26.11.1990

ChileRechnung ohne Witwe

Chiles Militärs, die sich stets als unbestechliche Retter des Vaterlandes aufspielten, bereicherten sich über eine illegale Bank.
Wie die Richterin Monica Tagle starb, weiß niemand genau. Ihre Leiche wurde Mitte Oktober in ihrem ausgebrannten Wagen auf einer abgelegenen Landstraße gefunden. Sie habe sich selbst mit Benzin übergossen und angezündet, sagt die Polizei, die Richterin habe "seit langem an Depressionen" gelitten.
Etwas kann nicht stimmen an dieser Erklärung. Richterkollegen erzählen, sie sei erpreßt worden und habe Todesdrohungen erhalten. Denn Monica Tagle hatte kurz vor ihrem Tod Anklage gegen einen Offizier erhoben wegen eines Finanzskandals, in den hohe Chargen des Heeres, Vertrauensleute von Ex-Diktator General Augusto Pinochet, verwickelt sind.
Die verbrannte Richterin erinnert an Mafia-Verbrechen in Sizilien. Und einer kriminellen Organisation, die seit Mitte der achtziger Jahre innerhalb des Heeres und Pinochets berüchtigter Geheimpolizei CNI operierte, war die Ermittlerin auf der Spur: Unter dem Decknamen "La Cutufa" (etwa: Gemeinschaftskasse) hatten Offiziere eine illegale Finanzierungsgesellschaft aufgezogen, die innerhalb von fünf Jahren Einlagen von 50 Millionen Dollar angesammelt haben soll.
Geldgeber waren Militärs, die für ihre Einlagen Erträge bis zum Fünffachen der Bankzinsen kassierten. Die Macher von La Cutufa erzielten ihre Profite durch Geldverleih zu Wucherzins. Ihr Gesellschaftskapital vermehrten sie durch anrüchige Geschäfte: Versteckt in Indianermumien aus der Atacama-Wüste im Norden Chiles, sollen sie bolivianisches Kokain in die USA und nach Schweden verschoben haben. Alte Waffen aus Armeebeständen schmuggelte die Heeresmafia ins Ausland.
Doch nur acht Monate nach Wiederherstellung der Demokratie in Chile ist die Aufklärung von Verbrechen, deren Täter in den Kasernen sitzen, immer noch lebensgefährlich. Die Macht der Militärs ist noch nicht gebrochen, und auch die Geheimpolizei hat überlebt: Zwar löste General Pinochet kurz vor seinem Abtreten als Diktator im März die CNI auf, doch die Agenten übernahm er als Zivilpersonal in den Geheimdienst des Heeres, dessen Oberbefehlshaber er ist.
So blieb die neugierige Richterin Tagle auch nicht die letzte Tote des Finanzskandals. In seinem Auto wurde Anfang des Monats der ehemalige CNI-Mitarbeiter Mayor Manuel Antonio Flores vor den Augen seiner Freundin erschossen. Die übergab den Carabineros, der paramilitärischen Polizei, enthüllende Dokumente über die Geheimkasse, die Flores bei sich trug.
Der Mord an einem Cutufa-Aussteiger hatte die Goldgrube auffliegen lassen: Aurelio Sichel, 33, Besitzer zweier teurer Restaurants in der chilenischen Hauptstadt, starb im Morgengrauen des 19. Juli 1989 im Kugelhagel bislang unbekannter Täter, als er mit seinem Mercedes vor seinem Haus am Stadtrand von Santiago eintraf. Der Unternehmer mit engen Beziehungen zu rechtsextremen Kreisen hatte mehr als eine Million Mark in der Geheimkasse. Er hatte wiederholt sein Geld zurückverlangt. Als die Cutufa-Chefs seine Forderung nicht erfüllen wollten, drohte er, sie zu verraten.
Die Mörder hinderten ihn am Plaudern. Doch sie hatten ihre Rechnung ohne die Witwe gemacht: Isabel Pizarro, 30, war mutig genug, zur Polizei zu gehen und jene Offiziere beim Namen zu nennen, die sie als Cutufa-Chefs kannte und für Auftraggeber der Ermordung ihres Mannes hielt.
Über ein Jahr lang blieben die Untersuchungen einer Spezialermittlungseinheit der Carabineros Verschlußsache. Der vom - zivilen - Obersten Gerichtshof eingesetzte Sonderrichter wollte sogar seine Recherchen im Mordfall "aus Mangel an Beweisen" einstellen.
