20.11.1989

Viel Gefühl, wenig Bewußtsein

SPIEGEL: Herr Graß, vor 28 Jahren haben Sie am Tag nach dem Mauerbau einen offenen Brief an Ihre Kollegin Anna Seghers in der DDR geschrieben, in dem Sie von Ihrem Schock beim Anblick der Vopos berichteten: Ich "ging zum Brandenburger Tor und sah mich den unverkennbaren Attributen der nackten und dennoch nach Schweinsleder stinkenden Gewalt gegenüber". Welche Gefühle haben Sie am 9. November 1989 bewegt?
GRASS: Ich dachte, hier hat eine deutsche Revolution stattgefunden: unblutig, mit klarem Kopf und offenbar erfolgreich. Das hat es in unserer Geschichte noch nie gegeben.
SPIEGEL: Diese Revolution wurde der SED-Regierung ja durch die Ausreisewelle über Ungarn und die Belagerung der Botschaften in Prag und Warschau abgetrotzt. Ohne diesen Druck hätte sie nicht stattgefunden.
GRASS: Es war ein doppelter Druck. Ein Druck der Auswanderung und ein Druck der Protestveranstaltungen, die sich zur Revolution ausgeweitet haben. Das sind Massen gewesen, wie es sie noch nie auf den Straßen der DDR gegeben hat. Am 16./17. Juni 1953, der kein Volksaufstand war, vielmehr ein Arbeiteraufstand, aber in beiden Teilen Deutschlands verfälscht worden ist, dort zur Konterrevolution und hier nach Adenauers Sprachregelung zum Volksaufstand, waren nur 350 000 Menschen auf den Straßen.
SPIEGEL: So ganz glücklich scheinen Sie mit dieser Revolution trotzdem nicht zu sein.
GRASS: Die Reihenfolge der Änderungen war falsch. Es hätte die innere Demokratisierung weiter vorangetrieben, die Öffnung der Grenzen angekündigt werden müssen. Die Kommunalwahl hätte wiederholt werden müssen. Das wiederum hätte zu einer Umstrukturierung der DDR auf der höheren Ebene führen können und auch den Opposi-Das Gespräch führten die Redakteure Bernd Kühnl und Willi Winkler. tionsgruppen mehr Spielraum gegeben. Sie hätten die politische Praxis gewinnen können, die vielen fehlt.
SPIEGEL: Ihre Gefühle sind also durchaus zwiespältig?
GRASS: Zwiespältig heißt, daß ich mir Sorgen mache, ob dieser kleinere deutsche Staat in dem Zustand, in dem er sich befindet, die offene Grenze aushalten wird. Und die weitere Sorge ist, daß in der Bundesrepublik in Ermangelung realisierbarer Konzepte das Wiedervereinigungsgeschrei wieder losgeht.
SPIEGEL: Nun ist es aber so, daß nach konservativer Auslegung das Grundgesetz die Wiedervereinigung zwingend vorschreibt.
GRASS: Im Grundgesetz steht nichts von Wiedervereinigung; in der Präambel ist die Rede von der Einheit der Deutschen, und für die bin ich auch.
SPIEGEL: Dann werfen Sie jedem, der vom Wiedervereinigungsgebot der Verfassung redet, vor, daß er die Verfassung nicht kennt.
GRASS: . . . die Verfassung nicht kennt oder wenn er sie kennt, wider besseres Wissen redet.
SPIEGEL: Was würden Sie bei Helmut Kohl annehmen?
GRASS: Ich glaube, der Bundeskanzler kennt sie gar nicht. Aber schon ein rascher Blick würde ihn lehren, daß dieser Begriff Einheit vieles erlaubt, vieles möglich macht. Mehr erlaubt als diese Entweder-oder-Forderungen, die in Deutschland schon viel kaputtgemacht haben. Da hält sich die eine Seite faul an den Status quo und sagt: Aus Gründen der Sicherheit in Mitteleuropa muß es bei der Zweistaatlichkeit bleiben. Dann gibt es die andere Liga, die sich immer zur Zeit oder zur Unzeit auf Wiedervereinigung verständigt. Dazwischen aber liegt die Möglichkeit, eine Einigung zwischen den beiden deutschen Staaten herbeizuführen. Das käme dem deutschen Bedürfnis und Selbstverständnis entgegen, und auch unsere Nachbarn könnten es akzeptieren. Also keine Machtballung im Sinne von Wiedervereinigung, keine weitere Unsicherheit im Sinne von Zweistaatlichkeit, Ausland zu Ausland, sondern vielmehr eine Konföderation zweier Staaten, die sich neu definieren müßte. Da hilft kein Rückblick auf das Deutsche Reich, sei es in den Grenzen von 1945, sei es in den Grenzen von 1937; das ist alles weg. Wir müssen uns neu definieren.
