22.10.1990

RevolutionäreMenschenmist durchduften

Erdrückende Beweise: Lenin war Dadaist, die Oktoberrevolution eine dadaistische Aktion.
Der eine hat im Herzen eine Mördergrube, der andere ein Kabarett. Hatte Lenin beides?
Im Kriegsjahr 1916 war in der Zürcher Spiegelgasse Absonderliches zu sehen. In einem 50-Plätze-Etablissement, das sich "Cabaret Voltaire" nannte, stammeln grotesk verkleidete Herren wüste Laut- und Lärmgedichte, eine Dame geht in die Grätsche, ein Geselle fiedelt auf einer unsichtbaren Violine, betäubend wummert die Kesselpauke.
Erfolg beim Publikum: Frauen sinken in Ohnmacht, alte Männer blasen auf Schlüsseln, Rufe nach dem Irrenarzt. Einem freilich, einem russischen Emigranten, der gegenüber dem "Cabaret" wohnt, hat es gefallen. "Da!da!" (ja!ja!) ruft er in seiner Landessprache; hat Wladimir Iljitsch Lenin so dem wilden Kind den Namen gegeben: DADA?
Zu solch erhellender These kommt jetzt, nach Jahrzehnten des Dunkels, ein französischer Ästhetikprofessor: Dominique Noguez, 48. Und in seiner tiefschürfenden Studie "Lenin dada" * geht er noch weiter; nach Noguez'' stringenter Beweiskette war der Bolschewiken-Chef, bislang nur als "Cabaret"-Gast verbürgt, praktizierender Dadaist, und die Große Oktoberrevolution ein Akt von angewandtem Dadaismus.
Rufe nach dem Irrenarzt? Wissenschaft, vor allem fröhliche, hat immer wieder Tore aufgestoßen, hinter denen die Welt ganz anders aussah; und just der Dadaismus, der den Nonsens ("Ohnesinn") so lieb und teuer hielt, verdient es, in seinen globalhistorischen Implikationen neu gedeutet zu werden. Hatte nicht Lenin die berühmten Worte geschrieben, man solle "Was tun"?
Noguez erwirbt sich mit der Studie Doppelverdienst. Denn zum einen wird, auf der Dada-Folie, Lenins Kunst-Sinn und sein Hang zu Massenerschießungen plausibel; zum anderen gewinnen Dada-Worte, durch Lenin zu Fleisch geworden, ihre ganze Bedeutungstiefe.
Dadas gehaßter Vater war der Erste Weltkrieg, der, je nach Entfernung zur Front, von Beteiligten als "Blutmühle" oder "Stahlbad" empfunden wurde. Den abendländischen Werten, durch das Gemetzel hohl geworden, widmeten die Dadaisten ihren grellen Hohn; zynisch, _(* Dominique Noguez: "Lenin dada". Aus ) _(dem Französischen von Jan Morgenthaler. ) _(Limmat Verlag, Zürich; 212 Seiten; 28 ) _(Mark. ) nihilistisch, chaotisch, infantil, eben dadaistisch. Manifeste zuhauf.
Im Zürcher "Cabaret Voltaire" erblickte der Wechselbalg das Licht der Rampe, produziert von einer Emigranten-Riege im Twen-Alter; unter ihnen der Rumäne Tristan Tzara, die Deutschen Richard Huelsenbeck und Hugo Ball und, nach Professor Noguez, der damals 46jährige Lenin.
Die Beweislast, die Noguez auffährt, ist erdrückend, und wo Fakten fehlen, kombiniert er scharfsinnig. Besonders faszinierend: Noguez führt aus, daß Lenin schon Dadaist war, bevor es das "Cabaret Voltaire" gab, und damit wird das Dada-Credo belegt: "Bevor Dada da war, war Dada da."
Mit Dokumenten, von den Memoiren der Lenin-Gattin Krupskaja bis zu den umstrittenen Erinnerungen der Lenin-Mätresse "Lise de K.", zeichnet Noguez ein Persönlichkeitsprofil, das den Berufsrevolutionär als profunden Verächter der abendländischen Hochkultur ausweist; den Pariser Louvre mied er zugunsten von Varietes, Beethoven "langweilte ihn schrecklich", er pfiff lieber "dämliche Melodien".
