28.05.1990

„ Auf den Kohl eindreschen“

Der SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine verlangt von seiner Partei das Nein zur schnellen Währungsunion mit der DDR. Doch viele Sozialdemokraten wollen ihm nicht folgen. Parteichef Vogel und Lafontaine sind tief zerstritten, beide drohen mit Rücktritt. Muß ein Sonderparteitag über den SPD-Kurs entscheiden?
Oskar Lafontaine mochte sich "das nicht mehr antun", er schaltete ab. Was er da zu Hause am Fernseher von sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten in der Debatte zum deutsch-deutschen Staatsvertrag hörte, empörte den Kanzlerkandidaten der SPD aufs höchste.
"Es ist unglaublich", schimpfte er im Kreise seiner Saarbrücker Berater, "die Dummheit der CDU konterkarieren wir durch unsere eigene. Das ist im Moment die Lage."
In seinem Saarbrücker Haus Am Hügel hatte der Rekonvaleszent vor allem das vernommen, was ihm nicht ins Konzept paßt: ein deutliches Ja der Genossen zu Einheit, Vertrag und Währungsunion, nur gedämpfte Töne der Kritik, etwa von der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Herta Däubler-Gmelin oder von der Finanzexpertin Ingrid Matthäus-Maier.
Dagegen hatte der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Wolfgang Roth, in die Saiten gegriffen, als wolle er eine Hymne auf Helmut Kohl ausbringen, den Kanzler der Einheit und der schnellen Mark: "Ich gebe zu, daß ich im November letzten Jahres den sofortigen Sprung der DDR in eine Währungs- und Wirtschaftsunion nicht für einen gangbaren Weg gehalten habe. Aber ich habe mich nach dem Fall der Mauer . . . eines Besseren belehren lassen." Der Weg der Koalition sei "von den Realitäten her der einzig gangbare".
Das war nun exakt das Gegenteil von dem, was Oskar Lafontaine seit Jahresbeginn verkündet und worauf er im Frühjahr Partei und Fraktion verpflichtet hatte, bevor er dem Drängen Hans-Jochen Vogels nachgab und früher als geplant die Kanzlerkandidatur annahm.
Roths Diktion schien auch in krassem Widerspruch zu einem einstimmigen Beschluß des SPD-Vorstandes vom vergangenen Montag zu stehen, den tags darauf auch die Fraktion - von Ausnahmen abgesehen - übernommen hatte. Unter großem Mediengetöse hatten die Sozialdemokraten ein Nein zum Staatsvertrag "in der jetzt vorliegenden Form" verkündet.
Lafontaine hatte diesem Papier vor allem zugestimmt, weil Kohl darin für die "abrupte Einführung" der Mark in der DDR verantwortlich gemacht wurde.
In der vergangenen Woche unterbrach deshalb der von den körperlichen Folgen des Attentats Genesene seine von den Ärzten empfohlene und von ihm bislang eingehaltene Abstinenz von öffentlichen Auftritten und rief in einem SPIEGEL-Gespräch seine fortdauernde Opposition gegen das Kernstück des Vertrages in Erinnerung: Die DM zum 1. Juli in der DDR einzuführen sei "eine eminente Fehlentscheidung", die er nicht bereit sei mitzutragen (siehe Seite 30).
Trotz dieses Machtworts ihres Kandidaten bleibt die Lage der SPD verfahren. Eine überzeugende Lösung ist nicht in Sicht.
Die SPD steckt trotz aller Erfolge bei Kommunal- und Landtagswahlen und aller Lichtblicke in Meinungsumfragen in einer tiefen Krise. Unumstritten ist von der Führung bis zur Basis nur eine These: Oskar Lafontaine ist der einzige Kandidat, dem die Sozialdemokraten eine Chance gegen CDU-Kanzler Helmut Kohl zutrauen. Deswegen haben sie den Saarländer auch im Vorstand und im Parteirat einstimmig gekürt. In Lafontaine sehen die Genossen den Gewinnertyp, der fünfmal hintereinander im Saarland siegte und zuletzt im Januar seine absolute Mehrheit im Landtag sogar noch verbreiterte.
