29.10.1990

„'s ist vorbei. Er ist tot . . .“

Wie ein böser Nebel, lähmend und erstickend, legt sich das Wort Angst am Vormittag des ersten Sitzungstags über die Hauptverhandlung in Arnsberg.
In wachsender Angst, zuletzt von Angst überwältigt, hat Manuela Bolz dem Tag entgegengesehen, an dem ihr Vater Ulrich Tröger, der auch der Vater des ältesten ihrer drei Söhne ist, aus dem Strafvollzug entlassen wird.
Und so hat Marco Bolz, ihr Ehemann, der Vater ihres zweiten und dritten Kindes, aus Angst und um die Kinder zu schützen, am 22. Januar dieses Jahres seinen Schwiegervater erschossen und erschlagen, als dieser die ersten Schritte hinaus in die Freiheit tat.
Was richtet Angst nicht alles an. Der Mensch, in dem Angst aufkommt, wächst und wuchert, kann zuletzt von seiner Angst überwältigt werden. Nur - diese Tat, diese 14 Schüsse in den Leib und in den Kopf (aus einem Meter und schließlich aus Zentimetern Entfernung); diese Kolbenschläge auf den Kopf des Sterbenden, die so wuchtig geführt werden, daß die Kolbenplatte des Kleinkalibergewehrs bricht (ihre Bruchstücke werden bei der Obduktion im Kopf der Leiche gefunden).
Ein 47 Jahre alter Mensch, der schwer gefehlt hat, ist hingerichtet worden. Seine Tochter hat ihn identifiziert, als er aus der Justizvollzugsanstalt Werl herauskam. Der Vater konnte sich ja in sieben Jahren und vier Monaten Haft äußerlich so verändert haben, daß ihr Mann ihn nicht erkannte.
Daß sich der Vater innerlich geändert haben könnte, hat man ausgeschlossen. Man war überzeugt, er werde sich an der Tochter, die ihn angezeigt hatte, rächen wollen, an ihren Kindern, ihrem Mann und auch an seiner inzwischen von ihm geschiedenen Frau.
Angst kann viel anrichten, sie kann überwältigen. Nur - diese schreckliche Tat, diese ungeprüfte, blinde Überzeugung, tödliche Rache drohe und niemand könne und wolle einem helfen.
Am Nachmittag des ersten Sitzungstags in Arnsberg reißt der Nebel über der Hauptverhandlung auf. Waltraud Tröger, die Mutter Manuelas, wird gefragt, ob sie nicht gemerkt habe, was ihr Mann der Tochter antat. Sie hat, sagt sie, nicht gewußt, was da war. Nachbarn haben sie angesprochen, von seltsamen Beobachtungen erzählt, die sie gemacht hätten. Ihr fiel auf, daß ihr Mann die Tochter "in den Himmel hob", während er sie herabsetzte.
Ihr ist auch aufgefallen, daß ihr Mann die Tochter bewachte, daß sie nicht aus dem Haus durfte. Sie hat etwas vermutet, aber sie hat sich gesagt, nun drehe sie wohl ganz durch. Erst als Manuelas Sohn zur Welt gekommen ist, die Tochter behauptet, einer von der Bundeswehr sei der Vater, wagt Waltraud Tröger ihre Tochter anzusprechen. Manuela schreit: "Du alte Sau hast gehorcht!"
Waltraud Tröger, heute 44 Jahre alt, ist eine kleine, zierliche Frau. Sie trägt sich jugendlich, eng liegen die Jeans an. Sie will gefallen. Ihr Gesicht, das dem einer alten Indianerin gleicht, widerlegt, was sie herzuzeigen versucht. Sie ist unehelich geboren worden, der Vater war ein US-Soldat. Sie war das schwarze Schaf der Familie, sie hat sich unterordnen müssen, die Mutter war streng mit ihr. Sie hat wohl auch, so wird sie es gesehen haben, streng mit dieser Tochter sein müssen.
Denn Waltraud weicht von früh an aus, entzieht sich. Sie ist einer von den Menschen, die aus Lebensumständen, die sie als bedrückend empfinden, zu fliehen versuchen. Sie kann sich nicht behaupten, sich wehren, sich durchsetzen. Der Stiefvater verläßt die Mutter. Sie hat keinen Kontakt zu den Geschwistern. In der Schule versagt sie, bleibt sitzen, sie nimmt aus ihr nichts mit, was ihr einen eigenen Weg ermöglicht. Sie arbeitet in einer Lohnstopferei, ihr werden Diebstähle vorgeworfen.
