16.07.1990

Nötige Kritik oder Hinrichtung?

SPIEGEL: Herr Graß, Sie und Walter Jens haben schweres Geschütz gegen die Kritiker des neuen Buches von Christa Wolf, "Was bleibt", aufgefahren. Sie sprechen von "Stricken", die westdeutsche Zeitungen Christa Wolf drehen, von einer "Hinrichtung". Das Präsidium des Pen ermahnt die Feuilletons, urbaner und toleranter zu werden, und sieht das Gespenst eines "postmodernen McCarthyismus" - was immer das sein mag. Wie kommt es zu dieser heftigen Reaktion auf Kritiken?
GRASS: Ich lasse zur Antwort erst mal die Autorin sprechen. Nachdem vor vielen Jahren ihr Buch "Nachdenken über Christa T." in Westdeutschland als Anti-DDR-Buch interpretiert worden war, distanzierte sich der Mitteldeutsche Verlag von ihr, es gab eine Kampagne im Neuen Deutschland. In diesem Zusammenhang schrieb Christa Wolf: "Aber jedenfalls war ich nun * Hellmuth Karasek und Rolf Becker in dem Behlendorfer Atelier von Graß. nicht mehr abzubringen von dem, was ich machen mußte. Ich erwartete nicht mehr hier (das heißt, in der DDR), öffentlich akzeptiert zu werden. Ich erfuhr später auch, wie es ist, ausgegrenzt zu werden, eine nützliche, wenn auch sehr schmerzliche Erfahrung."
Jetzt widerfährt Christa Wolf Vergleichbares neuerdings von Literaturkritikern in der Bundesrepublik. Ein Buch wird benutzt, über das man literarisch so oder so urteilen kann, um mit der ganzen Person abzurechnen. Der Kritiker Ulrich Greiner in der Zeit redet von "Verlogenheit", benutzt Vokabeln, die er sonst nicht in den Mund nehmen würde, setzt gleich von Anfang an voraus, daß es sich bei ihr um eine "Staatsdichterin" handele, obgleich Christa Wolf das nie für sich in Anspruch genommen hat. Sie hat sich nie in eine öffentliche Position gedrängt, sie sollte die Nachfolge von Anna Seghers antreten und hat es nie getan. Mit einer solchen Bezeichnung wie "Staatsdichterin" wird suggeriert, daß sie eins gewesen ist mit diesem Staat. Daß das nicht stimmt, kann man in ihren Büchern nachlesen. Ihre Kritik fällt zwar nicht so vehement aus, wie sie ein Vaclav Havel gegenüber dem System in der CSSR ausgesprochen hat, nicht so vehement, wie sie Biermann in seinen Liedern geübt hatte. Sie hat ihren eigenen Stil gefunden. Und dieser Stil des behutsamen Dreinredens hat Wirkung gezeigt. Über Jahrzehnte hinweg las man sie aufmerksam in beiden deutschen Staaten. Sie ist eine von den vielen Autoren, die dazu beigetragen haben, daß bei allem, was geteilt wurde - wirtschaftlich, politisch, ideologisch -, die Teilung im Bereich Kultur nicht so absolut vollzogen werden konnte. Es entstand ein Dialog zwischen den Literaturen.
SPIEGEL: Hat sich nicht nachträglich auch gezeigt, daß dieser Dialog ein Privileg für bestimmte DDR-Autoren war? Und daß er gleichzeitig als Ausrede fungierte, es würde sich etwas ändern, annähern? Und muß man nicht nachträglich die Behauptung wagen: Geändert hat sich in der DDR durch die Schriftsteller so gut wie gar nichts. Und durch die Flüchtlinge in der Budapester und der Prager Botschaft und durch die Leipziger Demonstranten - alles?
