05.11.1990

Im Geiselbasar von Bagdad

Zur Reise in den Irak war Willy Brandt bereit, weil ihn Saddam Hussein wissen ließ, daß er Hunderte Geiseln mit sich nehmen darf. In Bonn verursachte der Alleingang helle Aufregung. Groß ist die Sorge vor Vorwürfen aus Washington - größer noch der Argwohn, die SPD könne aus der Mission Kapital im Wahlkampf schlagen.
Der Anruf aus dem Kanzleramt erreichte Willy Brandt am Mittwoch voriger Woche morgens um halb acht in seiner Suite im 19. Stock des New Yorker Hotels "Pierre". Vom fernen Bonn aus suchte Helmut Kohl, neben sich Hans-Dietrich Genscher als stummen Mithörer, dem SPD-Ehrenvorsitzenden mit vielen Worten einen scheinbar uneigennützigen Vorschlag schmackhaft zu machen.
Überraschend empfahl Kohl, Brandt möge sich auf die Reise nach Bagdad begeben - vorausgesetzt, er bekomme den Segen der Uno. Außerdem, so der Amtsinhaber zum Alt-Kanzler, solle er "zwei Begleiter aus den anderen europäischen Parteifamilien" mitnehmen: Ein Christdemokrat und ein Liberaler könnten Brandt dabei helfen, so viele deutsche und andere Geiseln wie möglich aus den Händen des irakischen Diktators Saddam Hussein zu befreien.
Kohls Offerte war der letzte Versuch der Christliberalen in Bonn, nach wochenlanger Untätigkeit das Gesicht zu wahren. So lange hatten Kohl und Genscher der Öffentlichkeit weismachen wollen, die internationale Solidarität gegen den Alleinherrscher in Bagdad verbiete humanitäre Missionen.
Erst als sich Angehörige der Hussein-Opfer lautstark Gehör verschafften und andere Staaten nach und nach ihre Bürger aus dem "Geiselbasar" in Bagdad (so US-Außenminister James Baker) mit Erfolg freikauften, traten Kohl und sein Vize die Flucht nach vorn an.
Nun war plötzlich nicht mehr so wichtig, was die Amerikaner ihrem Bonner Musterverbündeten vorhalten, weil Kohl seinen Widerstand gegen Brandts Trip ins Morgenland aufgab. Jetzt schwand auch die Sorge, Washington könne daran erinnern, daß ja gerade die Deutschen mit ihren Waffen, ihrem Giftgas und ihrer Raketentechnologie den Outcast im Irak zu seinen militärischen Abenteuern gerüstet haben.
Für den Wahlkämpfer Kohl zählte mehr, dem Sozi Brandt nicht allein den Triumph zu überlassen, Hunderten Geiseln zur Heimreise zu verhelfen. Was sie in letzter Minute inszenieren wollten, geriet dem Kanzler und dem sonst so instinktsicheren Genscher zum Schmierentheater.
Peinlich genug: Uno-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar, von Genscher am Telefon umworben, mochte nicht mitspielen. Und der Irak-Reisende Brandt, ohnedies wegen der Querschüsse verärgert, ließ die überraschende Initiative des Kanzlers ins Leere laufen.
"Denen steht doch das Hemd in Flammen", kommentierte ein deutscher Diplomat in New York den plötzlichen Aktionismus der Regierung in Bonn. Tatsächlich hatte sich die Kohl-Regierung in eine fast aussichtslose Lage manövriert: Einerseits bekräftigte sie gemeinsam mit ihren EG-Partnern erst am vorletzten Wochenende in Rom, "keine Vertreter ihrer Regierungen in welcher Eigenschaft auch immer zu Verhandlungen mit dem Irak über die Freilassung ausländischer Geiseln zu entsenden und andere davon abzuhalten".
Andererseits aber wurde Kohl und Genscher die Solidarität spätestens in der vergangenen Woche zur Last. Denn während Amerikaner, Briten und Deutsche offiziell Härte demonstrierten, holten andere Staaten ihre Geiseln aus dem Irak heraus: Bei einem Geheimtreffen in der jordanischen Hauptstadt Amman handelte der ehemalige französische Außenminister Claude Cheysson mit seinem irakischen Amtskollegen Tarik Asis die Freilassung aller Franzosen aus. Schweden, Norweger und Spanier schickten Parlamentsdelegationen nach Bagdad. Und der japanische Ex-Premier Yasuhiro Nakasone fühlte sich vorige Woche gar "vom Schicksal berufen", ohne Rücksicht auf diplomatische Vorteile für den Menschenhändler Saddam Hussein seine Landsleute heimzuholen.
