09.07.1984

Eine Fliege vom Himmel holen

Moskaus Kunst der Tarnung und des Rüstungsbluffs Wie viele SS-20-Raketen besitzen die Sowjets in Wirklichkeit? Von dem Projektil gibt es kein einziges Photo. Bulganin und Chruschtschow drohten einst mit Raketen, die sie noch nicht hatten. Läßt sich der Westen täuschen? *

Wir haben die Aufnahmen", versicherte Reagans erster Sicherheitsberater, Richard Allen, schon vor drei Jahren, "es ist alles ganz genau zu sehen." "Ja, ich habe mir alle Bilder angeschaut", bestätigte später ein hoher deutscher Nato-General die Photo-Auskunft.

Viele, die im westlichen Bündnis Zugang zu höchsten Militär-Geheimnissen haben - Generale, Verteidigungsminister, Regierungschefs und ihre Vertrauten -, behaupteten jahrelang steif und fest, das gefährliche Objekt auf Satelliten-Bildern mit eigenen Augen gesehen zu haben: die sowjetische Mittelstreckenrakete "Pionier", Nato-Kürzel SS20. Sie irrten sich.

Das Bayerische Fernsehen zeigte 1981 sogar einen Film vom atomaren Projektil. Es war aber nur der fast 20jährige Streifen einer Kurzstrecken-Rakete.

Pentagon-Offiziere verweigerten die Veröffentlichung eines SS-20-Photos. Vorgeschobener Grund: Weder sollten die Sowjets erkennen, wie überzeugend die photographische Perfektion der US-Himmelspione sei, noch wolle man die Gewohnheit einreißen lassen, der Öffentlichkeit die geheimsten Dokumente zu unterbreiten.

Statt dessen flossen immer neue Zahlen über zusätzliche SS-20-Abschußrampen aus dem Pentagon an die Öffentlichkeit: Inzwischen seien es 378. Rüstungs-Experten argumentierten mit furchterregenden (und von den Amerikanern verbreiteten) Test-Daten der sowjetischen Wunderwaffe. Über Jahre hinaus bestimmten die SS-20 und die von ihr ausgehende Bedrohung die europäische Bündnispolitik.

Im September 1981 veröffentlichte das Pentagon eine Hochglanzbroschüre unter dem Titel "Soviet Military Power". Auf den Seiten 24 und 25 machte sich eine bunte Enttäuschung breit: Statt der ersten Nahaufnahme der SS-20 war eine eher kindliche, vierfarbige Illustration zu sehen, auf der sich eine blaue Rakete aus einer Art Ofenrohr abhob, unter Hinterlassung eines weißen Wölkchens.

Es war eine propagandistische Notlösung. Denn in Wirklichkeit verfügen weder die Vereinigten Staaten noch ihre Nato-Verbündeten über irgendeinen photographischen Beweis, aus dem die Existenz all der SS-20-Raketen eindeutig und unbestreitbar hervorgeht. Ein hoher Pentagon-Beamter gab vorletzte Woche dem SPIEGEL gegenüber zu: "Wir haben kein einziges Photo von der SS-20. Es gibt keins."

Aufgenommen wurden bisher lediglich die Rampen, die mobilen Raketenlafetten ("wie Tanklastwagen") - aber die Rakete selbst hat niemand im Westen gesehen. "Wir wissen nur durch die Testdaten, wie das Gerät aussieht", meint der Beamte.

Was die Himmelspione jedoch nicht feststellen konnten: Wie viele Raketen befinden sich tatsächlich in den Abschußrohren? Sind es alle dieselben Typen? Können die Rohre nach einem Abschuß neu geladen werden?

Tatsache ist: Die sowjetische Rakete, die kein Westler je gesehen hat, erreichte mehr politische Sprengwirkung als irgend eine andere Waffe der Geschichte, ehe sie benutzt wurde. Sie ist Anlaß und Rechtfertigung der Nato-Nachrüstung mit Cruise Missiles und Pershing 2.

Wider die Gefahr, die "aus jenen Richtungen ausgeht, wo die neuen amerikanischen Waffen stationiert sind", stellt Moskau nun angeblich neue, kürzer greifende Raketen auf: "eine zusätzliche Anzahl sowjetischer operativ-taktischer Raketenkomplexe größerer Reichweite" wird in der DDR stationiert.

Das gab am 14. Mai das sowjetische Verteidigungsministerium bekannt. Ungesagt blieb, um welche Typen es sich handelt, warum die Abschreckung per SS-20 aus der Sowjet-Union nicht genügt, wieso die Sicherheit "unserer Verbündeten" mit der grenznahen Raketen-Stationierung wächst, weshalb "zusätzliche" Waffen nötig sind - und ob überhaupt schon welche dort stehen.