Lafontaine war in den zurückliegenden Jahren immer wieder für einen handfesten Streit mit den eigenen Leuten gut, ob er kürzere Arbeitszeiten ohne vollen Lohnausgleich verlangte und über Sonntagsarbeit nachdachte, ob er gegen die "Deutschtümelei" beim Umgang mit Aussiedlern und Asylanten wetterte, ob er mit FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher Koalitionsspielchen betrieb oder die Genossen mit Unternehmertum und Marktwirtschaft versöhnte.
Wenn sich der Staub gelegt und Lafontaine die eine oder andere Korrektur an seinen provozierenden Thesen zugelassen hatte, dann stellte sich heraus: Er hatte den richtigen Nagel getroffen, hatte seine Partei aus dem bequemen Dahindösen auf der Oppositionsbank geweckt und die gegnerischen Strategen im Bonner Konrad-Adenauer-Haus mehr als einmal kalt erwischt.
Diese Erfolge haben bei den Genossen zu fast mystischem Vertrauen in Fortüne und Fähigkeiten des saarländischen Lebenskünstlers und Tabubrechers geführt. Prompt hoben auch solche Genossen die Hand für Oskar und jubelten dem jesuitisch geschulten Demagogen auf Parteitagen zu, denen die Deutschlandpolitik dieses auf Europa orientierten Grenzländers nie paßte.
Jetzt sieht Lafontaine gewaltige Probleme in beiden Teilen Deutschlands heraufziehen. Die DDR gerate unter Kapitalismus-Schock. Die marode Wirtschaft könne nach Einführung der D-Mark im Wettbewerb nicht mithalten, Massenarbeitslosigkeit, Streiks, Demonstrationen samt Straßenschlachten könnten die Folge sein. Im Westen werde der Zorn der Bundesbürger über die Regierung kommen, die sich auf das Abenteuer der unbegrenzten Haftung für die bankrotten Nachbarn eingelassen hat. Dann soll sich für die SPD das harte Nein auszahlen, das Lafontaine der Währungs- und Wirtschaftsunion des Bundeskanzlers entgegengesetzt hat.
Doch der Saarländer ist vielen seiner Genossen zu wenig national, zu sehr am Sozialen orientiert, zeigt zu wenig Emotion für die historische Dimension der deutschen Vereinigung.
"Ich war dir wohl zu national?" fragte Willy Brandt seinen einstigen Lieblingsenkel auf dem Berliner Parteitag im Dezember vergangenen Jahres. Lafontaines Antwort: "Ja."
Prompt kreidete Brandt dem saarländischen Ministerpräsidenten zu einem guten Teil die herbe Niederlage der Ost-SPD bei den DDR-Volkskammerwahlen im März an. Lafontaine aber besaß die Chuzpe, "Kohl sitzt in der Falle" zu rufen und zu behaupten, ihm passe das Ergebnis "in den Kram". Jetzt könne er nämlich sowohl diesseits wie jenseits der Elbe "richtig auf den Kohl eindreschen", der seine Versprechungen nicht einlösen könne.
Warnungen wie die des SPD-Vordenkers und früheren Mitstreiters gegen Atomraketen und -strom, Erhard Eppler, ließen Lafontaine kalt. Lafontaine blieb bei seiner Linie und wurde trotzdem nominiert.
In der Hoffnung, der saarländische Ministerpräsident werde auch im aktuellen Disput um die schnelle Mark für DDR-Bürger rechtzeitig vor dem D-Mark-Day die Kurve kriegen, haben viele Genossen lange ihre schlummernden Aversionen, ja Aggressionen gegen den Hoffnungsträger von der Saar verdrängt. Das kann sich rächen.
Hans-Jochen Vogel ("So eine Woche habe ich in den ersten 64 Jahren meines Lebens noch nicht erlebt") muß sich auf noch schwerere Zeiten gefaßt machen. Zweimal war er vorletzte Woche nach Saarbrücken gereist, um Oskar Lafontaine auf Linie zu bringen. Er scheiterte beide Male.
