04.06.1984

Teheran: „Die Amerikaner sollen nur kommen“

Bomben-Angriffe auf neutrale Supertanker, Truppenaufmarsch an der irakisch-iranischen Front bei Basra: Der Konflikt am Golf droht außer Kontrolle und „in eine sehr gefährliche und kritische Phase“ zu geraten. Die Perser planen eine neue Offensive gegen den Irak. Vergeblich wiegeln die Großmächte ab. Der Schiiten-Führer Chomeini ist nicht ansprechbar. Er gehorcht nur der Stimme Allahs, und die befiehlt „Angriff“. _____“ Die ganze Welt fürchtet sich vor euch. Ajatollah „ _____“ Chomeini zu seinen Truppen. „
Dem Propheten offenbarte sich Allah erstmals in der "Nacht der Macht" im Monat Ramadan: Und Mohammed machte sich auf, um mit 10 000 Lanzenträgern das ungläubige Mekka zu erobern. "Dschihad", der heilige Krieg des Islam, begann vor 1374 Jahren. Er hat nie aufgehört. Die "Nacht der Macht" jährt sich dieser Tage: "Pünktlich zum heiligen Monat Ramadan", so israelische und britische Geheimdienstler, gedenke Ajatollah Ruhollah Chomeini, 84, mit seinen islamischen Sturmtruppen die über 800 000 Einwohner der irakischen Stadt Basra vom Joch ihres Staatschefs, des "Satans Saddam Hussein", zu befreien.
Zahlreiche Scharmützel, Stoßtrupps und Feuerüberfälle kündeten vorige Woche die siebte iranische Großoffensive im vierten Jahr des heiligen Feldzugs gegen den Irak an. Mehr als 125 000 Perser, über 50 000 Iraker sind bereits gefallen. Auf dem 300 Kilometer langen südlichen Frontabschnitt, am Zusammenfluß von Euphrat und Tigris, stehen eine halbe Million Kinderkriegshelden, "Revolutionswächter" und reguläre Truppen der persischen Theokratie rund 170 000 irakischen Soldaten gegenüber: dort, wo vor Jahrtausenden der mythische Held Gilgamesch auf die Überlebenden der Sintflut stieß, wo der Legende nach der Garten Eden lag.
Chomeinis Männer tragen Metallschlüssel am Hals, made in Taiwan: Mit ihm, so die Mullahs der Etappe, erschlössen sich den Gefallenen die paradiesischen Gärten.
Der irakisch-iranische Kräftevergleich ist - nach vielen Monaten des unentschiedenen Verschleißkrieges - "in eine sehr gefährliche und kritische Phase" geraten (so der saudische Ölminister Ahmed Saki Jamani). Der türkis- bis dunkelblaue Persische Golf verwandelt sich in eine Kampfzone: Mehr als 60 Tanker und Frachter haben die Bomber der Gegner bereits beschädigt oder versenkt.
Getroffen wurden Unschuldige: Mehr griechische als persische, mehr panamaische als irakische Reeder verloren Mannschaft und Schiffe. Binnen einer Woche verdoppelten sich Fracht- und Versicherungsraten für die internationalen Golf-Fahrer. In Europa stiegen vorübergehend die Ölpreise auf dem Spot-Markt von Rotterdam trotz weitsichtiger Vorratspolitik der Öl-Konzerne (siehe Kasten Seite 108).
In Rudeln ankerten vergangene Woche die Supertanker aus aller Welt vor der Reede von Abu Dhabi im sicheren, südlichen Golf: Bislang transportierten sie über 18 Prozent des westlichen Erdölbedarfs durch die Straße von Hormus - jetzt warten ihre Besitzer ab.
Sie scheuen das Schicksal der saudischen "Yanbu Pride": Am 16. Mai schossen iranische Phantom-Piloten das Riesenschiff in Brand. An der persischen Golf-Küste, so fürchten amerikanische Pentagon-Experten, lauern "See-Terroristen" in hochexplosiven Kamikaze-Booten. Die Kriegsgegner versuchen, einander wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, indem sie die Öl-Kunden vertreiben.
