09.01.1984

Kabel-TV: Teure Zukunft aus acht Kanälen

Zum neuen Jahr begann in der Bundesrepublik das lang erwartete „neue Medienzeitalter": Im Raum Ludwigshafen können via Kabel zusätzlich acht neue TV-Kanäle und vier weitere Hörfunk-Programme eingeschaltet werden. Seit dem 2. Januar strahlt Radio Luxemburg ein kommerzielles TV-Programm ins deutsche Grenzland. _____“ Was Bundeskanzler Konrad Adenauer vor 20 Jahren „ _____“ versagt blieb, ist unter Bundeskanzler Kohl gelungen. Der „ _____“ Startschuß für das Fernseh- und Pilotprojekt Ludwigshafen „ _____“ symbolisiert den Beginn eines neuen Medienzeitalters in „ _____“ Deutschland. „ _____“ Deutschland Union Dienst, 2. 1. 1984 „ *
In Ludwigshafen begann das neue Zeitalter zwei Minuten zu früh. Weil Jürgen Doetz, Geschäftsführer der "Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk" (PKS), "im Übereifer" - so die lokale "Rheinpfalz" - am 1. Januar den Startknopf zur neuen Ära zu früh drückte, war er zur geplanten Sendezeit um 10.30 Uhr bereits wieder vom Bildschirm verschwunden.
Auf das technische Blackout folgte dann Händels "Feuerwerksmusik", dargeboten vom Münchner Bach-Orchester unter Karl Richter.
Musik war überhaupt Trumpf am ersten Sendetag des teils privaten, teils öffentlich-rechtlichen Kabelfernsehens: Eine Hitparade etwa wechselte mit klassischen Klängen, der Peter-Frankenfeld-Show "Musik ist Trumpf", "Schlager, die man nie vergißt" oder der Operette "Die Fledermaus" mit Peter Alexander.
Chöre aus der Vorderpfalz zeigten im Bürgerservice-Kanal "stimmliche Beherrschung" ("Rheinpfalz"). Ihr Auftritt gehörte zum Programm des Katholischen Rundfunkdienstes, der mit einer Ansprache des Pfälzer Bischofs Schlembach den Einstieg in das "neue Medienzeitalter der Bundesrepublik" zelebrierte.
Um neun Uhr früh bereits hatte ein privater Hörfunkveranstalter das Wettrennen um die Aufmerksamkeit der ersten Kabelteilnehmer gewonnen: Auf der Frequenz 105,10 Megahertz sprach eine "Stimme der Hoffnung" von der "Internationalen Christlichen Rundfunkgemeinschaft" aus dem Äther.
Gegen neun Uhr fünfundvierzig - also immer noch eine dreiviertel Stunde vor der offiziellen Öffnung der überregionalen Kanäle - hatten sich im Studio des "Offenen Kanals" drei junge Männer eingefunden, um einen Video-"Rückblick auf 1984" zu geben.
Darin wurden Science-fiction-Impressionen aus Computer-Welten, naheliegend, mit Orwell-Zitaten unterlegt. Die Botschaft der drei Unbotmäßigen lautete: Fernsehen ist das Ende des Privatlebens mündiger Bürger.
Der selbstgemachte Film der Dreier-Gruppe mit dem Namen "Cut" wurde kostenlos mit den technischen Einrichtungen der Anstalt für Kabelkommunikation
(AKK) gefertigt. Programmverantwortung im Sinn des (Presse-)Rechts trugen die Herren von "Cut" als Veranstalter selbst.
Ihre muntere Sendung, so lobte sogar die Bonner "Welt", entpuppte sich als "nicht ohne Witz gestaltete fiktive TV-Sendung": Am Ende ist das Kabelfernsehen in Ludwigshafen wieder abgeschafft, die kuriose Sendezentrale auf einem ehemaligen Schlachthofgelände abgerissen.
Dieser fiktiven Tristesse setzte Landesherr Bernhard Vogel in seiner vom Privatsender "Radio Weinstraße" übertragenen Neujahrsansprache Optimismus entgegen:
"Ab heute gibt es bei Ihnen nicht nur, wie bisher, das Angebot der öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten, sondern in Konkurrenz dazu erstmals auch private Veranstalter", sprach Bernhard Vogel.
