02.04.1984

KABELFERNSEHENStart mit SAtan

Drei Monate nach Ludwigshafen sendet nun auch München auf Privatkanal, doch zusehen will kaum jemand. *
Erst explodiert ein froh dreinblickender Zylinderhut und löst sich in ein sprühendes Feuerwerk auf. Dann rast ein undefinierbares Phantasie-Vieh quer über den Bildschirm, schlägt aufgeregt Purzelbäume, rutscht auf dem Bauch und dem Hintern dahin und brüllt fortwährend: "Anschluß nicht verpassen! Anschluß nicht verpassen!"
So eilig wie der namenlose Werbekobold der "Münchner Pilot-Gesellschaft für Kabel-Kommunikation" (MPK) hatten es die umworbenen Kabelkunden in den beiden Münchner Versuchsgebieten nicht. Weder im vornehmen Stadtviertel Bogenhausen noch im proletarisch geprägten Bezirk hinter der Trabantenstadt Neuperlach fand sich bis zum Start des Projekts am vergangenen Sonntag eine nennenswerte Zahl von Teilnehmern.
Von den 58 000 Haushalten in den zwei Versuchsgebieten wollte MPK-Direktor Rudolf Mühlfenzl bis zum 1. April mindestens ein Drittel oder ein Viertel an der Strippe haben: "Sonst fangen wir gar nicht an." Dann begnügte er sich mit der Mitteilung, daß schon nahezu 12 000 Haushalte anschlußfertig am Kabelstrang liegen. Zuletzt fand er "sehr beachtlich, daß bereits über 700 unterschriebene Anträge vorliegen".
Bei der Eröffnungsparty im Prinz-Carl-Palais, einer Dependance der Bayerischen Staatskanzlei, mußte Direktor Mühlfenzl vorletzte Woche zugeben, daß auch diese Antragsteller noch gar nicht alle angeschlossen seien. Der MPK-Chef erkannte, daß die Überredung von TV-Konsumenten zu neuen Kosten (Kabelanschluß: etwa 900 Mark) und neuen Gebühren (monatlich zusätzlich zu den TV-Gebühren: 18,75 Mark) "etwas anderes ist, als ihm Blumenzwiebeln zu verkaufen".
So hat nun letzten Sonntag "im Münchner Osten die Medienzukunft für Bayern insgesamt" (Mühlfenzl) begonnen. Aber nicht einmal die Gäste im Prinz-Carl-Palais schauten auf die Schirme, als Mühlfenzl zur Feier des Tages über eine fahrbare Parabol-Satelliten-Antenne ("SAtan") den Fernmeldesatelliten "ECS-1" anzapfte und ein Stück aus dem "Sky Channel" direkt aus London einspielte. Der Direktor blieb gelassen: "Auch das deutsche Fernsehen hat 1952 mit 300 Teilnehmern angefangen."
Gedrängelt haben sich private TV-Unternehmer in München nicht. Erst mußte die bayrische Staatsregierung eine flächendeckende Verkabelung im Freistaat und damit "landesweit Reichweiten von mehreren hunderttausend Haushalten" zusichern, dann auch noch Werbezeiten von fast drei Stunden täglich (die öffentlich-rechtlichen Sender dürfen nur 20 Minuten werben), damit laut Mühlfenzl die "zögerliche Haltung" gebrochen werden konnte.
Ferner soll das Münchner Pilot-Projekt, das wie der schon laufende Ludwigshafener Versuch und die noch folgenden in Berlin und Dortmund eigentlich auf drei Jahre befristet ist, nun nach dem neuen bayrischen "Medienentwicklungs- und - erprobungsgesetz" (MEG)
nahtlos in eine neben dem Bayerischen Rundfunk stehende öffentlich-rechtliche "Landeszentrale für neue Medien" übergehen.
Mühlfenzls Gesellschaft ist wie die anderen Projekte mit einem Dreijahresetat von 35 Millionen Mark (aus einem Zuschlag zu den Rundfunkgebühren) ausgerüstet. Die derzeit 20 MPK-Mitarbeiter koordinieren lediglich die Wünsche privater Anbieter und produzieren vorerst kein eigenes Programm.
Wer sich an das Kabel anschließen läßt, bekommt die ohnehin ortsüblichen Programme ARD, ZDF, Bayern III, Österreich I und II. Dazu kommt ein lediglich zeitversetztes "ZDF 2", ein "ZDF-Musikkanal", ein vom Bayerischen Rundfunk zugelieferter "TV-Kulturclub" sowie das deutschsprachige Schweizer Fernsehprogramm. Über Satellit wird das frankophone "TV 5", eine Auswahl von drei französischen Fernsehstationen, dem belgischen Fernsehen und dem französischsprachigen Schweizer Fernsehen, herangeführt.
Ebenfalls über den 38 000 Kilometer entfernten Satelliten "ECS-1" wird in München der englischsprachige "Sky Channel" eingespeist, der dem australischen Multi-Verleger Rupert Murdoch gehört und täglich auf Kanal 14 acht Stunden Pop, Action, Abenteuer und Sport liefern will.
Den größten deutschen Privatkanal stellt in München die schon in Ludwigshafen wirkende "Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk" (PKS), hinter der Warenhausketten wie Edeka und Rewe stehen. Die PKS verwertet Alt- und Uraltfilme nach Art von "Big Valley" oder "Kobra, übernehmen Sie", deren Rechte der Münchner Filmhändler Leo Kirch hält, der seinerseits mit 25 Prozent an der Münchner Kundenwerbungsgesellschaft "Kabelsignal" beteiligt ist.
Wer nicht auf preiswerte Archivbestände zurückgreifen kann, nähert sich mit Vorsicht dem kostenzehrenden Medium. Fußballer Franz Beckenbauer, dessen "Rofa cable sport" aus der Welt des Fußballs, Skifahrens und Bergsteigens "alles zeigen" wollte, "was interessant und informativ" ist, hat sich wenige Wochen vor dem Start wieder zurückgezogen.
Und 48 "sendungsbewußte Verleger" ("Süddeutsche Zeitung"), die sich zu einer "m.b.t."-Fernsehgesellschaft zusammengetan haben, wollen zunächst jährlich nur fünf bis höchstens sieben Millionen Mark aufwenden, um ein "aktuelles Kabelmagazin" namens "Tele-Zeitung München" zu produzieren. Da sie mit ihrer Halbstundensendung weder bei ARD, ZDF noch PKS aufgenommen wurden, verzogen die Verleger sich auf den Kanal 22 - den sie freilich nur füllen können, weil sie ihr Programm in den Abendstunden fünfmal wiederholen.

DER SPIEGEL 14/1984
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