SPIEGEL: Aber die deutsche Einigung seit den Befreiungskriegen lief doch immer auf eine Nation, einen gemeinsamen Staat hinaus.
GRASS: Keineswegs. Damals in der Paulskirche wurde eine Vielzahl von Konzepten diskutiert. Ich beziehe mich lieber auf den Herderschen Begriff der Kulturnation.
SPIEGEL: Nun ist der Begriff der Konföderation ja nicht ganz unbelastet . . .
GRASS: Wieso?
SPIEGEL: Die Ulbrichtschen Konföderationspläne der fünfziger und sechziger Jahre sind für die junge Bundesrepublik immer ein Schreckgespenst gewesen.
GRASS: Es hieße Ulbricht zuviel Ehre antun, wenn man ihm nachträglich erlaubte, einen praktikablen Begriff aus dem Verkehr zu ziehen. Konföderation gibt es in vielen demokratischen Staaten. Die beiden deutschen Staaten kommen einer solchen Konföderation auch noch aus anderen Gründen entgegen. Das föderalistische Prinzip in der Bundesrepublik hat uns eigentlich trotz gewisser Erschwernisse nur Gutes gebracht, und ich wünschte mir, daß auch in der DDR im Laufe der nächsten Jahre die alten Länder wieder zum Vorschein kommen.
SPIEGEL: Müßte der Vorwurf der Faulheit nicht auch Ihrem Parteifreund Egon Bahr gelten, der doch gesagt hat: Laßt uns bei Gott nicht an diesen beiden Staaten rütteln?
GRASS: Also, Faulheit wäre das letzte, was ich Egon Bahr vorwerfen würde, denn er ist einer der beweglichsten Köpfe gewesen. Da fängt meine Kritik an. Ich glaube, daß Egon Bahr auch von dieser plötzlichen Entwicklung überrascht worden ist - das spricht nicht gegen ihn - und daß er bei seiner Politik der kleinen Schritte immer sorgfältig darauf bedacht gewesen ist, den Erfolg der kleinen Schritte abzusichern. Deshalb wird er nicht rütteln an der gegebenen Zweistaatlichkeit. Selbst bei besten Absichten würde die Wiedervereinigung dazu beitragen, uns zu isolieren. Und wenn Deutschland sich isoliert fühlt, kennen wir die oft panikartige Reaktion.
SPIEGEL: Aber würde eine durch Konföderation angebundene DDR nicht zu einem Trabanten der EG werden?
GRASS: Ich weigere mich, das Ganze in Schwarzweiß zu sehen. Hier die völlig runtergewirtschaftete sozialistisch-kommunistische Wirtschaft, und da wie ein festgefügter Block der Kapitalismus. Auch der Kapitalismus erfährt von Land zu Land verschiedene Ausprägungen. Also kann man auch hier differenzieren von kapitalistischer Seite und Methoden anwenden, die für die DDR akzeptierbar sind, die nicht zur Verformung und zur Verwerfung führen, die nicht zu neuen sozialen Unruhen führen, womöglich auch mit einem Rechtsruck, wie wir ihn hier aufgrund verfehlter kapitalistischer Politik haben.
SPIEGEL: Was kann denn eigentlich die DDR in eine wie auch immer geartete Zweisamkeit der beiden deutschen Staaten einbringen?
GRASS: Etwas, das vielleicht jedem aufgefallen ist, der mehrmals in der DDR gewesen ist, etwas, das uns hier fehlt: ein langsameres Lebenstempo, entsprechend mehr Zeit für Gespräche. Eine interne Nischengesellschaft (ich glaube, der Ausdruck geht auf Günter Gaus zurück) ist da entstanden, etwas Biedermeierliches wie zu Metternichs Zeiten. Etwas, von dem ich nicht weiß, ob es mit der Öffnung zur Straße und zur Demokratie hin nicht schon wieder vorbei ist.
