06.02.1984

Bhagwan: Glaube und Mammon

Mit nackter Meditation und freiem Liebesleben erregten die Jünger des "Bhagwan" aus Poona einst Aufsehen - jetzt machen sie Furore als Unternehmer, verdienen Millionen. Nahezu jede Woche gründen die Sektierer in der Bundesrepublik neue Wirtschaftsbetriebe, und sie "genießen den Luxus", der dabei abfällt. *

Sie sind freundlich und sanft, und sie lächeln auch dann noch, wenn es anderen längst ernst ist. Der rauhe Alltag, so möchte man meinen, kann ihre Sache nicht sein.

In Rot oder Orange kommen die meisten daher, und immer baumelt am Halse ein Kettchen aus Rosenholz, daran ein Medaillon mit dem Mann, den sie lieben: Bhagwan ("Gott, der Erleuchtete") Shree Rajneesh, der Guru aus Indien, jener bärtige Seelentröster, der einst in Poona residierte.

Aber dieses Bild trügt. Jahrelang hatten die Sinnsucher aus dem Westen ihren Meister umschwärmt, auf der Spur nach dem eigenen Ich - nun suchen sie Geldanlagen. Und wo immer sie ihre Geschäfte betreiben, muß ein guter Geist mit im Bunde sein. Denn die Jünger des Bhagwan, die der Welt schon verloren schienen, machen neuerdings Millionen.

Sie richten Gaststätten ein oder Diskotheken, und das Publikum kommt in Scharen. Sie handeln mit Wein oder mit Schmuck, verkaufen Patentfenster und Hifi-Anlagen, gründen Baufirmen oder Boutiquen, und die Umsätze gehen nach oben. Demnächst möchten sie auch noch Hoteliers werden, und "wir ziehen das genau wie eine Kette auf", sagt eine Bhagwan-Verbündete in Köln, "wie etwa Hilton das macht".

Während die Wirtschaftsweisen sich noch streiten, ob das Wachstum in diesem Jahr nur bei zwei oder doch bei drei Prozent liegen werde, ist beim Multi des Göttlichen ein Vielfaches zu erwarten. Manch einem wird unheimlich dabei: Wer, so fragt die "Hannoversche Allgemeine Zeitung", ein besonnenes Blatt, darf da "teilnahmslos zusehen", wenn Rajneeshs Verkaufskanonen jetzt "mit neuartigen Methoden versuchen, junge Menschen in ein Reich der totalen Abhängigkeit zu locken?"

Bundesdeutsche Kommunen sind bemüht, über bürokratische Tricks und durch Gerichtsbeschlüsse die rote Flut zu stoppen - bislang ohne Erfolg. Letzten November schon wies der Düsseldorfer Regierungspräsident seine Oberstadt- und Oberkreisdirektoren an, "Anträge auf Erteilung von Gaststättenerlaubnissen u. a. dahingehend zu überprüfen, ob hinter den Antragstellern Anhänger der Bhagwan-Sekte stehen". Und die Deutsche

Bank handelte inzwischen. In Hamburg und Köln lehnten es die Filialen dieses Hauses ab, von den Gefolgsleuten des Guru Geld anzunehmen. Mitte Januar erst kündigte die Zweigstelle der Deutschen Bank in München-Freising den Bhagwan-Anbetern das Konto, ohne Angabe von Gründen.

Ausgesprochen diabolisch muß dieser neue Geist den Sektenfachleuten der beiden Kirchen erscheinen, die eben noch glaubten, am Schreckensbild Poona sei der letzte Strich schon getan. Auf eine verderbliche Lehre waren sie eingerichtet, die Prügel als Heilmittel anbot, selbst andächtiges Bumsen, und dagegen war allerhand einzuwenden. Doch nun haben diese Leute ein Programm, mit dem nicht zu rechnen war - den Kapitalismus.

"Eminent bedrohlich" findet in Bayern der evangelische Pfarrer Friedrich-W. Haack diese Entwicklung. Thomas Gandow von der evangelischen Kirche in Berlin sieht sogar "Zombies" am Werke, "die nichts mehr mit den Maßstäben und Grundlagen unserer Kultur gemeinsam haben". Und für ihren Anführer fand der Pastor Joachim Biallas aus Niedersachsen eine Metapher, bei der man ins Grübeln kommen kann: Dieser Bhagwan sei "eine Mischung aus Rasputin und Arthur Rubinstein".

Als sei der Teufel los, trafen sich im Essener Nordviertel 400 Bürger zu einem Gottesdienst gegen den altbösen Feind. Aber auf den Punkt kam, soweit das zu sehen ist, nur der Bielefelder Prediger Walter Schröder. "Mammon und Glaube", sagte der Kirchenmann, dem so etwas eigentlich nicht fremd sein sollte, seien "eine außerordentliche Verbindung eingegangen".

Kein Ort scheint mehr sicher vor der merkantilen Besessenheit, mit der Bhagwans Belegschaft durch das Land streift. Die Disko-Welle zum Beispiel, die längst ausgerauscht schien, haben sie spielend wieder in Gang gebracht.

Mit Bossa Nova, Rock und dem Kaiserwalzer eröffnete am 21. Oktober letzten Jahres das Tanzlokal "Zorba" in Dortmund. Sechs Tage später warteten, nicht weit vom Dom, Menschentrauben auf Einlaß in Kölns neue "Zorba"-Diskothek. "Pro Monat", sagte damals

einer der drei Geschäftsführer, "rechnen wir mit 20 000 zahlenden Gästen."

