22.10.1990

IkonenKarfreitags ganz bleich

Machtkämpfe um Bilder, die angeblich „nicht von Menschenhand“ erschaffen waren - ein Buch räumt mit andächtiger „Ikonen-Mystik“ auf.
Die Bilder hatten Macht und genossen inbrünstige Verehrung. Sie konnten, so hieß es jedenfalls, weinen und bluten, sie schwitzten heilkräftiges Öl und schreckten, auf belagerten Stadtmauern hochgehalten, die Feinde ab. Sie wurden beweihräuchert, geküßt und zu wechselseitigen Besuchen umhergetragen. Dann kam die Renaissance, und alles war nur noch Kunst. So etwa ließe sich, vereinfachend, eine Epoche europäischer Kulturhistorie beschreiben - eine in Wahrheit spannend verwickelte Geschichte von hin- und herwogendem Bilderstreit, von feierlichen Zeremonien und tendenziösen Fälschungen, von populärem Wunderglauben und theologischer Haarspalterei.
Erzählt wird diese rund 1000jährige Geschichte jetzt, anekdotenreich detailliert, kritisch reflektiert und so umfassend wie noch nie, in einem Buch des Münchner Kunsthistorikers Hans Belting, der damit die Grenzen seines Fachs mutwillig überschreitet: Es geht ihm ausdrücklich um Bilder vor dem "Zeitalter der Kunst"**.
Sein Thema heißt vielmehr "Bild und Kult". Und nur als Grenzfall kommt auch noch ein neuzeitliches Meisterwerk wie Raffaels "Sixtinische Madonna" überraschend ins Spiel: Ein altes Kultbild-Motiv, hinter einem (gemalten) Vorhang zeremoniös enthüllt, wird zum wolkigen "Vorstellungsbild" des genialen Künstlers umgedeutet.
Ein Raffael-Nachfolger machte den jugendlichen Meister dann gar zum Beobachter im Atelier des Evangelisten Lukas, der da eine Madonnenvision, auch sie auf Wolken, abmalt. Das verkehrte die Tradition in ihr Gegenteil. Denn früher, in Spätantike und Mittelalter, war Lukas gerade nicht als Visionär gefragt gewesen, sondern als Gewährsmann für die historische Realität der Mutter Gottes.
Kronzeugen wie ihn hatte man bitter nötig, weil es ja das biblische Gebot gab: "Du sollst dir kein Bildnis machen." Die frühen Christen hatten sich auch danach gerichtet.
Doch nachdem der neue Wort-Glaube im Römischen Reich des 4. Jahrhunderts von einer Minderheits- zur verbindlichen Staatsreligion geworden war, ließ seine Praxis sich nicht chemisch rein erhalten. Die Bilder waren mächtiger, das Volk verlangte nach Anschauung. "Wie kann ich Christus denn verehren", fragte eine fromme Bildbesitzerin, "wenn er nicht sichtbar ist?" Auch wurde dringend Ersatz für wundertätige Götterbilder benötigt.
Den Bedarf deckten Ikonen, zur Verehrung gedachte Bilder, auf denen zumeist Christus oder Heilige dargestellt waren, wie man das von prominenten Toten und dem lebenden, nur meist nicht anwesenden Kaiser gewohnt war.
Autor Belting nimmt diese Malerei mit aller Skepsis gegen die gängige "Ikonen-Mystik" in Augenschein; ihre Erstarrung in festen Formeln bleibt als Spätzeitphänomen (nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453) ausgeklammert. Das frühe Material ist reichhaltig genug: Nach großen, bis heute nicht aufgearbeiteten Ikonenfunden in Rom und auf dem Sinai während der fünfziger Jahre steht die Forschung erst "vor einem neuen Anfang".
