31.12.1990

KrankheitenExtravagante Interessen

Napoleon masturbierte vor Schlachten, die Syphilis machte Arthur Schopenhauer zum Frauenhasser - ein Buch erzählt die Wahrheit hinter der Legende.
Die Bestatter gerieten gehörig ins Schwitzen. Über dem Körper dieses Toten, der so aufgequollen war, als hätte ihm jemand mit dem Blasebalg Luft eingepumpt, ließ sich der Sargdeckel partout nicht schließen. Da riß einem der Totengräber die Geduld: Er begann auf dem Bauch des Toten wie auf einem Trampolin herumzuspringen. Jetzt endlich nahm der Kadaver des Papstes Alexander VI. bestattungstaugliche Formen an.
Der 1503 verstorbene Kirchenfürst war nämlich nicht nur einer der größten Frauenhelden seiner Zeit, er war auch eines der ersten prominenten Opfer der Soldatenkrankheit Syphilis, die vor den Spitzen der Gesellschaft nicht haltmachte.
Den englischen König Heinrich VIII., den anglikanischen Blaubart mit seinen sechs Ehefrauen, hatte die Franzosenkrankheit in eine lepröse Masse verwandelt. Der einst athletisch gebaute Mann war so aufgeschwemmt, daß er sich durch keinen Türrahmen mehr zwängen konnte. Bestialisch riechende Eitergeschwüre bedeckten seine Beine.
Dem Humanisten Ulrich von Hutten, Syphilitiker wie sein Zeitgenosse Erasmus von Rotterdam, rieten wohlmeinende Freunde zum Selbstmord, nachdem gezählte elf Quecksilber-Schmierkuren erfolglos geblieben waren.
Mit ähnlichen Mitteln dürfte ein paar hundert Jahre später Arthur Schopenhauer versucht haben, gegen die zerstörerische Krankheit zu kämpfen. In seinem Nachlaß fanden sich Rezepte für Quecksilberkuren, was auf einschlägige Behandlungsmethoden schließen läßt. Gut möglich, daß die radikalen Äußerungen des Philosophen in der Geschlechterfrage weniger von seiner tiefsitzenden Abneigung gegen Frauen als von Wut und Verzweiflung über eine Syphilis-Infektion herrührten.
Vermutungen dieser Art stellt jedenfalls der Wiener Pathologe und Gerichtsmediziner Hans Bankl an, der "etwas extravaganten Interessen" frönt: Er sammelt Krankengeschichten und Obduktionsbefunde historischer Persönlichkeiten*.
Wenige Krankheitsverläufe sind so genau dokumentiert wie das zehn Jahre dauernde Martyrium des Friedrich Nietzsche. Jene berühmte Szene im Januar 1889 in Turin, als der Philosoph auf offener Straße einen Droschkengaul umarmte, um ihn vor der Peitsche des Kutschers zu retten, bezeichnete nur die endgültige geistige Umnachtung. Paralytische Wahnideen sprudelten nur so aus Nietzsches verwirrtem Gehirn.
"Erste Personnagen", darunter "die charmantesten Frauen", drückten ihm ihre Ergebenheit aus, halluzinierte er und wähnte sich als Inkarnation Buddhas, Alexanders und Caesars. " . . . zuletzt war ich noch Voltaire und Napoleon, vielleicht auch Richard Wagner . . . Ich habe auch am Kreuz gehangen."
Aus dem Krankenjournal, das nach Nietzsches Überführung in die Irrenanstalt Jena entstand: "1. April: Kot geschmiert: Ich bitte um einen Schlafrock zur gründlichen Erlösung. Nachts sind 24 Huren bei mir gewesen. 5. April: Uriniert in den Stiefel und trinkt den Urin. 14. Juni: Hält den Oberwärter für Bismarck. 17. Juni: Macht Turnbewegungen, hält oft stundenlang seine Nase fest. 6. August: Ein Bein mit Kot eingerieben."
Ob Nietzsche sich die Syphilis anläßlich jenes legendären Köln-Besuchs zuzog, wo er als 21jähriger von einem Dienstmann in ein Bordell verschleppt wurde, oder später, als er "in Italien auf ärztliches Anraten mehrfach den Coitus ausgeübt haben will" - so der Frankfurter Arzt Dr. Eiser an Richard Wagner -, bleibt im dunkeln.
Selbst im Dahinsiechen noch ganz Poet, beschrieb der Österreicher Nikolaus Lenau die ersten Anzeichen der Krankheit, Zuckungen der Gesichtsmuskulatur, verklärend als "Wetterleuchten der Paralyse". Dem Melancholiker _(* Hans Bankl: "Viele Wege führten in die ) _(Ewigkeit". Verlag Wilhelm Maudrich, ) _(Wien; 296 Seiten; 68 Mark. ) gelang es gar, "diesem ersten Versuch des Todes an meinem Leibe" sein eigenes schauriges Plaisir abzugewinnen, indem er das "heimliche melancholische Vergnügen" auskostete, "mit dem Tode in einen näheren Rapport getreten zu sein".
Charles Baudelaire, von Halluzinationen und Selbstmordgedanken geplagt, war da nur wenig nüchterner. "Ich habe den Wind des Fittichs der Verblödung an mir vorüberstreifen gefühlt", schrieb er in sein Tagebuch. In der Mehrzahl der Fälle geht die Syphilis mit Gehirnstörungen einher, häufig mit progressiver Paralyse, wie im Fall des Komponisten Friedrich Smetana.
Der konnte kurz vor dem totalen Zusammenbruch nur noch unverständliches Zeug vor sich hin lallen, stand stundenlang am Fenster und winkte nicht vorhandenen Personen zu. Anläßlich seines 60. Geburtstags schrieb er sich selbst eine Postkarte, an Mozart und Beethoven verschickte er beschriebene Papierschnitzel als Briefe. Smetana endete in der Prager Anstalt für Geisteskranke. "Roter Gehirnschwund" stand im Sektionsprotokoll.
