02.04.1984

AFFÄRENEinfach addiert

Für den verhafteten Baumaschinen-Unternehmer Horst-Dieter Esch wird es ernst: Die Staatsanwälte ermitteln wegen Betruges und Bilanzfälschung. *
Abenteuerlich waren seine Geschäfte von Anfang an. Seine erste Million, so prahlte Horst-Dieter Esch oft und gern, habe er durch Glück beim Aktienspiel an der Börse gemacht.
Doch schon das war wohl ein bißchen anders, als es schien. Der Koblenzer Oberstaatsanwalt Hans Seeliger jedenfalls kam zu eigenen Schlüssen über den dynamischen Jungunternehmer.
Seeliger ermittelte 1981 gegen Esch, dem die Banken die marode Baumaschinenfabrik Zettelmeyer für null Mark überlassen hatten, wegen Untreue und Steuerhinterziehung. Im Laufe der Recherchen festigte sich der Verdacht, die Firma Zettelmeyer habe für fiktive Leistungen Provisionen in die Schweiz überwiesen, die von dort prompt an Esch zurückgeflossen seien - das Gründungskapital der Internationalen Baumaschinen Holding AG (IBH) in Mainz.
So begann der schwindelhafte Aufstieg des Horst-Dieter Esch zum angeblich drittgrößten Baumaschinenhersteller der Welt. Esch übernahm vor der Pleite stehende Unternehmen gratis oder bezahlte mit IBH-Aktien, seiner Ersatzwährung.
So ging das bis November vergangenen Jahres, da war der IBH-Konzern pleite. Am vorvergangenen Wochenende wurde Esch in seiner Fünf-Millionen-Villa im Taunus verhaftet.
Die Staatsanwälte in Hanau und Koblenz legen ihm Bankrottdelikte wie Betrug, Bilanzfälschung und Untreue zur Last. Wegen ähnlich unfeiner Dinge sitzt seit Ende Januar Roland Spicka, der Vorstandsvorsitzende der Wibau AG, die zur IBH-Gruppe gehörte, in Untersuchungshaft.
Esch habe, so will der Hanauer Staatsanwalt Heinz-Ernst Klune beweisen, bei Scheingeschäften der Wibau, deren Aufsichtsrat er vorsaß, mitgewirkt. Bei einem 40-Millionen-Darlehen der IBH an Wibau soll er überdies 4,4 Millionen Mark für sich abgezweigt haben.
Beim Koblenzer Haftbefehl geht es um mehr. Danach hat Esch dem saudischen Scheich Salih Kamil 1982 eine IBH-Kapitaleinlage von 90 Millionen Mark abgeschwatzt. Der Scheich hatte zur Bedingung gemacht, daß unbedingt auch der US-Autokonzern General Motors, dem Esch die Baumaschinentochter Terex Corp. abgenommen hatte, sich mit 20 Millionen Mark Bargeld beteilige.
Esch konnte den Scheich zufriedenstellen. Er meldete nicht nur dem Saudi, sondern gleich auch noch dem Registergericht, General Motors habe gezahlt. Tatsächlich aber hatten die Amerikaner keine Mark überwiesen, sondern lediglich auf eine 20-Millionen-Forderung an die Terex verzichtet, die ohnehin längst wertlos war.
Belastungsmaterial zuhauf war den Strafverfolgern bei einer Großrazzia Anfang Februar in die Hände gefallen. Über 300 Beamte der Landeskriminalämter Rheinland-Pfalz, Hessen und Niedersachsen hatten 70 Büros und Privatvillen von Managern gefilzt und tonnenweise Papiere beschlagnahmt. Bei der IBH-Hausbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. (SMH) und in der Residenz ihres Teilhabers Ferdinand Graf von Galen klopften Fahnder des Bundeskriminalamtes an.
Die SMH-Bank war die Drehscheibe des großen Gewinnspiels. Graf Galen zeigte sich dankbar, daß Esch ihm die Wibau abgenommen hatte, deren rote Zahlen die Bankbilanzen seit Jahren verunzierten.
