erste Operation im Gesichtsbereich, weitere werden folgen.
Schäubles Rückenmark ist mit dem Messer nicht mehr zu helfen. Die Natur hilft sich nun selbst - oder sie hilft sich nicht: Dann haben die Ärzte Schäubles Leben gerettet, doch seine Gesundheit ist für immer verloren.

DER SPIEGEL 43/1990
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