Umkämpft waren die Ikonen vor allem im byzantinischen "Bilderstreit" des 8. und 9. Jahrhunderts. Eine Christus-Ikone über dem kaiserlichen Palasttor in Konstantinopel beispielsweise wurde zweimal zerstört, jedesmal durch ein bloßes Kreuzzeichen ersetzt und später wieder erneuert. Theologen, gleichsam in der Zwangslage von Regierungssprechern, konnten zusehen, wie sie den gerade aktuellen Stand dem gläubigen Publikum plausibel machten. Ihre Bilderlehre, so bemängelt ** Hans Belting: "Bild und Kult. Eine Geschich- _(te des Bildes vor dem Zeitalter der ) _(Kunst". Verlag C. H. Beck, München; 700 ) _(Seiten; 178 Mark. * Gemälde der ) _(Raffael-Schule. Rechts im Bild: Raffael. ) Belting, werde noch heute "mit der gleichen andächtigen Scheu" nachgebetet, mit der einschlägige "Autoren vor den Ikonen stehen". In Wahrheit habe die Theologie noch stets den tatsächlich durchgesetzten Brauch im nachhinein "rechtfertigen" und "sublimieren" müssen.
Sie tat das oft virtuos und mit bewundernswertem Scharfsinn. Nachdem ein Thronwechsel den "Bürgerkrieg um die Ikone" definitiv entschieden hatte, wurde zur herrschenden Lehre, das gemalte Bild Christi verhalte sich zu dessen menschlicher Erscheinung wie diese zum unsichtbaren Gott. Kühner Schluß: Wer das Bild mißachtet, leugnet und verfolgt den Herrn; der Gebrauch von Symbolzeichen offenbart ein Glaubensdefizit.
Der Vorwurf der Puristen aber, Ikonenverehrung sei Götzendienst, ließ sich am besten entkräften, wenn die Bilder selber von unanfechtbaren Autoritäten stammten. Der angebliche Marien-Porträtist Lukas, dem nach und nach unzählige Muttergottes-Tafeln zugeschrieben wurden, war da eine gute Adresse. Die Legende erfüllte den Zweck, den Mutter-und-Kind-Typus, der historisch eher auf antike Vorbilder wie das der Isis mit dem Horusknaben zurückging, zum authentischen Bildnis umzudeuten.
Laut einer speziellen Tradition sollte sich Lukas auch an einem eigenen Christus-Porträt versucht haben. Doch "nicht durch Menschenwerk", sondern unmittelbar "durch Gottes Eingreifen" sei das Opus vollendet worden. Wer hätte gegen solch unbefleckte Bild-Empfängnis _(* "Salus Populi Romani", "Madonna von ) _(San Sisto". ) etwas einwenden dürfen? Ein Tuch, in das angeblich Christus selber sein Gesicht als Porträt abgedrückt hatte, um damit einen König Abgar von schwerer Krankheit zu heilen, wurde 944 feierlich nach Konstantinopel geholt.
In Rom erregte später eine "Vera Icona" oder "Veronica" Aufsehen, die eine Frau dieses Namens als Faksimile vom Antlitz Jesu auf dessen Weg zum Kreuz empfangen habe. Die Bild-Reliquie ging 1527 bei der Plünderung der Heiligen Stadt durch kaiserliche Landsknechte unter. Doch "wie immer in solchen Fällen", meldet Belting sarkastisch, wurde sie "wiedergefunden". Der Petersdom bewahrt bis heute ein "Leinentuch mit zwei rostbraunen Flecken".
Überhaupt verzeichnet Rom die längere und weniger gestörte "Bild und Kult"-Tradition als das von Bilderstürmern, Kreuzfahrern (1204) und schließlich Osmanen heimgesuchte Konstantinopel. Hier konnten, wirklich oder fiktiv, östliche Ikonen Zuflucht vor dem Bildersturm finden, hier landete nach 1204 manches Beutestück. Hier soll schon Papst Silvester den Kaiser Konstantin mit Hilfe zweier (tatsächlich erst um 800 gemalter) Apostel-Porträts bekehrt haben. Hier war und ist auch jene Christus-Ikone zu Hause, deren Beginn dem heiligen Lukas, deren Vollendung aber göttlichem Wunder-Walten zugeschrieben wurde.
Das ganzfigurige Bild in der päpstlichen Hauskapelle des Laterans ("Sancta Sanctorum") ist seit dem 8. Jahrhundert bezeugt und sollte damals die Stadt vor den Langobarden schützen. Im 10. Jahrhundert war die Leinwandmalerei durch nächtliche Umzüge und kultische Waschungen so mitgenommen, daß sie in Seide gehüllt und der Kopf neu gemalt werden mußte. Nur dieser Kopf blieb frei, als Papst Innozenz III. die Ikone um 1200 mit einer silbernen Reliefplatte verkleiden ließ. Ein Flügeltürchen im unteren Teil ermöglichte allerdings, dem Bild am Ostertag die Füße zu küssen.