Denn als Rüstungsantwort auf die Stationierung der Pershing 2 in der Bundesrepublik hatte das Verteidigungsministerium der UdSSR schon am 24. Oktober 1983 beschlossen, die taktischen Raketen an der deutsch-deutschen Grenze zu modernisieren. Der "Raketenzaun" sollte von den Typen SS-21 bis -23 gestellt werden. Sie alle reichen weniger als 1000 Kilometer weit.

Vom angeblichen Stationierungsort DDR berichtete das sowjetische Militärorgan "Roter Stern" in einer 99-Zeilen-Reportage. Der Reporter zitierte den Unter-Sergeanten Tschornych ("furchtbare, mächtige Waffe") und den Gemeinen Grigola, welcher meinte, die Dislozierung sei "nicht leicht" gewesen, jetzt aber sei "die Technik" in Ordnung.

Doch das Wort "Rakete" tauchte in dem Bericht des "Roten Stern" nur einmal am Ende auf. Auch von Raketentypen war keine Rede, erst recht nicht, ob das, was da disloziert wird, atomar oder mit konventionellem Sprengstoff bestückt ist. Sollte der "Raketenzaun" aus Propaganda-Staketen bestehen? Das Pentagon meinte vorige Woche, daß die Sowjets die Sommermanöver in der DDR zum Vorwand nehmen könnten, mitgeführte Raketen nicht wieder in die UdSSR zu nehmen, sondern stehen zu lassen. Soll heißen: Stationiert ist die "furchtbare Waffe" noch nicht.

Einer, der es besser wissen müßte, behauptete bereits im vorigen November, russische Kurzstrecken-Raketen vom Typ SS-21 würden "schon seit zwei Jahren" im nicht-sowjetischen Ostblock stationiert, die anderen seien "ebenfalls vorhanden": Bundesverteidigungsminister Wörner. Vielleicht bezog er sein Wissen aus der Illustrierten "Stern", die kurz vorher SS-21-Raketen in der DDR geortet hatte. Belege hatte das Blatt auch keine.

Für eine Dislozierung neuer Waffen bedarf es laut Warschauer Pakt von 1955 eines Beschlusses der Allianz. Ein solcher Beschluß ist bis heute nicht ergangen, im Gegenteil, er wurde vorigen Juni von einem Teil der Pakt-Staaten abgelehnt. Auf Befehl der Verteidigungsministerien allein läßt sich aber heute auch im Ostblock eine derart folgenschwere Maßnahme nicht treffen.

Die vage Ankündigung einer Neu-Stationierung eignet sich freilich vorzüglich als propagandistischer Schreckschuß. Zum Reservoir der Russen zählt von alters her jene Kunst, die unter Spielern als "Bluff" hochgeschätzt ist: Als Zarin Katharina im 18. Jahrhundert per Schiff ihr Reich inspizierte, soll ihr Favorit Fürst Potemkin ländliche Siedlungserfolge vorgetäuscht haben, indem er am Dnjepr-Ufer mit Bauernhäusern bemalte Plakatwände aufstellen ließ, die "Potemkinschen Dörfer".

Nach Aussagen der Historiker stimmt nicht einmal diese Geschichte - das Verfahren aber setzte sich im politischen Leben des Riesenreiches dennoch durch.

Als Meister ähnlicher Täuschungsmanöver erwies sich Sowjetchef Nikita Chruschtschow. Sein Gesellenstück psychologischer Kriegführung in Friedenszeiten lieferte er im Jahre 1955. Damals fiel auf der Mai-Parade ohne Erläuterung der übliche Vorbeiflug sowjetischer Lufterrungenschaften aus, obwohl einige Diplomaten meinten, "bis zu 20" große Düsen-Langstreckenbomber im Luftraum der Sowjethauptstadt ausgemacht zu haben.

Strategie-Experten Amerikas waren alarmiert, denn der amerikanische Kontinent schien plötzlich einem nicht einkalkulierten, möglichen sowjetischen Erstschlag ausgeliefert. Auch die vorgeschobenen amerikanischen strategischen Fliegerhorste waren gefährdet.

Neun Wochen später, am 3. Juli, dem "Tag der Luftwaffe", tauchten die Fluggeräte dann in natura auf: Angetrieben von vier nahe dem Rumpf angebrachten Düsentriebwerken von je mehr als achteinhalbtausend Kilo Schub röhrten zehn der Bomber-Monster mit über 50 Meter Spannweite über die Beobachtertribünen am Tuschino-Flugplatz und entschwanden in einer eleganten Schleife.

Kurz darauf tauchten zwei weitere Formationen mit je neun Düsenbombern

auf. Die Nato gab ihnen den Codenamen "Bison".