GRASS: Das sind Behauptungen, die sich in ihrer Grobschlächtigkeit natürlich so ausnehmen, daß man sagen kann: So war es, das war im Fernsehen, das war ablesbar, das führte zu sichtbaren Ergebnissen. Aber Sie sollten doch wissen, daß Literatur, wenn sie überhaupt Wirkungen zeigt, langsam, zeitverschoben wirkt, Bewußtsein verändert, oft nur Akzente verschiebt. Die dann wichtig werden. Man kann doch von der Literatur nicht Dinge erwarten, die sie nie leisten kann.
SPIEGEL: Gewiß hat die DDR-Elite vor diesen Wirkungen der Literatur Angst gehabt - aber sie hat Autoren, von denen sie wirklich Veränderungen fürchten mußte, abgeschoben, ausgebürgert. Reiner Kunze, Wolf Biermann und Erich Loest, um nur einige zu nennen. Und vor diesen Ausgegrenzten, vor diesen Abtrünnigen hatten die DDR-Schriftsteller, die blieben, Berührungsängste, auch Christa Wolf.
GRASS: Zuerst einmal zu dem immer wieder auftretenden pauschalen Vorwurf, Christa Wolf sei privilegiert gewesen. Sie hätte reisen können, wie einige andere auch. Sind das nicht Dinge, die wir im Zuge der Entspannung vom Westen her gefordert haben, mit Einladungen, mit Versuchen, diese total geschlossene Grenze auf verschiedene Art und Weise durchlässiger zu machen? Wenn es bei einigen Schriftstellern nicht gelungen ist, wird man dennoch nicht sagen können, daß die anderen deswegen privilegiert gewesen sind. Das muß man bitte im Zusammenhang sehen. Wir wollten ja zu Recht, daß diese Grenze durchlässiger wird.
SPIEGEL: Aber die Schriftsteller, für die die Grenze durchlässiger wurde, mußten mit Wohlverhalten und Loyalität gegenüber der DDR und der Partei zahlen.
GRASS: Ich habe eine Scheu, über Verstrickungen, Verhaltensweisen, Biographien zu urteilen, die sich im Rahmen und Raum der DDR abspielten. Weil die westliche Sicht immer in Gefahr des allzu selbstgerechten Besserwissens ist. Aber weil Christa Wolf und ich zu einer Generation gehören, kann ich einen Aspekt wirklich ganz gut beurteilen. Christa Wolf berichtet darüber in ihrem Roman "Kindheitsmuster", Erich Loest in seinem Buch "Durch die Erde ein Riß". Diese Generation hatte in der DDR keine Chance, ihre sehr frühe ideologische Festlegung auf eine Art und Weise zu überwinden, wie es hier im Westen möglich gewesen ist.
Als wir hier ab '45 auf die freie Wildbahn geworfen wurden, wo sich jeder selbst einen politischen Standort suchen mußte, war das nicht einfach. Aber in der DDR wurde das Braunhemd ausgezogen und das Blauhemd angezogen. Die ohnehin vorhandene Grundhaltung der idealistischen Erziehung ließ offenbar kein ideologisches Vakuum zu. Aus der verschreckten Haltung angesichts der Nazi-Verbrechen, die nach Kriegsende nun offenkundig waren, rettete man sich in die angebliche Alternative, ein sozialistisches, anderes, besseres Deutschland mit stark betontem antifaschistischen Anspruch zu errichten. An der Spitze des Staates standen anerkannte Leute des Widerstandes - eine Tatsache, von der Honecker bis zum Schluß zehrte. Unter diesen Umständen jedenfalls ist Christa Wolf aufgewachsen, man kann sie nur - wie viele in diesem Land, bekannte wie unbekannte - an den Maßstäben messen, die sich dort entwickelt haben.
SPIEGEL: Lassen Sie uns auf Ihren Vorwurf zurückkommen, Christa Wolf erlebe jetzt Vergleichbares durch die Presse, wie sie es durch den Parteiapparat der SED erlebt habe. Ist das wirklich vergleichbar? Die Ohnmacht gegenüber einer allmächtigen Staatszensur, einer kulturpolitischen Diktatur, und die Kritik in einer, wenigstens in dieser Hinsicht, doch freien Gesellschaft. Literaturkritik, mag sie noch so harsch oder unfair in Ihren Augen sein, wird damit einem Schreibverbot und einer staatlichen Bedrohung gleichgesetzt.