Zu Mariä Himmelfahrt hingegen wurde die "Sancta Sanctorum"-Ikone in einer Prozession zur Kirche Santa Maria Maggiore getragen, zur Marien-Ikone "Salus Populi Romani" - gleichsam ein Besuch des göttlichen Sohnes am Sterbelager der Mutter. Auch hier dürften sich die Bilder voreinander verneigt haben, so wie das aus der Nachbarstadt Tivoli überliefert ist.
Denn die ehrwürdigen Bild-Originale hatten, teils in anderen Kirchen der Stadt, teils in der Provinz, ihre Repliken, die den Typus wiederholten und von der Segenskraft des Urbildes ein wenig abzuzweigen suchten. Daß im Westen zunächst viel schematischer kopiert wurde als in Konstantinopel, ist eine Belting-Beobachtung, mit der "die heute gültigen Vorstellungen auf den Kopf gestellt" werden.
Die Ikone "Salus Populi Romani" galt als Werk des Lukas, ebenso das Marienbild eines bescheidenen römischen Nonnenklosters, zeitweilig in der Kirche San Sisto. Diese Muttergottes-Tafel zog anscheinend, wie noch andere, schon früh in den Prozessionen zu Mariä Himmelfahrt mit. Sie stand nicht nur im Ruf, "am Karfreitag ganz bleich" zu werden, sondern auch, sich gegen päpstliche Aneignungsversuche aktiv zur Wehr gesetzt zu haben und aus eigener Kraft an ihren angestammten Platz zurückgekehrt zu sein. Wundertätigkeit jedoch war allemal "der klassische Echtheitsbeweis" (Belting).
Richtete sich das Wunder dann auch noch gegen die kirchliche (oder in anderen Fällen gegen die staatliche) Hierarchie, so offenbarte der lokal verwurzelte Bilderkult seine unberechenbare, für die Institutionen unheimliche Macht. Nicht ohne Grund verbot schließlich, 1566, der Papst die ganze Prozession zu Mariä Himmelfahrt.
Den historischen Weg bis dahin verfolgt Autor Belting über die italienische Tafelmalerei des 13. und 14. Jahrhunderts, die eine byzantinische "beseelte Malerei" mit Verspätung adaptiert, über die Entstehung des Altarbildes und die "Privatisierung" der Ikone in den Niederlanden. Und er endet, weit im "Zeitalter der Kunst", bei Peter Paul Rubens, der dem "Anachronismus des Bildkults" noch eine barocke Inszenierung angedeihen ließ.
In der römischen Chiesa Nuova hatte der flämische Gastkünstler 1608 ein älteres Marien-Wandbild in seine malerischen Strategien einzubeziehen. Wie ein Vorhang, der sich vor einer berühmten Ikone in Konstantinopel angeblich wunderbar von selbst zu heben pflegte und der vor Raffaels "Sixtinischer Madonna" gemalt ist, oder aber wie die Silberplatte, hinter der sich die "Sancta Sanctorum"-Ikone verbirgt, schiebt sich das Rubens-Gemälde mit ekstatischen Engelschören über das fromme, künstlerisch bescheidene Vorgängerwerk.
Von Putten getragen, erscheint ein gerahmtes Madonnenbild, gleichfalls von Rubens'' Hand, in den Wolken. Durch einen mechanischen Trick jedoch kann es entfernt werden, und dann zeigt sich das gleiche Sujet als knapper Ausschnitt aus dem alten Gnadenbild. Nur bei besonderen Gelegenheiten offenbart sich so der Kult als Tiefenschicht unter der Kunst.
** Hans Belting: "Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst". Verlag C. H. Beck, München; 700 Seiten; 178 Mark. * Gemälde der Raffael-Schule. Rechts im Bild: Raffael. * "Salus Populi Romani", "Madonna von San Sisto".

DER SPIEGEL 43/1990
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