SPIEGEL: Sie glauben im Ernst, dieses Spätbiedermeier könnte der geballten Wirtschaftsmacht des Westens widerstehen?
GRASS: Wir vergessen, daß bei dieser notwendigen Hinwendung zum deutschdeutschen Thema die eigentlichen Problematiken der Gegenwart verdeckt sind, aber in wenigen Wochen und Monaten sind sie wieder da: eine um sich greifende Umweltzerstörung. Das Ozonloch wird durch die Annäherung der Deutschen nicht kleiner.
SPIEGEL: Wenn wir noch mal auf Ihre Gefühle zurückkommen dürfen: Hätten Sie denn vorletzte Woche im Bundestag beim Deutschlandlied mitgesungen?
GRASS: Wahrscheinlich ja. Ganz gewiß aber mit anderen Gedanken als diejenigen, die es angestimmt haben. Ich vermute mal, daß sie die Wiedervereinigung im Auge hatten. Inzwischen findet schon eine Inflationierung dieser Hymne statt, und vor der ist zu warnen, gerade auch mit Rücksicht auf den doch bedeutsamen Inhalt.
SPIEGEL: Der dritten Strophe?
GRASS: Ja. Einigkeit und Recht und Freiheit, das sind Inhalte, die beide Staaten betreffen. Die DDR kann uns etwas geben, ja, einen Impuls. Sieht es bei uns denn so blendend aus? Ist denn bei uns das, was in der Verfassung steht, so deckungsgleich mit dem, was Verfassungswirklichkeit bedeutet? Ist bei uns der arme Mann oder der nicht betuchte Mann in der Lage, vor unseren Gerichten seinen Rechtsstandpunkt, sein Recht durchzukämpfen? Gehört nicht Geld dazu, gehören nicht hochdotierte Anwälte dazu, um Recht durchzusetzen in der Bundesrepublik? Gibt es diese Art von Ungleichheit nicht in einem skandalös großen Maß in einem reichen Land? Hätten wir nicht allen Anlaß, den neuen, den gewaltlos revolutionären Impuls, der von der DDR ausgeht, auf uns zu übertragen?
SPIEGEL: Wie das? Von der DDR lernen heißt siegen lernen?
GRASS: Ich habe am 4. November auf dem Alexanderplatz eine Vielzahl von treffenden Transparenten gesehen, die meisten betrafen die Situation in der DDR. Aber ein Transparent war darunter, das nicht nur für die DDR gilt: "Sägt die Bonzen ab, schützt die Bäume." Diese Bonzen gibt es auch bei uns in der Bundesrepublik. Und die Bäume, die zu schützen sind, gleichfalls. Eine, wenn Sie so wollen, gesamtdeutsche Parole: Ich habe selten die Doppel-Problematik unserer Existenzlage so knapp formuliert gesehen.
SPIEGEL: Fürchten Sie denn, daß die Bonzen in der Bundesrepublik in dem Maß selbstgefälliger und gefestigter werden, wie es denen in der DDR schlechter geht?
GRASS: Ich will beispielhaft einen einzigen Fall nennen: den Herrn Lambsdorff, einen Mann, der einiges am Stecken hat, Vorsitzender einer demokratischen Partei und von keinem Selbstzweifel angekränkelt ist. Der erst mal die großen Reformen in der DDR sehen will, bevor er Geld lockermacht. Dieser Mann mit seiner Vergangenheit und seiner Selbstgefälligkeit wäre auf unsere Verhältnisse übertragen der Bonze, der abgesägt werden muß, damit die Bäume geschützt werden können.
SPIEGEL: Die DDR war bisher der einzige deutsche Staat, in dem der Sozialismus probiert worden ist. Dieses Experiment scheint jetzt zu Ende zu gehen.