Die kommen auch, und an anderen Plätzen ist der Andrang nicht geringer: Am 9. November ging "Zorba" in Bielefeld an den Start, am 10. November in Kiel, am 9. Dezember in Wiesbaden, im Januar in Augsburg und Hannover. Bis zum Ende dieses Jahres werden es 50 Diskos in Europa sein, an die 35 allein in der Bundesrepublik. Irgendwo öffnen die Rajneeshies, wie sie sich selber nennen, jede Woche irgendwas.

In Berlin und in Darmstadt, in Würzburg und Freiburg werden demnächst - wie schon in anderen deutschen Städten oder in Mailand, Kopenhagen, Zürich, Wien - "Zorba"-Restaurants des Gurus fleischlose Küche anbieten, die "Verbindung der ''Nouvelle Cuisine'' mit dem vegetarisch-kulinarischen Angebot". Auf dem Eröffnungsprogramm stehen Tanzhallen in München und Stuttgart, in Düsseldorf wie in Karlsruhe, und überall, so will es ein Leitspruch, "tanzt Bhagwan mit".

Der Schwof mit dem Erleuchteten ist zu den üblichen Preisen zu haben. Es gibt das Bier für zweifünfzig und einen Whisky für acht Mark. 100 Mark kostet in der Disko die Flasche Moet & Chandon, ein Dom Perignon natürlich das Dreifache. Rajneeshies, denen dies alles zu volkstümlich ist, können zu Wiesbaden im "Sannyasin-Mini-Treff" einkehren, allerdings "nur auf Vorbestellung für zehn bis zwölf Leute - in letztem Chic und mit feinsten Sitten: Gegessen wird nur mit Goldbesteck".

Für die gewöhnlichen "Zorba"-Restaurants ist eine Million Mark Jahresumsatz inzwischen kein Traumziel mehr. Kölns Bhagwan-Disko rechnet mit drei Millionen für dieses Jahr, die Berliner Diskothek "Far Out" steuert bereits auf die vier Millionen zu. Nicht immer so gewinnbringend, aber fast immer profitabel, sind auch die anderen Betriebe der Rajneeshies - ein bunter Fächer des deutschen Gewerbewesens, vom Bäckerladen bis zum Spezialunternehmen für Bleiverglasung. "Rajneesh", so steht es in den Prospekten, ist nun "eine eingetragene Handelsmarke".

Bhagwans Baukolonnen sanieren in Bonn Altbauten, bauen in Troisdorf Dachstühle aus, tünchen Treppenflure in Mietshäusern, säubern in München Fassaden oder renovieren Reitställe. 14 Vertretungen vertreiben im Bundesgebiet ein Vorsatzfenster namens "Tuli", das von einem Mannheimer Unternehmen produziert wird und vortreffliche Rendite bringt. Und für Rajneeshies, die noch nicht wissen, wie man das macht, wirbt im Berliner Wohnzentrum der Swami Anand Pragyano: "Berate unverbindlich über Kapitalanlagen, steuerliche Vergünstigungen und ähnliches über den üblichen Rahmen hinaus. Unvorstellbare Gewinne möglich."

Zu den Kapitalanlagen der nächsten Zeit soll die Hotelkette gehören. Hamburg,

Köln, Bonn, Berlin, München, Hannover und Zürich sind als Standorte schon ausersehen. "Uns schweben Häuser in der Größenordnung von circa hundert Betten vor", erläutert Swami Larry, ein erfahrener Gastronom, "die wir auf Umsatzpacht-Basis übernehmen möchten: kleine Oasen in der City, für Reisende, Geschäftsleute, aber nicht nur das. Die Hotels sollen auch zu einem attraktiven Treffpunkt für die Leute in der Stadt werden, die sich ja heute gar nicht mehr in solche Häuser hineintrauen. Mit Klubs und Cafes und Restaurants und einem breiten Angebot für Gesundheit und Relaxing."

Um etwa das Firmendickicht der Kölner Guru-Kolonie zu durchforsten, hätte ein Finanzbeamter wohl Monate zu tun. Dort baut die "Rajneesh-Bau Koch und Partner GbR" für den eigenen Bedarf und auf dem freien Markt Wohnungen, Lokale, Büros und Lagerräume aus. Vielfältig sind die Geschäfte der "Rajneesh Orange Connection Reise-, Veranstaltungs-, Im-Export-, Verlags- und Vertriebsgesellschaften mbH". Sie beschickt beispielsweise die Frankfurter Buchmesse mit Bhagwan-Literatur und unterhält auf der Modemesse "Igedo" einen Stand mit importiertem Geschmeide.

Zu Silvester wurde eine stillgelegte Disko in der Brabanter Straße wieder in Betrieb genommen, vorerst für die Wochenenden, wenn in der großen neuen Tanzhalle der Andrang zu mächtig ist. Geschäftsführerin ist Ma Prem Nirati, ehemals Andrea Gräfin von Keyserlingk, die nun gelegentlich hinter dem Tresen einen altbekannten Vers aufsagt: "Als Gottes Odem leiser ging, schuf er den Grafen Keyserlingk."

In Köln wird auch die "Rajneesh Times" produziert, die deutsche Ausgabe von Bhagwans Hausblatt - mit einer wöchentlichen Auflage von 8000 Exemplaren, mit stattlichem Anzeigenanteil und redaktionell geführt von einem ehemaligen Lektor des St. John''s College in Cambridge.

