02.01.1984

Formel-1-Rennen auf der Klaviatur

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über den griechischen Wunderpianisten Dimitris Sgouros *
Sweat-Shirt, Blue Jeans, Turnschuhe von Adidas - was man so trägt mit 14. Auf 1 Meter 73 hochgeschossen; erstes stimmbrüchiges Tremolo; linkisch, wenn er Haltung annimmt. Wie der Junge von nebenan.
Daheim, in der griechischen Hafenstadt Piräus, geht er aufs Gymnasium. Mathematik, Physik, Chemie sind seine Lieblingsfächer. Sprachen, außer Französisch, fallen ihm leicht. Ehrgeizig mag er sein, als Streber will er nicht gelten. Dafür macht er auf der Penne zu gern Quatsch.
Zu Hause sitzt er stundenlang vor dem Bildschirm und spielt mit seinem achtjährigen Bruder "Pac Man" oder "Donkey Kong" oder irgendeine andere von den über 100 Video-Spielkassetten, die die beiden besitzen. Er springt in jeden verfügbaren Pool, radelt viel, mag Fußball und Basketball.
Neulich hat er doch tatsächlich, er allein, an einem Abend sämtliche Eisbecher einer sechsköpfigen Essensrunde ausgelöffelt. Auf diesen Rekord ist er unheimlich stolz, das findet er "great". Nein, das einzige, was den griechischen Teenager Dimitris Sgouros von Millionen Altersgenossen zu unterscheiden scheint, ist sein Horror vor Ketchup. Ansonsten ist der Befund normal.
Und dennoch mag man dem lieben Frieden dieser Normalität nicht so recht trauen. Vermutlich spürt Dimitris bei seinem Gegenüber die Zweifel an dem stinknormalen Jungen-Sein, und um so hektischer ist er bemüht, jedem, der ihn aushorcht, vor allem die ach so alltägliche Kehrseite jenes Ruhmesblattes zu zeigen, das ihm der englische "Daily Mirror" ausgestellt hat: als "das größte musikalische Wunder seit Mozart umjubelt" zu werden.
Unter Bekannten macht Dimitris Sgouros gern Nadelstechen. Irgendwer piekt in ein Kompendium der Klavierliteratur, und Dimitris spielt dann, was die Nadelspitze getroffen hat - Präludium und Fuge Cis-Dur aus Bachs "Wohltemperiertem Klavier", Beethovens "Appassionata", die "Rigoletto-Paraphrase" von Liszt, die "Toccata" von Schumann oder die von Prokofjew, egal was. Er schüttelt auf Abruf praktisch die ganze abendländische Klaviermusik aus dem Ärmel und braucht dazu weder Noten noch Bedenkzeit.
Schon heute, mit 14, kann er mehr Kompositionen auswendig als manch gemachter Mann am Klavier: Abermillionen von Noten, Vorzeichen, Fingersätzen. Über ein Dutzend Konzerte von Mozart, alle von Beethoven und Brahms und Chopin, von Liszt, Rachmaninow, Prokofjew und von wem auch immer - insgesamt 45 Partituren. Wenn man so will: das ganze Repertoire.
Sämtliche 32 Beethoven-Sonaten sind ihm geläufig, die galant perlenden Miniaturen von Domenico Scarlatti ebenso wie die mit Akkorden gespickten Reißer der Romantik, Hunderte von Etüden, Walzern, Rhapsodien. Je vertrackter ein Stück gesetzt ist, um so mehr macht es ihn an.
Seine erste, soeben veröffentlichte Langspielplatte enthält die "Paganini-Variationen" von Brahms, eine Folge spieltechnischer Gemeinheiten, vor denen viele Virtuosen ein Leben lang zurückschrecken, und die "Symphonischen Etüden" von Schumann, die selbst ausgebuffte Klavierlöwen transpirieren lassen. _(Johannes Brahms: "Variationen über ein ) _(Thema von Paganini" op. 35; Robert ) _(Schumann: "Symphonische Etüden" op. 13. ) _(Dimitris Sgouros, Klavier. EMI Electrola ) _(1C 067 1436271 T. )
Dimitris Sgouros kommt bei derlei Brocken nicht ins Schwitzen, sondern nur in sein Element. Er hat sie drauf und legt sie hin: "Ich habe niemals Angst oder Lampenfieber, ich kann doch alles."
Als er im April 1982 in New York debütierte, hat er die Carnegie Hall, diesen Tempel der Tonkunst, so gelassen betreten wie eine Freßstube von McDonald''s, wo er gern ein paar "Hamburger" ißt. Und "ohne irgendwelche Mühe oder Aufregung", man muß es ihm glauben, hat er dort dann das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow heruntergedonnert, das er sich "in fünf, sechs Tagen" beigebracht hatte.