Das geschehe nicht, so beteuerte Vogel weiter, "um Sie zu mehr Fernsehkonsum zu verführen, sondern es geschieht, damit Sie mehr Wahlfreiheit, mehr Meinungsfreiheit und mehr Meinungsvielfalt haben".
Diese Meinungsfreiheit ist für die Versuchsteilnehmer für eine einmalige Anschlußgebühr von 125 Mark erhältlich. Dazu kommen noch eventuelle technische Kosten von 500 Mark - etwa für die Umrüstung der Geräte - sowie die laufenden, bisher auch schon üblichen Monatsgebühren von elf Mark.
Die Post, der technische Mittler der pfälzischen Verkabelung, verbuddelt im Jahr in Deutschland Kupferkabel für insgesamt eine Milliarde Mark.
Für die von Vogel feierlich beschworene Vielfalt sollen in und um Ludwigshafen herum - verkabelt sind noch die linksrheinischen Gemeinden Frankenthal, die Kreise Bad Dürkheim und Südliche Weinstraße sowie Teile von Neustadt an der Weinstraße und Speyer - neben vier neuen Hörfunkprogrammen noch acht TV-Kabel-Kanäle sorgen: *___"Satellite Television", ein englischsprachiges ____Programm, das über den europäischen ____Kommunikations-Satelliten ECS kommt und in Ludwigshafen ____ins Kabelnetz eingespeist wird (Kanal 14), *___die "Programmgesellschaft für Kabel und ____Satellitenrundfunk" (PKS), die vor allem Spielfilme ____ausstrahlen wird und Nachrichten aus der Redaktion der ____"Frankfurter Allgemeinen Zeitung" übernimmt (Kanal 15), *___die "Erste Private Fernsehgesellschaft" (EPF), eine ____Tochterfirma der Regionalzeitung "Rheinpfalz", die in ____Kooperation mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen ein ____zeitversetztes "ZDF 2"-Programm anbieten wird (Kanal ____13), *___eine "Kooperationsgemeinschaft Bürgerservice", die sich ____aus 25 einzelnen Programmgestaltern zusammensetzt, zum ____Beispiel der Landesverkehrswacht Rheinland-Pfalz e. V. ____und der Deutschen Lesegesellschaft in Mainz (Kanal 16), *___ein "Mischkanal", den 17 einzelne Anbieter füllen ____dürfen, darunter Verbände oder religiöse ____Rundfunkmissionen (Kanal 17), *___ein "Schlauer Kanal" des Südwestfunks, in dem etwa in ____Bildungsprogrammen wie dem Telekolleg "Weiterbildung ____Deutsch" betrieben wird, *___ein "Musikkanal" des ZDF, wo Rock oder Pop, Kräfte wie ____Peter Horton oder Leonard Bernstein regieren, sowie *___ein "Offener Kanal", in dem jeder Bürger kostenlos ____dilettieren darf - als Volkssänger oder Pantomime, in ____Jugendgruppen oder alternativen Video-Clubs (Kanal 19).
Nicht genug der Vielfalt:
Die Post speist noch die Dritten Fernsehprogramme aus Frankfurt (Hessischer Rundfunk) und München (Bayerischer Rundfunk) ins Kabel sowie drei TV-Programme aus dem benachbarten Frankreich.
Zur Werbezeit am frühen Abend kommen noch die Regionalprogramme des Süddeutschen Rundfunks und des Hessischen Rundfunks hinzu, zeitweise auch Südwest 3, eine Gemeinschaftssendung aus Baden-Württemberg. (Zum Programm siehe Seite 154 "Big Nachbar is watching you!")