GRASS: Die Kritik traf ein verhältnismäßig schmales Büchlein, das kann ja wohl nicht der Anlaß sein, es wurde vielmehr lediglich zum Anlaß genommen. Es fing, wenn ich mich recht entsinne, während einer Fernsehsendung an, an der Sie ja auch Anteil haben, im "Literarischen Quartett". Wo Marcel Reich-Ranicki, der es eigentlich von seiner eigenen Biographie her wissen müßte, was Verstrickung im Stalinismus bedeutet, mit der Schärfe und Unbarmherzigkeit des Konvertiten das Signal zur Attacke gegen Christa Wolf gab. Und dann ging es von Zeitung zu Zeitung, mit einer unsäglichen Reportage in der Welt, einer polemischen Kritik in der Zeit und einer Totalabrechnung in der Frankfurter Allgemeinen.
SPIEGEL: Zu Ihrem Argument von dem schmalen Büchlein ein Einwurf: Die Bedeutung eines Buches hängt ja nicht an seiner Seitenzahl.
GRASS: Aber in diesem Fall wird ja nicht das Buch rezensiert, sondern es wird benutzt, um mit der Autorin generell abzurechnen.
SPIEGEL: Aber dieses schmale Büchlein erschien in einem ganz bestimmten Moment. Durch sein Erscheinungsdatum gewinnt es einen Stellenwert - weil es nach der Wende das erste Buch ist, das Christa Wolf veröffentlicht. Und siehe da: Es ist eins, von dem nun auch noch gesagt wird, es komme aus der Schublade. Und es zeige, wie sie einst selbst von der Stasi überwacht worden sei.
GRASS: Sie konnte dieses Buch mit seinem Inhalt doch vorher gar nicht veröffentlichen, da sie keine Heldin ist und auch nie für sich beansprucht hat, eine Heldin zu sein. Sie hat weder die Rigorosität eines Biermann noch das bewundernswerte, nahezu starrköpfig anmutende und nun doch wunderbarerweise erfolgreiche Verhalten eines Vaclav Havel. Sie ist ein anderer Mensch, und sie hat offenbar bis zum Schluß geglaubt, es könne innerhalb des Gesellschaftsverständnisses der DDR zu einer grundlegenden Änderung kommen. Ich habe das selbst nie geglaubt, aber das gibt mir doch kein Recht, darüber den Stab zu brechen.
SPIEGEL: Der Aufwand an Kritik erklärt sich doch auch daraus, daß dieses Buch im Moment eine große Bedeutung hat.
GRASS: Erklären Sie mir, was an dem Buch besonders ist!
SPIEGEL: Wir alle, das heißt die westdeutsche Kritik, haben jahrelang auf DDR-Bücher einen Bonus angewandt, wir sagten uns, Literatur dort entsteht unter bestimmten schwierigen Voraussetzungen, die Autoren können das meiste nicht direkt sagen, sie müssen Umwege wählen. Wir haben niemandem vorgeworfen, daß er in der DDR blieb oder daß er die DDR verließ - das stand und steht uns nicht zu. Aber der Literatur haben wir einen Bonus eingeräumt. Und wir waren vorsichtig, wenn wir ihre Wirkung beschrieben, weil wir ihren Autoren bei den Kulturfunktionären nicht schaden wollten.
GRASS: Und dieser Bonus, den Christa Wolf nie für sich beansprucht hat, ist nun gestrichen.