Im Lage-Raum des MacDill-Fliegerhorstes in Florida, mehr als 12 000 Kilometer vom Golf entfernt, überprüft Generalleutnant Robert Kingston täglich auf einer Dia-Projektionswand den Aufmarsch der Iraner - photographiert von US-Himmelsspionen. Kingston ist Befehlshaber des "Central Command" mit
Zugriffsrecht auf 300 000 Soldaten, unter ihnen die US-Elitetruppe der 82. Fallschirmjäger-Division.
"Central Command" hat die "Schnelle Eingreiftruppe" (Rapid Deployment Joint Task Force) abgelöst und ihren Kampfauftrag übernommen - "den Zugang zum Öl des Persischen Golfes zu sichern und die Sowjets davon abzuhalten, politisch-militärische Kontrolle über das Öl direkt oder indirekt zu gewinnen".
9,1 Milliarden Dollar Militärhilfe für die Golf-Region hat die Reagan-Regierung allein in diesem Jahr veranschlagt; den bedrohten Saudis sagte das Weiße Haus vorige Woche 400 Stinger-Luftabwehrraketen zu (Reichweite: fünf Kilometer). Auch die Kuweitis haben Stinger-Bedarf angemeldet.
Doch die Sowjets, seit vielen Jahren der eigentliche Gegner in allen Golf-Strategie-Entwürfen des Pentagon, "hat sich dieser Tage eingeschmeichelt" in die Krisen-Region ("The Washington Post"): Nicht nur habe Moskau dem Irak versprochen, im Notfall den Freundschaftspakt von 1972 zu erfüllen. Die Sowjet-Union wolle auch, so Bagdads Uno-Botschafter in New York, SS-21-Kurzstreckenraketen an den Golf verlegen. Die Präzisionswaffe (mit einer konventionellen Sprengkraft von 1000 Kilogramm) könnte Irans Öl-Verladeinsel Charg (siehe Karte Seite 102) verwüsten.
"Die Sowjets", fürchtet der ehemalige US-Verteidigungsminister James Schlesinger, "wollen im trüben fischen." Stehen die Raketen erst einmal im Irak, könnten sie auch Kuweits und Saudi-Arabiens Ölfelder bedrohen: Moskau hätte sich über Nacht am Golf etabliert.
Über dem islamischen Kriegstableau kreisten vorige Woche Awacs-Radarflugzeuge mit amerikanischer Besatzung. Mit deren Unterstützung könnten die taiwanesischen Söldner-Piloten der Öl-Monarchie Saudi-Arabien Tanker-Geleitschutz über dem Golf fliegen.
Die irakischen Super-Etendard-Jets aus Frankreich wiederum bedrohen funktionierende iranische Öl-Raffinerien - doch Chomeini schreckt auch dies nicht: "Kein Flugzeug auf dieser Welt wird uns dazu zwingen, unsere Politik aufzugeben: das Regime in Bagdad zu stürzen."
Kriegsherr Chomeini sucht die Entscheidung am Golf. Er will die Großmacht-Träume des von ihm gestürzten Schahs mit einer schiitischen Volksarmee verwirklichen. Die arabische Opec-Region, zweitgrößter Handelspartner der westlichen Industriestaaten, könnte sich dem religiösen und militärischen, dem außenpolitischen und ökonomischen Herrschaftsanspruch eines siegreichen Gottesstaates Iran wohl nicht lange entziehen.
So eskaliert der ehedem begrenzte Krieg um eine Flußgrenze zu einem geopolitischen Drama, in das die Supermächte auch gegen ihren Willen hineinrutschen könnten.
Der Gefahr einer unkontrollierbaren, womöglich zufälligen Konfrontation mit den Sowjets - vier ihrer Flugzeugstützpunkte in Afghanistan liegen ein bis zwei Flugstunden vom Golf entfernt - versucht Washington derzeit durch informelle Kommunikation mit dem Kreml zu entgehen.