Bei Bankl wurden immerhin Beethoven, Lenin, Hitler und Napoleon vom Verdacht einer Krankheit freigesprochen, die man sich durchs Herumhuren holt. Wenn sich Bonaparte, wie er es gern tat, seiner eisernen Gesundheit rühmte, dann log er.
Der Kaiser der Franzosen war ein nervöser Hysteriker, der, so wird vermutet, vor Schlachten masturbierte, um sich einigermaßen zu entspannen.
Alexandre Urbain Yvan, sein Feldchirurg, beschrieb ihn als "hochgradig nervös" und "sehr empfänglich für emotionale Einflüsse". Gewöhnlich befiel "der Krampf entweder den Magen oder die Blase". Napoleon konnte nur tropfenweise und unter Schmerzen urinieren, in Briefen an seine Frau Josephine, die er ihr während des Italien-Feldzugs schrieb, klagte er über Husten, Migräne, Fieberanfälle und Hämorrhoidal-Beschwerden.
Napoleons berühmte abgewinkelte Armbewegung verdankte sich weniger imperialem Getue als heftigen Schmerzen im rechten Oberbauch. Oft knöpfte er die Weste auf, steckte die linke Hand unter den Rock und preßte sie auf die schmerzhafte Stelle. Das Magenkarzinom in seinem Inneren wucherte weiter, Napoleons Ende stand bevor.
Der Regimentschirurg Archibald Arnolt notierte im Jahr 1821 in sein Tagebuch: "2. April: Er klagte über nagende Schmerzen im Magen mit fortwährender Übelkeit und Erbrechen. Selten fand eine Entleerung ohne Hilfe von Klistieren statt. 27. April: . . . bemerkte ich, daß das aus dem Magen Ausgebrochene eine ganz dunkle Flüssigkeit war, die dem Kaffeesatz ähnelte und sehr ekelhaft roch." Acht Tage später war Napoleon tot. Der Feldherr hatte die Schlacht verloren.
Genauso wie Ingeborg Bachmann die ihre. Die Veranstalter eines Ingeborg-Bachmann-Abends in Bonn sahen sich eines Tages in die bizarre Rolle von Suchtgiftbeschaffern versetzt. Während das Auditorium im überfüllten Vortragssaal immer unruhiger wurde, hetzten sie mit der Dichterin von Apotheke zu Apotheke, um ihr den nötigen Stoff zu besorgen. Ohne Psychopharmaka war Ingeborg Bachmann ein Häufchen Elend, nicht fähig, vor Publikum zu treten.
Ein Freund, der sie zwei Monate vor ihrem Tod sah, war entsetzt über die vielen Brandwunden, die ihren Körper bedeckten. Die hatte sie sich selbst zugefügt, unkontrolliert, zerstreut. Die Zigarette glitt ihr häufig aus der Hand, die Glut versengte die Haut.
Aber die Bachmann spürte nichts mehr. Ihr Mülleimer quoll über vor leeren Medikamentenschachteln. An die 100 Tabletten schluckte sie pro Tag, die Sucht hatte sie schmerzunempfindlich gemacht. Als die Schriftstellerin am Morgen des 26. September 1973 in das römische Krankenhaus Saint'' Eugenio eingeliefert wurde, war mehr als ein Drittel ihrer Körperoberfläche durch Verbrennungen zweiten und dritten Grades entstellt. Das brennende Nylon ihres Nachthemdes hatte sich regelrecht ins Fleisch gefressen.
Trotz ihrer Verbrennungen verheilten die Wunden normal, dafür wunderten sich die Ärzte über die schweren Krampfanfälle der Patientin, die sie endlich als Symptome von Entzugserscheinungen identifizierten. Zu spät wurde der Name des Medikaments gefunden, das das "Überlebenselixier" der Dichterin hätte sein können. Neben häufigen "Medomin- und Whisky-Cocktails" nahm sie regelmäßig große Mengen des valiumähnlichen Tranquilizers Seresta zu sich. Am 17. Oktober 1973 starb sie an "epileptiformen Krampfanfällen". Ihr hilfloser Verbrennungstod ist ebenso Legende für die Moralisten unter den germanistischen Gralshütern wie der Selbstmord des Schulmeisters Adalbert Stifter.
Als sich dieser Schwerstalkoholiker in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 1868 mit dem Rasiermesser eine Schnittwunde am Hals beibrachte, kursierten die blutrünstigsten Geschichten im oberösterreichischen Städtchen Linz. Die größten Klatschmäuler wußten gar von einem "zum Teil abgetrennten Haupt" zu berichten, das vor Abnahme der Totenmaske gestützt werden mußte. Der behandelnde Arzt, Dr. Essenwein, stellte allerdings lakonisch fest: "Der Schnitt war an und für sich nicht tödlich, aber der Tod war auch ohne diesen im Anzuge und auch ohne diese Ungeduld von Seiten des Kranken wäre der Tod bald erfolgt." "Zehrfieber infolge chronischer Leberatrophie" vermerkte der Totenschein als Sterbeursache.
Der Tote wurde mit allen kirchlichen Segnungen versehen bestattet, schließlich war der große böhmische Dichter nicht wirklich durch eigene Hand gestorben, sondern nur am Saufen. o
* Hans Bankl: "Viele Wege führten in die Ewigkeit". Verlag Wilhelm Maudrich, Wien; 296 Seiten; 68 Mark.

DER SPIEGEL 1/1991
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