SPIEGEL: Jetzt kommt das erste Buch, das nicht den alten DDR-Bedingungen unterliegt, und dieses Buch erzählt von diesen Bedingungen. Also wird man diese Bedingungen anhand dieses Buches messen dürfen, noch dazu, da es autobiographisch ist. Und was Ihren Vorwurf der gezielten Kampagne anlangt: Im Unterschied zu früher hatte Christa Wolf vorher und mittendrin und nachher Gelegenheit, jederzeit in die Debatte einzugreifen, sich zu äußern. Wir haben sie beispielsweise mehrfach nach der Öffnung der Mauer zu einem Gespräch eingeladen. Sie war auch sonst nicht mehr auf verschlüsselte Botschaften angewiesen. Sie hätte sich jetzt auch in die Debatte über ihre Erzählung einmischen können. Sie findet Fürsprecher wie Sie und Walter Jens, das alles ist in Ordnung, aber Begriffe wie McCarthyismus und Hinrichtung unter den jetzigen gesellschaftlichen Bedingungen sind, gelinde gesagt, übertrieben. Wir verstehen Ihre Motive, aber nicht Ihre Wortwahl.
GRASS: Aber sehen Sie denn nicht die Fülle der Artikel, den Gleichklang der Argumente? Merken Sie nicht, daß man ihr Dinge vorwirft, die zu ihrem Schreibstil gehören, also daß sie Staat und Partei nicht beim Namen nennt, ähnlich wie Uwe Johnson das übrigens tat, und daß man ihr das als Feigheit vorwirft? Wir sind es in der Bundesrepublik gewohnt, daß pauschale Angriffe auf Schriftsteller oder andere mißliebige Personen aus bestimmten politischen Ecken kommen, ob das führende CDU-Politiker waren, die die Gruppe 47 als geheime Reichsschrifttumskammer verunglimpften, oder Kanzler Erhard, der kritische Schriftsteller "Pinscher" nannte.
SPIEGEL: Das war damals doch aber mehr oder weniger offizielle Schelte von Regierungsseite - und das vor einem obrigkeitsgläubigen Publikum. Keine Literaturkritik. Kritiker sind weder Minister noch Polizeipräsidenten. Und auch die Öffentlichkeit hat sich geändert.
GRASS: Wir erleben jetzt zum erstenmal, daß auf der einen Seite die Bevölkerung der Bundesrepublik auf wohltuende Weise überhaupt nicht nationalistisch gestimmt ist und auch nicht zu Abrechnungen neigt. Statt dessen tobt sich der Wille zur Abrechnung im Feuilleton aus und richtet sich pauschal gegen DDR-Schriftsteller. Jetzt ist Christa Wolf dran, demnächst wird es Heiner Müller sein. Gar nicht mal Hermann Kant, der wirklich Macht hatte und Funktionen ausübte.
Was will man damit alles verdecken? Will man nicht erkennen, daß diese 40 Jahre hier und diese 40 Jahre dort ihre eigene Entwicklung gehabt haben? Ich betone noch einmal, welch eine kritische, wenn auch verschlüsselt kritische Funktion Literatur in der DDR hatte und welche Rolle Christa Wolf in diesem Zusammenhang spielte.
SPIEGEL: Diese Plädoyers von Ihnen und anderen, die DDR nur aus sich selbst zu verstehen und daher "behutsam mit ihren Schriftstellern umzugehen" - das erinnert uns fatal an die Diskussion nach '45, die sich auf Schriftsteller im Dritten Reich bezog. Damals war es ein Verteidigungsargument von Mitläufern zu behaupten, nur der dürfe die Diktatur beurteilen, der sie selbst erlebt und erlitten habe - so argumentierte man gegenüber Emigranten wie Thomas Mann.
GRASS: Wollen Sie mich mit diesem Vergleich zum Verstummen bringen? Wenn ich jetzt darauf eingehen wollte, müßte ich die gravierenden Unterschiede zwischen der Diktatur des Nationalsozialismus, eines absolut tödlichen Systems, und der Diktatur, die ab '45 bis letztes Jahr in der DDR herrschte, auseinanderklamüsern. Das würde gewiß den Rahmen dieses Gesprächs sprengen.
