06.08.1984

SED: „Die meisten Genossen denken wie ich“

Einer der bekanntesten ostdeutschen Philosophen, Franz Loeser, hat sich in den Westen abgesetzt. Der hochdekorierte Funktionär der SED brach mit dem Land, in das er vor mehr als 25 Jahren übergesiedelt war, aus Enttäuschung über die „Diktatur des Parteiapparats“, der den Sozialismus in der DDR ruiniert habe. *
Der grauhaarige Passagier der soeben gelandeten tschechoslowakischen Linienmaschine brachte die Paßkontrolle des New Yorker Kennedy-Airports durcheinander. Er legte am Schalter seinen DDR-Paß vor und murmelte in korrektem Englisch: "I want to apply for political asylum."
Der Beamte war erst einmal verwirrt. Dann stotterte er: "Da muß ich meinen Chef fragen."
Wenige Stunden später am 22. September 1983 meldete die amerikanische Fensehgesellschaft CBS einen prominenten Abgang aus der Deutschen Demokratischen Republik: den SED-Funktionär Franz Loeser, Präsidiumsmitglied des DDR-Friedensrates, Träger des ostdeutschen Vaterländischen Verdienstordens in Bronze und Silber.
Der 58jährige emeritierte Philosophieprofessor der Ost-Berliner Humboldt-Universität nutzte einen Privatbesuch in den USA, um sich von seiner Partei und aus dem realen Sozialismus abzuseilen, denen er gut 25 Jahre treu gedient hatte und denen er eine ostdeutsche Bilderbuchkarriere verdankt.
Loeser, Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts aus Breslau, gehört zu jener seltenen Spezies von DDR-Sympathisanten, die, enttäuscht von der bürgerlichen Demokratie des Westens, nach 1945 in den SED-Staat gingen, um dort "ein neues, demokratisches und sozialistisches Deutschland aufzubauen, ohne Kapitalismus und ohne Rassismus" (Loeser).
Zunächst hatte der Bürgersohn, nachdem er 1939 nach England entkommen war, ganz anderes im Sinn: Er kämpfte auf britischer Seite in Afrika, erlebte als Soldat das zerstörte Hiroschima und kam 1947, "auf der Suche nach dem gelobten Land, wo Milch und Honig fließt", in die USA.
Doch dort engagierte sich der Student der Philosophie und der Politischen Wissenschaften an der Universität von Minnesota im falschen Moment auf der falschen Seite: Er wurde im Sozialistischen Studentenbund seiner Hochschule aktiv - just zu jener Zeit, als der Kommunistenjäger Joseph McCarthy Jagd auf alles zu machen begann, was in den Staaten auch nur entfernt links und intellektuell schien. Loesers Diplomarbeit über Probleme des Dialektischen Materialismus wurde abgelehnt. Er geriet, wegen seiner Teilnahme an Protestdemonstrationen gegen McCarthy, auf die Schwarze Liste des FBI.
Der Emigrant zog es vor, sein gelobtes Land woanders zu suchen: Er fuhr zurück nach England. Dort faßte er 1951 den Entschluß, in die DDR überzusiedeln. Da Ost-Berlin in London keine diplomatische Vertretung hatte, wandte er sich an die sowjetische Botschaft. Die wies ihn an: "Bitte stellen Sie Ihren Antrag in russisch in fünffacher Ausführung. Dann werden wir Ihren Antrag an die DDR-Behörden weiterleiten. Sie hören von uns."
Loeser hörte nie etwas. Erst fünf Jahre später erreichte er sein Ziel. Auf Intervention des britischen KP-Führers Harry Pollitt bei SED-Chef Walter Ulbricht durfte er Ende 1956 mit seiner englischen Frau und seinem Sohn nach Ost-Berlin einreisen.