Die westlichen Beobachter glaubten, genug gesehen zu haben. Nach Auswertung ihrer Berichte setzte Washingtons Geheimdienst CIA eine jährliche "Bison"-Bomberproduktion von 70, für 1956 gar bis 240 Stück an. Der geplante Bau von US-Interkontinentalraketen wurde forciert. Amerikanische Strategie-Experten forderten die Rücknahme amerikanischer B-47-Bomber aus der Reichweite der "Bisons".

Sie waren alle Opfer eines Bauerntricks. Denn in Wirklichkeit, so steht inzwischen fest, besaßen die Sowjets 1955 nur zehn flugfähige "Bison"-Bomber. Sie hatten sie einfach dreimal über die Beobachtertribüne fliegen lassen.

Mit dieser Potemkinschen Luftfahrt-Schau begann eine bizarre Kette sowjetischer Versuche, den westlichen Militärexperten Waffen und Fähigkeiten vorzugaukeln, die der Sowjet-Armee entweder überhaupt nicht oder erst später zur Verfügung standen.

Offenbar ermutigt vom "Bison"-Bluff, holte Sowjet-Premier Bulganin in der Suez-Krise von 1956 zu einer atomaren Drohung gegen England und Frankreich aus, und zwar unter Hinweis auf die "moderne Raketentechnik".

Es war eine Finte: Die UdSSR besaß noch gar keine Rakete, um London oder Paris nuklear einzuäschern.

Ein Jahr später wurde das deutlich, als ein kleiner Raupenschlepper ein 21 Meter langes und 26 Tonnen schweres Objekt über den Roten Platz zog: Moskaus erste Mittelstreckenrakete SS-3 - eine Weiterentwicklung der deutschen Weltkriegsrakete V 2. Mit 800 bis 1000 Kilometer Reichweite hätte dieses Projektil vom westlichsten Zipfel der UdSSR aus gerade die Bundesrepublik erreicht.

Es handelte sich um einen militärisch unbedeutsamen Test-Vorläufer der späteren SS-4- und SS-5-Raketen, die bis zum Erscheinen der SS-20 das Kernstück der sowjetischen Mittelstreckenrüstung bildeten. Erst 1959, nach anderen Angaben sogar noch später, begann die sowjetische Mittelstreckenraketenrüstung ernsthaft Gestalt anzunehmen.

Denn mit Nikita Chruschtschow stand ein Mann an der Spitze des Kreml, der das Sowjet-Heer um 3,3 Millionen Soldaten dezimierte, der Panzer als höchst gefährlich für die Besatzung einstufte und den Überwasserschiffen der Roten Flotte das Zeugnis ausstellte: "Lahme Enten, höchstens geeignet für Staatsbesuche." Einzig Raketen, so der Sowjet-Chef, könnten in Zukunft die Sicherheit des Sowjet-Staates garantieren.

Am 26. August 1957 meldete Moskau die erfolgreiche Erprobung der ersten Interkontinentalrakete: US-Rüstungsexperten hatten mit dem Sowjetsprung nach vorn nicht so früh gerechnet. Der Start des ersten Sputnik am 4. Oktober 1957 schockierte vollends die Verteidigungsplaner des Westens.

Wie er sich den Einsatz des neuen Langstreckenprojektils (Nato-Kürzel: SS-6) vorstellte, führte Chruschtschow bei seinem USA-Besuch im September 1959 vor: Seine Atomraketen, wetterte er, könnten auch die USA bestreichen. Das stimmte aber nur in der Theorie - wieder sah die russische Rüstungswirklichkeit bescheidener als die Rhetorik aus.

Amerikanische U-2-Spähflugzeuge hatten inzwischen auf dem sowjetischen Testgelände von Tjuratam die erste SS6-Rakete photographiert, elektronische Horchposten der USA an Rußlands Grenzen 1957 Raketen-Tests mit einer Reichweite von knapp 6500 Kilometern registriert. Nur: Von Tjuratam nahe des Aral-Sees reichte die Rakete bei weitem nicht bis Nordamerika.

Erst nach Fertigstellung der ersten operationellen, strategischen Raketen-Stellung bei Plessezk im arktischen Nordwesten der Sowjet-Union konnten Moskaus Raketentruppen den Nordosten der USA ins Visier nehmen. Amerikas Geheimdienst erkannte Anfang 1960 den Beginn von Bauarbeiten an den Raketensilos von Plessezk. CIA-Pilot Gary Powers sollte die Stellungen bei einem seiner nächsten Langstreckenflüge über der Sowjet-Union von oben inspizieren.

Am 1. Mai 1960 trudelten in der Nähe von Swerdlowsk Teile der Spionage-U-2 von Gary Powers zur Erde. "Wir können selbst eine Fliege vom Himmel holen", brüstete sich Raketen-Fan Chruschtschow und behauptete, eine Flugabwehr-Rakete habe die U-2 (Flughöhe: 24 Kilometer) über dem Ural heruntergeholt. Am 6. Mai führte er der Presse in Moskau Photos mächtiger Flugzeugteile vor - die allerdings von einem alten Sowjet-Kampfflugzeug stammten, wie westliche Luftfahrtexperten sofort erkannten.

