19.02.1990

„Eigene Republik oder raus“

SPIEGEL: Herr Wiedmaier, die "Allunions-Gesellschaft Wiedergeburt", der Verband der Sowjetdeutschen, will die deutsche Wolga-Republik neu erstehen lassen. Sie nennen den Weg zurück an die Wolga eine "Sackgasse". Warum?
WIEDMAIER: Für drei von vier Sowjetdeutschen hat die Wolga überhaupt keine Anziehungskraft. Sie - oder ihre Eltern - wohnten früher in ganz anderen Gebieten.
SPIEGEL: Dennoch könnte es ja wieder ein deutsches Zentrum an der Wolga geben, wie vor der Zwangsumsiedlung 1941.
WIEDMAIER: Das Land dort ist durch Mißwirtschaft und mangelhafte Pflege inzwischen völlig verhunzt. Die Gefahr ist zu groß, daß die Deutschen diese Region auch bei bestem Willen und größter Anstrengung nicht mehr hochbringen können. Im Zimmer eines Bordells kann man kein moralisches Erbauungsstübchen einrichten.
SPIEGEL: Die Deutschen könnten es dort nicht mehr zu einem bescheidenen Wohlstand bringen? Ihren Vorfahren vor 200 Jahren ist das doch gelungen.
WIEDMAIER: Ihr Lebensstandard könnte nie höher sein als in den umliegenden Dörfern, und der ist miserabel. Um seine Verbannungsorte zu verlassen, braucht der Sowjetdeutsche andere Anreize. Höchstens 100 000 unserer zwei Millionen Landsleute würden in den nächsten fünf Jahren dort hinziehen.
SPIEGEL: Und damit ist kein eigener Staat zu machen?
WIEDMAIER: Ausgeschlossen. Meine Schätzung ist noch optimistisch. Zudem steht die heutige Bevölkerung an der Wolga diesen Autonomieplänen ausgesprochen feindselig gegenüber: Sie wehrt sich von Woche zu Woche entschiedener dagegen, die Deutschen dorthin zu lassen.
SPIEGEL: Wohin also mit den Sowjetdeutschen - in die Bundesrepublik?
WIEDMAIER: In das Gebiet von Kaliningrad, das bis 1945 Königsberg hieß, also ins ehemalige Ostpreußen. Dort ist Platz für eine autonome Republik der Sowjetdeutschen.
SPIEGEL: Ostpreußen wieder deutsch, wenn auch im Rahmen der UdSSR? Ist das nicht ein abenteuerlicher Plan?
WIEDMAIER: Vieles spricht für Kaliningrad. Nach dem Willen der örtlichen Behörden soll das Gebiet eine jener freien Wirtschaftszonen werden, die gegenwärtig in vielen Gegenden der Sowjetunion geplant werden und an denen die Regierung großes Interesse hat. Dorthin würden die Deutschen ziehen, weil sich das Interesse der Region mit ihrem eigenen Interesse an wirtschaftlichem Aufstieg und besserem Leben verbinden ließe.
SPIEGEL: Woher wollen Sie das wissen?
WIEDMAIER: Im vorigen Oktober habe ich die "Kaliningrader Variante" in der Literaturnaja gaseta vorgestellt. Bei einer Fragebogenaktion der Zeitung haben anschließend 80 Prozent der Teilnehmer erklärt, unter diesen Bedingungen nach Kaliningrad umsiedeln zu wollen. Wenn also die örtliche Verwaltung demnächst das Gebiet öffnen darf . . .
SPIEGEL: . . . bislang war es für Ausländer nur selten zugänglich . . .
WIEDMAIER: . . . dann kann sie dabei auf volle Zustimmung der Menschen dort rechnen. Die Leute wissen, daß nur eine Sonderwirtschaftszone dieses Gebiet am Rande des Reiches wiederbeleben kann, zumal sich jetzt die litauischen Nachbarn selbständig zu machen beginnen.
SPIEGEL: Meinen Sie wirklich, die jetzt dort lebende russische Bevölkerung wäre bereit, in einer autonomen Republik der Deutschen zu leben, womöglich als nationale Minderheit?
WIEDMAIER: Auch damit wäre ein großer Teil der Menschen einverstanden. Die fühlen doch irgendwie, daß sie auf fremdem Boden leben, auf einem Stück ehemaligem Deutschland. Jedes Haus, jeder Pflasterstein, selbst die Natur spricht noch davon. Deshalb ist dieses Gebiet beinahe Niemandsland.