Die Einheitssozialisten empfingen ihn mit offenen Armen: Er bekam eine Assistentenstelle am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität, das damals eine der wichtigsten ideologischen Kaderschmieden der SED zur Schulung ihres intellektuellen Nachwuchses war; _(Untere Reihe: Vaterländischer ) _(Verdienstorden in Silber und Bronze, ) _(Medaille für Kämpfer gegen den ) _(Faschismus, Medaille für hervorragende ) _(propagandistische Leistungen, Kollektiv ) _(der sozialistischen Arbeit; obere Reihe: ) _(Ehrenplakette der Militärjustizorgane, ) _(Paul-Robeson-Gedenkmedaille, ) _(Ehrenmedaille des Komitees der ) _(Antifaschistischen Widerstandskämpfer, ) _(Medaille des DDR-Friedensrates für ) _(Verdienste um den Frieden, Medaille des ) _(Weltfriedensrates, Medaille der Liga für ) _(Völkerfreundschaft. )
zwölf Jahre später wurde Loeser ordentlicher Professor an der Renommier-Hochschule der DDR. Er baute den ersten Lehrstuhl für Ethik im Ostblock auf und avancierte in die vorderste Reihe der ostdeutschen Parteiphilosophen. Der weltläufige Wissenschaftler vertrat die SED-Republik bei zahlreichen Fachkongressen nicht nur in den sozialistischen Bruderländern, sondern auch im kapitalistischen Westen.
Zugleich machte er Parteikarriere: Er wurde Sekretär seiner Uni-Sektion, rückte ins Präsidium des DDR-Friedensrates auf, der Organisation der staatsgelenkten Friedensbewegung, und bekam Zugang zum inneren Zirkel der Macht: zum Zentralkomitee und zum Politbüro der SED.
Das Regime dankte dem "antifaschistischen Widerstandskämpfer" den rastlosen Einsatz mit zahlreichen Orden und Urkunden. Für "vorbildliche sozialistische Arbeit, verbunden mit aktiver gesellschaftlicher Tätigkeit" wurde er zum "Aktivisten der sozialistischen Arbeit" ernannt. Die FDJ ehrte ihn für "hervorragende Verdienste bei der sozialistischen Erziehung der Jugend der DDR".
Und der Vorsitzende des Staatsrats, Erich Honecker, dekorierte ihn "in Anerkennung hervorragender Verdienste beim Aufbau und bei der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaftsordnung und der Stärkung der Deutschen Demokratischen Republik" mit dem "Vaterländischen Verdienstorden" in Bronze und Silber.
Auch privat konnte der Professor nicht klagen: Er verdiente 5000 Mark im Monat, soviel wie ein Minister, besaß eine komfortable Villa in Neuenhagen bei Berlin, fuhr ein französisches Auto der Marke Peugeot und genoß alle Privilegien der herrschenden DDR-Klasse, vom bevorzugten Ferienplatz bis zur ärztlichen Sonderversorgung.
Ganz geheuer indes war der zugewanderte Genosse seiner Partei nie: Der am westlichen Wissenschaftsbetrieb geschulte Professor stieß sich immer mal wieder an der provinziellen Enge des alles reglementierenden Parteiapparats.
Zu schaffen machte ihm vor allem die Vorgabe der SED an die hauseigenen Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler, ihre Lehre und Forschung ausschließlich zur Rechtfertigung der jeweils gültigen Parteilinie einzusetzen. Eigene Denkanstöße, die Weiterentwicklung philosophischer oder soziologischer Fragen waren nicht nur verpönt, sondern galten in höchstem Maße als verdächtig.
Loeser geriet, da er sich an diese Vorgabe nicht hielt, mehrfach hart mit parteifrommen Kollegen zusammen. Der Wissenschaftler: "In der ''Deutschen Zeitschrift für Philosophie'' wurde ich mehrfach von meinen eigenen Glaubensgenossen in einer Weise diffamiert, die selbst meine schärfsten philosophischen Gegner im Westen als unwürdig abgelehnt hätten. Man stempelte mich zum Irrationalisten, Subjektivisten, Demagogen, Lügner und bewußten Apologeten der Ausbeuterklasse - und das nur, weil ich gewagt hatte, neue Fragen oder Probleme aufzuwerfen."
Solche Schwierigkeiten bekam Loeser etwa wegen seines 1966 veröffentlichten Buches "Deontik", in dem er den Versuch unternahm, logische und mathematische Methoden in der Ethik anzuwenden - nach Ansicht der Abteilung Wissenschaften des ZK ein verwerflicher Angriff auf die sozialistische Moral, die in "Deontik" auf bloße mathematische Formeln zurückgedreht werde.
