06.02.1984

Die Poesie des ungelebten Lebens

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Peter Steins „Drei Schwestern“-Inszenierung in Berlin *
Am Ende jedes Akts hört man ein seltsames Sirren: Es ist, als ob die Zeit, die in den einzelnen Bildern in abstumpfender, auch schmerzhafter Nichtigkeit ihr langsames Zerstörungswerk an den Menschen betreibt, auf einmal jäh und hörbar weggerissen würde, Jahre in Sekunden.
Erst im letzten Akt erklärt sich dieses Sirren: Es ist das entfernte Schnattern, es ist der Flügelschlag von Zugvögeln. Was wie ein surreales Zeichen wirkt, ein akustisches Symbol, gehört in Wahrheit zur Natur des Stücks.
Tschechow findet und setzt seine stetig eindringlichen Zeichen mit dem flüchtigen beiläufigen Material der Wirklichkeit, Peter Stein in seiner "Drei Schwestern"-Inszenierung folgt ihm dabei mit ingeniöser Bühnenphantasie.
Tschechows "Komödie" (so befremdlich nennt er sie) handelt von den Verwüstungen, die die Zeit in das Provinzleben von drei höheren Töchtern schlägt. Sie handeln von Schmerz und Untätigkeit, vom Unflat des gemeinen Lebens. Es sind Tragödien der Nichtigkeit, wobei Tschechows Gerechtigkeitssinn dem Nichtigen Tragödienwürde im Gelächter der Komödie zubilligt.
Wer die imponierende Künstlichkeit und zuweilen imponiersüchtige Kälte in den jüngeren Arbeiten Peter Steins (in den "Negern" oder im "Klassenfeind") noch vor Augen hat, der wird um so stärker bewundern müssen, wie Stein mit seiner Tschechow-Arbeit zurückgefunden hat zum theatralischen Abbild des Lebens.
Jedes der vier Bilder hat eine unverwechselbare Atmosphäre, hat ein eigenes Zeit- und Lebensgefühl, im Bühnenraum (Karl-Ernst Herrmann) wird dunkle Enge oder tristes Verlorensein in heller Weite deutlich.
Etwa im zweiten Bild: Es ist dunkel, die Fenster sind mit Teppichen verhangen, die Möbel mit Schonbezügen überspannt. Die Schwägerin der drei Schwestern hat begonnen, das Haus zu erobern. Sie terrorisiert alle mit ihrem Kind, vertreibt alle Gastlichkeit. Die Faschingsgäste, die durch die dunklen Zimmer tapsen, die nur aus den Korridoren helles Licht empfangen, wenn Türen geöffnet werden: Immer wieder stolpern sie über die Spielsachen des Kindes, die sich kullernd in Bewegung setzen. Die Waffe des leisen Terrors wird sichtbar und hörbar.
Oder im dritten Bild, im Akt der Brandnacht: Das Feuer hat alle aufgescheucht, durcheinandergebracht, die Verschlossenen öffnen sich, es gibt Ausbrüche, Tränen, einen Auftritt des besoffenen Arztes, Geständnisse der Liebe, Familienstreit.
Das alles spielt sich im engen Schlafzimmer Olgas und Irinas ab: Hierher, so sieht man, sind die beiden Schwestern aus ihrem großen Haus schon abgedrängt worden. Flackernder Feuerschein, die Glocken und Sirenen der Feuerwehr schwappen ins Zimmer. Und als ob sich die beiden zarten Geschöpfe gegen die Zumutungen, die jetzt auf sie einprasseln, zur Wehr setzen wollen, verkriechen sie sich hinter den Paravents, die sie vor ihre Betten gestellt haben. Ein ebenso heroisch-rührender _(Mit Jutta Lampe, Edith Clever, Corinna ) _(Kirchhoff. )
wie altjüngferlich-lächerlicher Versuch der Abwehr.
Überhaupt wird man nach dieser Aufführung die Frage, was denn nun an dem Stück Komödie, was an ihm Tragödie sei, so nicht mehr stellen wollen, weil Stein den Mut zu beiden Seiten der Figuren hat: daß sie überflüssige Menschen sind, vom Leben längst beiseite gestellt, und daß sie verwundbare, zarte Menschen sind, denen das alles passiert und denen das Leid ihre Größe gibt.
Die drei Schwestern halten genau Balance zwischen affektierter Empfindlichkeit und der schönen Zerbrechlichkeit, über die das Gestrige verfügt, wenn es der Brutalität des Heute ausgesetzt ist.