SPIEGEL: Jedenfalls ist es umgeben von Litauern, Polen und der Ostsee - ohne geographische Verbindung zur Russischen Föderation, zu der es administrativ gehört.
WIEDMAIER: Viele Einwohner sind zufällig dorthin gekommen, zum Beispiel durch eine organisierte Werbung für Arbeitskräfte. Niemand würde den Deutschen daher vorwerfen, sie hätten sich fremder Erde bemächtigt. Deshalb sollte dort auch eine deutsch-russische baltische Republik entstehen, die schon deshalb nicht exklusiv deutsch sein könnte, weil ja dort gegenwärtig schon rund 800 000 Sowjetbürger anderer Nationalität leben.
SPIEGEL: Rückkehrwünsche im Westen lebender Ostpreußen hat die Regierung stets als Revanchismus verdammt. Warum sollte Moskau die eigenen Deutschen dorthin ziehen lassen?
WIEDMAIER: Das ist der schwierigste Punkt. Der Verdacht, die Deutschen wollten sich später einem neuen Deutschen Reich anschließen, ist absurd: Ein Austritt aus der Sowjetunion ist dem Sowjetdeutschen ganz fremd; eher würde heutzutage ein Russe das große Imperium verlassen.
SPIEGEL: Wie bitte?
WIEDMAIER: Wir wissen zum Beispiel aus gemischten Ehen zwischen Deutschen und Russen, daß es häufig der russische Partner ist, der auf Übersiedlung in die Bundesrepublik drängt.
SPIEGEL: Und der deutsche sagt: Lieber Königsberg als Kaiserslautern?
WIEDMAIER: Die meisten, ja, wenn auch vielleicht nicht so geographisch festgelegt. Die Stimmung ist: eigene Republik oder raus.
SPIEGEL: Findet denn Ihre ostpreußische Lösung Fürsprecher in der sowjetischen Führung?
WIEDMAIER: Die gibt es, aber bis heute scheuen sie sich, dafür öffentlich einzutreten. Jedenfalls gibt es keine ausgesprochenen Gegner. Michail Gorbatschow, so habe ich gehört, denkt darüber nach. Auch viele Abgeordnete des Obersten Sowjet unterstützen diesen Denkansatz.
SPIEGEL: Warum sollten Ihre Landsleute, die zu Tausenden per Aeroflot und Lufthansa nach Westen ziehen, als Alternative Kaliningrad akzeptieren?
WIEDMAIER: Weil sie sich in Königsberg seelisch, menschlich und wirtschaftlich behaupten können. Im Westen Deutschlands sind sie bloß die Adoptivkinder, bestenfalls die verlorenen Söhne. Viele haben mir geschrieben: Wenn nicht Königsberg, dann Auswanderung. Nur dort, im ehemaligen Ostpreußen, hätten die Sowjetdeutschen übrigens die Chance, eine eventuelle Wirtschaftshilfe aus der Bundesrepublik direkt zu verwalten und effektiv einzusetzen - ohne den Umweg über Moskau. Und auch die Westdeutschen wären wohl eher bereit, dort gemeinsame Betriebe zu gründen als irgendwo anders in der UdSSR.
SPIEGEL: Sie gehörten vor 25 Jahren zu einer sowjetdeutschen Delegation, die zum damaligen Präsidiumsvorsitzenden des Obersten Sowjet, Anastas Mikojan, vorgelassen wurde. Schon damals hießen Ihre Alternativvorschläge Autonomie oder Ausreise. Warum tut sich der Kreml so schwer mit der Autonomie?
WIEDMAIER: Wenn es in diesem Lande überhaupt zu richtigen Entscheidungen kommt, werden sie immer zu spät getroffen. Die Führung dieses Staates verhält sich wie eine schlechte Hausfrau: Hier brennt ihr etwas an, da kocht die Milch über, dort weinen die Kinder - alles wächst ihr über den Kopf.
SPIEGEL: Schließlich tut sie in ihrer Not gar nichts mehr.
WIEDMAIER: Und wenn sich dann einer mit noch einem Problem meldet, kann die Obrigkeit immer sagen: Warum kommst du ausgerechnet jetzt mit deiner Autonomie? Sieh mal, wir haben enorme Schwierigkeiten in der Wirtschaft, in der Außenpolitik. Zum Schluß geht der Bittsteller ganz beschämt weg mit dem Gefühl, er dürfe sich mit seinem kleinen Problem nicht so wichtig machen, wo alles ringsherum brennt.
