22.10.1990

StudentenWeniger Gelaber

Ein Rechtsruck an den Unis hat die Vereinigten Deutschen Studentenschaften lahmgelegt. Der linkslastige Verband löst sich auf.
Das Ende kam spät, aber unaufhaltsam. Im Frühjahr 1969 bereits hatte die Regierung Kiesinger den Vereinigten Deutschen Studentenschaften (VDS) alle Bundeszuschüsse gestrichen, weil die Organisation keine Gewähr "für eine im Sinne des Grundgesetzes förderliche Arbeit" bot.
Jetzt, mehr als 21 Jahre später, nach zahlreichen Finanzkrisen und Streitereien, stellten die letzten VDS-treuen Studentenvertretungen ihre freiwilligen Zahlungen ein: Die VDS sind pleite, ihre Bonner Zentrale ist seit dem 1. Oktober geschlossen.
Nur ein offizielles Begräbnis fehlt noch - nicht einmal die zur Auflösung notwendige Stimmenzahl kam bei den letzten Mitgliederversammlungen zusammen.
Genau drei Tage vor dem Ende der DDR zerbrach damit der einzige bundesweite Interessenverband deutscher Studenten. Grund: Das Dachorgan von 175 Allgemeinen Studentenausschüssen (Asten) war zu einem "kommunistischen Kampfverband" geworden, der "von keiner der im Parlament vertretenen Parteien ernstgenommen" wurde, wie Bundesbildungsminister Jürgen Möllemann (FDP) urteilt - und nicht nur er.
"Die haben sich selbst kaputtgeschossen", meint Markus Kraemer, 24, Asta-Vorsitzender der Uni Köln, zum Schicksal der VDS. Der chaotische Dauerstreit zwischen den linken Gruppen - vom DKP-nahen Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB) über den Sozialistischen Hochschulbund (SHB) bis zu den Juso-Hochschulgruppen - habe den Verband ruiniert.
"Wer nicht links ist, für den war es bei den VDS gefährlich", berichtet Lucas Werner, 25, Bundesvorsitzender des Verbands Liberaler Hochschulgruppen. Bis zur Handgreiflichkeit sei manchmal die Intoleranz der kommunistischen Uni-Funktionäre gegangen. Um die "Arbeit in der Hochschule vor Ort" hätten sie sich dagegen wenig gekümmert - ein Desinteresse, das allerdings auf Gegenseitigkeit beruhte. Werner: "Die VDS war keine Sache, die die Studenten besonders aufgeregt hat."
Das sah einmal ganz anders aus. Die 1949 als Verband Deutscher Studentenschaften gegründete Organisation vertrat zunächst noch alle Studenten im Sinne einer Gewerkschaft. 1969 machte der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) die VDS zur Kampftruppe der außerparlamentarischen Opposition.
Nun organisierte der Verband den Protest gegen den "US-Imperialismus" in Vietnam; er ließ Schallplatten mit Kampfliedern des Vietcong pressen, und mitunter studierten seine Funktionäre Weltkonflikte auch vor Ort - in Nordvietnam ebenso wie in Guinea-Bissau.
In den siebziger Jahren verzettelten sich die Studentenführer im Glaubenskrieg um die reine Lehre: Trotzkisten und Maoisten, Leninisten und Stalinisten fochten erbittert um das Erbe von Marx, Engels und Konsorten. Die Folge: Bei den Wahlen für die Studentenparlamente von Kiel bis Konstanz sank die Wahlbeteiligung zuweilen weit unter 20 Prozent.
Erst im großen Streik des Wintersemesters 1988/89 entstand wieder eine neue Studentenbewegung. Von großer Politik war diesmal kaum die Rede, wohl aber von überfüllten Hörsälen, vom Mangel an Professoren und Studentenheimen. Getragen wurde die Bewegung von der sogenannten Basis, also vor allem von den studentischen Fachschaften jeder einzelnen Fakultät.
