24.12.1990

„Die Liebe ist sehr schön, aber . . .“

Es ist, wieder einmal, die Geschichte von den beiden Königskindern, die nicht zueinander finden konnten. Daß sie sich doch bekamen, mit Tisch und Bett und allem drum und dran, wurde zum größten denkbaren Unglück für die beiden. Den Deutschen aber bescherte dieses Unglück eine dauerhafte Legende, jene vom großen romantischen Liebespaar Clara Wieck und Robert Schumann.
So grundfalsch diese Legende ist, sie hält sich hartnäckig, weil sie gar zu schön ist. Deshalb schmückt auch die Deutsche Bundesbank ihren neuen Hundertmarkschein mit einer noch extra aufgehübschten Clara, soll doch der weibliche Verbraucher endlich eine kreative Frau zum Vorbild haben.
Heute, wo Peter Graf vor aller Augen seine Tochter zum Siegen drillt, ist der Hintergrund dieser frommen Lüge leichter zu begreifen. Clara Wieck war eine Steffi Graf der deutschen Romantik, eine (Klavier-)Spielerin von offenkundiger Brillanz, aber mit wenig Anmut; ein abschreckendes Beispiel väterlichen Siegeswillens. Clara Wieck, verehelichte Schumann (1819 bis 1896), war der Star ihres Jahrhunderts, ein europaweit bestauntes Wunder an Spielpräzision, an Keusch- und Reinheit auch, eben Clara, die Heilige am Klavier, ein deutsches Trauerspiel ihr ganzes, bedingungslos der Musik ergebenes Leben lang.
Thomas Bernhard hätte sie zur Hauptfigur seines bissigsten Stückes machen können, das er leider nicht mehr geschrieben hat. Die Salonkomödie hätte "Wer die Musik sich erkiest" heißen und es an selbstzerfleischender Grausamkeit mit Ingmar Bergman aufnehmen können.
Denn beinah lieblos verlief die seit 150 Jahren kitschselig zur großen Romanze verklärte Beziehung. Es war, wie eine neue Biographie belegt, eher ein schrecklich vernünftiges Vertragsverhältnis, eines allerdings zu gegenseitigem Schaden*.
Was die Musikwissenschaftlerin Eva Weissweiler, 39, ausgegraben hat, ist dazu angetan, dem Musikenthusiasten die Feiertagslaune ordentlich zu verderben. Clara tritt einem da als aufgezogene Tochter eines banausischen Pedanten entgegen, ein Kunstprodukt wie die Automaten, die durch die Erzählungen der deutschen Romantik geistern. Ihr trauriges Leben lang blieb Clara eine abgerichtete Musikpuppe, die mechanisch ihre Kunststücke vollführte und der jedes Verständnis für das Wesen ihrer eigenen Kunst abging.
Der gescheiterte Musiker Friedrich Wieck hatte sich sehnlich eine Tochter gewünscht, denn Mädchen waren "gefügiger". Die Mutter verließ die Familie, und Wieck mußte sich eine neue Frau suchen. Die Hauptfrau aber blieb seine Clara. Tausende von Stunden ließ er sie Kadenzen üben, wenn sie patzte, zerriß er die Notenblätter in kleine Fetzen.
Dem Biedermeierpublikum, das die Inszenierung brauchte, bot er eine weißgekleidete Jungfrau ohne Unterleib, ein Geschöpf nach seinem Ebenbild. Selbst das Tagebuch führte er in ihrem Namen, lobte sich darin für seine strenge Ausbildung.
Nach dieser blendend geschriebenen Biographie wird sich nicht mehr ohne weiteres von diesem Traumpaar deutscher Romantikseligkeit schwärmen lassen; es war, stellt sich heraus, eine recht gewöhnliche Katastrophe, eine Ehe, die auch nur auf Erden geschlossen wurde. Mit dem Unterschied, daß sie Künstler waren und sich deshalb nicht nur um den Abwasch und die Erziehung der Kinder streiten mußten, sondern sich gegenseitig den Erfolg neideten.
Diese Clara ist, wie schon ein zeitgenössischer Kritiker bemerkte, ein seelenloses Wesen, das sich durch "Mangel an Schulbildung und Gemüthsfond" auszeichnet; die ihre Kinder "in Pension" gibt und sie nicht einmal an Weihnachten zu sehen wünscht; die sich meist erfolgreich weigert, die Stücke ihres _(* Eva Weissweiler: "Clara Schumann". ) _(Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 400 ) _(Seiten; 38 Mark. ) Mannes zu spielen; der Geld alles zu ersetzen vermag, die Liebe vor allem; der Mitleid mit Geisteskranken (wie beispielsweise ihrem Mann oder später ihrem Sohn Ludwig) als Blasphemie vorkommt.
Nach Roberts Ende trauert sie nicht lange, sondern spart sich den einzigen Gefühlsausbruch für den Tod ihres Vaters auf, dem sie übers Grab hinaus hörig blieb.