SPIEGEL: So wie die Sowjetdeutschen all die Jahre immer ganz brav weggegangen sind.
WIEDMAIER: Ja, sie sind viel zu zahm, viel zu gehorsam, sie schießen nicht, sie haben Schiß, besonders ihre Führer. Die sind noch ängstlicher und flehen nur.
SPIEGEL: Aber das erklärt noch nicht, daß sich der junge Dachverband der Sowjetdeutschen erbittert gegen die öffentliche Diskussion anderer Autonomie-Varianten sträubt, beispielsweise der Königsberger.
WIEDMAIER: Schon seit Jahrzehnten haben die ehemaligen Wolga-Deutschen in dieser Bewegung die Oberhand. Die von der Wolga waren schon immer stärker politisiert, stärker sowjetisiert als alle anderen Sowjetdeutschen: 1941 haben sie ihre eigene Aussiedlung organisiert und vorher schon die Kollektivierung; später im Lager haben sie für ihre eigene Bewachung gesorgt. Noch heute prahlen sie mit ihren pseudorevolutionären Eigenschaften. Und weil sie immer für den Zentralismus waren, für ein Befehlsregime von oben nach unten, haben sie auch in dieser Frage keinen Pluralismus zugelassen - mit dem Argument, der schwäche nur die Bewegung.
SPIEGEL: Mit jenen, die an die Wolga wollen und nur an die Wolga, stimmen Sie immerhin darin überein, daß der massenhafte Exodus der Deutschen für die UdSSR nicht nur eine moralische, sondern auch eine ökonomische Katastrophe sei. Weshalb?
WIEDMAIER: Jeder Kolchos-Vorsitzende in Sibirien weiß, daß die Deutschen ein unschätzbares Kapital sind: fleißig, arbeitsam, selten Raucher, fast nie Säufer, mit der niedrigsten Kriminalitätsrate in der ganzen Sowjetunion. Und wenn meine Landsleute endlich die Chance erhielten, sich in einer Region ihrer Wahl zusammenzutun, würden sich diese Eigenschaften noch viel effektiver entfalten. Das Land könnte davon nur profitieren.
SPIEGEL: Wenn das nun, wie Sie sagen, jeder sibirische Kolchos-Chef weiß, warum sieht es dann der Reformer Gorbatschow nicht, dessen wirtschaftliche Perestroika so gar nicht vom Fleck kommt?
WIEDMAIER: Der ist eigentlich eine Geisel des Systems und kann deshalb auf vieles nur mit halber Kraft reagieren. Alle Entscheidungen kommen zu spät und bewirken deshalb bestenfalls gar nichts, schlimmstenfalls das Gegenteil. So geht es auch den Sowjetdeutschen, ihre Behandlung ist überhaupt keine Ausnahme.
SPIEGEL: Wenn die Deutschen morgen - an der Wolga oder anderswo - wieder eine autonome Sowjetrepublik gründen dürften, käme dann die Auswanderung nach Westen zum Stillstand?
WIEDMAIER: Mit dem Wolga-Projekt ist das nicht mehr zu erreichen. Die Königsberger Lösung dagegen, unverzüglich und großzügig in Gang gesetzt, würde die Auswanderung viel wirkungsvoller stoppen.
SPIEGEL: Wie schnell müßte diese neue Ostsee-Republik etabliert werden, wenn überhaupt noch genügend Rußland-Deutsche übrig sein sollen?
WIEDMAIER: Höchstens vier Jahre hat die Regierung noch Zeit. Danach ist das Problem entweder durch Emigration oder durch Assimilierung gelöst. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Kurt Wiedmaier *
vertritt im Verband "Wiedergeburt", der Organisation der Sowjetbürger deutscher Nationalität, eine Minderheit, die eine Rückkehr an die Wolga ablehnt, von wo Stalin die Deutschen 1941 vertrieben hatte. Der Moskauer Publizist, 53, schlägt statt dessen vor, den heute noch rund zwei Millionen Sowjetdeutschen, die mehrheitlich in Kasachstan und der Russischen Republik leben, im Raum Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, eine autonome Sowjetrepublik zu geben.

DER SPIEGEL 8/1990
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