SPIEGEL: Sie selbst haben einmal ein sehr beachtetes Theaterstück geschrieben, das spielt in einer Zeit, wo das DDR-System jede Regung gegen sich notfalls auch tödlich beendete. Held Ihres Theaterstücks "Die Plebejer proben den Aufstand" ist ein Theaterchef - unschwer als Bertolt Brecht zu erkennen. Und Sie kritisieren, daß er sich am 17. Juni nicht auf die Seite der Streikenden schlägt, nicht mit dem Volksaufstand geht, sondern egoistisch sagt: Mein Werk, mein Theater geht vor. Und so probt er weiter im Theater, während draußen die Panzer auffahren, während auf Arbeiter geschossen wird. Warum gestehen Sie heutigen Kritikern nicht zu, an eine DDR-Autorin ähnlich rigorose Forderungen zu stellen? Noch dazu, wenn sie sich nach Ende der Diktatur äußert?
GRASS: Wenn Sie auf mein Stück hinweisen, das übrigens zur Folge hatte, daß keine Zeile in der DDR von mir publiziert werden durfte, dann äußern sich die "Plebejer" kritisch in beide Richtungen. Das Stück ist, wenn Sie erlauben, differenzierter, als Sie es in einer so kurzen Zusammenfassung darstellen können.
SPIEGEL: Uns kam es im Moment nur auf den parallelen Aspekt an.
GRASS: Das Stück hört ja auch mit einem Brecht-Zitat auf: "Ihr Unwissenden! Schuldbewußt klag' ich euch an!" Schon das zeigt die Ambivalenz der Chef-Figur. Das Stück zeigt differenziert die Verstrickung beider Seiten in Schuld, Unwissenheit und Egoismus. Am Ende werden die Theaterproben des Shakespeareschen "Coriolanus" eingestellt. Das Projekt scheitert nicht am Staatseinspruch, sondern durch Erkenntnis. Ich habe dieses Stück übrigens in den letzten Monaten vor jungem Publikum in der DDR gelesen, um es mit dieser Phase einer Geschichte vertraut zu machen, die verdrängt wurde.
SPIEGEL: In den damaligen Kritiken wurde Ihnen vorgeworfen: Wie kann Herr Graß sich anmaßen, über die Haltung eines Dichters zu urteilen, der unter ganz anderen Verhältnissen als Graß schreiben mußte. Nun hören wir von Ihnen die gleichen Vorhaltungen gegenüber den Kritikern der Christa Wolf.
GRASS: Aber ich sage doch nicht, daß man das Buch nicht kritisieren soll. Es liegt ja vor und ist damit der Kritik ausgesetzt. Aber was jetzt abläuft, geht über übliche Kritik hinaus und hat durch Massierung den Charakter einer Kampagne.
SPIEGEL: Sie wollen doch nicht unterstellen, daß es da eine verschwörerische Absprache gibt? In der Zeit stand neben dem Verriß von Ulrich Greiner das Lob und die Verteidigung von Volker Hage.
GRASS: Das ist der Zeit-Stil, den man früher hatte, und auch heute noch läßt man gelegentlich Gegenmeinungen zu Wort kommen. Ich dagegen konnte kürzlich meine Gegenmeinung hier im SPIEGEL nicht veröffentlichen. Doch Gott sei Dank kann man in der Bundesrepublik noch sprechen und den Text woanders unterbringen, was in der DDR natürlich unmöglich war, das gebe ich gern zu. Ich will das gar nicht vergleichen. Ich meine nur, daß wir behutsamer miteinander umgehen und in der Literatur nicht das wiederholen sollten, was im politischen und insbesondere im wirtschaftlichen Bereich tagtäglich geschieht: die Vereinnahmung der DDR, eine Politik, die über die Menschen hinweggeht und nicht den Ansatz von Zeit läßt, mit sich selbst ins reine zu kommen, falls das überhaupt möglich ist.
SPIEGEL: Herr Graß, wir wollen hier nicht in eine generelle Deutschland-Debatte umsteigen.
