06.02.1984

Barfuß zur Erlösung vom Chaos

Lumpenpropheten auf dem Jesus-Trip, Wanderprediger der „Revolution aus dem Innersten“, Gurus des Ich-Kults und der Führersehnsucht, rechte und linke „Mutanten des Typus Hitler": Ein neues Buch über die Alternativszene der „Inflationsheiligen“ gibt Einblick in die seelischen Tiefenschichten der Weimarer Republik. *
Der eine erklärte sich selbst zum "Vorläufer neuen Werdens". Der andere sah sich als "wiedergekehrter Apostel Johannes". Ein dritter nannte sich mal "geistiger Monarch", mal "geistiger Anarchist", mal trat er als "Präsident der gereinigten Staaten von Europa" auf.
Der erste, von Beruf Drechslergeselle, wetterte gegen Alkohol, Kino-"Dreck" und "gehässiges Parteileben". Er warb für "Reformkleidung", propagierte die "junge Volksgemeinde" und plante, "mit einem blonden Mädel den deutschen Kristus zu zeugen".
Der zweite, ein abgebrochener Jura-Student und expressionistischer Maler, fühlte sich "zum Führer ausersehen". Er strebte nach einer "christ-sozialistischen Volksgemeinschaft", verdammte Industrieprodukte, wollte "die Großstädte einfach abbrechen und mit den so gewonnenen Baustoffen Dorfgemeinden im entvölkerten Osten aufbauen".
Der dritte, ein Ex-Unternehmer, verkündete: "Ich bin der Herkules, der den Alphafluß in den deutschen Augiasstall hineinleitet." Er predigte "freiwillige Besitzlosigkeit" und "Revolution aus dem Innersten", und auch er wollte "diesem Volke Führer sein", notfalls mit Hilfe der Guillotine, aber doch als ein "geistiger Diktator".
Friedrich Muck-Lamberty, Max Schulze-Sölde, Ludwig Christian Haeusser - drei seltsame Heilige aus den zwanziger Jahren, aus der Subkultur der Republik von Weimar.
Sie waren nicht die einzigen ihrer Art zur Zeit der großen Inflation. Noch manche andere Wanderprediger einer wirren politischen Religiosität - "Christrevolutionäre", völkische Apostel, linke Sektierer - zogen damals über die Straßen und durch die Vortragssäle des notleidenden Deutschlands, zumeist in härener Kutte, christus- oder bakuninbärtig und auf "Jesuslatschen".
Sie fochten wider die "Systeme der Alten und Macher", aber auch gegen den "Sumpf" der Moderne, gegen die "Lügen" der Politik und des Kirchenchristentums, der bürgerlichen Ehe und des etablierten Kunstbetriebs. Sie forderten Überwindung des "Materialismus", versprachen "Erlösung" vom "Chaos" und fanden Zulauf vor allem von Jugendlichen, Jugendbewegten und sozial Deklassierten. Ihre Namen sind heute fast vergessen. In Erinnerung ruft sie ein jetzt erschienenes Buch: "Barfüßige Propheten". _(Ulrich Linse: "Barfüßige Propheten". ) _(Siedler Verlag, Berlin; 272 Seiten; 48 ) _(Mark. )
Autor dieser Geschichte der "Erlöser der zwanziger Jahre" (Untertitel), unter _(Auszahlung von Papiergeld in Säcken am ) _(Bankschalter. )
denen sich zeitweilig auch Theodor Plievier, der spätere "Stalingrad"-Autor, bewegte, ist der Münchner Oberstudienrat Ulrich Linse, 44, der schon mit Studien zum deutschen Anarchismus, zur Jugendbewegung und über "Landkommunen in Deutschland 1890-1933" hervorgetreten ist (SPIEGEL 44/1983). Für sein neues Buch hat er in jahrelanger Arbeit entlegenes Material aufgespürt, bei Angehörigen und Anhängern der Wanderprediger und auch von letzten noch lebenden Protagonisten dieser verschollenen Alternativszene Informationen eingeholt.
Seine Ermittlungen über Aufstieg und Niedergang der "Barfüßigen Propheten", die "Menschenfischer" und Führer zum "neuen Reich" sein wollten, bringen nicht nur eine zeithistorische Kuriosität ans Licht. Sie eröffnen einen "überraschenden Blick in die seelischen Tiefenschichten der Weimarer Zeit" (Linse), also in jenen Abgrund des deutschen Volksempfindens, in dem dann mit größerem Erfolg ein Führer anderen Formats gefischt hat.
Das Auftauchen von "Lumpenpropheten", die eine Gefolgschaft tief verunsicherter und erlösungssüchtiger Zeitgenossen an sich ziehen, so schreibt in der Einleitung zu Linses Buch der Historiker Hagen Schulze, sei ein geschichtliches "Dauerphänomen am Fieberrand aufbrechender, gärender, in beschleunigtem Wandel begriffener Gesellschaften".