Vor allem aber mißfiel den Parteizensoren Loesers selbstkritisch ironische Distanz, mit der er die ideologische Beschränktheit der Parteifunktionäre im sozialistischen Alltag öffentlich machte. In seinem Buch "Durchbruch des neuen Geschlechts", erschienen 1976, entwarf der Professor ein Schema von dreimal zehn Phrasen, mit denen, beliebig untereinander gemischt, jeder Parteiredner jedes Referat zu jedem Thema bestreiten könne (siehe Abbildung).
Die zuständige ZK-Abteilung bemerkte die Anzüglichkeit erst, als die Auflage schon in den Buchhandlungen lag. Ein Nachdruck wurde nicht zugelassen.
Trotz solcher Querelen hätte Franz Loeser seinen Lebensabend in der DDR als verdienter sozialistischer Veteran verbringen können. Die SED stellte den prominenten Genossen auf die feine Art ruhig: Seine Manuskripte wurden nicht mehr gedruckt, seine Beiträge für Zeitschriften vergilbten in den Redaktionen.
Als Loeser 1980 aus Gesundheitsgründen bat, seinen Lehrstuhl aufgeben zu dürfen, nutzte die SED die Gelegenheit, den Professor auch als DDR-Repräsentanten auf Kongressen und Tagungen abzulösen. Künftig konnte der Emeritus nur noch privatisieren.
Auf seine Beschwerden im Politbüro erhielt er zur Antwort, was er denn wolle, er habe schließlich alles erreicht, sei ein angesehener Mann und könne sich fortan in Ruhe seinen Hobbys widmen. Zum 60. Geburtstag, am 20. Dezember 1984, wurde ihm sogar der Vaterländische Verdienstorden in Gold in Aussicht gestellt.
Den wollte Loeser freilich nicht mehr haben. Der Dissident, der nach wie vor die sozialistische Idee für richtig hält, entschloß sich, die realsozialistische Praxis, wenn er schon in der DDR nicht mehr zu Wort komme, von außen zu kritisieren. Loeser: "In der DDR hatte ich nur zwei Möglichkeiten - den Rückzug ins Private oder den offenen Kampf gegen die SED. Im zweiten Fall wäre ich zwar ein Held gewesen, aber im Knast."
Im Westen, hofft Loeser, könne er mehr bewirken: "Ich will klarmachen, wie es weitergeht mit dem real existierenden Sozialismus. Die große Mehrheit der SED-Genossen denkt wie ich, wir müssen die Diktatur des Parteiapparates stürzen, damit der wahre Sozialismus sich entfalten kann."
Wie dieser Apparat funktioniert, beschreibt Loeser in einer SPIEGEL-Serie ("Der Rat der sozialistischen Götter"). Seine General-Abrechnung mit der DDR und seine Zukunftsvisionen erscheinen Ende August im DGB-eigenen Kölner Bund-Verlag als Buch. Titel: "Die unglaubwürdige Gesellschaft - Quo vadis DDR?" _(Franz Loeser: "Die unglaubwürdige ) _(Gesellschaft". Bund-Verlag, Köln 1984; ) _(236 Seiten; 24 Mark. )
Wohin der Ex-Genosse Loeser driftet, ist zumindest bei der SED schon geklärt. Loeser, so verbreitetern die Einheitssozialisten parteiintern, sei "einer der gefährlichsten Konterrevolutionäre", der je in der DDR sein Unwesen getrieben habe.
Offiziell gibt es den Dissidenten überhaupt nicht: Über Loesers Flucht in den Westen brachten die DDR-Medien bis heute nicht eine Zeile.
Untere Reihe: Vaterländischer Verdienstorden in Silber und Bronze, Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus, Medaille für hervorragende propagandistische Leistungen, Kollektiv der sozialistischen Arbeit; obere Reihe: Ehrenplakette der Militärjustizorgane, Paul-Robeson-Gedenkmedaille, Ehrenmedaille des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer, Medaille des DDR-Friedensrates für Verdienste um den Frieden, Medaille des Weltfriedensrates, Medaille der Liga für Völkerfreundschaft. Franz Loeser: "Die unglaubwürdige Gesellschaft". Bund-Verlag, Köln 1984; 236 Seiten; 24 Mark.

DER SPIEGEL 32/1984
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