26.11.1990

PetunienFiasko in Farbe

Der erste deutsche Freiland-Versuch mit genmanipulierten Pflanzen war ein Fehlschlag - doch die Forscher wollen weitermachen.
Im Juli waren die Forscher vom Kölner Max-Planck-Institut (MPI) für Züchtungsforschung noch zuversichtlich gewesen. In prachtvollem Lachsrot blühten die rund 30 000 Petunien auf dem fußballfeldgroßen Versuchsareal. Nur einige der beliebten Zierpflanzen hatten weißgestreifte oder weißgefleckte Blüten entfaltet. Der Anteil dieser Ausreißer hielt sich im Rahmen der wissenschaftlichen Vorhersagen. Dann kamen die Hundstage des Sommers 1990, und der durch einen meterhohen Drahtzaun gesicherte Testacker auf dem MPI-Gelände erbleichte. Im August war das Lachsrot einem beinahe reinen Weiß gewichen.
Als die Hitzewelle verebbte, wechselten die Petunien abermals ihre Blütenfarbe. Doch sie färbten sich, sehr zum Leidwesen der MPI-Forscher, nicht zurück ins monochrome Lachsrot; vielmehr glich der Blumenacker nun dem Petunien-Angebot auf einem Wochenmarkt: Es blühte weiß und blaßrot, ziegelrot, blau und rosa.
Der heftig umstrittene erste deutsche Freilandversuch mit gentechnisch veränderten Pflanzen war - die Farbenpracht signalisierte es - zu einem "großen Flop" geraten, wie die Berliner Tageszeitung urteilte. Die Kölner Umweltgruppe "BürgerInnen beobachten Petunien" lachte sich, so ihr Sprecher Gregor Bornes, "lauthals ins Fäustchen".
Die Kölner Versuchsleiter allerdings ließen sich von dem farbenfrohen Fiasko nicht erschüttern. Die Molekularbiologen Heinz Saedler und Peter Meyer räumten zwar kleinlaut ein, das ursprünglich anvisierte Testziel verfehlt zu haben. Doch dafür hatten sie "überraschend aufgeworfene neue Fragen" entdeckt, Grund genug für einen zweiten Freilandversuch: Es sei jetzt "unbedingt" nötig, so Saedler, die "molekularen Vorgänge" in den Pflanzen zu analysieren. Der Antrag für die erneute Freisetzung von 20 000 Petunien, die im Frühjahr 1991 gepflanzt werden sollen, sei bereits gestellt.
Gefährliches könne nicht passieren bei dem beantragten Versuch, so versicherten die Wissenschaftler. Dabei hatte das erste Kölner Experiment geradezu beispielhaft offenbart, wie trügerisch die Sicherheitsversprechungen der Freilandforscher sind: *___Als deutlich überzogen erwies sich die Behauptung der ____Geningenieure, jede Auswirkung von Eingriffen in das ____Erbgut sei exakt vorhersagbar - der Petunien-Versuch ____überraschte die Forscher mit gänzlich unerwarteten ____Ergebnissen; *___widerlegt wurde insbesondere die bislang als sicher ____geltende These, genmanipulierte Organismen könnten sich ____niemals unkontrolliert übers Land ausbreiten, da sie ____ihren natürlichen Konkurrenten im Daseinskampf ____hoffnungslos unterlegen seien - in Köln erwies sich das ____Gegenteil als richtig: Die manipulierten Petunien ____zeigten sich zählebiger, sie brachten mehr Triebe, ____Blätter und Blüten hervor als ihre natürlichen ____Geschwister.
So überzeugt vom Erfolg ihres Unternehmens waren die Kölner Forscher, daß sie die von ihnen manipulierten Blumen schon vor zwei Jahren zum Patent angemeldet hatten. Das Know-how verkaufte der MPI-Patentverwerter "Garching Instrumente" bereits an ein japanisches Unternehmen sowie an einen niederländischen Gemüse- und Saatgutproduzenten.
Für das Petunien-Projekt hatten die MPI-Biologen in das Erbmaterial weißblühender Petunien ein bestimmtes Maisgen geschleust. Das Fremdgen kurbelte in den Pflanzen die Synthese eines lachsroten Pigmentfarbstoffes an, eine Farbvariante war die Folge, die durch herkömmliche Züchtung bislang nicht erreicht werden konnte.
Wäre alles nach Plan und Vorhersage verlaufen, so hätten sich im lachsrosa Blütenmeer einige wenige Blütenkelche mit weißen Tupfern oder Streifen zeigen müssen. Das Farbphänomen sollte signalisieren, daß sogenannte springende Gene (Transposonen) in das für die Blütenfarbe verantwortliche, vom Mais stammende Segment des Erbmaterials übergewechselt waren.
Die Transposonen aus den genau lokalisierten Maisfarbgenen wollten die Forscher isolieren und damit Aufschluß über die noch unklare Rolle der Springgene gewinnen; die streunenden Genabschnitte gelten seit langem als "Motor der Evolution" und "Mutationsgeneratoren". Kommerziell eingesetzt, so warben die MPI-Patentverwerter in Garching, könnte die Transposonen-Technik für die "Produktion neuer, bislang eher langweiliger Zierpflanzen" genutzt werden.