Wie der SPIEGEL erfuhr, unterrichten die Amerikaner seit zwei Wochen die Sowjets auf geheimen Informationskanälen über jeden militärischen Schachzug der Vereinigten Staaten und ihrer arabischen Verbündeten in der Krisen-Region. Grund: Nach dreijähriger diplomatischer Eiszeit zwischen den Supermächten wirken die Sowjets auf die Reagan-Regierung völlig unberechenbar. Um falschen Reaktionen vorzubeugen, teilten die Amerikaner dem Kreml vorletzte Woche mit, daß sie den Flugzeugträger "America" an den Persischen Golf entsenden. Als sich Ronald Reagan entschloß, den besorgten Saudis die Boden-Luft-Raketen zu liefern, erfuhren das die sowjetischen Krisenplaner noch vor dem amerikanischen Kongreß.
Ein US-Beamter: "Wir wollen sicherstellen, daß Moskau nicht im ungewissen bleibt bei der Einschätzung unserer Golf-Position. Vor allem kommt es darauf an, sie über die Streitkräfte aufzuklären, die wir in der Region versammeln."
Die Aufforderung der Amerikaner, die Kriegführenden nicht weiter mit Waffen zu beliefern, kommt indes um Jahre zu spät.
Die Strategien der Feldherren stammen aus den Lehrbüchern des 19. Jahrhunderts, der leidenschaftliche Enthusiasmus der persischen Soldaten speist sich aus frühmittelalterlichen religiösen Quellen, doch das Kriegsgerät der Kombattanten kommt aus den Zeughäusern der Gegenwart.
Die Sowjet-Union verkaufte neben Panzern, Geschützen und Mig-Kampfflugzeugen
auch Kurzstreckenraketen an den Irak. Die Vereinigten Staaten hatten den kaiserlichen Chomeini-Vorgänger mit den besten Rüstungsgütern des Pentagon ausgestattet: Phantom-Düsenbomber, F-5-Jagdflugzeuge, eine gewaltige Hubschrauber-Armada, Kriegsschiffe, Radar - der schah erhielt, was er bezahlen konnte, und das war, bis auf die Atombombe, fast alles.
Benutzt werden die Waffen, soweit sie noch funktionieren, inzwischen ganz im pan-iranischen Sinne des im Exil verstorbenen Herrschers.
Nicht erst seit Ausbruch des Krieges liefern zudem drei Dutzend kleinerer Staaten Waffen in den Krisenherd. Israelische Jumbos fliegen unbehelligt über Syrien gen Iran - an Bord tragen sie Munition und Lance-Raketen. Die Iraner schießen mit G-3-Sturmgewehren, gefertigt mit deutscher Lizenz. Hot-Panzerabwehrraketen der deutschen Firma MBB werden auch in Frankreich gebaut und von dort nach Bagdad exportiert. Ein armenischer Waffenhändler spezialisiert sich darauf, den Irakern erbeutete Waffen abzukaufen - um sie den Iranern wieder anzubieten.
Und ein Meisterwerk konventioneller Raketen-Rüstung, das französische Exocet-Projektil, das im Falkland-Krieg zwei Briten-Schiffe versenkt hatte, hängt bereits unter Bagdads Kampfflugzeugen (französischer Herkunft).
Der Irak setzt die Wunderwaffen gegen westliche Supertanker in der Absicht ein, den Konflikt zu internationalisieren, weil er in schier aussichtslose Defensive geraten ist: Die Supermächte sollen Stellung nehmen, am besten Partei ergreifen. Bagdads Generale haben auch nicht gezögert, den Abwurf von Giftgaskanistern über der persischen Front zu befehlen - trotz des weltweit zu erwartenden Protestes. Noch üblere Waffen standen ihnen nicht zur Verfügung: Vor drei Jahren hatten israelische Piloten den Reaktor-Komplex vor den Toren der irakischen Hauptstadt zerbombt.
Damals befand sich der Irak noch im Siegestaumel: Im September 1980 hatte Diktator Saddam Hussein mit einem Luftangriff auf persische Fliegerhorste die Feindseligkeiten gegen das revolutionsgeschwächte Nachbarland eröffnet. Viele Offiziere des Schahs waren geflohen, die iranische Armee schien demoralisiert. In zwei Monaten stießen die Iraker 80 Kilometer vor - in die Provinz Chusistan, zu den Ölfeldern Persiens.