Im sogenannten Belgischen Viertel der Narrenstadt hat sich ein Bündel kleiner und mittlerer Rajneeshies-Unternehmen eingerichtet. Natürlich auch dem Glauben verhaftete Betriebe wie das "Zentrum für Entspannung und Körperbewußtsein", wo der Zeitgenosse, der an der westlichen Kultur leidet, seinem entschwundenen Selbst nachgehen kann und sich am Ende nicht mehr wiedererkennt. Und in der Brüsseler Straße liegt das schier unvermeidliche "Zorba"-Restaurant, wo es das Sekt-Frühstück für zwei Personen gibt (25 Mark) oder den "Toast mit Roquefort-Creme und in Sherry-Essig und Olivenöl eingelegten Pilzen" (5,50 Mark).

Bhagwans Filiale in Köln scheint imstande, die Musterwirtschaft der Glaubensbrüder in Zürich zu überflügeln. Dort haben die Rajneeshies vor zwei Jahren bei Null angefangen, jetzt machen sie mit zahlreichen Betrieben vier Millionen Franken Jahresumsatz, rund fünf Millionen Mark. 1,2 Millionen Franken bringt allein das Lokal "Zorba the Buddha", ein weithin beliebter Name für Bhagwans Schlemmerstuben und wohl ein Hinweis darauf, daß sich hier die pralle Lebensart der griechischen Romangestalt aufs merkwürdigste verbunden hat mit den spirituellen Köstlichkeiten des Religionsstifters.

Die Entrücktheit, die der Gefolgschaft des Guru einst nachgesagt wurde, das Kommunarden-Habit mit dem Schlabbergewand und der Latzhose - davon ist unter den annähernd 50 000 deutschen Rajneeshies nicht mehr viel wahrzunehmen. Ein Teil dieser Swami''s (wie sich die Männer nennen) und der Ma''s (so die Frauen) lebt noch eng miteinander in Aschrams, den klösterlichen Herbergen; aber die sind nun so komfortabel, als wären sie für den Meister persönlich da.

Geblieben sind die Farbtöne der Garderobe, allerlei Schattierungen zwischen Rot und Orange; doch das hat nun Chic und ist mitunter so schillernd wie die

Figuren, die darunterstecken, und manch einer geht jetzt sogar in cremeglänzendem Seidentuch. Wie schon immer, sind die meisten zwischen 20 und 40, aber die Zahl der Grauköpfe nimmt auf natürliche Weise zu. Es gibt mehr Frauen als Männer unter den Rajneeshies, und beachtlich ist der Anteil der Akademiker.

Verändert hat sich auch der Mann, der seine weltweit verstreuten Gläubigen so weit gebracht hat. Bhagwan Shree Rajneesh, 52, verließ Poona vor drei Jahren und siedelte um nach Oregon in den USA. "Rajneeshpuram" entstand dort inzwischen, eine blühende Stadt in der Einöde. Seine Anbeter dürfen dafür spenden und arbeiten und jeden Tag teilhaben an einer alten Gewohnheit ihres Erleuchteten. Der Bhagwan fährt dann, begleitet von Beifall, mit einem seiner drei Dutzend Rolls-Royce spazieren, seiner einzigen, aber erlesenen Leidenschaft.

Einige Zeit nach dem Umzug war der ehemalige Philosophieprofessor, der aus westlichem wie östlichem Gedankengut das ihm trefflich erscheinende zu einem neuen Menschenbild fügen möchte, in Schweigen verfallen. Dann redete er doch wieder und verkündete den Untergang. "Alle möglichen Zerstörungen" seien "von 1984 bis 1999" zu erwarten, "Naturkatastrophen ebenso wie von Menschen verursachte selbstmörderische Akte". Es werde "Kriege geben, die zwangsläufig in atomaren Explosionen enden", und der "Holocaust" werde sich "nicht nur auf bestimmte Orte beschränken, er wird global sein".

Gurus ist es eigen, von Zeit zu Zeit das Ende der Welt anzusagen, und in diesem Fall hätte das auch von Oskar Lafontaine kommen können. Aber der Göttliche hält Widerstand für zwecklos, die Friedensbewegung findet er "töricht".

"Ihr könnt nur noch nach innen ausweichen", rät der Bhagwan seinen Leuten, was aber bedeutet, auf diesem Wege noch möglichst viel mitzunehmen: "Genießt alles, was euch die Welt zu bieten hat, und dann geht, ohne euch noch einmal umzusehen."

Als am 22. Oktober letzten Jahres Hunderttausende in Bonn gegen die Raketenrüstung marschierten, verkauften die Rajneeshies Saft und belegte Brötchen; der Swami Shyan Sahaja ("Weiser Weg"), bürgerlich Richard Löffler und Oberstleutnant der Bundeswehr, verteilte an diesem Tag unter den Demonstranten die "Rajneesh Times". "Wir können das Geld gut gebrauchen", sagten die Rothosen und schmierten in Frieden ihre Semmeln.

Über Geldangelegenheiten hat sich der Bhagwan immer mal geäußert. Nun, da er sich in den USA noch immer um die Genehmigung für einen Daueraufenthalt bemühen muß, kommt es ihm womöglich zustatten, daß er sich ausdrücklich zum "Kapitalismus" bekennt, "der ein Zustand der Freiheit ist. Genau deshalb unterstütze ich ihn". Shree Rajneesh hat zwar etwas "gegen die Geldbesessenheit" und gegen die Anhäufung von Hab und Gut. Bleibende Werte sind ihm ein Greuel, das Geld "muß fließen". Grundsätzlich jedoch ist nichts dagegen einzuwenden, wenn "Reichtum erzeugt" wird, denn der neue Mensch muß "im Inneren reich sein, und man muß im Äußeren reich sein".