Ihre hochgesteckten Erwartungen müssen die Balkon- und Gartenpflanzer nun erst mal zurückstellen. In den 66 Petunien mit rotweißmarmorierten Blüten, die das Saedler-Team vom Testacker pflückte, fand sich bislang nicht die Spur eines Springgens. Statt dessen entdeckten die Kölner bei der molekulargenetischen Untersuchung der Petunien-Blüten, daß die Farbänderung nicht durch genetische Einflüsse, sondern offenbar durch eine chemische Reaktion ausgelöst worden war.
Wie es dazu kam, ob etwa die Sonne, die Hitze, der Boden oder gar das eingebaute Maisgen für den Farbeffekt verantwortlich waren, will Saedler in der geplanten neuen und weitaus komplizierteren Versuchsreihe herausfinden.
Für die Grünen im Düsseldorfer Landtag ist die angekündigte Fehlersuche "völlig unsinnig". Die Kölner Bürgerinitiative zeigte sich "entsetzt über die Arroganz der Forscher", die "ihre Unfähigkeit zur Selbstkritik" erneut unter Beweis gestellt hätten. Die Bürgerprotestler planen, so ihr Sprecher Bornes, "starke Aktionen" gegen die Fortsetzung des Freilandversuchs.
Als "eher ungefährlich, aber auch uninteressant" bezeichnet der "Arbeitskreis Berufsbild und Selbstverständnis in der Biologie" die Kölner Petunien-Experimente. Die Gruppe, bestehend aus kritischen Biologen aller Fachrichtungen, argwöhnt hinter Saedlers Versuchen vor allem wissenschaftspolitische Motive.
Mit Hilfe der jedermann vertrauten Balkonpflanzen, die er zur Genmanipulation verwende, veranstalte Saedler, so der Arbeitskreis, "eine bewußte Demonstration der Harmlosigkeit von Freisetzungen" - beim Versuch, öffentliche Widerstände gegen Freilandexperimente zu unterlaufen, habe Saedlers MPI gleichsam die Vorreiterrolle übernommen.
Genforscher in rund 1200 kommerziellen oder Hochschullabors, dazu mehr als 50 Pflanzenzuchtbetriebe, die mit den Gentechnikern kooperieren, verlangen immer ungeduldiger nach der Erlaubnis für Freilandversuche; bei derzeit über 200 Freilandexperimenten im Ausland, so die Zeitschrift Naturwissenschaften, liege es "auf der Hand, daß die deutschen Wissenschaftler und Pflanzenzüchter wegen der Konkurrenz besorgt sind".
Auf Testäckern erproben wollen Firmen und Forschungsinstitute genmanipulierte Nutzpflanzen wie Kartoffeln, Blumenkohl, Luzerne oder Zuckerrüben, die dank neu kombinierter Erbanlagen gegen bestimmte Herbizide immun sind, aber auch genetisch umgebaute Bakterien: Einen Freilandversuch mit stickstoffixierenden Bodenbakterien beantragte soeben die Uni Bayreuth.
Was die Genbastler im einzelnen vorhaben - und von der Zentralen Kommission für Biologische Sicherheit (ZKBS) am Bundesgesundheitsamt in Berlin genehmigen lassen müssen -, dringt nur in Bruchstücken an die Öffentlichkeit. "Wir wollen nicht dafür verantwortlich sein, wenn bei den Labors die Scheiben eingeworfen werden", erklärt Hans-Jörg Buhk von der ZKBS, in der überwiegend Genforscher sitzen.
Bekannt wurde unter anderem ein Projekt der Kleinwanzlebener Saatzucht AG in Einbeck, an der auch der Pharma-Multi Hoechst beteiligt ist: Die Firma plant Freilandversuche mit virusresistenten Zuckerrüben.
Die gentechnisch aufgerüsteten Rüben produzieren leere Virushüllen, die sie vor der Rizomania schützen sollen, einer Krankheit, die das Volumen der Ackerfrüchte auf Tennisballgröße schrumpfen läßt - wobei freilich die Gefahr besteht, daß aus den Virushüllen neue, womöglich noch gefährlichere Krankheitskeime entstehen.
Nach dem Scheitern des Kölner Petunien-Versuchs, der "als Musterbeispiel auch zur Information der Öffentlichkeit" (Naturwissenschaften) gedacht war, werden die deutschen Genchirurgen ihren Tatendrang wohl weiter zügeln müssen. Was ihre Gegner besänftigen sollte, hat sie erst richtig aufgeschreckt: "Nicht auszudenken", so erregte sich die grüne Landtagsabgeordnete Katrin Grüber, "was auf uns hätte zukommen können, wäre der Freilandversuch mit weniger harmlosen Lebewesen durchgeführt worden."
Ob es den Kölner MPI-Forschern gelingen wird, in einem zweiten Anlauf die Unbedenklichkeit von Freilandversuchen zu demonstrieren, bleibt fürs erste fraglich: Bevor sie, wie geplant, eine neue Fuhre manipulierter Petunien einbuddeln dürfen, muß das Experiment in einem öffentlichen Anhörungsverfahren genehmigt werden - so schreibt es das neue, im Sommer in Kraft getretene Gentechnik-Gesetz vor.
Eine Ablehnung ihres Antrags oder einen Aufschub haben Saedler und Meyer schon einkalkuliert. In diesem Fall, so erfuhr die Tageszeitung, wollen sie "den bequemen Weg gehen" und ihre Petunien in Belgien einpflanzen.

DER SPIEGEL 48/1990
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