Auch Bonner Regierungen hatten früher nichts unversucht gelassen, deutsche Staatsbürger durch Sonderemissäre freizubekommen. So schickte Genscher 1986 seinen Büroleiter Michael Jansen nach Honduras, um sich - mit Erfolg - für deutsche Entwicklungshelfer einzusetzen, die zwischen die Bürgerkriegsfronten in Mittelamerika geraten waren. 1987 mühte sich der erprobte Vermittler Hans-Jürgen Wischnewski in Teheran, ausgestattet mit Briefen des Bundespräsidenten und des Bundeskanzlers, um die im Libanon verschleppten Rudolf Cordes und Alfred Schmidt. Der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble reiste ein Jahr später persönlich nach Damaskus, um den freigelassenen Hoechst-Angestellten Cordes öffentlichkeitswirksam in Empfang zu nehmen.
Um so dringlicher wäre es schon vor Brandts Irak-Reise für die Bundesregierung gewesen, sich nicht auf diplomatische Demarchen zu beschränken und dabei - so AA-Staatssekretär Jürgen Sudhoff - auf die "menschenrechtswidrige Haltung der irakischen Regierung" und "das traurige Schicksal unserer Landsleute" hinzuweisen. Denn die Telegramme, die Bonns Botschafter Richard Ellerkmann aus Bagdad sandte, lasen sich alarmierend genug.
Die Stimmung unter den rund 400 festsitzenden Deutschen wurde von Tag zu Tag schlechter, immer lauter ihre Frage: "Was tut unsere Regierung?" Vorige Woche erreichten den Krisenstab im Außenamt dramatische Berichte. Vor allem die 77 an strategisch wichtige Orte als "lebende Schutzschilde" verschleppten Deutschen seien in akuter Gefahr. Die Ernährung verschlechtere sich von Tag zu Tag, die irakischen Bewacher würden immer aggressiver. "Bei den Geiseln geht die nackte Angst um", schilderte ein Bonner Diplomat die Lage, "bei einem militärischen Schlag als erste massakriert zu werden."
Brandts Entschluß, nach Bagdad zu fliegen, stand bereits vorletzte Woche fest. Sein Büroleiter Klaus Lindenberg vereinbarte mit Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau, daß dem SPD-Ehrenvorsitzenden eine Sondermaschine zur Verfügung stand. Brandt wollte sich keinesfalls auf eine Mission nach Art des österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim einlassen, der Bürger seines Landes aus Saddams Gefängnis befreit hatte. Brandt: "Ich will nicht nur Deutsche rausholen." Außerdem nahm er sich zunächst vor, "nichts gegen den Rat der Regierung" zu unternehmen.
Diesen Vorsatz ließ er jedoch fallen, als er daheim in Unkel den sonst von ihm geschätzten Bundeskanzler im ZDF gehört hatte. Auf die Frage, was er davon halte, wenn westliche Politiker, "jetzt vielleicht auch Willy Brandt", mit Saddam Hussein über die Geiseln verhandelten, antwortete Kohl barsch: "Nichts. Ich bin strikt dagegen, daß wir aus der Völkergemeinschaft ausbrechen."
Der SPD-Ehrenvorsitzende, der über die Botschaft in Bagdad von den Geiseln, aber auch von deren Angehörigen immer wieder mit Hilferufen bestürmt wurde, ließ alle diplomatische Zurückhaltung fallen. Im westfälischen Rheine machte er sich zum Vorwurf, dem Rat der Bundesregierung gefolgt zu sein, nicht zu reisen. "Ich weiß nicht, ob das ein guter Rat war." Wenn man nur mit "grundanständigen Menschen" verhandeln wollte, rief er aus, "müßte man das Auswärtige Amt dichtmachen". Der irakische Despot müsse an den Verhandlungstisch gebracht werden: "Entweder knallt es, oder es wird verhandelt. Ich bin gegen Knallen."
Zusätzlichen Verdruß bereitete dem SPD-Senior die vorsichtige, willfährige Attitüde, mit der Parteichef Hans-Jochen Vogel, begleitet von Hans-Jürgen Wischnewski und Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine, am 24. Oktober im ersten Gespräch mit der Regierung aufgetreten war.
Staatsmann Kohl lamentierte da, die Bonner stünden "im besonderen Blick der Öffentlichkeit". Schließlich beteiligten sich die Deutschen bislang nicht am militärischen Aufmarsch am Golf. Deswegen habe auch niemand Verständnis für "deutsche Extratouren" wegen der Geiseln. Wischnewski warf ein: Wenn Brandt reise, werde er nicht nur Deutsche befreien wollen.