Der Kriegsanlaß war vordergründig: Seit Generationen streiten sich die beiden Völker um die Hoheitsgewalt über den Schatt el-Arab, den Zusammenfluß von Euphrat und Tigris. Im Abkommen von Algier (1975) hatten die Nachbarn "die endgültige Festlegung ihrer Landesgrenzen" beschlossen - sie verlief im Talweg, in der Mitte des Stroms. Im Vertragsprotokoll gaben sich die Unterzeichner das Recht, "allen subversiven Infiltrationsversuchen ein Ende zu setzen". Es war eine salvatorische Klausel zur Rechtfertigung des nächsten Krieges.
Sein wahrer Ursprung liegt freilich in der regionalen Großmacht-Konkurrenz beider Golfstaaten beschlossen - verschärft wird sie durch religiöse und kulturelle Widersprüche der Gegner.
Die schiitische, fundamentalistische Revolution im Iran gefährdete den panarabischen Führungsanspruch der Baath-Partei in Bagdad. Mehr noch, die schiitische Mehrheit im Irak hatte sich schon 1977 mit Aufständen in den heiligen Städten Nadschaf und Kerbela unangenehm in Erinnerung gebracht. Hussein ließ die Rebellionen blutig niederschlagen.
Zwei Jahre später überwand er seine letzten politischen Gegner im eigenen Lande und ernannte sich zum "Präsidenten der Republik". Der Personenkult um Hussein nahm alsbald religiöse Färbung an. Der einzige Rivale im Wettstreit um Charisma und Führung der islamischen Welt - Ägyptens Sadat hatte sich in den Augen der Araber mit dem Camp-David-Vertrag disqualifiziert - saß erst in Paris, dann in Ghom: Ajatollah Chomeini. Ihm vor allem galt Husseins Angriff.
Mit dem Hinweis auf Vertragsverletzungen "informierten wir den iranischen Geschäftsträger am 7. September 1980 um 14 Uhr, daß wir das Gebiet Kani Bes und Sein el-Kaus übernehmen würden", so Regierungssprecher Twalbeh in Bagdad. An jedem der folgenden Tage mußte sich der Geschäftsträger Irans Ort und Uhrzeit des nächsten geplanten Angriffs am Schatt el-Arab anhören. Twalbeh: "Das ist ein in der Kriegsgeschichte wohl einmaliges Vorgehen."
Doch der Überfall mit Voranmeldung blieb bald stecken. Husseins Offiziere erwiesen sich als Dilettanten, die mit modernem Kriegsgerät nicht umgehen konnten. Irakische Panzer umzingelten ohne Luftunterstützung die Schlüsselstädte Chusistans, vergeudeten Treibstoff und Munition und wurden zur Beute persischer Panzerabwehrwaffen. Verteidigungsminister Chairallah, Schwager des Präsidenten, freute sich gleichwohl: "Unsere Luftwaffe finden die Perser nie." Er hatte sie auf abgelegenen Flughäfen versteckt - außerhalb der Reichweite iranischer Phantom-Bomber, indes auch fern von der Front.
Das Chomeini-Regime nutzte die Zeit irakischer militärischer Unfähigkeit und übernahm schließlich die Initiative. Abadan wurde im September 1981 entsetzt; die Offensiven "Fatima" und "Operation Jerusalem" im Frühjahr 1982 drängten die Iraker in die Abwehr.
Der Konflikt eskalierte zum Gemetzel: Im Mai 1982 rieben die Perser mehr als 30 000 irakische Soldaten bei Chorramschahr vollständig auf. Die Sieger ließen die Gefallenen in der Gluthitze liegen (Radio Teheran: "Wir haben nicht genug Fahrzeuge, um sie abzutransportieren"), und über den Schlachtfeldern zog ein Leichengeruch ein, der sich wochenlang nicht verzog.