GRASS: Doch unter welchen Bedingungen fand dies statt: Dieser kleine Staat hat die Hauptlast des verlorenen Krieges tragen müssen. All die Jahre hindurch bis heute. Allein das wäre Verpflichtung für uns, möglichst selbstlos zu helfen. Die DDR hat unter weit schwierigeren Bedingungen etwas aufbauen müssen, unter einem wirtschaftsunfähigen, zentralistischen Bürokratismus, unter der Last des Stalinismus und ohne Marshall-Plan, auch mit weit größeren Reparationsleistungen. Das Experiment ist auch aus diesen Gründen gescheitert.
Doch gibt es bei der DDR-Opposition, und zwar nicht nur bei der neugegründeten Sozialdemokratischen Partei, sondern auch beim Neuen Forum und bei der Gruppe Demokratie Jetzt Versuche, einen demokratischen Sozialismus zu entwickeln. Denn es ist mit keinem Satz bewiesen, daß der Niedergang dieses Wirtschaftssystems, das sich zu Unrecht sozialistisch genannt hat, auch das Experiment eines demokratischen Sozialismus in Deutschland beendet hat. Diese abenteuerliche These, die auf nichts gründet, zielt natürlich hauptsächlich gegen die Sozialdemokraten.
SPIEGEL: Hat der Sozialdemokrat Günter Graß eigentlich eine Erklärung dafür, warum gerade die Sozialdemokraten dieser Entwicklung so sprachlos gegenüberstehen?
GRASS: Ich glaube, daß sich die Sozialdemokraten von ihrer erfolgreichen "Politik der kleinen Schritte" den Blick haben verstellen lassen auf Entwicklungen, die sprunghafter sind und schneller gehen. Doch sprachlos sind die Sozialdemokraten jetzt nicht mehr. Daß sie es eine Zeitlang gewesen sind, war oft ein Ärgernis. Zum Beispiel löste die Ankündigung einer Neugründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR zunächst einmal Verwirrung aus, stieß auch auf Unverständnis wie "Muß das jetzt sein?" und "Ist das der richtige Zeitpunkt?" - lauter Bedenkenträger meldeten sich zu Wort.
SPIEGEL: Wie kann es denn sein, daß eine Partei wie die SPD, die doch so viele Deutschlandpolitiker hohen Kalibers hat, so leidenschaftlich auf das falsche Pferd, nämlich auf ihre SED-Kontakte gesetzt hat?
GRASS: So sehe ich das nicht. Es ist ja kein Fehler, wenn man SED-Kontakte hat, nur halte ich es für falsch, daß man ausschließlich sich auf SED-Kontakte konzentriert und nicht gleichzeitig das im Auge behält und, wo es angemessen ist, mit Sympathie und Solidarität unterstützt, was sich in einem Land tut und entwickelt.
SPIEGEL: Norbert Gansel hat offenbar unter Schock am Ende der Honecker-Ära den Spruch geprägt: Wandel durch Abstand.
GRASS: Ich glaube, daß er das heute nicht mehr so formulieren würde. Aber seine Kritik war begründet.
SPIEGEL: Also bleibt es doch dabei: Die SPD hat keine klare Linie in der Deutschlandpolitik.
GRASS: Man kann immerhin darauf verweisen, daß man zum richtigen Zeitpunkt Kontakte mit offiziellen Stellen geknüpft, dann etwas erarbeitet hat, was nicht nur die Beziehung SPD und SED, sondern die Bevölkerung insgesamt betrifft. Und auf der Grundlage dieses damals erarbeiteten gemeinsamen Papiers war es für die Opposition leichter, zu einem eigenen Selbstverständnis zu finden und zu dem zu kommen, was sie heute ist.
SPIEGEL: Helmut Kohl hat gesagt, die Verfassung in der Bundesrepublik erlaube ihm nicht, für Gesamtdeutschland zu sprechen, erlaube ihm also auch nicht, die polnische Westgrenze anzuerkennen.
GRASS: Aber damit spricht er ja dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt das Recht ab, damals die Warschauer Verträge unter Dach und Fach gebracht zu haben, auf die er sich gleichzeitig beruft. Es ist seine Rücksichtnahme auf die CDU, auf den rechten Flügel der Union, es ist die Angst vor den Republikanern, die Kohl hindert, dieses erlösende, befreiende und notwendige, schon längst überfällige Wort zu sprechen. Und das ist der eigentliche Skandal, denn diese Gelegenheit wird sich ihm nicht mehr bieten.