Lenin zur legendären Mätresse: Der "große revolutionäre Sturm" werde die schönen Künste und die guten Umgangsformen "wie ein Büschel von Unkraut hinwegfegen". Wieder ganz im Sinne des Dada-Credos: "Die Anfänge Dadas waren nicht die Anfänge der Kunst, sondern die eines Ekels", nämlich "eines Ekels vor der Kunst".
Wobei Lenin, dokumentiert Noguez, gegen die schöne Kunst der guten Manieren schon vor Zürich-Dada verstieß. Ein Pariser Maler über Freund Lenin: "Wir teilten unsere Mädchen. Lenin war in der Liebe sehr schamlos (tres cochon)". Daß der ambulante Revoluzzer dann 1916 in der Zürcher Spiegelgasse auftauchte, sieht Noguez als "ganz und gar gewollten Akt". Und als Lenin bald darauf in Rußland den "großen revolutionären Sturm" anblies, setzte er in Taten um, was seine Dada-Kollegen in Manifesten gefordert hatten; so wenigstens deutet es Professor Noguez.
Tatsächlich hatten die Herren weitreichende Visionen. Beispiele: "Wir spucken auf die Menschheit"; "es gibt eine große, destruktive Arbeit zu verrichten", "kein Mitleid. Nach dem Gemetzel bleibt uns die Hoffnung auf eine gereinigte Menschheit"; "den Menschenmist ordnend durchduften"; "hier hilft nur Zwangsarbeit mit Peitschenhieben".
Und als Arbeitsanleitung: "Jede Maske ist dem Dadaisten willkommen", er "liebt das Absurde", er macht "das Gegenteil von dem", was er anderen vorschlägt. Im "Roten Terror", den Lenin entfacht, sieht Professor Noguez folgerichtig einen "zutiefst dadaistischen Geist" am Werk, der "auch noch die verrücktesten Erwartungen der Zürcher Helfershelfer übertrifft".
Denn Lenin hält sich streng an seine, an dieser Stelle erstmals richtig überlieferte Losung: Vertrauen ist gut, erschießen ist besser. Allein im September 1918, recherchierte Noguez, "ließ Lenin mit Leichtigkeit 50 000 Tote hinter sich", wobei auch in seinen Bulletins zuweilen jener zutiefst dadaistische Geist aufflackert. Beispiel:
Um Nischni Nowgorod zu reinigen, befiehlt er, "die nach Hunderten zählenden Prostituierten, die die Soldaten betrunken machen, zu erschießen bzw. aus der Stadt zu transportieren". Und als Exempel für die ganze Abgründigkeit des "Dada-Humors" ("Närrisch gegen alles und vor allem gegen sich selbst") führt Noguez folgende Begebenheit an:
Lenin hatte sich eine Liste der im Lubjanka-Gefängnis Inhaftierten vorlegen lassen und drei Namen rot unterstrichen. Ein Adlatus fand die Liste, gab Order, die drei zu erschießen und meldete dem Chef Vollzug. Der "brach in ein tolles Gelächter aus", denn er hatte die drei nur unterstrichen, weil es möglicherweise Bekannte von ihm waren.
Ein "verrücktes Lachen", referiert Noguez, war auch Lenins letzte politische Äußerung, als ihn der Schlag gerührt hatte: ein Gelächter des Triumphes, nach Noguez, denn Lenin hatte die "größte dadaistische Tat" vollbracht, indem er "Stalin zu seinem Nachfolger und damit zu einem der größten Helden unserer Zeit" machte.
Ein tiefer Sinn liegt oft im kindschen Spiel - Professor Noguez'' Studie beweist es. Sie sollte anspornen, auch Hitler neu zu deuten; als gescheiterten Maler etwa, der folgerichtig Englands Städte "ausradieren" wollte, oder als zwanghaften Nichtraucher, der Rauch und Asche hinterließ.
* Dominique Noguez: "Lenin dada". Aus dem Französischen von Jan Morgenthaler. Limmat Verlag, Zürich; 212 Seiten; 28 Mark.

DER SPIEGEL 43/1990
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