Im Irak wuchs die Unzufriedenheit über den Lauf der Dinge; der Krieg verschlang das Öl-Vermögen - statt 21 Milliarden nimmt Bagdad nur mehr jährlich 7,5 Milliarden Dollar durch den Ölexport ein. Saudi-Arabien und Kuweit füllten die Kriegskasse des ungeliebten Brudervolkes: Jahrelang hatte Irak auch sie bedroht. Bald machte Terrorismus im Hinterland Saddam Hussein zu schaffen: Im vorigen Sommer kamen elf ausländische Industrieberater bei einem Bombenanschlag um, wenig später flog das Haus des Nachrichtendienstes in die Luft.
Zuerst hatte das Bagdad-Regime jeder Familie eines Gefallenen ein neues amerikanisches Auto im Wert von 78 000 Mark geschenkt. Der Trost fällt jetzt billiger aus: Saddam Hussein läßt nur noch Toyotas überreichen.
Ein irakischer Sieg scheint vollends in die Ferne gerückt, seit Chomeini Kanonenfutter an die Front schickt: Während der Frühjahrs-Offensive von 1982 tauchten erstmals "Bassidsch" in vorderster Linie auf, ein Volkssturm von todessehnsüchtigen Jugendlichen und Kindern, religiös verzückten Märtyrern des Chomeini-Islam, die heilsgewiß in das Abwehrfeuer der Iraker stürmen.
In immer neuen Menschenwellen hatten sich die Truppen des Ajatollah, die Helme mit Leinenbinden umwickelt, auf denen Koranverse prangten, durch die schlammigen Sumpfgewässer nördlich von Basra gekämpft. So besetzten sie im Frühjahr Teile der sechs Kilometer vor ihrer Grenze gelegenen Madschnun-Inseln, die "Inseln der Verrückten". Sie liegen an der Nahtstelle zwischen dem dritten und vierten irakischen Armeekorps - nicht weit entfernt von der Straße zwischen Bagdad und Basra. Ist sie gekappt, droht der Krieg international zu werden, so daß Chomeini allein ihn nicht bewältigen kann.
Der Eingriff der Supermächte wäre kaum noch zu verhindern, wenn Henry Kissingers nahöstliche Ideal-Lösung ("am besten wäre es, wenn beide Seiten verlieren") ausfällt und Ajatollah Chomeini die Fahne seiner Revolution nach Bagdad und von dort in die Öl-Emirate tragen würde.
Es wäre der außenpolitische Höhepunkt einer Bewegung, die seit einem Jahrzehnt die Region zwischen Casablanca, Khartum und Islamabad erfaßt hat: die sogenannte Renaissance des Islam, einer monotheistischen Religion, der ein Siebtel der Menschheit anhängt.
Sieben Kreuzzügen hatte der Islam im Nahen Osten widerstanden; seinen militärischen Fanatismus gewann er zurück, als die christlichen Kolonialmächte im 19. Jahrhundert in die Region der Scheiche, Mullahs und Kalifen zurückkehrten. In jenen Jahren entstand aus der Begegnung des Islam mit den Ideen europäischer Aufklärung und des europäischen Nationalismus jene brisante Mischung von revolutionärer Politik und religiösem Fundamentalismus, die heute noch Chomeinis Reden prägt. "Der Islam", so Chomeini vor zehn Jahren, "ist die Religion derer, die sich für die Wahrheit und Gerechtigkeit schlagen, die Freiheit und Unabhängigkeit fordern. Er ist die Schule der Kämpfer gegen den Kolonialismus."
Der expansive Charakter der persischen Revolution wurzelt jedoch nicht allein im Anti-Kolonialismus der Dritten Welt, im Trotz einer alten Kultur gegen die technische Überlegenheit einer fremden, europäischen Zivilisation (der die Araber doch viel Weisheit der Antike, von der Algebra bis zu Schriften der griechischen Philosophen, übergeben hatten: ohne den Islam wäre Europa ein intellektuell nicht so fruchtbares Land).
Chomeinis eisenharter Enthusiasmus bei der Verbreitung des Islam ist der Enthusiasmus eines Sektierers. Schon bald nach Mohammeds Tod hatte sich die junge islamische Gemeinde gespalten. Die Sunniten setzten auf einen Mohammed-Nachfolger aus der Sippe der Banu Umejja. Sie stellen heute fast 90 Prozent aller Moslems.