"Der Protest ging völlig an den linken Gruppen vorbei", bestätigt Anja Maschinsky, Ex-Vorsitzende des kommunistischen MSB. Neue, undogmatische Listen kandidieren seither mit wachsendem Erfolg bei den Uni-Wahlen. In Trier etablierte sich die Liste "Weniger Gelaber" im Studentenparlament, in Passau die Gruppe "Sechs Richtige für alle". Andernorts sind es die "Giraffen", "Geldgierige Anarchos", "Unerschrockene Anfänger" oder die "Männer von heute".
In Dortmund machte plötzlich eine Gruppe namens "Trink was" der linken Bündnisliste "Tu Was" Konkurrenz. Gleich reihenweise fielen linke Asten in Ungnade. Erstmals nach 18 Jahren regiert in Münster seit Februar ein bürgerlicher Asta aus Unabhängigen Fachschaftern und dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten. Auch in Hamburg, Köln und Paderborn wurden die Vertreter von MSB und SHB in die Opposition geschickt.
Schließlich stürzte der Zerfall des Ostblocks auch die linken Studentengruppen in eine tiefe Identitätskrise. Immerhin hatte der SHB noch im Juni letzten Jahres die blutige Niederschlagung der chinesischen Studentenunruhen verteidigt. Und der linke Asta der Freien Universität Berlin hielt im vergangenen Oktober sogar eine Glückwunschadresse an Erich Honecker zum 40. Geburtstag der DDR für angebracht.
Seit der Wende aber liefen dem SHB und dem MSB die Mitglieder in Scharen davon. Der MSB bekam zudem kein Geld mehr aus Ost-Berlin. Zuerst mußte das Verbandsorgan Rote Blätter eingestellt werden, dann der MSB selbst: Im Juni löste sich der mit einst 6000 Mitgliedern größte westdeutsche Studentenverband auf.
Zu den Nutznießern des Rechtstrends an den Unis zählen vor allem die Unabhängigen, also eher pragmatisch orientierte Gruppen aus den studentischen Fachschaften, sowie die aus der linken Stamokap-Ecke zurückgekehrten Hochschul-Jusos. Der Auszug der Juso-Asten aus allen Gremien, bei der letzten VDS-Mitgliederversammlung im Mai, gab den maroden VDS den Rest.
Seither hat ein Asta nach dem anderen die Zahlungen an die VDS eingestellt. So der Asta in Münster, der Jahr für Jahr zwischen 50 000 und 60 000 Mark in die Verbandskasse abgeführt hatte. "Offiziell ging das Geld in die Organisation des Studienplatztausches", weiß Jürgen Tacke, der von den Unabhängigen nominierte Asta-Vorsitzende in Münster. Doch "nirgends" seien "irgendwelche Belege aufzutreiben", wohin die beträchtlichen Summen "wirklich flossen".
Acht westdeutsche Asten sowie der studentische Sprecherrat der ehemaligen DDR haben nun in der vorvergangenen Woche in Düsseldorf ein gemeinsames Büro gegründet, das die VDS zwar nicht ersetzen, aber doch wenigstens für überregionale Kontakte zwischen den Studentenvertretungen sorgen soll.
Ob es im November, beim Treffen aller deutschen Asten in Bremen, zur Gründung einer Nachfolgeorganisation der VDS kommen wird, ist allerdings mehr als fraglich. "Dort prallen doch wieder nur unversöhnliche Positionen aufeinander", fürchtet etwa Henning Schulze-Lauen, Asta-Vorsitzender der Technischen Hochschule Aachen.
Wahrscheinlicher ist, daß jetzt auch in der Bundesrepublik französische oder auch italienische Verhältnisse einkehren werden: In beiden Ländern existieren jeweils zwei große studentische Dachverbände, aufgeteilt nach politischer Couleur - mal ultralinks, mal eher bürgerlich.
In das VDS-Büro in der Bonner Rittershausstraße ist derweil schon ein Nachmieter eingezogen, der ganz dem Geist des Hauses entspricht: die Linke Liste/PDS.

DER SPIEGEL 43/1990
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