So dienen die wundervollen Manierismen Edith Clevers dazu, sichtbar zu machen, wie sich diese ihr Leben nach und nach in das Schicksal der jüngeren Schwestern vertagende und verlagernde Frau nur mit ihrem Berufsrepertoire an Lehrerinnen-Gesten gegen Grobheit und Gemeinheit wehren kann und sie sich dann, strenge Attitüden hilflos abbrechend, ins Abwenden flüchtet.
Jutta Lampe mit dem erbärmlich lebensfrohen Lehrer, der immer mal ein lateinisches Sprichwort auf den Lippen hat, verheiratet, gerät in ihren Liebesroman mit den angelernten und abgeschauten Schmacht-Szenen aus Kitsch und Oper: das macht sie lächerlich, aber nicht weniger anrührend.
Und Irina (Corinna Kirchhoff ist die Entdeckung der Aufführung), die Jüngste, die noch keine Schlupfwinkel der Manier und keine Ausflüchte des nachempfundenen Romans kennt, erlebt in den stumpf werdenden Hoffnungen der andern mit weit aufgerissenen Augen die eigene Hoffnungslosigkeit.
Seit Rudolf Noelte mit seiner Stuttgarter Inszenierung (1965) das Stück radikal zu einem Schwanengesang auf die Poesie der Nutzlosen, Uneffektiven, vom historischen Prozeß in die Nichtigkeit der Provinz Gestoßenen verknappte, hat sich im deutschen Theater niemand so gründlich und einleuchtend schön mit Tschechows lakonischer Weitschweifigkeit eingelassen wie Stein. Und er tut es, ohne das Stück einzuengen.
Während sich das Stück scheinbar in kleine Episoden verliert und zu beiläufigen Szenen des Wartens verflüchtigt, wird deutlich, daß jede Einzelheit eine unwiederbringliche Veränderung bewirkt: Leisere und doch gnadenlosere Hammerschläge sind nie ausgeteilt worden.
Steins Inszenierung, weit davon entfernt, die Poesie dieses wegwelkenden Lebens zu vertuschen, macht deutlich, daß es die Brutalität ist, die in diesem Stück überlebt. Und die kann sich nicht einmal zugute halten, daß sie auch Lebenstüchtigkeit genannt werden könnte.
Tina Engels Natalja, die bald weinerlich, bald schneidend nach ihrer Einheirat Mann und Schwestern niederbügelt; eine Emporgekommene als Herrin -
oder der tragisch banale Werschinin von Otto Sander: Sein "Philosophieren" von einer helleren, menschlicheren Zukunft knipst er an und ab, wenn es gilt, Wartezeiten zu überbrücken. Und als sich Mascha beim Abschied allzu haltlos in ihn verkrallt, schüttelt er sie ab und wirft sie zu Boden. Auch Wolf Redls Arzt ist eher ein stumpfer Egoist als ein verzweifelter Nihilist. Und Werner Rehms Gymnasiallehrer ist nur deshalb die Güte und Nachsichtigkeit in Person, weil er schon zu feige ist, das Leben um sich herum wahrzunehmen. So flüchtet er in seine Marotten, weil er sich die Selbstverachtung erspart.
Eines der Geheimnisse des Stücks besteht darin, zu zeigen, wie das ungelebte Leben durch das schmerzliche Empfinden der eigenen Unzulänglichkeit zur einzig möglichen Lebensführung wird. Irina und ihr ungeliebt-geliebter Verlobter, der "deutsche Baron", sprechen viele Jahre davon, daß sie morgen mit der eigentlichen Arbeit beginnen wollen. Dann, am Tag vor ihrem Aufbruch, wird er im Duell weggeschossen. Wenn Komödie auch Sturz ins Leere bedeutet, dann ist das eine Komödie.
Im letzten Akt öffnet sich das Bild wie eine Landschaft von Caspar David Friedrich zu ungeahnter Tiefe (die Bühne ist 48 Meter tief). Durch diesen schier unendlichen Raum zieht, in einem Augenblick, das Sirren der Zugvögel.
Die abziehenden Soldaten probieren diese Weite mit Echo-Rufen zu füllen. Ihr Echo verliert sich. Daß die drei Schwestern sich in dieser gammeligen, von Herbstlaub bedeckten Leere nicht ins Nichts verflüchtigen - dafür sorgt nur ihr Schmerz.
Mit Jutta Lampe, Edith Clever, Corinna Kirchhoff.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 6/1984
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