Man muß jetzt auch noch über die Peinlichkeiten der Polenreise des Kanzlers sprechen. Über die Engstirnigkeit dieses Mannes, die Unbelehrbarkeit, die penetrante Besserwisserei und das schier Unerträgliche dieses Mannes als Bundeskanzler. Ich weiß nicht, wer ihm zum Annaberg geraten hat, das einzig Positive daran ist, daß die jüngere Generation durch Nachfragen, was war denn da los auf dem Annaberg, eine nachträgliche Geschichtslektion bekommen hat. Wie dort Polen von deutschen Freikorps, die auch an anderen Stellen tätig waren, zusammengeschossen worden sind. Ich weiß nicht, welche Geschmacklosigkeiten, Instinktlosigkeiten Herrn Kohl noch einfallen werden in Zukunft. Seine Amtstätigkeit ist in dieser Beziehung konsequent.
SPIEGEL: Wie kommt es eigentlich, daß den Intellektuellen in der Bundesrepublik so wenig zur deutschen Frage einfällt?
GRASS: Das ist nicht pauschal zu beantworten. Da mögen viele Dinge eine Rolle spielen: Der Kulturbetrieb in der Bundesrepublik absorbiert sehr viel, es ist ein hochdotierter Betrieb, der zur Beschäftigung mit sich selbst reizt. Dann gibt es einige Trends, die besonders von der Kritik gewürdigt werden. Etwa eine Literatur, die sich sehr stark mit sich selbst beschäftigt, was sicher auch seine Berechtigung hat. Doch das ist nicht gerade eine Position, die Schriftsteller dazu bringen könnte, von sich abzusehen und sich innerhalb einer Gesellschaft oder einer geschichtlichen Entwicklung zu begreifen, als Zeitgenossen zu begreifen. Das ist zum Beispiel meine Position, die des Zeitgenossen. Und die hat mich, ob ich's wollte oder nicht, immer wieder dazu gebracht, Stellung zu beziehen.
Mir ist gerade in diesen Tagen eine Rede eingefallen, die ich auf Einladung des Presseclubs Bonn Ende der sechziger Jahre oder Anfang der siebziger Jahre gehalten habe und die damals viel Widerspruch fand. Sie hieß: "Von der kommunizierenden Mehrzahl". Und damals habe ich, mit anderen Worten als heute, ein Nebeneinander und Miteinander, DDR mit BRD, zu formulieren versucht. In den "Kopfgeburten" komme ich neben dem Thema Dritte Welt immer wieder auf das, was vor der eigenen Haustür liegt, zurück; in diesem Buch ist auch der Begriff der Kulturnation zum erstenmal vorformuliert.
SPIEGEL: Nur Ihr Kollege Martin Walser wird durch das Thema Deutschland um den Schlaf gebracht. Da kommt er dann mächtig ins Grübeln: "Wenn mir Königsberg einfällt, gerate ich in einen Geschichtswirbel, der mich dreht und hinunterschlingt."
GRASS: Das ist zuviel Gefühl und zuwenig Bewußtsein.
SPIEGEL: Er meint, das sei Geschichtsgefühl.
GRASS: Aber natürlich, es ist ein Schmerz, den auch ich ein Leben lang mit mir herumtrage. Geschichtsbewußtsein zu haben oder sich zu erarbeiten heißt ja nicht, daß man ohne Gefühl ist. Wenn ich nach Gdansk fahre, um Spuren von Danzig zu suchen, bin ich nie frei von Gefühlen. Das führt oft zu Streitgesprächen, weil ich mich, wie gegen den deutschen Chauvinismus, auch gegen den polnischen Chauvinismus ausspreche.
Ich bin aber auch stolz, daß von meiner Heimatstadt etwas ausgeht. Als ich im Jahr 1981 wieder einmal in Gdansk war und in einer Ausstellung meine Grafiken gezeigt wurden, hielt der Bürgermeister dort eine kleine Rede auf deutsch und sagte sinngemäß: Ein Sohn unserer Stadt ist zu internationalem Ruhm gekommen. Wir sind stolz auf ihn. Diese Gefühle sind auch bei mir da, aber das verführt mich nicht dazu, in Gefühligkeit auszubrechen. Und hier beginnt meine Kritik an Walser. Ich finde es sehr gut, daß er sich - auch wenn ich anderer Meinung bin - äußert, sich in dieses Gespräch einmischt und zum Widerspruch reizt. Mir ist das lieber als das mufflige Nichtsagen vieler anderer, die sich dauernd an dem Thema vorbeidrücken.
