24.09.1990

BestsellerSchwerer Goldkäfer

Comeback einer Trivialheldin: Die feurige Angelique soll nochmals den Buchmarkt anheizen.
Das Leben der Angelique de Sance begann "im Zeichen der Gespenster und der Schnapphähne". Ein "Geheimnis" umwob ihre Existenz, die zwischen der "Milch der Leidenschaft" und allgegenwärtigen "Schatten des Unheils" oszillierte.
Mußte da die Liebe nicht unweigerlich ins Extravagante spielen? Mal nahm ein ordinärer Grobian die "Unbezähmbare" mit roher Gewalt, mal techtelmechtelten feinsinnige Blaublüter vom Schlage des Grafen de Peyrac stilkundig mit dieser "Frau in der reifenden Schönheit des frühen Sommers".
Der "seltsame Reiz, dem so viele erlagen", beruhte indes, für eine weltweite Leserschaft, auf dem seriellen Charakter der Roman-Aristokratin. Ob Ungemach, ob flüchtig'' Glück - Fortsetzung drohte immerdar.
Erst 1985, nach 29 Jahren und 14 episch breitgewalzten Bänden voll zäher Ranküne und beharrlich lodernder Leidenschaft, nahm die Trivialschnulze ein gnädiges Ende. "Mit Gottes Hilfe war alles möglich", harfte die französische Angelique-Autorin Anne Golon auf der letzten von insgesamt 6910 Buchseiten. Nun könne sie sich, ergänzte sie in einem Interview, "getrost die Schreibhand brechen". Der Fall schien ausgestanden.
Doch auf Angelique lastet, so scheint es, der Fluch des Erfolgs. Am 1. Oktober, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, wird die betörende Adlige "mit dem schweren, goldkäferfarbenen Haar" aus ihrem literarischen Groschengrab exhumiert. Der Herrschinger Pawlak-Verlag, routinierter Resteverwerter solch filigraner Federn wie Utta Danella und Willi Heinrich, bringt dann auch Golons Angelique, komplett im Schuber, wieder unters Volk*.
Schätzungsweise 100 Millionen Leser, zu zwei Dritteln weiblich, folgten der Herzensbrecherin bereits auf ihren amourösen Irrwegen durch das absolutistische Frankreich oder die waldreichen Weiten Neuenglands. Der Kolossalkitsch der Ex-Journalistin Golon wurde in 27 Sprachen übersetzt. Ihr Mann Serge, ein promovierter Mineningenieur, der eigentlich Vsevolod Golonbinoff _(* Anne Golon: "Angelique lebt". Pawlak ) _(Verlagsgesellschaft, Herrsching; 6910 ) _(Seiten, 14 Bände; 139,30 Mark. ) hieß, stand bei der Fließbandproduktion mit historischen Recherchen Pate.
Drei Jahre lang hatte er in den Archiven des Versailler Schlosses Fakten kompiliert, bevor der Angelique-Erstling 1956 erschien. 17 000 Wörter hämmerte seine Frau pro Werktag in die Maschine - der Vielschreiber Honore de Balzac brachte es zu seinen besten Zeiten, per Hand, nur auf 7000.
Seriöse Kritiker ließen sich von solcher Fleißarbeit nicht blenden. "Angelique bietet tausendfach alles unter einem Dach", monierte die FAZ. Die Figur sei "keineswegs komplex, sondern bloß synthetisch".
Daß "derlei Mist nicht für wirkliche Frauen, sondern für Gänse" geschrieben sei, wie beispielsweise der Publizist Robert Neumann lästerte, beeindruckte jedoch weder die Autorin noch die Fangemeinde. Allein in der Bundesrepublik verkaufte die "erfolgreichste Schriftstellerin des Atomzeitalters" (Weltwoche) mehr als zehn Millionen Schmöker. Fünf Angelique-Filme mit der südfranzösischen Apothekerstochter Michele Mercier in der Hauptrolle brachten in den sechziger Jahren zusätzlich Geld in die Kasse.
Die Neuauflage des Bestsellers, dessen Publikum gemeinsam mit der Heldin in die Jahre kam und darüber die Emanzipation vergaß, hat fast Simmelsche Dimension. Gleich 100 000 Kassetten, insgesamt 1,4 Millionen Bücher, liefert der Verlag aus; vergleichsweise bescheidene 40 000 Sammelbände brachte er vor Jahresfrist von Golons Gesinnungsschwester Danella in den Handel. Pawlaks Optimismus fußt auf einer Marktanalyse des Bielefelder Emnid-Instituts. Erstaunliches Ergebnis: An der Mantel-und-Degen-Saga vor akribisch ausgepinselten Kulissen des 17. Jahrhunderts besteht anscheinend wieder akutes Interesse.
23 Prozent der Gesamtbevölkerung über 14 Jahre können "sich vorstellen, mindestens einen Band zu kaufen" - das entspreche 11,23 Millionen Kunden, wie die Herrschinger Buchhändler frohlockend hochrechnen. Jeder hundertste Bundesbürger bekundete sogar keine Hemmungen, sich die Gesamtausgabe in die Schrankwand zu stellen. "Wertiges Geschenk für wenig Geld", wirbt Pawlak mit Blick auf Weihnachten und schwärmt von 308 Millionen Mark "Umsatzpotential".
Damit dem "Buch- und Medienereignis im Herbst ''90" (Verlagsreklame) trotz des zu erwartenden Messerummels um gewichtigere Literatur gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird, investiert der Verlag 400 000 Mark in Fernsehspots und Anzeigen. Schützenhilfe kommt vom Seichtsender Sat 1, der ab November alle Angelique-Schinken, eine Art Emmanuelle für Seniorenstifte, mit Verweis auf die Pawlak-Kassette ausstrahlt.
Da mag auch die Autorin Anne Golon, 62, nicht zaudern. Sie reist aus ihrem Pariser Refugium zur Promotion des gesammelten Schmonzes nach Frankfurt herbei.
Zuletzt war das Angelique-Fieber ja abgekühlt. Nun hofft sie wieder auf üppigeren Tantiemenfluß: "Nach allem, was war, dachte Angelique und blinzelte mit ihren grünen Augen in die Sonne, nach allem, was war, ist der Himmel es mir eigentlich schuldig!" o
* Anne Golon: "Angelique lebt". Pawlak Verlagsgesellschaft, Herrsching; 6910 Seiten, 14 Bände; 139,30 Mark.

DER SPIEGEL 39/1990
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