Daß etwa östliche Religionen wie Hinduismus und Buddhismus stets postuliert haben, profane Wünsche und Lüste zu unterdrücken, hält der Göttliche für völlige falsch. Dieser Irrglaube trage letztlich "die Hauptschuld an Armut, Unwissenheit und Krankheit" in Asien, denn er habe die Verbreitung westlicher Wissenschaft und Technologie, dieser "Werkzeuge wachsenden Wohlstands", verhindert.

Mit Wohltätigkeit läßt sich das Problem der Armut schon gar nicht bewältigen. Haben doch "Jahrhunderte lang Menschen anderen Menschen gedient: mit Almosen, Spenden, Kleidern, Essen. Es hat viel Philanthropie gegeben, aber nichts ist passiert".

Vom Bhagwan stammt zwar auch die Erkenntnis, daß der neue Mensch "ein Wesen ohne Ehrgeiz" sein sollte, "ohne den Wunsch, in dieser Welt erfolgreich zu sein". Doch entweder haben seine Jünger bei dieser Gelegenheit nicht richtig hingehört oder sie deuten das Weltbild des Meisters auf eine Weise, die sich dem gewöhnlichen Verstande entzieht.

Bhagwans Geschäftsleute sind über alle Maßen erfolgreich, und ein gewisser Ehrgeiz ist dabei nicht zu übersehen, aber sie wollen das gar nicht. "Wir machen das alles, weil es uns selbst Spaß macht", erläutert Bhagwans deutsche Repräsentantin Acharya ("Priesterin") Ma Latifa, die eigentlich Gertrud Cordes heißt und einer wohlhabenden Hamburger Kaufmannsfamilie entstammt: "Geld spielt dabei erst in zweiter Linie eine Rolle."

Doch es gehört wohl dazu, denn "auch eine Religionsgemeinschaft muß Geld verdienen", sagt Swami Dhyan Dipo, Leiter der "Gyandip"-Genossenschaft in Zürich, der als Urs Birnstiel früher einmal Unternehmensberater und Hauptmann der schweizerischen Armee war: "Wir akzeptieren die Welt, wie sie ist, okay. Jetzt machen wir das Beste daraus für uns." Man muß es nur richtig machen, wie Swami Prem Pablo erläutert, Diplomvolkswirt und ehedem Regierungsrat beim Berliner Bundeskartellamt, der jetzt in Köln die Rajneesh-Herberge mitverwaltet: "Wenn man nicht auf seinem Geld sitzenbleibt, kann man sich ein schönes Leben einrichten."

Irgendwann vorher müssen die Sannyasins allerdings darauf gesessen haben, denn das Startkapital für ihre artenreiche Geschäftswelt stammt durchweg aus eigenem Vermögen, wird zusammengelegt und allenfalls durch Kredit ein wenig aufgestockt. Die Tanzlokale etwa werden gepachtet, von sekteneigenen Fachkräften ausgebaut, und dann muß nur noch die Kasse stimmen. Für die Disko in Hannover beispielsweise wurde, um sie in Bhagwans Sinne auszustatten, rund eine halbe Million Mark aufgebracht. "Eine sechsstellige Summe als Darlehn ohne Gewinnerwartung", so freut sich Geschäftsführer Manfred Lübbars, kam allein von der Kinderbuchautorin Elfie Donnelly ("Ich hab'' Dich

lieb"), die erst seit einem Jahr dem Guru zu Willen ist.

Wenn Rajneeshies, die oft von Haus aus begütert sind, noch etwas übrigbehalten, können sie beim "Board of Rajneesh Services International Ltd." in London Bonds-Anteile erwerben, ohne sogleich mit dem Glaubensgut in Konflikt zu kommen. Das Unternehmen trägt zur Finanzierung von Rajneeshpuram in Amerika bei und zahlt marktübliche Zinsen, derzeit zehn Prozent.

In Holland wurde Ende letzten Jahres ein Franchise-Unternehmen gegründet, das den "Zorba"-Gastronomen mit Know-how und beim weiteren Ausbau helfen will; fünf bis neun Prozent ihres Umsatzes sollen die Betriebe dafür abgeben, und der Überschuß wird dann ebenfalls nach Oregon überwiesen werden.

Im übrigen jedoch, so beteuern die Sannyasins, handle es sich bei ihren Unternehmungen um die freie Marktwirtschaft - in Deutschland zumeist in der Rechtsform der GmbH oder der GbR, einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts, mit der sich die steuerliche Last auf viele Schultern verteilen läßt. "Die brauchen unser Geld drüben gar nicht", sagt Ma Latifa aus Köln. Der Verdienst bleibe im Lande und fließe, Bhagwans Vorschriften entsprechend, sofort wieder "in neue Investitionen und in unseren eigenen Lebensstandard".

In diesem Leben "für den Augenblick", wie der Erleuchtete es empfiehlt, kommt natürlich keiner auf den Gedanken, für die eigene Zukunft zu sorgen oder Rücklagen fürs Geschäft zu machen. "Meinen Sie", fragt Swami Dipo, "irgend jemand, der heute 30 ist, interessiert sich noch dafür, was mit ihm mit 65 ist?" Wer denn wohl daran glaube, meint Anand Sadho, Hausjurist der deutschen Rajneeshies und unter dem Namen Bernd Lange als Anwalt beim Oberlandesgericht Köln zugelassen, "daß die BfA in 15 Jahren noch zahlen kann? Die ist doch jetzt schon pleite. Vielleicht zahlt sie dann in Rubel".

