09.09.1991

„Mutige Zeiten erwarten Sie“

Am 7. Oktober 1989 feierte die SED das 40jährige Bestehen der DDR mit dem Ehrengast Michail Gorbatschow. Am selben Tag traf sich der sowjetische Präsident mit dem Politbüro zu einer Aussprache. Seine Botschaft: Die DDR müsse selber für die Grundlagen ihrer Existenz sorgen. Der SPIEGEL druckt erstmals das Protokoll dieses historischen Gesprächs. Auszüge:
Honecker: Liebe Genossinnen und Genossen!
Wir begrüßen recht herzlich im Kreise unseres Politbüros unseren Freund Michail Sergejewitsch Gorbatschow. Wir hatten heute bereits eine Besprechung über aktuelle internationale und bilaterale Fragen. Es gab - so darf ich wohl sagen - große Übereinstimmung zu den angeschnittenen Problemen, und diese Aussprache vollzog sich in aller Brüderlichkeit, so wie es zwischen unseren Parteien seit Jahrzehnten üblich ist.
Gorbatschow: Vor allem möchte ich Ihnen allen, die hier mit uns an einem Tisch sitzen, ganz herzlich, aufrichtig, freundschaftlich und brüderlich zum 40. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik gratulieren. Alle, die jetzt hier an diesem Tisch sitzen, haben ihr Schicksal mit dem des ersten sozialistischen Arbeiter-und-Bauern-Staates auf deutschem Boden verbunden und alles gegeben, damit der Traum der Arbeiterklasse, der mehrere Generationen der Werktätigen Deutschlands inspirierte, reale Formen annahm.
Ich verstehe ganz gut, was Sie in diesen Tagen fühlen. Man kann natürlich vieles sagen, aber ich würde folgendes bemerken: Ihr ganzes Leben und alle Ihre Taten waren nicht umsonst.
Wir betrachten das Jubiläum der Deutschen Demokratischen Republik als unseren gemeinsamen Feiertag. Natürlich spricht das Sie nicht frei von der Hauptverantwortung für das, was auf diesem Boden vor sich geht, und schon gar nicht bedeutet diese Feststellung irgendwelche Anmaßungen unsererseits. Ich stelle nur die Realität fest. Ich habe dem Genossen Honecker gesagt: Die Deutsche Demokratische Republik ist für uns der vorrangigste Partner und Verbündete.
Natürlich sagt man: Was wir gemacht haben, ist schon gemacht. Aber vor uns stehen Jahre und Jahrhunderte.
Wir haben darüber mit Genossen Erich Honecker gesprochen und völlige Übereinstimmung in bezug auf die Einschätzung der Prozesse festgestellt, die sich in unseren Ländern und in der sozialistischen Welt im Ganzen vollziehen. Wir kommen zu der Schlußfolgerung, daß wir die Impulse des sich entwickelnden Lebens unbedingt aufnehmen müssen.
Selbstverständlich stellt sich nun die Frage: Was weiter? Das, was Genosse Erich Honecker in seiner Rede als Antwort auf diese Frage sagte, konnte natürlich nicht vollständig sein. Es war ja nur eine Jubiläumsansprache, in der er sehr wichtige Gedanken auch auf lange Sicht zum Ausdruck brachte.
Ich glaube, daß auch unsere Umgestaltung eine Antwort auf die Erfordernisse der Zeit ist. Letzten Endes sind wir doch alle Kommunisten. Wir denken nicht nur daran, etwas für unser Leben zu vollbringen, sondern wir denken auch an die kommenden Generationen und daran, daß die nächsten Generationen vieles vollbringen müssen.
Ich habe Erich Honecker eben gesagt, daß es Ihnen leichter wird, Umgestaltungen durchzuführen, weil Sie keine solchen Spannungen im sozialökonomischen Bereich haben. Ich kann Ihnen versichern, daß es keine leichte Sache ist, einen Beschluß über politische Veränderungen zu fassen. Mutige Zeiten erwarten Sie, mutige Beschlüsse sind erforderlich.
Ich sage das ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen. Es ist so, wie Lenin sagte: In stürmischen revolutionären Zeiten lernen die Leute in Wochen und Monaten mehr als sonst in Jahren.
Natürlich hat uns die Umgestaltung zu der alten These des Marxismus geführt, daß die revolutionäre Sache keine Unterstützung der Werktätigen bekommt, wenn das soziale Umfeld, die sozialen Bedingungen der Leute nicht verbessert werden. Aber es erweist sich eben, daß viel Wurst und viel Brot noch nicht alles sind. Die Leute verlangen dann eine neue Atmosphäre, mehr Sauerstoff, einen neuen Atem, insbesondere für die sozialistische Ordnung.