Auch das Bild vom tragisch verdüsterten Robert Schumann nimmt Schaden. Der Komponist lebte ständig über seine Verhältnisse. Er brauchte zur Stabilisierung diese lebenstüchtige Frau, er brauchte aber auch ihr Geld, ihren Ruhm. Daß ihn diese Ehe mit ihrem Zwangscharakter immer tiefer in seine Depressionen trieb, war eine nicht mehr sehr romantische Ironie, der Prinzgemahl einer Musikmaschine keine sehr ersprießliche Rolle.
In ihrer Ehe spielte Robert den Pedanten, verzeichnete im Haushaltsbuch Ausgaben und Einnahmen, große und kleine Ereignisse. Zum Beispiel den Märzaufstand 1848: "Beischlaf. Die Revolution. Spaziergang mit Klara. Die Todten." Mit winzigen Sechzehntelnoten notierte er säuberlich jeden Geschlechtsverkehr, den er seiner Ehefrau abverlangte.
Das eheliche Pflichtprogramm war ihm wohl lästiger, als es die Häufigkeit der Eintragungen vermuten läßt: Robert Schumann gilt inzwischen, wenn man Weissweiler glauben darf, als heimlicher Homosexueller.
Schon als Student hatte er sich lieber mit seinen "Davidsbündlern" oder "Sonnenjünglingen" herumgetrieben, hatte von "üppigen Nächten" geträumt, in denen ihm nach Männern und seltsam "griechisch" zumute war. Seine Wohnung stieß "rechts an das Irrenhaus und links an die Kirche", so daß er sich, da noch im Scherz, fragen mußte, ob er "verrückt oder katholisch" werden sollte. Er wußte sich einfach nicht zu entscheiden: Seiner Braut versprach er immer wieder, der verhängnisvollen Leidenschaft zu entsagen, "das Eine" zumal sein zu lassen, um dann bei erster Gelegenheit wieder mit Knaben und jungen Männern loszuziehen.
Im Haushaltsbuch, für das Robert seiner Clara rückhaltlose Offenheit gelobt hatte, schabte er die verräterischen Namen seiner Gefährten mit dem Rasiermesser wieder aus. Weissweiler sagt ihm gar ein längerwährendes Verhältnis mit dem Goethe-Enkel Walther nach; der Mann hatte sichtlich Kultur.
Trotz der unsterblichen Liebe zu Clara war er auch bei ihr hin- und hergerissen. Während der Jahre, da Schumann um Clara warb, fand er nichts dabei, sich mit einer Ernestine zu verloben und schleunigst Reißaus zu nehmen, weil die sich als nicht erbberechtigt herausstellte. Schumann schrieb die glühendsten Briefe aus Wien nach Paris, wo Clara sich erstmals allein und ohne ihren Diktator-Vater behaupten wollte, und man wird den Verdacht nicht los, hier halte sich einer auf die Distanz, die er zum Arbeiten braucht, eine unsterbliche, unnahbare Geliebte.
Die Vatertochter wußte allerdings, worauf es ankam. Fast drei Jahre vor der endlich vom Appellationsgericht Leipzig gewährten Verheiratung schrieb sie ihrem Robert: "Die Liebe ist sehr schön, aber, aber . . ." Dieses Aber war für ihre gerade 18 Jahre ein recht vernünftiger Vorbehalt, wieder "das Eine": "Das Eine muß ich Dir doch sagen, daß ich nicht eher die Deine werden kann, ehe sich nicht die Verhältnisse noch ganz anders gestalten. Ich will nicht Pferde, nicht Diamanten, ich bin ja glücklich in Deinem Besitz, doch aber will ich ein sorgenfreies Leben führen."
Sie floh, nach reiflicher Überlegung, vor der Liebe ihres Vaters in eine neue Sklaverei, das Ehe- und Kinderglück. In den 16 Jahren ihrer Ehe versäumte der "edle Zärtling", wie ihn Friedrich Nietzsche schimpfte, keine Gelegenheit, Clara mit jeder jungen Klavierspielerin, die sich in Deutschland hören ließ, eifersüchtig zu machen, indem er die kräftig lobte. Er fand auch nichts dabei, seine letzte Liebe, den Jüngling Johannes Brahms, anzuschwärmen, der sich, als Schumann schon im Irrenhaus einsaß, seiner Frau zuwandte.
Sie fetzten und sie küßten sich, wie das Eheleute tun, doch war es des Guten oft zu viel, Clara gebar nicht weniger als acht Kinder. "Wie hätte sie, die dauernd Kinder bekam, eine Tonsprache entwickeln sollen?" fragt sich Weissweiler und kann immerhin auf ein paar Opera verweisen, die Clara trotz des väterlichen Dauerdrucks, ihrer ausgedehnten Tourneen, ihres ewigen Kindbetts und der Konkurrenz ihres bis zum Wahnsinn schöpferischen Mannes zustande brachte.