Lafontaine behielt auch im Kanzleramt sein Mißtrauen gegen allzuviel Harmonie. Obwohl er - eine Kommunikationspanne - nicht wußte, daß die Reisevorbereitungen bereits bis zum Chartern eines Airbus gediehen waren, bestand er darauf, Brandt die Entscheidung zu überlassen. Kohl dagegen blieb beim Nein: Wenn Brandt fahre, "dann kriegen wir einen Konflikt" - und zwar zwischen Regierung und Opposition.
Am Dienstag voriger Woche versicherte Lafontaine dem zu einer Vortragstournee in die USA gereisten Brandt telefonisch seiner Zustimmung zur Geiselmission und machte sie am selben Abend in der Kölner Messehalle unter dem Applaus von über 5000 Besuchern öffentlich: "Wenn der Ehrenvorsitzende der SPD, um humanitäre Ziele zu erreichen, in den Irak geht und eine Chance sieht, eine friedliche Lösung des Konflikts auf den Weg zu bringen, dann hat er die vollste Unterstützung der SPD."
Brandt bereitete seine Reise umsichtig vor. In vertraulichen Gesprächen mit dem irakischen Botschafter in Bonn, Abdel Dschabbar Umar Ghani, sorgten Mitarbeiter des Ex-Kanzlers dafür, daß er - so der SPD-Europa-Abgeordnete Dieter Schinzel - "ruhigen Gewissens losfahren konnte".
Saddam Hussein war bereit, alle jene unter den 400 Deutschen, die ausreisen wollten, sowie etwa 100 europäische Geiseln freizulassen. Unter den Heimkehrern sollten auch jene 77 Deutschen sein, die zu Raketenstellungen oder Munitionsdepots verschleppt worden waren. Etwa 50 im Irak lebende Deutsche wollten im Land Saddam Husseins bleiben.
Damit schien gewährleistet, daß Brandt bei seinen Gesprächen in Bagdad zum politischen Anliegen seiner Mission kommen konnte - "mal zu hören, ob man ein bißchen mehr herauskriegt über Alternativen zu einer militärischen Auseinandersetzung".
Bei Sondierungen über eine Friedensordnung, "einer KSZE auf arabisch" (Brandt), wäre ein Mandat der Vereinten Nationen eher hinderlich gewesen. Für den irakischen Diktator ist die Uno ein rotes Tuch, ihr Generalsekretär Perez de Cuellar Persona ingrata. Dessen Sonderbeauftragter Prinz Sadruddin Khan wurde zu Verhandlungen über die Geiseln gar nicht erst ins Land gelassen.
So konnte es Brandt nur recht sein, daß Perez de Cuellar es beim Treffen im 38. Stock des Uno-Gebäudes am East River bei "best wishes" beließ. "Arm in Arm mit der Uno sollte Willy Brandt lieber nicht reisen", erkannte denn auch ein Mitarbeiter Genschers, "das könnte im Irak völlig mißverstanden werden."
Auch Kohls Vorschlag, dem Irak-Fahrer den italienischen Christdemokraten Emilio Colombo und den belgischen Liberalen Willy de Clercq als Begleitung mitzugeben, ließ Brandt kalt. Zwar hielt er den Kanzler bis zuletzt hin, ob er die beiden mitnehmen werde; aber Brandt war bereits zum Alleingang entschlossen, als sich Genscher noch bemühte, den Uno-Generalsekretär telefonisch von der Dreier-Mission mit dem Segen der Vereinten Nationen zu überzeugen.
Davon ließ er sich auch nicht durch Kohls neuesten Einfall abbringen: Auf dringenden Wunsch des Kanzleramts rief der in Europa wenig bekannte Venezolaner Eduardo Fernandez, der eine Rolle in der christdemokratischen Internationale spielt, im Brandt-Büro an und bat darum, nach Bagdad mitgenommen zu werden.
Wie hausgemacht die Initiative des Gespanns Kohl/Genscher war, zeigte sich an den Reaktionen aus Rom und Brüssel. Der Ex-Ministerpräsident Colombo als Brandt-Beigabe, gab der italienische Regierungschef Giulio Andreotti den Bonner Bittstellern zu bedenken, werde in seiner Koalition zu heftigen Disputen führen. Und der ehemalige EG-Kommissar de Clercq gilt als besonders strammer Parteigänger Israels - kein idealer Gesprächspartner für den Israel-Hasser Saddam Hussein.
Ihm wollte der Privatreisende Brandt auch ohne Uno-Mandat klarmachen, wie die Welt über den Golfkonflikt denkt: "Die Irakis müssen raus aus Kuweit." Über das kuweitische Herrscherhaus allerdings hat er seine eigene Meinung: "Der Scheich kann woanders bleiben."

DER SPIEGEL 45/1990
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