Führende Genossen mögen inzwischen den Rückzug des Kanzlerkandidaten ebensowenig ausschließen wie den Rücktritt des Partei- und Fraktionsvorsitzenden. Vogels Demission läge in der Luft, wenn Lafontaine bei fortbestehenden Gegensätzen zur Fraktionsmehrheit die Machtfrage stellen und vor der parlamentarischen Schlußrunde des Staatsvertrages auf einem Sonderparteitag eine Abstimmung über den Kandidaten und dessen Position erzwingen sollte.
Lafontaine mutet den Genossen einen Spagat zu, der ihnen bislang zu riskant erscheint. Er verlangt, daß sie einerseits dem Staatsvertrag, der den DDR-Bürgern die ersehnte West-Mark zum 1. Juli beschert, in der parlamentarischen Schlußrunde am 21. und 22. Juni zur Mehrheit verhelfen. Und zwar dort, wo die SPD seit Gerhard Schröders Wahlsieg in Niedersachsen Mehrheit und damit Macht besitzt - im Bundesrat. Andererseits verordnet er den Sozialdemokraten im Bundestag, wo sie als Opposition keinen Einfluß auf die Entscheidungen der Regierungskoalition haben, das demonstrative Nein.
Da die Wirtschafts-, Währungs-, Sozial- und Umweltunion nicht in getrennten Verträgen ausgehandelt wurde, bedeutet die Ablehnung der schnellen Mark zugleich Distanz zum gesamten Staatsvertrag. "Wie sollen wir diese Lage vermitteln, ohne den falschen Eindruck zu erwecken, die Sozis seien gegen die Einheit?" fragt der Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei, Wolfgang Clement. * Auf dem SPD-Parteitag in Berlin im Dezember 1989.
Lafontaine will der SPD diese Zerreißprobe zumuten. Er besteht darauf, daß die Partei ihren Protest gegen den "abrupten" Ost-Export der West-Mark durch ein Nein im Bundestag deutlich macht. Sonst könne er keinen glaubwürdigen Wahlkampf gegen Kanzler Kohl führen, sei seine Kandidatur obsolet. Er sei überzeugt: "So wie ich denkt die Bevölkerung." In der Bundestagsfraktion sind derzeit nach Schätzungen einflußreicher Bonner Sozis allenfalls ein Viertel der Abgeordneten bereit, die riskante Übung ihres Kandidaten mitzuvollziehen.
Es sind nicht nur Prominente wie Annemarie Renger, Hans-Jürgen Wischnewski und Herbert Ehrenberg - sie beenden ihre Bundestagskarrieren -, die sich bereits öffentlich geweigert haben, den Vertrag im Bundestag abzulehnen. Sogar der Ehrenvorsitzende Willy Brandt, der auch dem nächsten Parlament angehören will, läßt seinen Oberenkel im Stich.
Brandt hat sich mit einem drei Seiten langen Brief an Lafontaine wieder in die deutsche Innenpolitik eingemischt. Er, Brandt, könne Lafontaines Wegweisung für die Schlußrunde in Bundestag und Bundesrat nicht akzeptieren. Er werde im Bundestag nicht gegen den Staatsvertrag stimmen.
Nachdem Brandt den Brief unterschrieben hatte, entschwand er zusammen mit Wischnewski ins Land der Pyramiden, nach Kairo, zu einer Sitzung der Sozialistischen Internationale.
Auch Partei- und Fraktionschef Hans-Jochen Vogel gehört zu jenen, die den Staatsvertrag als einen historischen Schritt würdigen, den die SPD mitvollziehen müsse. Sonst laufe sie Gefahr, wie einst die CDU bei den Ostverträgen, für Jahre gelähmt und von den politischen Entscheidungen beim Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten abgekoppelt zu werden.
Mehrfach machte Vogel im Parteivorstand deutlich, daß aus dem Nein der Sozialdemokraten zum "Vertragswerk in der jetzt vorliegenden Fassung" ein Ja zum Vertrag werden müsse. Keinesfalls dürften die von der SPD verlangten Nachbesserungen - Anpassungshilfen für DDR-Unternehmen, verbindlicherer Umweltschutz, Auflösung des Vermögens der Stasi, der SED und der Blockparteien (siehe Seite 98), Einfluß auf den Wahltermin - zu "conditiones sine qua non" (Vogel) werden. Im Klartext: Auch wenn die Regierung sich stur stellte, müsse die SPD angesichts der Dimension des Vertrages zustimmen.