Rajneeshies lassen sich auch nicht einreden, es habe etwas mit Arbeit zu tun, wenn sie in der Disko allnächtlich Tabletts schleppen oder in Zorbas Küche Gemüse putzen. In Wahrheit, haben sie vom Guru gehört, handelt es sich dabei um Meditation, und genannt wird das nun "Worshipping", was abgeleitet ist vom englischen Worship, der Andacht oder Anbetung. Das macht Spaß, und in der Redaktion der "Rajneesh Times" ist dem Anschlag, wer an welchen Tagen für "Treppenhaus-Cleaning" zuständig ist, "Klo und Vorraum inbegriffen", der Rat zugefügt: "Find your name und have fun." Und zwischendurch ist immer noch Gelegenheit für die "Gachchhamis", guruselige Verse, bei denen die Jünger niederknien gen Westen, dorthin, wo Oregon liegt.

Weil aber die Arbeit keine ist, kann sie auch nicht vorgeschrieben werden. Hierarchien sind unerwünscht, und unterordnen wollen sich die Rajneeshies nur dem einen Meister in Amerika. Jeder soll anstellen, was er am besten kann, und so gibt es zwar unterschiedliche Positionen, aber "alle Beschäftigungen sind gleich wichtig", erklärt Swami Dipo, der nun mal ein guter Geschäftsführer ist: "Wenn keiner meine Briefe schreibt, meine Hemden wäscht und dafür sorgt, daß ich was zu essen kriege, könnten wir nicht weitermachen."

Es versteht sich, daß es unter diesen Umständen auch keinerlei Gehaltsstufen geben kann - die stehen nur auf dem Papier. Für die Rolle als Geschäftsführer und Gesellschafter, Kellner oder Tellerwäscher erhalten etwa die Kölner Sannyasins im Monat zwischen 700 und 2000 Mark; jedenfalls wird es so beim Finanzamt ausgewiesen und bei der Krankenkasse, die auch die Rentenbeiträge einbehält.

Bar auf die Hand jedoch gibt es nur eine Art Taschengeld, ein paar Hunderter, in Köln beispielsweise zwischen 150 und 400 Mark. Der Rest kommt in den großen Topf, aus dem finanziert wird, was ein Bhagwan-Jünger zum Leben benötigt: _(Oben: in einem seiner Rolls-Royce in ) _(Rajneeshpuram, Oregon; ) _(unten: bei der Feldarbeit in ) _(Rajneeshpuram. )

Wohnung und Kleidung, Essen und Trinken, auch freie Zigaretten, und dazu einmal im Jahr eine Pilgerfahrt zum Guru in Oregon. Die jeweiligen Geschäftsführer überwachen die Konten und sich gegenseitig.

Zwar bringt es das Worshipping mit sich, daß etwa Swami Larry, der Disko- und Restaurantfachmann, beim Verhandeln mit Banken und Brauereien ein paar rotschimmernde Anzüge zusätzlich verschleißt. Doch das bezahlt ihm die Gemeinschaft so lässig wie die Fleisch- und Fisch-Menüs, aus denen er, vor der endgültigen Einkehr zum Vegetarischen, die Kraft für seine zahlreichen Geschäftsreisen bezog.

Und erst, wenn sich ein Rajneeshie "eine teure Lederjacke für 1500 Mark" zulegt, wie der ehemalige Regierungsrat Swami Prem Pablo, wird Bhagwans Buchhaltung knauserig: "Dann muß ich das schon von meinem eigenen Geld bezahlen."

Überhaupt nicht gespart wird zum Beispiel an der Unterbringung. "Wir leben in sehr teuren, luxuriösen Wohnungen", beschreibt Swami Dipo alias Birnstiel die Herberge seiner 65 Brüder in einer eleganten Wohnsiedlung im Zürcher Stadtteil Höngg, "wir genießen den Luxus dieser Wohnungen mit den Kaminen und den schönen Terrassen." In Wien siedeln die Sannyasins in der Villengegend "Baumgarten", einem der schönen Viertel der Stadt. Swami Pablo, vormals Bundeskartellamt, wohnt samt seinen Kölner Mit-Managern "angenehm im Penthouse".

Von den rund tausend Rajneeshies in Köln leben nur 110 im Gemeindehaus "Wioska" in der Lütticher Straße oder nahebei; der Rest haust irgendwo in der Stadt, möglichst angenehm. Vom hordenhaften Zusammenleben und - lieben wie einst in Poona sind die Rajneeshies im Zuge der wirtschaftlichen Entfaltung ziemlich abgekommen, und auch für den Sex scheinen die Erfolgsmönche nicht mehr so viel Zeit zu haben - denen der Bhagwan früher noch riet: "Wenn zwei sich lieben, sollten sie sich keine Sorgen machen müssen, daß auch ja keiner etwas davon merkt. Lachen sollten sie, singen und aufschreien vor Lust, so daß die ganze Nachbarschaft merkt, hier lieben sich zwei."

Als völlig verfehlt erweist sich nun die landläufige Vorstellung, bei den Bhagwan-Sektierern handle es sich vorwiegend um seelisch verstimmte Naturen, früh Verkorkste, die Zuflucht beim Guru suchen. "Leute mit Problemen" sind überhaupt nicht erwünscht, erklärt Rajneeshie Dipo, "das ist bei uns überall so. Wir sind Menschen, die ihr Leben eigentlich auch allein meistern könnten, die trotzdem etwas zusammen machen".