Als sie Ulrich Tröger kennenlernt, bietet sich ihr ein Fluchtweg. Sie heiratet ihn. Eine "Mußehe"? "Ja, praktisch ja. Aber es war auch irgendwie eine Liebesheirat." Ulrich Tröger, 1,80 Meter groß, sah gut aus, aber er war keine Zuflucht. Nach dem Tod seines Vaters, eines Kaufmanns, verdient die Mutter als Schaffnerin Geld. Er hat Bäcker gelernt, den Beruf aber nicht ausgeübt. Wovon hat man gelebt? "Von Einbrüchen." Waltraud Tröger wußte, wovon sie lebten, sie hat mitmachen müssen, wenn ihr Mann auf Bruch ging. Sie hat dafür auch einmal sieben Monate bekommen.
Das erste Kind, Andreas, stirbt nach sieben Monaten. Da ist sie schon wieder schwanger, mit Manuela. Später bekommt sie ein drittes Kind, einen Sohn. "Er war bei jedem Kind in Haft", sagt sie von Ulrich Tröger. Und wenn er zu Hause war, dann ist er grob, brutal mit ihr gewesen.
Seine Frau und seine Familie waren sein Eigentum. Er war ganz anders als seine Frau. Er griff zu, er griff an, er wich nicht aus. Er hat schon einige Vorstrafen, als er heiratet, wegen Diebstählen in der Regel, aber auch wegen versuchter Notzucht, wegen schwerer Unzucht.
Waltraud Tröger wird geschlagen, mißhandelt. Sie flieht in Frauenhäuser, aber auch zu anderen Männern. Sie will der Zuflucht, die sich gleich nach der Heirat als Zuchthaus erwies, entkommen. Sie kann nur fliehen, sie kann sich nicht wehren. Als sie sich 1969 zum ersten Mal von Ulrich Tröger scheiden läßt, ist er in Haft. "Ich hatte ja kein eigenes Ich mehr", sagt sie.
1976 kommt Ulrich Tröger wieder bei ihr an. Sie heiratet ihn zum zweiten Mal, "aus Angst", sagt sie. Sie kann sich dem Mann, der zugreift und angreift, nicht entziehen. Sie kann ihm nur immer wieder einmal entkommen. Für ihre Tochter Manuela ist sie an der chaotischen Familiensituation schuld, obwohl sie sieht, wie der Vater mit der Mutter umgeht. Gelegentlich wirft er sie sogar aus dem Haus, er hat den Rauswurf als Waffe gegen das Ausweichen, den steten Fluchtversuch entdeckt und wendet ihn höhnisch an.
Manuela ist elf oder zwölf Jahre alt, als sich der Vater an sie heranmacht. Sie spricht in Arnsberg von Gewalt, von Schlägen, von Fesselungen. Ihr Vater bricht ihren Widerstand, aber vor allem überwindet er ihre Rat- und Fassungslosigkeit. Sie hat ihn als einen Mann erlebt, der zuschlägt, der auch sie geschlagen hat, aber dieser Mann ist nun, wenn sie nur nachgibt, wenn sie nur mittut, ganz anders.
Manuela ist nicht fünf Jahre lang vergewaltigt worden. Ihr Vater, der mindestens einmal in der Woche über sie kam, hat sie nicht jedes Mal überwältigt. Sie hat sich in die unselige Situation schicken, ihr eine Deutung geben müssen, um sie zu ertragen. Ihr ist Ärgeres angetan worden als sexuelle Gewalt.
Ihr Vater hat ihre Fähigkeit, sich zu orientieren, zerstört, ihre Möglichkeit, Vertrauen zu haben. Sie hat zu nichts mehr außer dem Vater, der sie isoliert, einen Bezug. Zwischen ihr und der Mutter hat sich ein Graben aufgetan. Daß die Mutter vor ihr dem Vater zum Opfer gefallen ist, kann sie nicht mehr erkennen. Sie darf das vor sich selbst gar nicht erkennen, denn wenn sie sich das zugäbe, was wäre dann das, was sie den Vater mit sich tun läßt. Sie bekommt ein Kind vom Vater, und sie sagt, als ihre Mutter sie anzusprechen versucht: "Du alte Sau hast gehorcht!"