Die Gärung, aus der die Muck-Lamberty, Schulze-Sölde, Haeusser und Genossen auftauchten, war bewirkt und wurde beschleunigt durch den Zusammenbruch alter Ordnungen, den Verlust materieller und spiritueller Sicherheiten im geschlagenen Deutschland nach 1918, den vor allem Mittelstand und Kleinbürgertum erlitten, durch das dreifache Katastrophenerlebnis von Weltkrieg-Niederlage, Revolution und Inflation.
Als 1922/23 das Inflationsfieber seinen Höchststand erreicht, als "schließlich der Heizwert eines Bündels Papiergeld höher ist als der der Kohle, die man dafür kaufen kann" und der "kollektive seelische Zustand dem Wahnsinn nahekommt" (Schulze), da finden die Wanderapostel im Jesus-Kostüm, die bärtigbarfüßigen "Inflationsheiligen" ihren größten Widerhall. Den größten von allen fand der selbsternannte "Volkskaiser" Ludwig Christian Haeusser. Er ist die exemplarisch bizarre Zentralfigur im Linse-Buch.
Der 1881 geborene schwäbische Bauernsohn, der als Kind von seinem Vater mißhandelt wurde, hatte nach einer Kaufmannslehre mit allerhand Schwindelgeschäften, unter anderem als Sekthändler, in Paris und der Schweiz eine Menge Geld gemacht. Zugleich aber hatte er sich immer wieder mit religiösphilosophischen Gedanken über das "Wohl des Menschen" herumgeschlagen.
Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und wohl auch der Lektüre Nietzsches überfielen den Autodidakten ein Schreibzwang und das Gefühl, zum Retter wenn nicht der Menschheit, so doch mindestens Deutschlands berufen zu sein. Er füllte ganze Hefte mit Tiraden über eine kommende Weltwende und die Heraufkunft eines deutschen "Kanzler-Übermenschen". Sein Sendungsbewußtsein wurde so stark, daß er 1918 seine Unternehmer-Existenz aufgab, sich für kurze Zeit dem Lebensreformer und "Naturmenschen" Gusto Gräser in Ascona anschloß und schließlich als besitzloser Wandermessias den langen Marsch durch Deutschland antrat.
Haeusser redete in vollen Sälen vor einem faszinierten Publikum über den geistig-moralischen und politisch-ökonomischen "Verfall", über die notwendige "Generalwäsche" der verrotteten Gesellschaft, über die Wiedergeburt Deutschlands "aus dem Geist". Er sammelte Jünger und Jüngerinnen, die Familie und Besitz aufgaben und mit ihm durchs Land vagabundierten, mit ihrem vergötterten Guru sich aus Volksküchen ernährten und manchmal im Straßengraben übernachteten.
Zur Wirkung Haeussers trug wesentlich sein aggressiv überwältigender Größenwahn bei: Er schrieb "ich" meistens "ICH", gab eine Zeitschrift mit dem Titel "HAEUSSER" heraus und imitierte die Christus-Rhetorik: "Ich bin die Wahrheit und die Tat und der Weg, das Leben und die Auferstehung und die neue Zeit."
Der "Wahrheitsmensch" mit dem Asketen-Image war ein Show- und Reklame-Talent. Er warb mit suggestiven Plakaten für seine Vorträge, und er verstand sich auf die Reize des Vulgär-Vokabulars und der Publikumsbeschimpfung. "Jeder der die Erde bewohnenden Sünder ist eines der Arschlöcher, die das große Scheißhaus Welt mit ihrem Kot füllen", so konnte er predigen. "Ich bin der Vollendete, und ihr seid Esel, Affen, Säue", so donnerte er einmal in den Saal, und so hörten es viele gern.
Attraktiv war der grobianische Heilige, der sich der Welt auch schon mal nackt zeigte, noch auf ganz andere Art: als Prediger für die Frauenbefreiung und als Praktikant einer sexuellen Enthemmung, die er als "Rehabilitierung der Geschlechtsorgane" anpries und seiner weiblichen Gefolgschaft als "Empfängnis durch den Heiligen Geist" pseudochristlich verklärte.
Wie sein Prophetenkollege Muck-Lamberty (dessen deutschtümelnde
"Wandervögelei" er freilich verspottete) beanspruchte auch Haeusser für sich das Recht, den neuen "Heiland" zu zeugen. So manche der - vielfach verklemmten und frustrierten - Frauen, die ihn umschwärmten, schreibt Linse, "träumte daher davon, Gottesmutter zu werden". Kein Wunder, daß der Prophet, der sich gleichermaßen übersinnlicher "Reinheit" wie einer übermächtigen Potenz rühmte und im übrigen auf Sadomaso stand, bald über einen "Groß-Okkult-Weiber-Harem im ganzen Reich" verfügte (wie ein Haeusser-Jünger später schrieb).