GRASS: Aber ich will. Ich will hinein in diese Debatte, denn ich habe meine Kritik an dieser massiven Kampagne gegen Christa Wolf an den Anfang eines "Berichts aus Altdöbern" gestellt. So heißt die Rede, die ich im Reichstag vor einer Gruppierung gehalten habe, die für eine neue Verfassung eintritt. Die Gruppierung heißt "Kuratorium für einen demokratisch verfaßten Bund deutscher Länder", und in diesem Bericht gehe ich auf den Zustand ein, in dem sich aus meiner Sicht Land und Leute in der DDR befinden. Das ist ein erbarmungswürdiger Zustand. Wie oft hat Herr Kohl versichert, daß er die Einheit Deutschlands mit Würde und Anstand anstrebe. Wir erleben eine Inflation der Wörter Würde und Anstand. Doch was ich beim Umgang mit den Menschen in der DDR vermisse, sind Würde und Anstand. Und auch in der Kampagne gegen Christa Wolf steckt ein Stück Anstandslosigkeit. Von Würde wollen wir gar nicht reden.
SPIEGEL: Wenn Sie von der DDR sprechen, dann reden Sie von Bevormundung. Davon, daß das über die Köpfe der Leute hinweggeht. Ist es aber nicht auch eine Bevormundung, daß Günter Graß sagt, diese Eile wolle niemand, und diese Eile sollte man vermeiden?
Sie mögen es grobschlächtig nennen, aber die Massenfluchten in die Botschaften von Budapest und Prag, die Steigerung der Forderungen bei den Demonstrationen in Leipzig hatten das Tempo von Anfang an festgelegt. Die täglichen Flüchtlingszahlen taten ein übriges. Von da an hat sich das Tempo nie mehr verlangsamt, und die Politiker sind eher Leute, die atemlos hinter dem Gang der Ereignisse hinterherlaufen.
GRASS: Das habe ich oft genug gehört: Der Zug ist abgefahren, und niemand kann ihn aufhalten. Doch nach wie vor säße ich ungern in einem Zug, der keine Haltesignale kennt.
SPIEGEL: Hätten Sie als Kollege der Autorin Christa Wolf nicht vielleicht gesagt, wenn sie Ihnen das Manuskript gezeigt und Sie gefragt hätte: "Beeil dich nicht so mit der Veröffentlichung. Dies ist für dieses Buch kein guter Zeitpunkt!" Sie, der Sie in diesen Wochen so oft für Überlegen, für Nachdenken, für Sich-selbst-Finden, für das Verlangsamen des Tempos plädiert haben - hätten Sie die Kollegin nicht gewarnt, dies Buch könne in eine atemlose Debatte geraten?
GRASS: Ich hätte ihr wahrscheinlich geraten, das Buch mit einem Nachwort herauszugeben. Den Text unverändert zu lassen, wie sie ihn damals vor einem Jahrzehnt geschrieben hat.
SPIEGEL: Ist es denn nicht überhaupt so, daß vielleicht nicht so sehr durch Christa Wolf, sondern mehr durch den Verlag und die Präsentation des Buches doch ein bißchen auch nach dem Sensationseffekt gehascht werden soll? Nämlich: Hier kommt ein Buch aus der Schublade, also ein Widerstandsbuch, das vorher nicht erscheinen konnte. Darf man sich da über die Reaktionen wundern?
GRASS: Ich finde es amüsant, daß ausgerechnet ein Magazin, das auf Aktualität oder schnelle Präsenz Wert legt, einem Verlag oder einem Autor dergleichen vorwirft.
SPIEGEL: Dann muß aber auch die Rezeption der Kritik unter aktuellen, also politischen Gesichtspunkten erlaubt sein. Niemand hat etwas dagegen, daß Sie empört sind und daß sich Walter Jens im Namen des Pen-Präsidiums empört, weil Ihnen irgendeine Rezension nicht paßt. Nur haben wir Angst vor der Inflation der Wörter. In Ihrer Rede im Berliner Reichstag nennen Sie den Beitritt nach Artikel 23 Grundgesetz, wie ihn die Bundesregierung anstrebt, Ermächtigungsgesetz. Walter Jens spricht von "Spruchkammerdenken", von McCarthyismus. Vielleicht sollte man sich solche Wörter aufsparen, bis man sie wirklich braucht, man könnte sie sonst vorher an doch zu harmlose Anlässe verschleudert haben.