Angst? Angst vor der Entlassung des Vaters aus der Haft, Angst vor seiner Rache? Keiner, der von Manuelas Beziehung zu ihrem Vater erfährt, bricht durch das Wort Angst zu dem durch, worum es der verzweifelten jungen Frau tatsächlich geht: zu ihrem Entsetzen darüber, daß sie es geschehen ließ; daß sie auf eine ihr nun unbegreifliche Weise, nicht von Anfang an und nicht immer, doch immer wieder, nicht nur hingenommen hat, was ihr angetan worden ist.
Die Kraft, sich dem Vater zu entziehen, kommt wie im Lehrbuch über sie. Der Vater kann schließlich nicht mehr verhindern, daß sie Kontakt mit Gleichaltrigen bekommt. Sie lernt Marco Bolz kennen, und sie benutzt die Abwesenheit des Vaters, um zu ihm und seinem Vater zu ziehen. Das Kind, sie sagt zunächst nicht, wer sein Vater ist, kommt mit, auch ihr Bruder. Noch einmal kann der Vater sie zurückzwingen, drohend und furchteinflößend tritt er auf. Er prügelt sie: wie sie das Haus hinterlassen habe, wo die Mutter sei.
Und noch einmal lebt man zusammen, der Vater, sie, das Kind vom Vater und der Bruder. Doch der Vater will Ruhe, und er setzt sie so durch, wie das seine Art ist, wie er das schon mit dem Sohn getan hat, der nach sieben Monaten starb: Er drückt dem Kind ein Kissen aufs Gesicht. Da widersetzt sich Manuela ihrem Vater, "zum ersten Mal", wie sie in Arnsberg sagt.
"Du mußt da raus", hat Marco Bolz zu Manuela gesagt. Auch er hat zunächst nur erfahren, "einer von der Bundeswehr" sei der Vater des Jungen. Doch er hat bald gespürt, daß da etwas nicht stimmte. Erst nach einigen Monaten hat man darüber gesprochen, was wirklich geschehen war. Manuela hat gefürchtet, daß der Vater ihre Beziehung zu Marco kaputtmachen könnte, wenn er erfährt, daß sie gesprochen hat.
Marco Bolz spricht Ulrich Tröger an, freilich nicht auf das, "was ich eigentlich auf dem Herzen hatte". Ulrich Tröger erklärt ihm barsch, er wünsche nicht, daß er weiter Kontakt mit Manuela habe. Marcos Schwester und sein Schwager sprechen mit Manuela.
Mit einer Frau vom Jugendamt geht sie schließlich zur Polizei und erstattet Anzeige. Am 16. September 1982 wird Ulrich Tröger festgenommen. Am 16. Februar 1983 verurteilt ihn das Landgericht Aachen wegen Vergewaltigung und Mißbrauchs einer Schutzbefohlenen zu sechs Jahren Freiheitsstrafe, aus denen durch Verfall einer Bewährung acht Jahre werden.
In der Hauptverhandlung hat Manuela geschwiegen. "Gib acht, was du sagst", hat der angeklagte Vater ihr zugerufen, "du wirst das bereuen." Das hat sie zum Schweigen gebracht. Die Mutter hat die Aussage verweigert. Sie sagt in Arnsberg, sie habe erst durch Manuelas Anzeige erfahren, was zwischen Vater und Tochter war. Ihr habe niemand etwas gesagt. Sie kenne auch heute die Urteilsgründe noch nicht.
Seit sie nicht ausgesagt hat, ist der Bruch zwischen ihr und ihrer Tochter endgültig. Sie kennt, sagt sie in Arnsberg, noch nicht einmal die beiden Enkel aus Manuelas Ehe mit Marco Bolz. "Es hat sich nicht wieder eingerenkt."
Sie hat sich von Ulrich Tröger zum zweiten Mal scheiden lassen, während seiner letzten Haftzeit in Werl. Daß Manuela ihre Tochter ist, sieht man den beiden Frauen nicht an. Groß und schwer wirkt Manuela. Ihre gelockte Löwenmähne ist ihr einziger Versuch, sich wenigstens der äußeren Schäden zu erwehren, die ihr das Leben, die ihr Vater ihr zugefügt hat. Einmal trägt sie keine Hosen, sondern ein Kleid: Ihr Elend ist ihr anzusehen. Sie ist zerstört, daß man hinzuspringen, ihr helfen möchte; daß es unerträglich ist, ihr im Gerichtssaal als einer Angeklagten zu begegnen.