Damit aber entlarvt der Vorsitzende seine vehement vorgetragenen Mitgestaltungsansprüche der SPD als schieres Ablenkungsmanöver. Ein absurdes Theater, inszeniert, um Lafontaine auf dem fernen Hügel ja keinen Vorwand zum Absprung zu bieten.
Um den "Saar-Napoleon" von seinem harten Nein abzubringen, hatten die Genossen weder Kosten noch Mühen gescheut. Sie rasten in Charterjets, Helikoptern und schweren Staatslimousinen nach Saarbrücken, eine Sitzung jagte die andere. Papiere wurden produziert, verworfen, zusammengeschnippelt, zerrissen. Die Chronik der Woche ist ein Protokoll des Chaos - und am Ende hatte sich nichts Entscheidendes verändert.
Frustriert und enttäuscht über die bis dahin gezeigte Unbeugsamkeit des Kandidaten war Partei- und Fraktionschef Hans-Jochen Vogel am vorletzten Samstag erneut nach Saarbrücken gefahren. Aus Düsseldorf war Ministerpräsident Johannes Rau samt Ehefrau Christina angereist.
Vogel brachte schlechte Nachrichten mit: Der geschäftsführende Vorstand seiner Fraktion hatte tags zuvor Lafontaine fast geschlossen die Gefolgschaft ins Nein verweigert. Vogel verwies auf die sehr unterschiedlichen Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung in der DDR, so richtig in "Katastrophenstimmung" mache "nur die PDS". Lafontaine solle sich doch bitte einmal ausmalen, was es bedeute, wenn die West-SPD auch nach Zugeständnissen der Kohl-Regierung bei ihrem Nein zum Staatsvertrag bleibe. "Dann würden wir der Ost-SPD sagen, sie habe einem Vertrag zugestimmt, der in die Katastrophe führt." Zugleich offenbarte Vogel das Dilemma: "Ich kann der Partei auch nicht raten, einen Kandidatenwechsel zu vollziehen."
Lafontaine ließ sich nicht beeindrucken. Er brauche das Nein für seinen Wahlkampf. Sonst sehe er sich nicht in der Lage, "an der Kandidatur festzuhalten".
Deprimiert verließ Vogel gemeinsam mit Rau den Aussteiger auf Zeit. Sie fuhren in den Saarbrücker Landtag zu Lafontaines Freund und Wahlkampfberater Reinhard Klimmt (Vogel: "Der Mann verdient einen Orden"), der auf Vogels Wunsch tags zuvor eine Georgien-Reise abbrechen mußte. Der SPD-Vorsitzende hoffte, Klimmt könne den Streit zwischen Vorsitzendem und Kandidaten moderieren. Doch auch hier Fehlanzeige.
Klimmt: Wie könne Oskar erfolgreich kandidieren, wenn er, wie Vogel und die Bundestagsfraktion, ständig der Regierung hinterherlaufe. Nach dieser Begegnung gestand Vogel im kleinen Kreis, daß er Kandidat, Partei und Fraktion nicht mehr beieinanderhalten kann: "Dann muß Oskar auch den Parteivorsitz übernehmen."
Es ging um Lafontaine - und da war den Genossen nicht mal der Sonntag heilig. Zeitlich parallel rotteten sich am Abend die SPD-Länderchefs in Bonn in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung und die Fraktionsvorständler im Bundeshaus zusammen. Bei der Vogel-Truppe kam nichts heraus außer neuem Groll gegen den erpresserischen Saarländer, im Hause Rau wurde es spannend.
Bremens Bürgermeister Klaus Wedemeier und der Berliner Regierende Walter Momper mochten sich der Methode Lafontaine nicht fügen und lehnten es kategorisch ab, im Bundesrat gegen den Vertrag zu stimmen. Wedemeier: "Wir verlieren unser Gesicht. So kann man nicht mit uns umgehen."