Ich sage das nicht deshalb, weil ich an die alten Wahrheiten mahnen möchte. Damit sind wir selbst konfrontiert. Schon die uralten Römer sprachen von "Brot und Spielen". Wenn wir diesen Spruch sozusagen vergegenwärtigen, müssen wir sagen: Der Mensch braucht entsprechende materielle Bedingungen, aber er braucht zugleich auch die entsprechende geistige Atmosphäre in der Gesellschaft. Ich halte es für sehr wichtig, den Zeitpunkt nicht zu verpassen und keine Chance zu vertun. Die Partei muß ihre eigene Auffassung haben, ihr eigenes Herantreten vorschlagen. Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort.
Wir sind in einer Etappe sehr wichtiger Beschlüsse. Es müssen weitreichende Beschlüsse sein, sie müssen gut durchdacht sein, damit sie reiche Früchte tragen. Unsere Erfahrungen und die Erfahrungen von Polen und Ungarn haben uns überzeugt: Wenn die Partei nicht auf das Leben reagiert, ist sie verurteilt.
Wir haben nur eine Wahl: entschieden voranzugehen, sonst werden wir vom Leben selbst geschlagen. Das Leben ist eine sehr ernste Sache, das wissen wir. Der Westen versichert uns, daß die sich in unseren Ländern vollziehenden Prozesse die Angelegenheit dieser Völker sind. Aber tatsächlich sind sie drüben sehr schadenfroh und versuchen sogar, Revanche zu nehmen und den Bereich des Sozialismus einzuengen.
Ich denke, wir haben ein gutes Jubiläumsgespräch. Aber was gibt es Wichtigeres für die Kommunisten, als über die Zukunft zu sprechen, an die Zukunft zu denken, an die Zukunft unserer Bewegung? - Wir sind bereit, gemeinsam zu gehen, zusammenzuarbeiten. Wir sind für alles offen, ohne Vorbehalt.
Honecker: Liebe Genossinnen und Genossen!
Ich glaube im Namen aller zu sprechen, wenn ich Genossen Michail Sergejewitsch Gorbatschow sehr herzlich für seine Darlegungen danke. Für uns ist ganz selbstverständlich von großer Bedeutung, was ich auch gestern in meiner Rede betonte: Im Zusammenhang mit der Entwicklung des Lebens des Volkes vorwärts immer, rückwärts nimmer!
Das ist zwar eine Vereinfachung, aber es wird vom Volk gut verstanden, und wenn Wort und Tat übereinstimmen, wird man die beste Verbindung zu den Massen halten, die ja tagtäglich das Leben gestalten.
Inzwischen findet ein großer Dialog mit allen Schichten der Bevölkerung statt, durchgeführt von allen Parteien, die bei uns existieren, den Massenorganisationen, vor allem den Gewerkschaften, die 9,6 Millionen Mitglieder haben.
In jedem Falle glaube ich, den sowjetischen Genossen versichern zu können, daß wir jeden Hinweis beachten, der dazu führen wird, den Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik auf festeren Positionen zu entwickeln.
Michail Sergejewitsch Gorbatschow hat mit Recht an den Ausspruch der alten Römer erinnert. Wir haben die Ansprache Friedrich Engels' am Grabe von Karl Marx in fester Erinnerung, wo er bekanntlich sagte, daß der Mensch erst etwas zum Essen, zum Anziehen, zum Wohnen braucht. Dabei hat er natürlich die geistigen Probleme, die wir zu lösen haben, auch heute, nicht unterschätzt.
Wir haben auf dem Plenum unseres Zentralkomitees die Losung gewählt, die Politik der Kontinuität und der Erneuerung fortzusetzen. Damit wollten wir die Richtigkeit dessen unterstreichen, was wir ständig zum Ausdruck brachten, daß wir die Partei der Neuerer sind. Das heißt, bei Erfolgen darf man nicht stehenbleiben, sonst bleibt man zurück; man muß vielmehr die neuen Fragen erkennen und nach vorn gehen.
Ich möchte Genossen Michail Sergejewitsch für seine Darlegungen danken und sagen, sie sind für die zukünftige Entwicklung der Zusammenarbeit sehr kostbar und werden auch international ausstrahlen und ihren Beitrag leisten. Vielen Dank, Genosse Michail Sergejewitsch Gorbatschow.
Gorbatschow: Ich freue mich sehr, liebe Freunde, an diesem Tag mit Ihnen zusammen zu sein. Unter Berücksichtigung der Probleme, die wir heute hier erörtern, bin ich doppelt zufrieden.
Die einfachen Worte, die ich gestern und heute zur Jugend und zu den anderen gesagt habe, möchte ich heute auch Ihnen gegenüber zum Ausdruck bringen: All die 40 Jahre zeigen, was möglich war; und was erreicht wurde, war möglich, weil wir eng zusammenstanden. Und vom Guten sucht man . . .
Honecker: . . . nur das Beste.
Gorbatschow: Vom Guten sucht man das Gute nicht. Also, wir verstehen, was wir meinen, auch ohne Dolmetscher. Das charakterisiert ebenfalls unsere Beziehungen. Wir brauchen nicht alles zu übersetzen.
Honecker: Haben die Genossen Fragen? Ich glaube, wir sind uns einig. o

DER SPIEGEL 37/1991
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