"Wer mit Sannyasins, vielleicht noch in gehobener Position, redet", staunten die Rechercheure der alternativen Ruhrgebiets-Zeitschrift "guckloch", "wird eins nicht finden: den seelisch entrückten Outsider". Zwar können "Gefühle gelebt werden, bei Tanz und Meditation. Aber dann geht''s mit frischer Kraft an neue Märkte".

Sicher ist es nicht nur die besondere Disposition der Rajneeshies, die ihnen die Märkte so stürmisch eröffnet, dieser subtile Spaß an der Plackerei, dies gelöste Verhältnis zum Reichtum, der schließlich notwendig ist. Am Erfolg beteiligt sind auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Bhagwans Businessmen sich zunutze machen können.

Lohnkosten, Tarife? "Sannyasins haben das, was heute gefordert wird", sagt einer, "Risikobereitschaft und Flexibilität." Aber sie können auch so flexibel mit den Preisen umgehen wie sonst kaum wer. Eine Wiesbadenerin zum Beispiel, die letzten Herbst 28 Fensterscheiben in ihrer Wohnung doppelt verglasen lassen wollte und von etlichen Firmen Kostenvoranschläge zwischen 5000 und 8000 Mark eingeholt hatte, geriet an Bhagwans "Tuli"-Fenster: "Die wollten 2500 Mark einschließlich Mehrwertsteuer. Nach einer Woche erschienen sie mit drei Mann und erledigten alles an einem einzigen Freitag, wir sind hundertprozentig zufrieden."

Zudem steht das Personal, ohne zu murren, Tag und Nacht zur Verfügung, auch wochenends. Als beispielsweise letzten Oktober bei der Eröffnung der _(Im Kölner Aschram. )

Kölner "Zorba"-Disko der Andrang des Publikums zu groß zu werden drohte, rückten einfach Hilfskräfte aus dem nahen Aschram an: Zwei Dutzend Rajneeshies, die Aschenbecher leerten, am Eingang Nelken verteilten oder die Garderobe besorgten, und das alles gratis.

Und was macht es schon, wenn da manchmal "witzige Situationen" vorkommen, wie eine Ma aus dem Berliner "Far Out" erzählt, "als zum Beispiel Cognac mit Eis serviert wurde oder daß sich für einen Cocktail niemand kompetent fühlte und erst ein Sannyasin, der als Gast in der Disko war, hinter den Tresen geholt werden mußte".

Der Erfolg habe auch damit zu tun, versucht Diskofachmann Swami Larry dem Phänomen beizukommen, "daß die so gut aufgelegt sind. Unsere Leute wissen, daß sie sozusagen im eigenen Betrieb tätig sind. Darüber hinaus haben sie auch noch Spaß daran zu ergründen, welche unentdeckten kreativen Potentiale noch in ihnen stecken". Die Arbeit werde eben "eher als Spiel" verstanden, und "das Erstaunliche ist daran, daß sich diese wenig profitorientierte Haltung sehr positiv auf den Profit auswirkt" - als gehe es zu wie beim Fußballpokal, wo manchmal ausgebuffte Profis von gut gelaunten Amateuren an die Wand gespielt werden.

Anziehend könnte in den Diskos schließlich das Dekor wirken. "Es gibt nichts Billiges bei uns", sagt Ma Satyo Bhakta, Koordinatorin für das "Far Out" in Berlin, und wie dort, so sieht es in Bhagwans Tanzhallen überall aus, weißer Marmor, Naturbausteine, Holz und Glas "anstelle von Beton und Plastik".

Da gibt es, sagt Swami Larry, der über lange Erfahrungen in dieser Branche verfügt und nun auch andere Rajneeshies berät, "keine dunklen, kaschemmenhaften Räume", sondern eine "übersichtliche, klare Architektur" mit "freundlichen Farben", und "wo erlebt man das sonst: Wenn die Leute bei uns am Abend ihre Schuhe an die weißen Wände lehnen, wird am nächsten Morgen nachgestrichen". Auch das noch: "Die helle und offene Atmosphäre verdrängt Alkoholiker, Drogenbenutzer und aggressive Menschen."

Ganz sicher scheinen sich die Sannyasins in diesem Punkt allerdings nicht zu sein. Ab und an kommen Sprüche über den Lautsprecher: "Es ist schön, Alkohol zu genießen, aber es ist nicht schön, sich vollaufen zu lassen." Wer das anders sieht, wird hinwiederum nicht von Muskelprotzen behandelt, sondern von freundlichen Ma''s, die an den Türen Wache halten und windige Typen mit einem Lächeln und sanfter Überredung ins Freie schieben.

Weiche Töne auch sonst. "Wir dröhnen den Leuten nicht den ganzen Abend mit immer dem gleichen Rhythmus die Ohren voll", erklärt ein Kölner Diskjockey den Zuspruch des Publikums, "nach ein paar brandneuen Stücken legen wir auch einfach mal Frank Sinatra oder Louis Armstrong auf."

Über den Umstand, daß Bhagwans Geschäfte in Deutschland und in der Schweiz ganz besonders gut gehen, macht sich der Swami Dipo-Birnstiel schon seine Gedanken, aber die sind auch nicht so neu. "Überdruß und innere Leere", sagt er, "die Hauptbeweggründe, die die Leute zu uns führen, gibt es hier mehr als anderswo." Reporter der "Hannoverschen Allgemeinen" jedoch, die dem Geschäftsgeheimnis vor einer Disko nachspürten, bekamen nur "Schlagworte" heraus: "Es sei halt ''fröhlicher'' als anderswo, niemand stehe ''cool'' herum, man lache viel, sei ausgelassen und finde schnell Kontakt."