Doch nicht nur auf deutschem Boden fand zur Jahreswende "Medien-Wettrüsten" ("Süddeutsche Zeitung") statt. Am Tag nach dem Ludwigshafener Kabelfernseh-Start kam drahtlos neuer TV-Segen über die Grenze in die Bundesrepublik. "RTL Plus", ein deutschsprachiges, täglich fünf bis sechs Stunden ausgestrahltes Programm des Kommerzsenders "Radio Tele Luxembourg", hatte am 2. Januar Premiere. Der Gütersloher Medienriese Bertelsmann ist zu 40 Prozent an dem Privat-Kanal beteiligt. Die "Saarbrücker Zeitung" und die "Rheinzeitung" aus Koblenz mischen bei der Regionalberichterstattung mit. Dabeisein ist alles.
Diese neue Frohsinnswelle wird von einem grenznahen Sendemast in Luxemburg in Haushalte im Saarland, in Rheinland-Pfalz und im Südwesten Nordrhein-Westfalens gestrahlt; 1,7 Millionen Menschen könnten, laut Angabe der luxemburgischen Fernsehlieferanten, mit einer Zusatzantenne "RTL Plus" empfangen: "Antennen-Monteure kommen zur Zeit nicht von den Dächern runter und schaffen wie die Wahnsinnigen", beschrieb ein RTL-Sprecher die Nachfrage nach dem Luxemburger TV-Kanal.
Zwischen 150 und 250 Mark muß ein TV-Konsument im Südwesten für die Zusatzantenne aufwenden, um sich in den Genuß des neuen RTL-Fernsehens (Slogan: "Erfrischend anders") zu bringen. Seit die frohe Botschaft bekannt wurde, daß nun die Luxemburger TV-Unterhalter erste Stützpunkte in der Bundesrepublik erobern würden, steigerte sich die Antennen-Konjunktur.
Vor Weihnachten, so ein saarländischer Elektro-Kaufmann, "sah man die Leute mit Antennen unterm Arm herumlaufen wie mit Christbäumen".
Unbehagen bereitete indes das wachsende RTL-Fieber der "Saarbrücker Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft" (SGS), deren Aufsichtsratsvorsitzender Saarbrückens Oberbürgermeister Oskar Lafontaine ist.
Da der SPD, zumal ihrem linken Flügel, Privatfernsehen ein Greuel war, wurden frisch installierte Zusatzantennen in SGS-Wohnanlagen wieder abgeklemmt, und die Gesellschaft begründete diese Maßnahme bevormundend gegenüber ihren Mietern, "daß die öffentlich-rechtlichen
Rundfunk- und Fernsehprogramme, soweit sie vom Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland ausgehen, Ihnen genügend Möglichkeiten zu Information und Unterhaltung bieten".
Einige saarländische Gemeinden, die schon zur Verbesserung des TV-Empfangs verkabelt sind, können das deutsche Fernsehen aus Luxemburg ohne zusätzliche technische Umrüstung auf den Bildschirm bringen. Dort speist die Post "RTL Plus" ins Kabel ein - obwohl dies rechtlich durchaus noch zweifelhaft ist.
Mit "RTL Plus" hat, jedenfalls in einem Teil der Bundesrepublik, das pure Kommerzfernsehen begonnen. Werbespots werden an jedem Tag vor und nach 20 Uhr eingeblendet. Täglich eine Stunde lang flimmert in Form von Musikvideos Reklamematerial der Plattenindustrie über den Schirm, und Hauptprogrammstütze sind Spielfilme, täglich ist ein Kinofilm zu besichtigen, freitags und samstags sind es je zwei.
Die Luxemburger TV-Profis sind bemüht, ihre Zuschauer möglichst nicht mit schwerer Kost zu behelligen. Daher servieren sie auch als Abschluß ihrer News-Shows regelmäßig eine "positive Meldung" - so befanden sie zum Beispiel den Umstand, daß in Frankreich eine Journalistin zur "Miß France" gekürt wurde, als "eine hübsche Sache" und deshalb als berichtenswert.
"Zwischen Bildschirm und Sessel" soll, so die Intention der Kanalarbeiter, "kein Graben entstehen". Diesen Graben wollen die Luxemburger demnächst auch in München zuschütten helfen. RTL wird mit dabeisein, wenn dort am 1. April nach Ludwigshafen das nächste bundesdeutsche Kabel-Pilotprojekt aus der Taufe gehoben wird.
Was Bundeskanzler Konrad Adenauer vor 20 Jahren versagt blieb, ist
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