Der Hanseat schlug eine Wallfahrt zum Saarbrücker Hügel vor: Alle Ministerpräsidenten sollten zu Lafontaine reisen und um Wandlung bitten. Es war Rau, der auf dezente Art deutlich machte, diese Lösung sei vielleicht doch ein wenig zu aufwendig.
Henning Voscherau, Hamburgs Bürgermeister, fand den Ausweg. Eine Delegation möge sich anderntags auf den Weg machen: "Wir dürfen jetzt doch nicht unseren Kanzlerkandidaten verlieren." Er lasse sich lieber von der Partei kritisieren, als daß er bereit sei, "Oskar preiszugeben".
Die Sitzung des Präsidiums eröffnete am nächsten Morgen um 8.30 Uhr ein sichtlich angeschlagener Vorsitzender. Hans-Jochen Vogels Nerven, so die Beobachtung mehrerer Teilnehmer, schienen bloßzuliegen. Wie anders hätte er sich, als die Rede auf die Reise nach Saarbrücken kam, über eine harmlose Formulierung im SPIEGEL so erregen können? Er sei von Lafontaine zu einem politischen Gespräch "empfangen" worden, hatte es da geheißen. Das müsse sich mal einer vorstellen, rief Vogel. Er stehe für diesen Ausflug nicht zur Verfügung, "da können jetzt mal andere fahren".
Doch wer? Vogel schlug Heidi Wieczorek-Zeul vor, neben Gerhard Schröder Mitglied der Lafontaine-Minderheit im Präsidium. Die frisch bestätigte südhessische Bezirksvorsitzende mochte nicht. Aus Saarbrücken mit leeren Händen zurückzukommen schien ihr ein zu hohes Risiko. Vogel guckte schließlich Herta Däubler-Gmelin aus, seine Stellvertreterin, ausgerechnet das Präsidiumsmitglied, das schon einen topfitten Lafontaine nervt.
Gerhard Schröder machte dem skurrilen Treiben ein Ende und meldete sich im Präsidium freiwillig, gemeinsam mit dem Kieler Ministerpräsidenten Björn Engholm als Vertreter der Ja-Aber-Mehrheitsfraktion. Eine Stunde später verließen die beiden Nordlichter vorzeitig die Vorstandssitzung und flogen mit einem gecharterten Grenzschutz-Hubschrauber auf Parteikosten nach Saarbrücken.
Dort mußte sich Engholm von Lafontaines Kumpel Klimmt erst mal die respektlose Frage gefallen lassen: "Hast du überhaupt Prokura?" Gemeint war die Legitimation, im Namen der Staatsvertragsfreunde unter den Länderchefs zu verhandeln. Engholm nickte. Schröder, der künftige niedersächsische Ministerpräsident, war auf Lafontaines Seite.
Gemeinsam mit Klimmt einigten sich die drei Präsiden auf die Formel, die Rau-Staatssekretär Clement ausgetüftelt hatte: das "Nein zum Vertragswerk in der vorliegenden Fassung", verbunden mit Nachbesserungen und einem deutlichen Hinweis auf Mitbestimmungsrechte der Länder bei der Terminierung der ersten gesamtdeutschen Wahl. Lafontaine biß an, ein Kompromiß schien in Sicht.
Doch in Bonn, hinter den verschlossenen Türen des Parteivorstands, stellte derweil wieder einer die Zeichen auf Sturm: der Vorsitzende Hans-Jochen Vogel. Die von Lafontaine und den Helikopter-Passagieren ausgehandelten Formulierungen für einen Vorstandsbeschluß für ein "Nein, aber" der SPD liefen noch durch die Vervielfältigungsapparate, da setzte Vogel zu einem Schlußwort an, das die Zustimmung der Sozialdemokraten zum Staatsvertrag als letztlich unausweichlich erscheinen ließ. "Wenn Oskar das gehört hätte", kommentierte ein Mitglied des Vorstandes, "dann hätte er sofort hingeschmissen."