Robert Schumann wollte keine Musikerin zur Gattin, sondern eine Hausfrau. "Kläre" nannte er sie, um ihr das mütterliche Häubchen zu verpassen, Kinder seien ein Segen, schrieb er ihr. (Tatsächlich hat er sich viel inniger als sie der Kinder angenommen.) Wohl hätte sie mit ihm zusammen komponieren dürfen, aber aus der Öffentlichkeit sollte sie verschwinden. Eine Frau gehörte damals nicht vor die Tür.
"Geniale Frauen sind schlechte Hausfrauen", hatte Schumann richtig erkannt. Wenn sie auch nichts Rechtes in der Kunst zuwege brächten, bliebe ihnen und ihm noch ein Trost, ist "das Weib" doch "gefrorene, stehende Musik". Das Schicksal meinte es dennoch gut mit Europas berühmtester Solistin und machte sie zur Ernährerin der Familie. Ohne ihre Reisen, ihre zahllosen Auftritte in halb Europa wäre die wachsende Kinderschar nicht durchzubringen gewesen, hätte Robert nicht seine "Frühlingssinfonie", seine "Genoveva", seinen "Manfred" schreiben könnnen.
Eine Zeitlang half sie sogar mit, ihm seine Neue Zeitschrift für Musik zu finanzieren, in der kaum je ein freundliches Wort über ihre Auftritte zu lesen war. Umgekehrt verstand sie seine Musik nicht, begriff nicht einmal den Kontrapunkt und hielt sich bis an ihr selig Ende an ein sicheres Repertoire aus Bravourstücken kleinerer Meister.
Aus Angst, am Kindbettfieber zu sterben, aus Überdruß an der ständigen unerfreulichen Mutterschaft ließ sie sich eine Art Pessar einsetzen, damals eine moralisch höchst suspekte Angelegenheit, und führte im Bade mindestens eine Fehlgeburt herbei. Doch eifrig wie eine Nähmaschine machte sich ihr oft genug betrunkener Gatte nach jeder Geburt wieder über sie her, schwängerte sie erneut und verzeichnete seine Leistung sofort nach dem Akt mit dem vertrauten Notenschlüssel.
Halbwegs frei wurde sie erst, als bei dem widerwilligen Zeuger die "Gehirn-Affektionen" zunahmen und er genug hatte. Am Rosenmontag des Jahres 1854 stürzte er sich in Düsseldorf von der Brücke in den Rhein. Er wurde in die als fortschrittlich geltende Heilanstalt Endenich bei Bonn eingeliefert, wo er die letzten zwei Jahre seines schwermütigen Lebens verbrachte.
Vermutlich hatte eine nicht rechtzeitig behandelte Syphilis den Komponisten zum Paralytiker gemacht; die Spätfolgen ließen ihn langsam in den Tod dämmern. Eine weitere Ursache für seine Geisteskrankheit dürfte nach Ansicht von Weissweiler die damals streng verbotene Homophilie sein.
Damals behandelte man die "Irren" noch mit einer Quecksilberkur, die den Leidenden Kopfhaut und Schädeldecke wegätzte, damit das Hirn darunter mit frischer Luft versorgt werde. Robert Schumann wurde vergleichsweise harmlosen Kaltwasserduschen ausgesetzt und gegen Ende mit Wein und Fleischextrakt zwangsernährt. Clara besuchte ihn in diesen letzten Monaten ein einziges Mal; als er starb, saßen Brahms und sie nebenan beim bürgerlichen Mittagstisch.
Die Witwe fälschte im Haushaltsbuch die letzten Eintragungen, um den Ausbruch der Krankheit literarisch zu erhöhen. Die trauernd Hinterbliebene wurde von aller Welt bedauert, kassierte die reichlichen Tantiemen für seine Werke, die andere aufführten, und spielte die Mater dolorosa der deutschen Musikkultur. Aus der bräutlichen Jungfrau war ein Berufsklageweib geworden; ganz in Schwarz spielte sie die Witwe ihres eingesperrten, dann verewigten Mannes und doch selten seine Stücke (sie waren ihr zu "serieux").
Zur Heroine taugt diese Clara nur in der alles verklärenden Legende. Eine Vorkämpferin für die befreite Frau war die Gute beim besten Willen nicht.
"Die Welt ist böse; wir wollen aber rein hervorgehen", hatte der Freier Schumann ihr 1837 geschrieben. Die Königskinder, die es richtig machen wollten, gegen den erbitterten Widerstand des Vaters, fanden nicht zusammen. In einem Traum, von dem er seiner Braut berichtete, zog das ersehnte Glück früh davon. "Du saßest auf einem schönen Roß, das gerade fortspringen wollte. Ich lag auf den Knieen und flehte Dich an, Du möchtest mich mit auf Dein Roß nehmen, aber Du sagtest nichts, nur das Pferd flog davon, und ich blieb zurück."
* Eva Weissweiler: "Clara Schumann". Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 400 Seiten; 38 Mark.
Von Willi Winkler

DER SPIEGEL 52/1990
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