13.08.1984

Der Minister und die Irrtümer der Jugend

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Das CSU-geführte Entwicklungshilfeministerium setzt sich von "linken Weltverbesserern" ab und will nun auch für die Dritte Welt die Wende praktizieren. Um die Notwendigkeit der Entwicklungshilfe bei der deutschen Jugend stärker zu verankern, soll das "Zukunftsbild" positiv eingefärbt werden. Wurden bisher Jugendliche "mit Schuldgefühlen unter Druck" gesetzt, sollen künftig "Wertungen" angeboten werden, die der "negativen Haltung zu Staat und Gesellschaft" entgegenwirken. Diese "neue Tendenz in jugendspezifischer Öffentlichkeitsarbeit" hat Ministerialrat Hubert Linhart (CDU) in einem vertraulichen Papier für Minister Jürgen Warnke festgehalten. Auszüge:

"Null-Bock und Entwicklungshilfe schließen sich nach unserer Logik weitgehend aus. Die Lauten sind immer eine Minderheit, aber auch viele andere tragen das von ersteren verbreitete Gedankengut passiv mit. Alles, was im Rahmen einer Partnerschaft (mit einem Dritte-Welt-Land) im gegenseitigen Interesse geschieht, bleibt ausgeschlossen. Nach diesem weltfremden Purismus wird im Bewußtsein die Möglichkeit des Verhungerns von mehr Menschen der Abneigung gegen 'Kapitalisten und Multis' nachgeordnet.

Die undifferenzierte Schuldzuweisung an die eigene Adresse erscheint mir zunächst als Spontanreaktion angesichts der starken Betroffenheit durch Hunger und Elend. Sie entspricht aber auch einer unter Teilen der jungen Generation verbreiteten negativen Haltung zu Staat und Gesellschaft.

Die Menschen in Entwicklungsländern sind nicht ferngesteuerte Marionetten, mit denen manche Jugendliche bei uns ohne besonderes eigenes Risiko ihre Gewalt und Revolutionsphantasien ausleben können ... Wir müssen Wertungen anbieten, die auf politischer, wirtschaftlicher usw. Logik, auf geschichtlicher Erfahrung und unseren demokratischen und ethischen Grundüberzeugungen beruhen.

Im Interesse unserer Jugend dürfen wir erforderlichenfalls auch die entschlossene Auseinandersetzung mit ihr nicht scheuen, damit ihre Irrtümer nicht zu den Dogmen der Zukunft werden."


DER SPIEGEL 33/1984
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