Jenes Stück, das der Komponist selbst mit Rücksicht auf den 40minütigen
Kräfteverschleiß "Elefantenkonzert" genannt hat, das der Pianist Josef Hofmann, dem es gewidmet ist, zeitlebens nicht in den Griff bekam und das der Virtuosissimus Vladimir Horowitz zu seinem Schlachtroß abgerichtet hat.
Im Herbst 1983 hat Dimitris Sgouros dieses Stück mit Deutschlands Elite-Orchester, den Berliner Philharmonikern ("Die sind einfach toll"), auf Platte eingespielt. Im kommenden Frühjahr wird er möglicherweise mit ihnen unter Herbert von Karajan das zweite Brahms-Konzert aufnehmen, noch so einen Goliath des Repertoires.
Wenn man Dimitris Sgouros auf die Finger guckt, sieht man, daß die Natur es gut mit ihm gemeint hat. Schon jetzt können seine Hände spielend eine Dezime, also zwei Töne mehr als die gängige Oktave, greifen. Wenn die Pranke ihre Übergröße noch erweitern sollte, dürfte er bald mehr als zwölf Töne packen. Solch eine Spanne erleichtert das Handwerk, aber sie erklärt natürlich nicht das Phänomen, dem alles in den Schoß fällt, oder gar, was die Gazetten sich ausmalen, ein Wunder.
Auf der Nordatlantikroute hat Dimitris Sgouros in ein paar Flugstunden eine ihm unbekannte Mozart-Partitur durchgelesen und dabei unauffällig mit den Händen auf dem Klapptisch geklimpert. Nach der Landung, am Flügel, war dann nur noch der Feinschliff nötig. Das Stück saß.
Die orientalische Fantasie "Islamey" von Balakirew, die eigentlich nur aus aberwitzigen Schwierigkeiten besteht, hat sich der Junge in wenigen Tagen angeeignet, nicht etwa eingehämmert. Sein Gedächtnis hält jede Note, auch in der kompliziertesten Ballung, wie ein Photoapparat fest. Und was einmal gespeichert ist, läßt sich von den Fingern jederzeit abrufen.
"So etwas habe ich vorher noch nie gesehen", gestand der russische Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch, der dem Griechen das Entree in die große Musikwelt verschaffte.
"Ein Genie wie ihn gibt es höchstens einmal in einem Jahrhundert", ereiferte sich der italienische Dirigent Claudio Abbado. Und Arthur Rubinstein, der 1982 verstorbene Methusalem des Klaviers, nahm den Mund besonders voll des Lobes: "Er ist der beste Pianist, den ich je gehört habe, mich selbst eingeschlossen."
Für Dimitris Sgouros sind diese Elogen zwar erfreulich, aber nun, einmal in der Welt, auch nicht weiter der Rede wert. Und daß er manche Klavierfreaks, die nie über die "Schule der Geläufigkeit" hinausgekommen sind, an das Wunderkind Mozart, das Wunderkind Liszt oder das Wunderkind Menuhin erinnert, nimmt er mit scheuem Lächeln wahr und hin.
Für ihn hat nirgends eine überirdische Macht die Hand im Spiel. Mag das Publikum, das nach dem programmgemäßen Recital jedesmal in hysterischer Neugier sein Podium umlagert und von dem Nimmermatt großzügigst mit Zugaben bedacht wird, ihn sogar zum Geschenk des Himmels glorifizieren - für ihn ist der Sport auf der Tastatur die natürlichste Sache der Welt.
Noch mit sechs war ihm die ganze Musik ziemlich schnuppe. Er hantierte lieber mit Steckern und Schaltern, vielleicht würde er mal Elektriker. Der Flügel stand daheim fast unbenutzt herum. Mit sieben fing Dimitris Feuer. "Es war der Klang", erinnert sich die Mutter, "der ihn plötzlich interessierte."
Die Eltern (der Vater ist Arzt) schickten ihn zur früheren Klavierlehrerin der Mutter. Die war bald überfordert und verwies ihn ans Konservatorium in Athen, das ihn im Juni 1982, da war er 12, zum Professor ernannte. Dort hat er inzwischen, genau wie an einer Universität in USA, schon eigene Schüler.
Selbst zu unterrichten, findet er eher lästig als ehrenvoll. Lieber fragt er die Veteranen des Gewerbes aus, ob es für ihn vielleicht doch noch etwas zu lernen gäbe.