GRASS: Hören Sie: Ich habe das Wort Ermächtigungsgesetz nicht als Wort mit Ausrufungszeichen hingesetzt, sondern in einen Zusammenhang gestellt, der darauf aus ist klarzumachen, daß der aus Ihrer Position der Eile gebotene Verzicht auf den Artikel 146 und die bloße Nutzung des Artikels 23, um möglichst schnell zum Anschluß zu kommen, aus meiner Sicht verfassungswidrig ist.
SPIEGEL: Kann das nicht mit dem Zwang der Ereignisse zusammenhängen? Auch der von Ihnen in Ihrer Rede lobend erwähnte Kanzlerkandidat Lafontaine scheint ja inzwischen der Meinung zu sein, wie die Ost-SPD übrigens auch, Artikel 23 und Termin im Dezember seien richtig. Sie hielten Ihre Reichstags-Rede für die DDR-Bürgerbewegung. Die gleiche Bürgerbewegung war unter den ersten, die im DDR-Parlament erreichen wollten, den Beitritt nach Artikel 23 herbeizuführen. Ermächtigungsgesetz?
GRASS: Der Antrag von Konrad Weiß in der Volkskammer kam mir wie ein Kurzschluß vor. Aber er ist ja auch zurückgenommen worden, als man merkte, daß die DSU aus anderen Motiven dasselbe versuchte. Es hat - glaube ich - keinen Sinn, daß wir in diesem Chaos herumstochern. Was ich meine und worauf ich anspiele, ist, daß wir in Deutschland, und damit meine ich jetzt beide Staaten, durch die Politik Gorbatschows die Chance bekommen haben, unser deutsches Haus zu bestellen und uns zu einigen. Aber daß wir die Einheit vorziehen, bevor die Einigung stattgefunden hat, kritisiere ich. Und wie wenig die Einigung stattgefunden hat, wie sehr als Einheit Okkupation stattfindet, das lese ich auch den Artikeln über Christa Wolf ab.
SPIEGEL: Ist die heftige Auseinandersetzung um Christa Wolf nicht auch eine Folge der Tatsache, daß viele DDR-Schriftsteller in der deutschen Entwicklung das retardierendste Moment darstellten? So daß man mißtrauisch wurde, es geschehe auch aus Motiven privater Verunsicherung. Es gab diese Resolution von Stefan Heym, bei der auch Christa Wolf dabei war, die für eine eigenständige DDR und einen dritten Weg plädierte.
GRASS: Das Wort dritter Weg ist darin nicht gefallen. Vom eigenen Sozialismus war darin die Rede.
SPIEGEL: Damals schlugen die Demonstrationen in Leipzig ja auch qualitativ um. Von "Wir sind das Volk" zu "Wir sind ein Volk". Eine Panik vor einem neuen Sozialismus-Versuch brach aus. Die Resolution verschwand spurlos. Geblieben ist das Mißtrauen gegen die Schriftsteller, das sich auch in der Attacke gegen Christa Wolf artikulierte. Man kann ja heute feststellen, daß der Staat der DDR zu den Schriftstellern und Künstlern in der Tat eine mäzenatische Rolle übernommen hatte. Sie haben sich dieser mäzenatischen Rolle, und das muß man ihnen hoch anrechnen, nicht etwa alle als blinde, gehorsame Kinder gefügt, sondern gegen Vater Staat oft auch aufgemuckt. Trotzdem spürt man auch in Christa Wolfs Erzählung das, was sich später als eine Art Verlustgefühl herstellen sollte. Wenn man aus einer Geborgenheit, die auch strenge Aufsicht war, herausfällt.