Dem monströsen Ego-Trip, den Haeusser am heftigsten auslebte, frönten alle Inflationsheiligen. Die Verabsolutierung des Ichs und seines "Willens" (zur "Tat" vor allem) kompensierte persönliche Lebenskrisen, aber auch die tiefgehende Verunsicherung im gesellschaftlichen Umbruch, in der nationalen Krise. Der irrwitzige Ich-Kult war eine neurotische Antwort auf die unverstandene, als unpersönlich, sinnleer und chaotisch empfundene Gegenwart. Er konnte Anklang finden, weil er, so Linse, die "protofaschistische Führersehnsucht" im Deutschland der zwanziger Jahre ansprach.
"Mutanten des Typus Hitler" nennt Linse seine Wanderpropheten denn auch.
Die Artverwandtschaft liegt auf der Hand: Wie der "Trommler" Hitler waren sie fast alle hypnotisch verführerische Rhetoren, machten sie alle als echte oder scheinbare Asketen Eindruck. Sie artikulierten die gleichen Ängste und Sehnsüchte - rückwärts- und vorwärtsgewandte, wahnhafte und begründete - aus den Tiefen der deutschen Seele. Sie stimmten überein in ihren antizivilisatorischen und antidemokratischen Affekten, in den Phantasien und Ideologien von der alle gesellschaftlichen Widersprüche aufhebenden Volksgemeinschaft.
Linse bringt einige Belege für direkte Kontakte der Inflationsheiligen zur frühen Nazi-Bewegung. Bezeichnender sind die Beispiele für ihr apolitisches Politikverständnis, jenen Harmonisierungswahn, der keine Parteien und keine Klassen mehr kennen wollte.
Der Wanderprediger Leonhard Stark, ein ehemaliger Volksschullehrer, der "der Verlogenheit auf allen Gebieten des deutschen Lebens die Maske herunter reißen" wollte, gab eine Zeitschrift mit dem Titel "Stark" heraus, die in ihrer Kopfleiste Hakenkreuz und Sowjetstern vereinte. Haeusser bezeichnete sich als "Hakenkreuzlerkommunist". 1922 gründete er die "Christlich-radikale Volkspartei" und beschwichtigte irritierte Anhänger mit der Bemerkung, diese Partei sei natürlich eine "parteilose Partei".
Mit einem "Haeusser-Bund" beteiligte sich Haeusser 1924 an zwei Reichstagswahlen. Im Falle seines Sieges wollte er sich "sofort ein Ermächtigungsgesetz" bewilligen lassen und "von dieser Macht auch den richtigen volkserlösenden Gebrauch machen ... Rücksichtslose Amputation aller am Staats- und Volkskörper unnötig schmarotzenden Millionen von ganz entbehrlichen, unproduktiven Beamten".
Beim ersten Wahlgang erhielt Haeusser 25 000, beim zweiten knapp 10 000 von über 30 Millionen abgegebenen Stimmen. Mit dem Ende der Inflation war auch das Ende der Inflationsheiligen
gekommen. In der Weltwirtschaftskrise nach 1929 flackerte ihre Wirksamkeit noch einmal auf, aber da beherrschte die Szene schon der ihnen weit überlegene Krisengewinnler, der nur das Hakenkreuz im Schilde führte und nicht nur geistiger Diktator zu sein versprach.
Haeusser, der wegen seiner Vagabondage und wüsten Staatsbeschimpfungen mehrmals inhaftiert und psychiatrisch untersucht wurde, starb 1927. In seiner Spätphase hatte er gelegentlich eingestanden, daß sein Auftreten als "Wahrheitsapostel" großenteils Schwindel und "Quark" gewesen sei. Andere der "Barfüßigen Propheten", die Inflation, Drittes Reich und Zweiten Weltkrieg überlebten, blieben bis zuletzt ihren Welt- und Wahnbildern treu.
Der völkisch-jugendbewegte Muck-Lamberty zum Beispiel, so berichtet Ulrich Linse, der ihn noch interviewen konnte, habe unbeirrt am Gedanken der Volksgemeinschaft festgehalten: Er "sah von Fidel Castros Kuba bis nach China solche Volksgemeinschaften im Werden", und "1969 begrüßte er ausdrücklich die Studentenrevolte".
Ulrich Linse: "Barfüßige Propheten". Siedler Verlag, Berlin; 272 Seiten; 48 Mark. Auszahlung von Papiergeld in Säcken am Bankschalter.

DER SPIEGEL 6/1984
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