SPIEGEL: Aber das hat ihm eine Einladung zur Klausurtagung der CSU nach Wildbad Kreuth eingebracht, wo er mit Theo Waigel, der auf den Grenzen von 1937 besteht, Schafkopf gespielt hat.
GRASS: Das muß Walser mit sich abmachen. Was ich eher als problematisch ansehe, ist, daß ein Schriftsteller mit Gedächtnis - das ist bei einem Schriftsteller Voraussetzung -, der 1967 während der letzten Tagung der Gruppe 47 in der Pulvermühle den Boykott der Springer-Zeitungen gefordert und betrieben hat, als einer der ersten diesen Boykott durchbricht. Das hat mir weh getan.
Es sei Martin Walser unbenommen, seine Meinung zu ändern. Als ich ihn kennenlernte, war er ein aufgeklärter Konservativer vom Bodensee, mit einer gewissen vorsichtigen Neigung zur SPD hin, die sich über den Studentenprotest zur DKP-Nähe hin entwickelte, dann wieder Abstand nahm, jetzt plaudert er mit Waigel - da sind ein paar unerklärte Drehungen zuviel dabei, die mir nicht gefallen. Da bleibt auch vom so herrlich beredten Widerspruchsgeist Walsers zuviel auf der Strecke, es wird flach und endet, wie immer, wenn Intellektuelle sentimental werden, in Rührseligkeiten.
SPIEGEL: Das fehlende Interesse an Deutschlandpolitik ist natürlich kein gutes Vorzeichen für Ihre Kulturnation.
GRASS: Na, in der DDR ist das doch anders. Ich denke zum Beispiel an Christoph Hein. Außerdem gibt es die Autoren, die mittlerweile in der Bundesrepublik leben wie etwa Erich Loest. Ich könnte eine Vielzahl von Schriftstellern aufzählen, die aufgrund ihrer Biographie, ihrer Erfahrungen, die sie entweder in dem einen oder dem anderen oder in beiden Staaten gemacht haben, durchaus in der Lage sind, diesen Begriff Kulturnation mit Inhalt auszufüllen.
SPIEGEL: Peter Schneider stellt sich für die Zeit nach der Mauer die Frage: "Können wir ohne Feind existieren?"
GRASS: Ich glaube, daß zur Zeit der Westen Schwierigkeiten hat, ohne Feindbild zu leben. Daß die westliche Industrie große Schwierigkeiten hat, vom Rüstungskonzept Abschied zu nehmen. Jahrzehntelang hat man, zum Teil aus guten Gründen, das Rüstungspotential der Sowjetunion und der, damals konnte man sagen: Satellitenstaaten, als Gefahr empfunden und hat Rüstung so begründet - so hat sich das hochgeschaukelt. Aber nun, nachdem dort die Abrüstung begonnen hat, fehlen entsprechende Reaktionen auf unserer Seite. Da wird also im Wörner-Stil nach wie vor die Notwendigkeit der Nato in der bestehenden Form beteuert - ein Wandel findet nicht statt. Hier trifft auch das Gorbatschow-Wort zu: "Wer sich verspätet, den bestraft das Leben."
SPIEGEL: Herr Graß, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Günter Graß *
kommt aus Danzig, von jenseits der neuerdings wieder heftig umstrittenen Oder-Neiße-Grenze. Obwohl die meisten seiner Romane mit der alten Heimat zu tun haben, war Graß, 62, nie Berufsvertriebener. Schon 1967 forderte er die Anerkennung der polnischen Westgrenze. 1970 begleitete er Willy Brandt zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages. Seit 1961 hatte Graß Brandts Kanzlerkandidatur unterstützt, nach Brandts Rücktritt schien der Eifer des Schriftstellers Graß für die "Es-Pe-De" nachzulassen. Erst als es mit der sozialliberalen Koalition zu Ende ging, wurde Graß ordentliches Mitglied der SPD.
Von B. Kühnl und W. Winkler

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