Es muß wohl so sein, daß die Rajneeshies eine Marktlücke gefunden haben, in die viele hineinpassen. Ein junges Publikum vielleicht, das dem Charme von McDonald''s und dem üblichen Disko-Gedonner nicht mehr viel abgewinnen kann, aber auch nicht hinfindet zur sackleinenen Herbheit alternativen Lebenswandels. Ein fremder Reiz geht sicher auch von der immerwährenden Freundlichkeit aus, die sonst in der Gastronomie nicht mehr auf der Karte steht. "Zorba"-Gäste in Wiesbaden, die nachts auf dem Weg zum Ausgang nacheinander von vier weiblichen und männlichen Rajneeshies liebevoll verabschiedet worden waren, kamen damit schon gar nicht mehr zurecht: "Die sind uns zu freundlich."

Verwirrung hat der Zulauf zu den Sektierern vor allem bei den Institutionen gestiftet, nicht nur bei den Kirchen. Auch viele Behörden sind in Verlegenheit, seit Zorba the Buddha sich um Konzessionen bemüht.

In Berlin-Pichelsdorf, wo Bhagwan-Jünger am Havelufer 14 exquisite Wohnungen beziehen wollten, predigte der evangelische Sektenbeauftragte Gandow auf Versammlungen die Nachbarschaft so mürbe, daß der Hauseigentümer die Mietverträge wieder annullierte. Doch solche Rückschläge sind selten.

Vier Wochen lang gelang es letzten Herbst der Stadtverwaltung von Bielefeld mit dem Segen von Geistlichkeit, Kaufmannschaft und Parteien, die Eröffnung einer Disko durch bürokratische Tricks zu verzögern. Dann brach der Widerstand zusammen, der Laden läuft.

In Hannover, wo im Oktober eine neugegründete Bhagwan-GmbH das

größte Tanzlokal der Stadt pachtete, ging nicht nur der katholische Jugendseelsorger Jochen Piontek gegen die "ausgeprägt aggressiven Geschäftsmethoden" dieser Vertreter eines "destruktiven Psychokults" los; auch die sozialdemokratisch geführte Stadtverwaltung weigerte sich, Zorba hereinzulassen. Doch schließlich verurteilte das Verwaltungsgericht die Innenbehörde, eine Konzession zu erteilen.

Die Stadt Wiesbaden verlor in zweiter Instanz. Dort kündigte der Magistrat im September die Ablehnung eines vorläufigen Konzessionsantrags für eine "Zorba"-Disko mit der Begründung an, den Betreibern fehle es an der im Gaststättengesetz geforderten Zuverlässigkeit. "Jugendlichen und jungen Erwachsenen" drohe die Gefahr, daß sie beim Besuch von Bhagwan-Diskos "in der betont lockeren Atmosphäre der Einflußnahme der Vertreter der Bhagwan-Bewegung erliegen und sie letztlich unter Zerstörung der eigenen Persönlichkeit zu lebensuntüchtigen Individuen werden".

Auch die dem Guru bereits Erlegenen würden in den Tanzdielen ausgebeutet, behaupteten die Stadtjuristen. Denn es gebe "Hinweise", daß sie "nur eine geringe Summe für die dort geleistete Arbeit" erhielten, die "in keinem Verhältnis zu den üblicherweise in dieser Branche bezahlten Entgelten" stünden.

Die von Mainzer Sannyasins gegründete "Rush Rajneesh Unternehmensförderung für Service- und Handelsbetriebe GmbH", Disko-Unternehmerin und Gesellschafterin mehrerer Wiesbadener GmbH & Co. KGs, zog vor Gericht. Die von der Stadt unterstellten "Wertvorstellungen einer klaren und einheitlichen Mehrheit der Bevölkerung", urteilten zunächst einmal die Verwaltungsrichter, dürften "nicht dazu führen, daß aufgrund der ''Unvereinbarkeit der Bhagwan-Bewegung mit dem Christentum'' eine gewerberechtliche Betätigung eingeschränkt werden könnte". Und "ein freiwilliger Verzicht auf branchenübliche Bezahlung" in den Bhagwan-Betrieben, "der weder auf Unerfahrenheit, Willensschwäche oder auf einer Notlage beruht", dürfte "dem Prinzip der Vertragsfreiheit entsprechen".

Der hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel gab wenig später endgültig den Start frei für die drangvolle Eröffnungsparty in der "Zorba"-Disko, zwei Wochen vor Weihnachten. Nichts sei "derzeit ersichtlich", meinten die Richter, "daß die Antragstellerin in unerlaubter Weise eine religiös geartete Einflußnahme auf die künftigen Diskothekenbesucher vornehmen wird".

Das Wiesbadener Ordnungsamt hatte in anderen Städten, in denen Bhagwan-Betriebe florieren, Erkundigungen über die Sannyasins eingezogen. "Keine negativen Erkenntnisse" kamen aus Frankfurt, und auch in Köln gaben Rajneesh-Firmen laut behördlicher Auskunft "zu keinen Beanstandungen gaststättenrechtlicher Art Anlaß". Aufs Missionieren sind die Bhagwan-Mönche nach einem Bericht des nordrhein-westfälischen Arbeits- und Sozialministeriums auch nicht sonderlich gedrillt: Die "Öffentlichkeitsarbeit der Ortsgruppen zur Werbung neuer Mitglieder beschränkt sich auf die Bekanntmachung von Kursangeboten in Zeitungen und auf Plakaten".

