24.09.1990

Ein Rudel Hasen

malte der Ost-Berliner Manfred Butzmann Ende November auf seine Seite der Mauer, "weil die auf dem Todesstreifen die größten Überlebenschancen hatten". Doch die Tierchen lebten nur kurz. Zwei Tage später übertünchten Grenzpolizisten die wilde Wandmalerei am Potsdamer Platz "wegen staatsfeindlicher Losungen". "Die Schandmauer muß fallen!" hatte da jemand neben die Hasen geschrieben.
Mit dieser "spontanen Aktion der Befreiung" (Butzmann) an der Mauer, die DDR-Bürger früher nicht einmal berühren durften - mit Butzmanns Hasen also haben jene Bilder, die nun die Ostseite schmücken, nur noch wenig zu tun. Seit Januar haben 80 Künstler 1300 Meter Ost-Berliner Mauer bemalt: Vom Hauptbahnhof bis zur Oberbaumbrücke - eine große, bunte Kunstausstellung. An diesem Wochenende wird die "East Side Gallery" offiziell eröffnet.
Die Künstlerin Ursula Wünsch, die die Mauer schon vor Jahren anmalen wollte, es aber bleiben ließ, weil sie das Gefängnis fürchtete, grüßt nun mit Friedenstaube "Alle Kinder dieser Welt!", und ein brauner Akt auf gelbem Grund ist einer "schwarzen lesbischen Frau" gewidmet, der ein Republikaner androht, daß er sie vergewaltigen werde. Zwischen den Werken sanfter Alternativer und anderer Sonntagsmaler - immerhin waren Farben und Pinsel kostenlos - ist vor allem die sowjetische Avantgarde stark vertreten.
"Die Mauer hat jahrelang Leute getrennt, jetzt machen wir das Gegenteil, bringen Leute zusammen aus der ganzen Welt", freut sich Managerin Christine MacLean und verweist auf Künstler aus Indien, Japan, Chile, Portugal, Ungarn, Frankreich und den USA. Doch dabei sind auch Berliner Mauermaler wie Indiano und Thierry Noir, die bereits früher auf der Westseite den Beton als Leinwandersatz erprobt hatten.
Künstlerisch dominieren die psychedelischen siebziger Jahre, dazwischen finden sich auch die versprengten Werke der letzten jungen Wilden. Die Themen Umwelt, Frieden, Liebe und Toleranz beherrschen die Ausstellung, und die meisten Bilder verkünden eine frohe Botschaft. Auf der einst grauen Mauer blühen pastellfarbene Paradiese, lila leuchten die Regenbogen, die Jugend tanzt; nur der Krieg ist böse.
Eigentlich sollten richtige Werbetafeln die Mauer schmücken; die Nutzungsrechte hatte der Bezirk Friedrichshain der jungen Werbe- und Veranstaltungsagentur wuva gegeben. Nach heftigen Protesten der Berliner schwenkte die Agentur von Kommerz auf Kunst um - bisher ein Verlustgeschäft. Um die 200 000 Mark an Kosten wieder reinzubekommen, müssen die Veranstalter eine Menge Postkarten, T-Shirts und Poster verkaufen.
Selbst den Gewinn, den die Veranstalter sich von einer Versteigerung der Werke am Ende versprechen, müssen sie sich mit dem Bezirk teilen, der 50 Prozent für eine Schule und kulturelle Einrichtungen fordert.
Doch vorher noch soll die 2811 Tonnen schwere Ausstellung in 1085 Einzelteilen per Container auf Welttournee geschickt werden. Geschätzte Kosten: 2,5 Millionen Mark, die Christine MacLean bei Sponsoren aufzutreiben hofft. "Interessenten gibt es schon", sagt die Managerin - doch feste Absprachen sind noch nicht getroffen.
Über Besuchermangel kann die nach eigenen Angaben "größte Open-Air-Galerie der Welt" schon vor Eröffnung nicht klagen. Tausende von Autos rauschen auf der sechsspurigen Rennstrecke vorbei, die Zahl der Neugierigen, die in Sightseeing-Bussen, Taxen und Trabis die Geschwindigkeit drosseln, wächst von Tag zu Tag. Gasmasken, wie sie auf einem Horrorgemälde zu sehen sind, haben einige Künstler bei der Arbeit selber getragen, um sich vor Auspuffabgasen zu schützen.
Auf dem schmalen Mittelstreifen schieben sich die Sonntagsausflügler mit Kind, Puppenwagen, Fahrrad und Kamera entlang, um von dort das unumstrittene Lieblingsbild zu knipsen: den Bruderkuß, den Honecker und Breschnew tauschen. Mit Spraydose oder Pinsel haben die beiden schon einiges an die Backe gekriegt. Nur der jüdische Stern auf deutscher Flagge von Günther Schäfer bekommt noch viel Schmierereien ab. Regelmäßig kommt der Künstler aus Frankfurt angereist, um die Naziparolen, auf seinem Bild "Vaterland" wieder zu entfernen. o

DER SPIEGEL 39/1990
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