Da explodierte Ende September eine Bombe im Haus des Hauptmanns Gaston Ramos, eines ehemaligen CNI-Agenten, der inzwischen beim Heeresgeheimdienst arbeitete. Ramos war Stunden vorher untergetaucht. Wenige Tage später wurde er in Untersuchungshaft genommen: Die Richterin Tagle klagte ihn im Zusammenhang mit dem Finanznetz der Militärs an und suchte nach einer Verbindung mit dem Mordfall Sichel - so platzte der Riesendeal La Cutufa.
Kopf des geheimen Schwarzgeldnetzes war General Gustavo Abarzua, Leiter des Heeresgeheimdienstes und ehemals CNI-Chef. Als Kundenfänger bei den Kameraden in Heer und Geheimpolizei arbeiteten jener Ramos und ein Hauptmann a. D. Patricio Castro, Teilhaber des Restaurantbesitzers - nach Aussagen der Witwe auch sein Mörder. Castro wurde Anfang November in Paraguay verhaftet, wohin er mit mehr als einer Million Dollar geflohen war.
"La Cutufa, das war der Aktenkoffer von Castro", so beschreibt die Sichel-Witwe die Arbeitsweise der Soldaten-Bank. Die Anleger aus dem Militär und der Society von Santiago gaben Schecks und erhielten von Castro einen Scheck von seinem Konto über den um die Zinsen erhöhten Betrag, einlösbar einen Monat später. Solche Garantiepapiere besaß auch ihr Mann. Stunden nach seinem Tod durchsuchten aber Geheimdienstleute auf Befehl Abarzuas das Anwesen des Unternehmers und ließen alles Belastungsmaterial - darunter ein von Pinochet signiertes Gewehr - verschwinden.
Die Enthüllungen zeigen nun Wirkung im Militär. Als im Oktober das jährliche Revirement in der Armee anstand, schlug General Pinochet als Heereschef dem Präsidenten Patricio Aylwin die vorzeitige Pensionierung von vier Generalen vor, denen Verwicklung in La Cutufa vorgeworfen wird: neben Abarzua auch den Stabschef des Heeres und Ex-CNI-Chef, Hugo Salas Wenzel, sowie den Generalinspekteur des Heeres und den Chef der 6. Division - alles Vertrauensleute des Ex-Diktators.
Zwar betonte der General, in der ihm unterstellten Waffengattung gebe es keine Schuldigen. Doch die Umwälzungen, die er selbst im Heer veranstaltete, strafen ihn Lügen: 16 Offiziere seines Geheimdienstes mußten ausscheiden, an die 500 Offiziere, ein Großteil der von Pinochet herangezogenen Elite, erhielten Einträge in die Personalakte, die zu ihrer Entlassung im kommenden Jahr führen werden. Etwa ebenso viele Offiziere zogen es vor, ihre illegalen Ersparnisse zu verschweigen, um die Karriere zu retten.
Den General Pinochet hat der Geldskandal in die größte Krise seiner Laufbahn gestürzt. Nicht einmal Folter und Mord an politischen Gegnern während der Diktatur haben das Ansehen der Streitkräfte so geschädigt wie der Millionen-Schwindel im Heer. Schon gibt es Hinweise auf ähnliche Geheimbanken bei Luftwaffe, Marine und Carabineros.
Nun, da das selbstentworfene Bild von der Unbestechlichkeit der chilenischen Militärs von häßlichen Flecken getrübt wird, kommen fast täglich neue Korruptionsaffären der Armee ans Licht. Der Ex-Diktator selbst muß sich möglicherweise bald vor einem Untersuchungsausschuß der Abgeordnetenkammer verantworten. Der soll erforschen, wieso der älteste Pinochet-Sohn Augusto im Januar 1989 über drei Millionen Dollar aus der Heereskasse für seine pleite gegangene Waffenfabrik erhielt.
Die Schwäche des ehemaligen Alleinherrschers über Chile nutzte Präsident Aylwin aus. Schriftlich lehnte er die Beförderung von zwei Pinochet-Schützlingen in den Streitkräften ab.
Doch viele Chilenen wagen nicht, die Krise in der Armee als Stärkung für die gerade wiedergewonnene Demokratie zu werten. Sie fürchten, daß die bewaffnete Kaste mit ihrem schwer angeschlagenen Führer noch einmal versuchen könnte, ihre Ehrenrettung mit dem Gewehr durchzusetzen.

DER SPIEGEL 48/1990
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