Niemals brauchte er Partituren büffeln, Harmonielehre pauken, knifflige Doppelgriffe oder rasende Terz-Ketten trainieren; der gnadenlose Drill, der musizierende Kinder zu Marionetten verkorkst, blieb ihm erspart. Die Musik, vom Notenbild bis zur handgreiflichen Ausführung, fliegt ihm zu.
Bei seinem Debüt auch noch mit sieben, im Demodic-Theater in Piräus, hatte er bereits viele Dutzend Stücke parat und gab sogar Selbstkomponiertes zum besten. Im Juni 1981 wurde er gar zum Nationalhelden, als er im Athener Herodes-Atticus-Theater vor 5000 Zuhörern und TV ein Benefizkonzert für die Erdbebenopfer des Landes gab. An den meisten renommierten Piano-Wettbewerben durfte das Kind mit der einstelligen Altersangabe gar nicht erst teilnehmen; wo es ins Rennen ging, wie in Sofia und Ancona, wurde es Primus.
Auch heute übt Dimitris Sgouros nicht regelmäßig ("Ich übe überhaupt nicht, ich spiele nur"), manchmal rührt er, obwohl ihm in Griechenland fünf Flügel zur Verfügung stehen, zehn, zwölf Tage
lang keine Taste an. Dennoch fühlt er sich jeden Augenblick fit, und nur deshalb kann er es sich leisten, Gastspiele auf das Wochenende und große Tourneen (im Frühjahr durch Japan) in den Schulferien zu absolvieren. Die Schule geht vor, und so wollen es nicht nur die Eltern. Das Pensum Klavier erledigt sich fast von selbst.
Allerdings: In der Klaviermusik weiß Dimitris Sgouros schon jetzt praktisch nichts mehr zu entdecken. Unter seinen 2000 Langspielplatten wählt er deshalb immer häufiger Opernaufnahmen. Selbst vergleichsweise unpopuläre Werke wie Bellinis "Norma" kennt er inzwischen in- und auswendig, und daß die Callas, seine Hausgöttin, in einem bestimmten Takt einen bestimmten Ton anders angesetzt hat, als er das nach den Noten vermutet hätte, ist ihm stundenlanges Palavern wert. Wenn er über Stimmtechnik diskutiert, erweckt er den Eindruck, als habe er seine Klavier-Karriere schon hinter sich: "Mal sehen, vielleicht werde ich auch Dirigent oder Komponist."
Nach dem Konzert in New York verlangte der Dirigent Zubin Mehta hinter der Bühne die Mutter (und Managerin) von Dimitris Sgouros zu sprechen. Sein gutgemeinter Rat: "Lassen Sie ihn weiter üben, aber fürs erste keine Konzerte mehr geben." Muß man den "Alleskönner" ("Süddeutsche Zeitung") davor bewahren, alles zu können und alles zu wollen? Ins Glashaus bis zur Reife?
Natürlich ist der perfekte Techniker Dimitris Sgouros noch kein vollkommener Musiker. Daß eine Komposition nicht nur aus Noten besteht, denen seine Finger parieren, sondern zwischen den Noten gelesen, empfunden und vermittelt werden muß, das muß der Vierzehnjährige erst noch spüren und lernen. Noch spielt er vieles viel zu schnell und zu laut, seine Programmfolgen sind pianistische Formel-1-Rennen, bei denen dem Publikum, nicht ihm die Luft wegbleibt.
Aber diese Sensation wird sich verschleißen. Wunderkinder werden dann uninteressant, wenn sie nicht mehr Kind sind und folglich ihre Wunder nicht mehr staunen machen. Dieser Moment könnte für Dimitris Sgouros schneller kommen, als es sich dieser naive Teenager heute träumen mag.
Nur: Noch ist er nicht zu bremsen und schon gar nicht in ein Treibhaus zu verbannen, mit sich als einzigem Zuhörer. Seine Eltern sind machtlos, sagen sie, weil er Musik und das Echo, das er mit ihr auslöst, einsaugt wie andere Leute frische Luft. Seine Lehrer begnügen sich längst mit Tips, weil er den meisten von ihnen eh was vormachen kann.
Erst wenn Dimitris Sgouros selbst merkt, daß ihm der Konzertbetrieb - früher?, später? - nur noch Zirkusnummern abverlangt, dürfte ihn jene heilsame Krise überkommen, ohne die er seine schwerste Aufgabe nicht schaffen kann - die Kunst, das Können zu verleugnen.
Johannes Brahms: "Variationen über ein Thema von Paganini" op. 35; Robert Schumann: "Symphonische Etüden" op. 13. Dimitris Sgouros, Klavier. EMI Electrola 1C 067 1436271 T.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 1/1984
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