Die Schiiten räumten das Recht zur islamischen Führung nur direkten Nachkommen Mohammeds ein. Die meisten Schiiten leben in Iran, Irak, in Afghanistan, Pakistan, im Libanon und im sowjetischen Aserbeidschan. Unerschütterlich glauben sie an die Wiederkehr eines Menschen von übernatürlicher Weisheit, "frei von Sünden": Er ist der ersehnte "Imam", der Erleuchtete. Er wird alle Moslems auf den rechten Weg zurückführen und den Staat Gottes auf Erden errichten - ein Erlöser im Kaftan.
Solange der "Imam" ausbleibt, solange sind führende Ajatollahs, die stellvertretenden Geistlichen, zur Auslegung des Korans aufgerufen. Unter den Ajatollahs der Schiiten gewann Chomeini erstmals Prominenz, als er sich der "Verwestlichung" der persischen Schahs entgegenstemmte. In der Landreform von 1963 sah er die Privilegien der Mullahs gefährdet - ein Aufstand, auch von ihm angezettelt, wurde in jenem Jahr blutig
niedergeschlagen, Chomeini mußte das Land verlassen.
Am 1. Februar 1979 kehrte er im Jumbo zurück in den Iran, 16 Tage nachdem der Schah das vom Bürgerkrieg zerrissene Land für immer verlassen hatte. Ein Untergrundnetz verschworener Mullahs hatte die rückwärtsgewandte Befreiungslehre des alten Ajatollah per Tonbandkassetten und Mundpropaganda im Lande verbreitet: Millionen begrüßten den Heimkehrer aus dem Exil in Paris wie einen Befreier von allem irdischen Elend.
In wenigen Jahren verwandelten Chomeini und sein Revolutionsrat das Land in eine totalstaatlich kontrollierte Theokratie. Das Wort des "Imam" - so ließ er sich nun nennen - gilt; seine delegierte Autorität reichte aus, um Tausende von Todesurteilen über Regimegegner zu fällen.
Chomeini herrscht ohne sichtbare Gegner, ohne Selbstzweifel, ohne Skrupel. Ungestraft hat er die Großmacht USA, wie angekündigt, "mit der Schnauze in den Dreck gesteckt", als er amerikanische Botschaftsmitglieder als Geiseln nehmen ließ; und Allah schien ihm in den Augen seines Volkes recht zu geben, als Jimmy Carters Rettungsaktion "Operation Blaulicht" 1980 in der persischen Wüste scheiterte.
Auch der anderen Großmacht, der Sowjet-Union, zeigt Chomeini die Faust. 18 sowjetische Diplomaten wies er im Mai 1983 über Nacht aus, über tausend kommunistische Parteigänger wurden verhaftet, gefoltert, als reuige Sünder dem Volke vorgeführt und - in "schweren Fällen" - nach einem Schauprozeß-Geständnis exekutiert.
Seitdem ist eine sowjetische Iran-Politik auch in Umrissen nicht mehr zu
erkennen: "Was sind denn das bloß für Leute, diese Schiiten?" hatte ein ZK-Mitglied nach Chomeinis Machtantritt gejammert. Es sind, soviel stand fest, im weiteren Sinne Glaubensgenossen jener gut 40 Millionen sowjetischer Moslems, die dem offiziellen Atheismus der UdSSR nichts abgewinnen mögen.
Ihnen allen hatte Chomeini schon 1964 zugerufen: "Amerika ist schlimmer als England, England ist schlimmer als Amerika, die Sowjet-Union ist schlimmer als beide!" - denn die "östlichen Imperialisten" seien "gottlos".
Der freche Ton gegenüber den Großen machte Eindruck bei den Kleinen der Dritten Welt: Chomeini wurde zum Symbol der radikalen Islamisierung. Wo sich weltliche Mächte entgegenstellten, begnügte sich der Ajatollah mit vorerst symbolischen "Eroberungen".
