17.12.1990

Im Kerker der Harmonie

Ein Berg gekochter Muscheln auf dem Tisch, davor ausharrend Mutter, Tochter und Sohn, wie hypnotisiert vom Schatten eines Abwesenden: Der Vater wird von einer Dienstreise zurückerwartet, die "der letzte Meilenstein auf dem Weg zur Beförderung" sein soll. Daß er nicht kommt, gibt der Ich-Erzählerin, seiner Tochter, Gelegenheit zu einem beklemmenden Monolog. Was sie beschwört, ist ein fürchterliches Familienidyll.
Kein rasender Berserker, der offenen Widerstand und Haß provozieren würde, verbreitet da Furcht und Schrecken, viel schlimmer: ein strebsamer Kleinbürger, aus bescheidenen DDR-Verhältnissen stammend, will nach oben. Und zu einer ordentlichen Karriere gehört allemal "eine richtige Familie" - drei Worte, die wiederkehren wie die Heullaute eines Sirenenalarms.
Birgit Vanderbeke, 34, zeichnet in diesem literarischen Debüt, das ihr den Ingeborg-Bachmann-Preis 1990 eintrug, ihren maschinenhaft kalkulierenden "Helden" mit eisiger Genauigkeit. Die Imitation seiner Denkungsart ist ihr wirkungsvollster Kunstgriff.
Der Vater kann es sich, bei seinen hohen Zielen, "nicht gefallen lassen, daß seine Brut ihn blamiert". Schon bei der Geburt seiner Tochter hat er "einen sehr negativen Eindruck von mir gehabt". Auch der linkische Sohn ist "die reinste Enttäuschung", und der bis zur Erschöpfung rackernden Mutter hat er wegen einer Abtreibung "starke Vorwürfe machen müssen, weil mein Vater moralisch gewesen ist von Jugend an".
Unerträglich lastet der erpreßte Schein einer heilen Welt auf der Zwangsgemeinschaft. Erst am Ende, als die Mutter sich abrupt zu ihrer Bewunderung für Medea bekennt, die Kindstöterin der antiken Mythologie, fällt Licht in den Kerker der Harmonierituale: "Wir haben es meiner Mutter aber nicht übelgenommen, daß sie uns alle vergiften wollte, sondern haben uns nur gefreut, daß das Versöhnliche, worunter wir sehr gelitten hatten, endlich einmal verschwunden war."

DER SPIEGEL 51/1990
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