Dieses sei "eine der schwierigsten Diskussionen gewesen", hatte Vogel begonnen, "die wir je geführt haben". Doch die "Besonderheit der Situation enthebt uns nicht des eigenen Urteils und der eigenen Verantwortung für den Vertrag". Jeder identifizierte den Adressaten, als Vogel mahnte: "In späteren Jahren wird man uns nicht durchgehen lassen, wenn wir unsere Verantwortung nicht voll akzeptiert und getragen haben. Das wäre ein schweres Handikap." Deswegen dürfe der Vertrag nicht scheitern. Wenn die Mark nicht pünktlich eingeführt werde, warnte Vogel, "dann laden die Leute die Verantwortung nicht beim Kanzler, sondern bei uns ab". * DDR-Finanzminister Romberg (SPD), DDR-Ministerpräsident de Maiziere (CDU), Bundeskanzler Kohl, Finanzminister Waigel.
Auch bei gesamtdeutschen Wahlen habe die SPD nur eine Chance, wenn sie besser abschneide als am 18. März: "Ich habe manchmal den Eindruck, als hätten manche von uns nur die Wahlen hier im Auge."
Deutlich wurde, daß Parteichef Vogel im Konflikt mit Lafontaine die eigene Glaubwürdigkeit wichtiger ist als die Solidarität mit dem Kanzlerkandidaten: "Kann man denen, die für die Partei zu sprechen haben, zumuten, daß sie plötzlich etwas anderes vertreten müssen als das, was sie für richtig halten?"
Er habe Lafontaine "über Jahre begleitet, auch gegen Widerstände". Doch, so Vogel, "wir müssen nicht nur für den Wahlerfolg geradestehen, sondern auch für das, was man in 10, 15 Jahren aus einer Situation machen kann" - eine Anspielung auf die Not der Christdemokraten, von ihrem Nein zu den Ostverträgen wegzukommen. Vogel: "Die deutsche Einheit kommt. Sie ist gegen viel sogenanntes kluges Gerede schneller gekommen, weil die Menschen das so wollten."
Der Parteichef hat sich damit vor dem obersten Gremium seiner Partei derart in Lafontaine verbissen, daß er für die Moderation im Konflikt zwischen Fraktion und Kandidat nur noch sehr schwer in Frage kommen dürfte.
Inzwischen raten Lafontaine-Anhänger wie der bayerische Spitzenkandidat Karl-Heinz Hiersemann bereits zu einer Crash-Lösung. Im Parteivorstand empfahl er, noch vor der dritten Lesung des Staatsvertrages "notfalls einen Parteitag" einzuberufen, der mit Mehrheit für Lafontaines Position das Votum der Bundestagsfraktion zumindest beim Wähler übertrumpfen solle. In diese Kerbe haut auch Heidi Wieczorek-Zeul: "Wenn diese grundlegenden Differenzen bestehenbleiben, muß ein Sonderparteitag entscheiden."
Die Konsequenzen wären fatal: Ein knappes halbes Jahr vor dem voraussichtlichen Wahltermin wäre die SPD, sichtbar für jedermann, zerstritten und zerrissen. Je nach dem Ergebnis des Parteitagsvotums müßte einer aufgeben: Hans-Jochen Vogel oder Oskar Lafontaine.
Vage Hoffnungen, vielleicht doch noch zu einem Kompromiß zu gelangen, ruhen seit voriger Woche auf Johannes Rau. Anders als Vogel ist sich der NRW-Ministerpräsident, bestärkt durch jüngste Auskünfte ökonomischer Sachverständiger, sicher, daß Oskar Lafontaine mit seiner Prognose richtig liegt: Chaos mit Arbeitslosigkeit und Unruhen in der DDR spätestens nach dem ersten Kaufrausch der neuen West-Mark-Inhaber.
Für diesen Fall schlug Rau im Bundesrat, weitgehend unbeachtet, eine "verbindliche" Zusatzvereinbarung beider Vertragspartner vor: Sobald die Bundesrepublik oder die DDR "nachvollziehbar darlegen kann, daß sich die wirtschaftliche Situation in der DDR günstig oder weniger günstig entwickelt als angenommen", sollen weitere Maßnahmen geprüft werden.
Die Rau-Formel soll Vogel in dieser Woche im Gespräch mit dem Bundeskanzler einbringen. Als Anwalt seiner Interessen hat Lafontaine den Parteivorsitzenden gebeten, den künftigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Schröder mitzunehmen.
Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

DER SPIEGEL 22/1990
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