Er erklärte das Öl-Emirat Bahrein provisorisch zur "15. Provinz des Iran"; sein sunnitischer Emir sei eine "korrupte" Gestalt. Im Dezember 1983 erschütterten Bombenattentate schiitischer Terroristen den Superwohlstands-Frieden von Kuweit; schiitische Libanesen waren an den Terror-Anschlägen auf die westlichen Friedenstruppen in Beirut beteiligt. Ob in Saudi-Arabien, Katar oder in Oman - überall signalisierten Schiiten mit Attentaten ihren Fanatismus. Organisiert werden sie augenscheinlich von der Untergrundorganisation "Daawa", Ruf; sie trommelt auf der arabischen Seite des Persischen Golfs für den Imam und seine Eroberungs-Religion.
Realpolitischem Verständnis entzieht sich Chomeinis Mischung von Erweckungs-Mission und ungezügelter Machtgier: "Wenn wir irakisches Territorium betreten, dann ist das nichts anderes als die Verteidigung des Islam", meint der Geistliche - und Millionen scheinen bereit, ihm zu folgen. Was kümmert es da, daß auch der Irak von Moslems bewohnt wird: Bagdad hat angegriffen, jetzt wird zurückgeschlagen.
Chomeinis Offensiven bedrohen nicht nur die halbfeudalen Öl-Scheichtümer am Golf, die einem iranischen Angriff fast wehrlos gegenüberstünden: Sie zeigen zugleich die Grenzen der amerikanischen Macht auf - und dies unter einer Regierung Reagan, "die doch angetreten war mit dem Anspruch, Macht aufzubauen und zu sichern" ("The Washington Post").
Das Iran-Debakel hatte Jimmy Carter die Präsidentschaft gekostet; die amerikanische Nation konnte sich nicht mit einem Mann im Weißen Haus abfinden, der, tief gebeugt über Landkarten der Golf-Region, doch unfähig war, einem fernen Geistlichen Paroli zu bieten. Ronald Reagan hingegen versprach die stolze Selbstdarstellung der USA in allen Krisengebieten.
"Wenn die Amerikaner bereit sind, in den Fluten des Golfs zu versinken, und zwar für nichts und wieder nichts", verkündet heute der iranische Präsident im Staatsrundfunk, "dann sollen sie nur kommen."
Nur: Die Amerikaner wollen gar nicht kommen - jedenfalls nicht sofort und auch nicht allein. Im Gegenteil: Ein Leitschiff der Nahost-Flotte der USA zog sich vorletzte Woche aus dem Golf in operativ sicherere Gewässer zurück.
Der demonstrative Abmarsch ist Ausdruck von Konzeptionslosigkeit. "Derzeit sind unsere politischen Planer etwas verwirrt", erklärt der ehemalige Befehlshaber der 6. US-Flotte, Admiral Eugene Carroll, die peinliche Lage. "Normalerweise baut unsere Politik auf der Maxime auf ''Was schlecht ist für die Sowjet-Union, ist gut für die Vereinigten Staaten''. In diesem Falle aber gibt es eine gewisse Gemeinsamkeit der Interessen zwischen den beiden Staaten. Das ist nicht vorgesehen im Konzept."
Und so kommt es, daß Ronald Reagan, gewitzt durch den Fehlschlag seiner
machtbewußten Libanon-Politik, seine Kraftmeier-Rhetorik entschieden zurückgenommen hat. Die Chancen einer amerikanischen Machtdemonstration im Golf, so meinte er auf seiner jüngsten Pressekonferenz, sind "sehr gering".