Nach ihrer Strafanzeige und bis zur Verhandlung gegen den Vater kommt Manuela mit ihrem Sohn in ein Kinder- und Jugendheim. Nach der Verurteilung des Vaters zieht sie aus. Sie hat zusammen mit Marco einen Autounfall. Ihr droht ein Strafverfahren, weil auch sie einmal bei einem Einbruch des Vaters dabei war. Sie will ihrem Sohn eine gute Mutter sein, aber das Kind erinnert sie an das, was war. Eine "diffuse Grundangst" habe sie beherrscht, sagt ein Psychologe, der im Heim mit ihr zu tun hatte. Beratung und Behandlung seien dringend nötig gewesen, doch Manuela entzieht sich. Am 5. Oktober 1983 heiratet sie Marco Bolz.
Sie habe sich erst an ein Leben ohne Schläge, ohne Angst gewöhnen müs-Angeklagte
*GESCHICHTE-3 *
sen, sagt sie in Arnsberg. Die erste Zeit nach der Heirat sei dennoch "die schönste Zeit ihres Lebens" gewesen. Immer wieder sei die Angst hochgekommen. Ein schmerzlicher Einschnitt war der Tod ihres Schwiegervaters für sie, eines Witwers. Sie habe sich an ihn "geklammert", sagt sie. Er war ein Vater, aber still und zurückhaltend; sie hat wohl in ihm wiederzufinden gemeint, was ihr Vater ihr genommen hat.
Die "schönste Zeit ihres Lebens" ist für Manuela vorbei. Für ihren Mann, sagt sie, "muß es eine schlimme Ehe gewesen sein". Sie ist immer am Heulen, hat böse Träume, stößt ihren Mann weg, wenn er zärtlich sein will. 1986 kommt Manuelas erster Sohn aus ihrer Ehe zur Welt. Und 1986 verkauft man das Haus, das der Schwiegervater hinterlassen hat, und kauft sich in den Niederlanden an.
Man zieht ins Ausland, weil man meint, dort sicherer zu sein, wenn Ulrich Tröger eines Tages entlassen wird. Die paar Kilometer größeren Abstands, die Grenze - sie bringen überhaupt nichts. Man betritt den Weg, auf dem man sich immer weiter von der Wirklichkeit entfernt.
Die Angst übernimmt die Regierung, und zuletzt ist sie ein Diktator: die Angst vor der Entlassung Ulrich Trögers und seiner Rache. Doch ist es eben gar nicht Angst, was Manuela umtreibt: Sie peinigt, daß sie jahrelang zuließ, was der Vater tat. Sie redet immer öfter von dieser Angst, und endlich, als Ulrich Trögers Entlassung immer näher kommt, spricht sie nur noch von dieser Angst. Daß dies Angst vor sich selbst ist, wenn überhaupt von Angst die Rede sein kann, ist ihr nicht zugänglich. Sie ist dem ihr völlig unbewußten Entsetzen darüber ausgeliefert, daß sie ihren Vater duldete.
Der Sog dessen, was sie Angst vor der Rückkehr und Rache des Vaters nennt, ist für ihren Mann Marco ein unwiderstehlicher Sog. Er besorgt die spätere Tatwaffe, damit seine Frau sich und die Kinder schützen kann, wenn er nicht zu Hause ist.
Marco Bolz, heute 26 Jahre alt, ist ein gerader, redlicher junger Mann. Er ist einfach zu unproblematisch, zu normal, um sich dem Sog zu widersetzen, und wenn er den Schatten eines Problems hat, dann ist das der frühe, qualvolle Tod seiner geliebten Mutter (der Schatten trägt dazu bei, daß er in seiner Normalität dem Sog zum Opfer fällt).