GRASS: Die Frage an Christa Wolf, die mich auch interessiert, ist die, warum es bei ihr so lange dauerte, sich von der zweiten ideologischen Bindung zu lösen, sich in deutlichere Distanz zu bringen. Eine Teilantwort kann ich geben nach dem, was ich aus ihren Büchern erfahre. Man erfährt da ihr Bedürfnis, es allen recht zu machen. Eine gewisse biedere Wohlerzogenheit und Konfliktscheu spricht aus ihren Texten. Das sind alles persönliche Motive, aber ich finde bei ihr und in ihrem Verhalten nichts, was es rechtfertigte, ihr diese persönliche Haltung so pauschal vorzuwerfen. Dazu Hermann Kant im Vergleich, der verantwortlich oder zumindest mitverantwortlich für die SED-Kampagne während der Ausbürgerung von Wolf Biermann war. Es sollte auch Sie nachdenklich machen, daß Kant keinem vergleichbaren Angriff ausgesetzt ist.
SPIEGEL: Weil Kant jetzt kein Buch veröffentlicht hat: "Wie ich damals im Keller der Stasi leiden mußte". Herr Kant nötigt einen gewissen Respekt dadurch ab, daß er jetzt nicht kommt und sich irgendwelche Persilscheine besorgen will.
GRASS: Ich weise zurück, daß dieses Buch von Christa Wolf eine Art Persilschein sein soll. Wie kommen Sie darauf?
SPIEGEL: Durch den Klappentext. Aber vielleicht hat sie den nicht gelesen.
GRASS: Ist das das Neueste, daß Autoren auch noch für den Klappentext verantwortlich gemacht werden?
SPIEGEL: Zu sehen kriegen sie Klappentexte normalerweise schon. Aber wenn Sie sich jetzt so vehement und mit Ihrem ganzen Gewicht für Christa Wolf einsetzen, dann tun Sie das sicher nicht nur für die Person. Sondern weil Sie da eine gewisse Entwicklung fürchten.
GRASS: Sie haben es getroffen. Wenn es im Stil dieser Kritiken weitergeht, und es besteht die Gefahr, daß dieser Ton anhält, dann kommen wir auch im intellektuellen Bereich in eine Haßstimmung. Es schleicht sich ein inquisitorischer Ton ein. Wenn wir uns bei allen Veränderungen zivilisierter benähmen, wäre eine Menge gewonnen.
Ich habe meine kritischen Bedenken Christa Wolf gegenüber immer geäußert. Aber das, was mit ihr gegenwärtig geschieht, fordert meine Solidarität heraus. Ich habe Angst, daß ein Ton einreißt, der vergiftend ist und inquisitorisch und pharisäerhaft, zumal vom sicheren westlichen Port aus geurteilt wird.
SPIEGEL: Herr Graß, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
Der Streit um Christa Wolf *
entzündete sich an der kürzlichen Veröffentlichung ihrer Erzählung "Was bleibt", in der sie aus zehnjährigem Abstand schilderte, wie sie in Ost-Berlin Ende der siebziger Jahre von der Stasi beschattet wurde. Christa Wolf wurde in scharfen Kritiken vor allem der Zeitpunkt der Veröffentlichung nach der Wende vorgeworfen. Die Christa-Wolf-Debatte, in der sich auf der Gegenseite vehement vor allem Walter Jens, Günter Graß, aber auch das sich gouvernantenhaft aufspielende Pen-Präsidium zu Wort meldeten, steht auch für eine Auseinandersetzung um die Vergangenheit der DDR-Schriftsteller. Auf einer Pen-Tagung in Kiel kam es im Mai zu einem Eklat um den ehemaligen stellvertretenden DDR-Kulturminister Klaus Höpcke. Der einst aus der DDR ausgestoßene Autor Hans Joachim Schädlich sagte, der westdeutsche Pen solle keine Waschanlage für Leute sein, die weiße Westen brauchten. Die Auseinandersetzungen um die vergangene und künftige Rolle von Schriftstellern der DDR wird weiter aktuell bleiben müssen.
Von H. Karasek und R. Becker

DER SPIEGEL 29/1990
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