Die Gründe dafür liegen auf der Hand: *___Zwar könnten die USA die iranischen Bomber vom ____Golf-Himmel schießen, doch die geopolitische Landschaft ____wäre damit nicht verändert: Der Iran, nicht der Irak, ____bleibt trotz des Ajatollah mit seiner Grenze zur UdSSR ____der natürliche Verbündete Amerikas gegen die ____Sowjet-Union. Prowestlich sind in Chomeinis Gottesstaat ____viele Piloten der persischen Luftwaffe und der Marine. ____Für die Zeit nach Chomeini sind sie wichtige ____Sympathisanten der USA. Sie dürfen nicht verprellt ____werden. *___Die Sowjet-Union darf keinen Anlaß erhalten, unter ____Berufung auf Artikel 6 des Vertrages mit dem Iran von ____1921 einzumarschieren: "Die Sowjet-Union", so heißt es ____da, "hat das Recht, ihre Streitkräfte auf persisches ____Territorium zu entsenden", wenn der Bündnispartner "von ____einer dritten Kraft angegriffen wird". *___Keiner der Golf-Anrainer hat bisher um eine ____US-Intervention gebeten. "Die Araber", so US-Admiral a. ____D. Carroll, "wollen das amerikanische Militär-Kamel ____nicht in ihrem Zelt." Der innenpolitische ____Prestigeverlust für die Ölscheiche, die bislang noch ____jeden potentiellen Gegner mit großzügigen Geldgaben ____begütigten, wäre _(Nach der Ramadan-Offensive von 1982. )
zu riskant. Amerika ist und bleibt der Hauptverbündete Israels - ein Stigma in den Augen der Araber. *___Wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl gibt es auch ____auf der patriotischen Rechten Amerikas niemanden, der ____nach einer Machtprobe in fernen Landen ruft - erst ____recht nicht zugunsten so "unappetitlicher" Streithähne ____vom Schlage Saddam Hussein ("The Wall Street Journal"). ____Der Ausgang wäre zu ungewiß.
So einigten sich dann auch die Nato-Außenminister auf eine Politik diskreter Einflußnahme. Der Waffenfluß in das Kriegsgebiet soll eingedämmt werden. Iran und Irak werden unter diplomatischen Druck gesetzt, ihre Angriffe auf neutrale Schiffe im Golf zu unterlassen. Golf-Anrainer können mit technischer Hilfe des Westens beim Ausbau von Verteidigungsanlagen rechnen.
Dem bedrängten Saddam Hussein werden derlei mehr oder weniger kostenlose Gesten des Westens im Kampf gegen Chomeinis Selbstmord-Truppen nicht helfen. Politisch hilfreich mag eher ein Geschäfts-Schachzug des Diktators sein: Mitten im Krieg hat er sich entschlossen, eine Öl-Pipeline für 1,2 Milliarden Dollar quer über die Wüste der Arabischen Halbinsel ins jordanische Akaba legen zu lassen. Die vorgesehene Bauzeit beträgt 18 Monate. Den Auftrag erhalten hat eine amerikanische Firma: die Bechtel-Corporation, bis vor kurzem geleitet von George P. Shultz, derzeit US-Außenminister, und Caspar Weinberger, Chef des Pentagon.
Chomeinis Partner hingegen stammt aus einer anderen Welt: "Ich bin", sagt der Ajatollah, "der Nachfolger des Propheten."
Die ganze Welt fürchtet sich vor euch. Ajatollah Chomeini zu seinen
Truppen.
[Grafiktext]
TÜRKEI 24 Divisionen entlang der persisch-sowjetischen Grenze SOWJET-UNION KASPISCHES MEER SYRIEN Kirkuk Teheran Kermanschah Bagdad IRAN IRAK Abadan Basra geplante Pipeline Chark Schiras KUWEIT Buschihr SAUDI-ARABIEN PERS./ARAB. GOLF Keis Bandar Abbas Dhahran BAHREIN Straße von Hormus KATAR Dschask GOLF VON OMAN Riad fünf US-Einheiten vier Awacs Aufklärungsflugzeuge OMAN VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE Flugzeugträger-Gruppe (Flugzeugträger "Kitty Hawk" und "America") Massira wichtige Erdölleitungen iranische Marinebasen iranische Luftwaffenstützpunkte irakische Angriffe auf Schiffe iranische vom Irak zur Sperrzone erklärt US-Luftwaffenstützpunkte Hafenrechte für die US-Marine 0 Kilometer 500 Erdölleitung vom Festland Fördersonden Flugplatz Dorf Feldsammelleitung Ostpier Öltanklager Westpier Insel Chark 0 3 km
[GrafiktextEnde]
Nach der Ramadan-Offensive von 1982.

DER SPIEGEL 23/1984
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