Niemand hilft den beiden. Eine Psychologin ist mit ihnen ins Gespräch gekommen. Sie kümmert sich um das inzwischen gestörte, störende Kind des Vaters, und ihr kann das Wort Angst, das längst die Herrschaft übernommen hat, gar nicht verborgen bleiben. Sie holt beruhigende Auskünfte über Ulrich Tröger ein, denn auch sie ist in den Sog dessen geraten, was die Angst vor dem Vater sein soll. Und so sagt sie denn auch, es geht auf das Ende zu, Manuela müsse lernen, mit ihrer Angst zu leben.
Waltraud Tröger, die Mutter, der Sog kann sie nicht auslassen: Auch sie gerät in ihn. Denn auch in ihr gären Selbstvorwürfe. Hätte sie sich nicht zugeben müssen, was zwischen Vater und Tochter war? Sie möchte doch, daß es sich wieder "einrenkt" mit ihrer Tochter. Und es bricht noch einmal alles in ihr auf, was zwischen ihrem Mann und ihr war.
Unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Ewald Franzmann, 61, erkennt das Arnsberger Gericht auf je viereinhalb Jahre Freiheitsstrafe für Marco Bolz und Waltraud Tröger, auf dreieinhalb Jahre für Manuela. Das Urteil ist ein Fehlurteil und entsetzlicherweise (denn Erbarmungslosigkeit wäre leichter zu ertragen) das unschuldigste aller Fehlurteile. Zwei Psychiater und zwei Psychologen haben versagt. Sie haben nicht den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis repräsentiert. Sie plapperten von Angst und Angst und Angst. Und da es denn um nichts als Angst ging, mußte das Gericht davon überzeugt sein, daß es für keinen der Angeklagten Schuldminderung geben könne. Daß das Gericht auf einen minder schweren Fall von Totschlag erkannte, war danach geradezu gütig.
Der klinische Psychologe Dr. Herbert Maisch veröffentlichte 1968 eine Monographie über den Inzest. Sie ist ein Klassiker, sie ist auch in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien, in Frankreich und Italien in Übersetzungen erschienen. In ihr findet sich Material zur Einordnung und Würdigung dieses Falles in Fülle. In Arnsberg spielte Maischs Arbeit keine Rolle.
Rosemarie Steinhage, Diplom-Pädagogin ersten Ranges, hat formuliert, was gesicherte Erkenntnis ist. Nur Bruchstücke können zitiert werden: _____" Fast alle Frauen, die als Mädchen von " _____" Familienangehörigen sexuell mißbraucht wurden, schämen " _____" sich dafür, daß ihnen das passiert ist. Sie können sich " _____" das Verhalten des Vaters nicht erklären und suchen in der " _____" Regel die Schuld bei sich selbst . . . Besonders große " _____" Schuldgefühle bereitet es den Betroffenen, wenn die " _____" Handlungen Lustgefühle auslösten . . . Da die sexuelle " _____" Gewalt in der Regel über Jahre andauert, hat das Mädchen " _____" schließlich das Gefühl, auch mitgemacht zu haben. "
Doch die Mädchen hatten, als und solange es geschah, "keine andere Wahl, als sich so zu verhalten, weil sie nur so den Mißbrauch überleben konnten" - darüber wäre zu sprechen gewesen mit Manuela, das hätte mit ihr erarbeitet werden müssen, und darüber wäre zu verhandeln gewesen, nachdem nicht gesprochen und nicht erarbeitet worden war. Es wäre zu verhandeln gewesen über Waltraud Tröger in Kenntnis der Tatsache, daß eine Mutter, "selbst wenn sie die Idee hat, es könnten sexuelle Übergriffe stattfinden", alles dafür tun wird, "sich selbst diese Verdachtsmomente zu zerstreuen. Der Gedanke ist zu schrecklich; das darf nicht sein".
Barbara Kavemann, Sozialwissenschaftlerin, Ingrid Lohstöter, Rechtsanwältin: "Das Gefühl, am eigenen Unglück selbst schuld zu sein, beschränkt sich nicht auf die Mißbrauchserfahrung. Wie ein roter Faden können sich Selbstvorwürfe durch den weiteren Lebensweg ziehen, auch in ganz anderen Situationen jede Empörung, jede Gegenwehr und jedes Selbstbewußtsein verhindern."
Marco Bolz nach der Tat: "'s ist vorbei. Er ist tot . . ."
Richter Franzmann nach der Urteilsverkündung im Fernsehen: "Angst ist ein schlechter Ratgeber." o
Von Mauz, Gerhard

DER SPIEGEL 44/1990
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