Roland Spicka, den Esch von Zettelmeyer an die Wibau-Spitze beförderte, zauberte die Verluste weg. Wibau gedieh dank steigender Umsätze für die Galen-Bank zu einer rechten "Zinsfabrik" (Branchenjargon).
Die Geschäfte mit den Bankfreunden liefen beispielsweise so: Wibau verkaufte für 57 Millionen Mark Baumaschinen an die Marlak Investments BV in Rotterdam, ein Unternehmen des IBH-Großaktionärs Scheich Salih. Dabei verpflichtete sich gleichzeitig eine U.A. Baumaschinen GmbH, die in Frankfurt in der SMH-Bank domiziliert, Marlak die Maschinen wieder abzukaufen und dann selbst zu verwerten.
Dies seltsame Rotationsverfahren, bei dem sich nicht eine einzige Maschine vom Fleck bewegte, war für alle Beteiligten nützlich: Die hohen Lagerbestände verschwanden aus den Wibau-Büchern, und SMH verdiente dabei gar bares Geld. Laut Vertrag vom 30. Juni 1983 überwies die Wibau der Bank für die Marlak-Geschäfte Provisionen von 15 Prozent des monatlichen Umsatzes.
Geschäfte, die unter den Firmen der Esch-Gruppe reihum gingen, wurden einfach addiert und als Umsatz ausgewiesen. "Das Know-how des IBH-Konzerns bestand darin", fand Wibau-Konkursverwalter Wilhelm Schaaf, "sich gegenseitig abzustützen."
Hausbankier Graf Galen und die anderen IBH-Aufsichtsräte, darunter Walther Leisler Kiep, schienen lange keinen Zweifel am Wert der IBH-Zahlen zu hegen. Dabei gab es in der Bank schon im Frühjahr 1983 in vertraulichen Aktennotizen Hinweise auf Luftfinanzierungen.
Die SMH-Bank emittierte noch Ende September vergangenen Jahres - zwei Monate vor dem Wibau-Konkurs - neue Aktien, die bare 60 Millionen Mark in die leere Firmenkasse bringen sollten. Im Börsenprospekt, den auch die Namen der Banco del Gottardo, der DG Bank Deutsche Genossenschaftsbank sowie der Girozentralen WestLB und Württembergische Kommunale Landesbank zierten, wurden wieder "Erträge in Vorjahreshöhe" verheißen.
Ein hübscher Schwindel: Wibau hatte 1982 zwar acht Prozent Dividende ausgeschüttet. Tatsächlich aber waren, wie die Prüfer der Treuarbeit schnell herausfanden, statt Gewinn 43 Millionen Mark Verlust erwirtschaftet worden.
Bei alledem dachten die Konzernherren auch an das eigene Wohl. Selbst ihre Luftgeschäfte honorierten sie sich mit Provisionen. Für jeden neuen Großaktionär _(Bei der Backgammon-Weltmeisterschaft in ) _(Monte Carlo 1982. )
bekam Esch drei Prozent der Kapitaleinlage. Das läpperte sich.
Nun scheint die Glückssträhne des Horst-Dieter Esch zu Ende. Die Affäre Zettelmeyer am Beginn seines Aufstiegs verlief 1981 für ihn noch glimpflich. Als sich die Spuren in der Schweiz und bei Phantomfirmen in der Karibik verloren, gab Oberstaatsanwalt Seeliger auf.
Jetzt aber wird es ernst. Schon nach dem bisherigen Ergebnis der Ermittlungen muß Esch mit etlichen Jahren Gefängnis rechnen. Da fürchteten denn auch die Staatsanwälte, der polyglotte Unternehmer könnte von einer seiner vielen Auslandsreisen womöglich einmal nicht mehr zurückkehren.
Als Esch am Samstag verhaftet wurde, hatte er bereits den nächsten Flug gebucht - für Sonntag um 13.30 Uhr nach New York.
Bei der Backgammon-Weltmeisterschaft in Monte Carlo 1982.

DER SPIEGEL 14/1984
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