Selbst den Begriff "Jugendreligion" fanden die Berichterstatter nicht ganz sauber. Das Durchschnittsalter der Kölner Rajneeshies liegt bei 33 Jahren, das bundesweite Mittel allenfalls bei 25. "Da Mitglieder von Jugendreligionen nur selten Jugendliche sind", so das Ministeriumspapier, "kommt zivilrechtlichen Schutzregelungen zugunsten Minderjähriger eine besondere Bedeutung nicht zu."

Trotzdem will Nordrhein-Westfalens Arbeits- und Sozialminister Friedhelm Farthmann "die Aktivitäten" von Bhagwans Belegschaft "künftig besonders im Auge behalten". Und in der Tat ist nicht auszuschließen, daß die Rajneeshies dereinst den Sozialämtern jener Städte zur Last fallen, die ihnen jetzt die Betriebserlaubnis erteilen.

Viele haben zwar zu Hause noch so viel Besitz, daß sie sich um das Alter keinen Kummer machen müssen. Minderbemittelte und Jüngere aber haben mit dem Kontakt zum Elternhaus zugleich auch ihre Berufsausbildung abgebrochen und sich damit erst einmal aus der gesetzlichen Familienhilfe im Krankheitsfall verabschiedet.

Wenn sie nun förmlich bei einer Bhagwan-Gesellschaft beschäftigt sind, bleiben sie immerhin in Krankheitsfällen geschützt. Doch bei den Pro-forma-Gehältern, die zudem noch bescheiden sind, wird die Rentenversicherung später oft nur ein karges Zubrot ausschütten.

Ungewiß ist, wie viele der Worshipper überhaupt versichert sind. Niemand kann nämlich kontrollieren, ob die zahlreichen selbständigen Sannyasins-Gesellschafter, -Einzelunternehmer, -Kommanditisten und stillen Teilhaber tatsächlich, wie sie behaupten, daheim private Policen liegen haben. Und keine Behörde weiß, wie viele der Helfer in Pink und Orange, die sich in den Kommunen _(Bei einem Rajneeshie-Treffen in Bayern. )

allein durch ihrer Hände Arbeit für das schöne Leben plagen, bei den AOKs und Ersatzkassen wirklich gemeldet sind. Denn Mitglieder ordensähnlicher Vereinigungen - und dazu zählt sich auch die Bhagwan-Sekte - unterliegen in der Bundesrepublik grundsätzlich ebensowenig dem allgemeinen Arbeitsrecht und der Sozialversicherungspflicht wie etwa Angehörige von Ordensgemeinschaften der Großkirchen.

Zwar gab es zaghafte Reformvorschläge: Wenn den religiösen Vereinigungen schon nicht die Zwangsversicherung aller Mitarbeiter abzufordern sei, so könnten ihnen doch zumindest üppige Rücklagen für die Nachversicherung von ausscheidenden und bis dahin gar nicht oder nicht ausreichend versicherten Mitgliedern gesetzlich zur Pflicht gemacht werden. Als Hindernis erweist sich jedoch, daß auch die Ordenszünfte der etablierten Kirchen von jenen Vorrechten profitieren und darauf nicht gerne verzichten möchten.

Die Ma''s und die Swami''s bewegt das alles nicht. Sie sind beschäftigt mit ihrem Wirtschaftswunder, und wenn ihnen, was denkbar wäre, der innere Reichtum verwehrt bleiben sollte, so sind sie doch auf dem besten Wege zum äußeren. Das gilt zwar vorerst nur für "hier und jetzt", aber auf seine Weise hat der Bhagwan sogar für die Zukunft gesorgt: "Mit absoluter Sicherheit", sagt er, seien es die Rajneeshies, die im Holocaust überleben, "die übrigen werden Affen sein oder Selbstmord begehen".

Unberührt von der behördlichen Aufregung und dem kirchlichen Eifer sind offenkundig auch die Bürger, die damit gemeint sind. Sie tanzen mit Bhagwan, und in der Geschäftswelt hat die Befangenheit ihre Grenzen.

Als in Düsseldorf nach beträchtlichem Druck der politischen Instanzen die Creme der örtlichen Bierbrauer beschloß, eine nur erst geplante "Zorba"-Diskothek durch einen Lieferstreik zu boykottieren, kam ein Anruf von der Konkurrenz, der Kölner Dom-Brauerei: Man werde prompt liefern. Und auch das Gehabe der Deutschen Bank kann kühle Manager wie Swami Larry nicht beeindrucken: "Unsere Hauptpartner sind ohnehin die Raiffeisen- und Volksbanken, aber auch die Dresdner, die Commerzbank und die Stadtsparkassen sind dabei."

Manchen ist gar nicht klar, mit wem sie zu tun haben. Daß ihre "Tuli"-Fenster von Sektenbrüdern montiert werden sollten, bemerkte jene Wiesbadenerin erst, als der Handel schon perfekt war: "Mir war das Wurst, wer das macht. Ich wollte ein Problem lösen - die haben es gelöst."

Wurst war es wohl auch der "Schützen-Drogerie" in Freiburg. Die warb für Naturkost und Heilkräuter in der "Rajneesh Times" und an der Ladentür für das katholische Bildungswerk der Erzdiözese.

Oben: in einem seiner Rolls-Royce in Rajneeshpuram, Oregon; unten: bei der Feldarbeit in Rajneeshpuram. Im Kölner Aschram. Bei einem Rajneeshie-Treffen in Bayern.

DER SPIEGEL 6/1984
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