Hinter den verschlossenen Türen des Senatsausschusses für Auswärtige Beziehungen, dessen Protokolle erst kürzlich freigegeben wurden, faßte der damalige CIA-Chef Allen W. Dulles am 31. Mai 1960 seine Erkenntnisse so zusammen: Das jähe Ende des U-2-Fluges "verlief nicht so, wie die Sowjets dies behaupten". Nur ein vorübergehender Triebwerkausfall oder ein Defekt in der Sauerstoffversorgung des Piloten habe die U-2 aus mehr als 20 Kilometer Höhe in eine "viel niedrigere Flughöhe" und damit in den Bereich der sowjetischen Luftabwehr zwingen können.

Als Ziele der U-2-Ausspähung, die ungestört seit Juli 1956 stattgefunden hatte, identifizierte CIA-Chef Dulles: "Bomberstärke, Raketenprogramm, Atomenergie-Projekte, U-Boot-Bau und Luftverteidigungssystem. Dabei gelang es uns, eine deutlich reduzierte Bomber-Produktion festzustellen sowie Informationen über Nuklearwaffendepots für die Bomberverbände herauszufinden."

Die Hilflosigkeit der Sowjet-Abwehr führte der CIA-Chef den Senatoren sogar im Bild vor: "Wir besitzen Photos von verschiedenen sowjetischen Abfangjägern, wie sie vergeblich versuchen, eine U-2 abzuschießen."

Raketen-Freund Chruschtschow focht dies nicht an. Einen Monat nach dem U-2-Zwischenfall tönte er erneut an der Abwehr-Front, er strebte nach Höherem: Nicht nur Flugzeugen, sondern auch gegnerischen Satelliten könnten seine Militärs den Garaus machen.

Wieder eilten die Wunschträume der Sowjet-Führung der eigenen Rüstung weit voraus. Noch zweieinhalb Jahre später, im Februar 1963, gab Verteidigungsminister Marschall Malinowski zu Protokoll, die Sowjet-Armee habe den Auftrag erhalten, "des Aggressors moderne Mittel der Ausspähung unseres Landes aus der Luft und aus dem Weltall zu bekämpfen".

Es sollte noch fünf Jahre dauern, bis Amerikas Weltraumüberwachung den ersten Test eines sowjetischen Killer-Satelliten registrierte: Ende Oktober 1968 - mehr als acht Jahre nach Chruschtschows drohendem Bluff.

Am 9. August 1961 behauptete Chruschtschow dann, atomare Überlegenheit erreicht zu haben; er höhnte den Westen: "Ihr habt keine 50- oder 100-Megatonnen-Bomben, wir haben Bomben, die stärker sind als 100 Megatonnen." Gleichzeitig begann eine Serie von Tests in der UdSSR - allerdings nur bis zu einer (immer noch unvorstellbaren) Stärke von 50 Megatonnen. Die Sprengkraft solcher Superbomben, das hatten die Amerikaner selbst früh erkannt - und auf eine entsprechende Konstruktion verzichtet -, macht militärisch keinen Sinn.

Unbeirrt kündigte indes der Kreml-Chef am 16. März 1962 eine neue Variante der Atomrüstung an: "Wir können Raketen nicht nur über den Nordpol (nach Amerika) schicken, sondern auch in entgegengesetzter Richtung" - also über den Südpol: "Sie können über den Ozean anfliegen oder aus anderen Richtungen, wo Warnanlagen nicht zu installieren sind."

Die USA tauften diese neue Gefahr aus Richtung Süden später "Fractional Orbital Bombardment Systems" (Fobs).

Fünf Jahre später gab US-Verteidigungsminister McNamara die ersten sowjetischen Fobs-Versuche bekannt. Die Fobs erwiesen sich als Flops. Sie wurden nie in Dienst gestellt, und die verbliebenen 18 Fobs-Trägerraketen in Tjuratam erhielten 1979 durch Artikel IX des Salt-2-Vertrages ein stilles Begräbnis: Verschrottung.

Ernster als die Fobs-Drohung nahm Washington die Gefahr, sowjetische "Killer"-Satelliten könnten US-Satelliten im All außer Gefecht setzen. Die Experten hielten nach ersten Anzeichen für die Fähigkeit sowjetischer Raumkörper zum Rendezvous Ausschau. Denn der Killer-Satellit mußte nahe an sein Opfer heranmanövriert werden - bei Geschwindigkeiten von mehreren tausend Stundenkilometern kein leichtes Unterfangen.

Wieder schufen die Sowjets ein Potemkinsches Dorf, diesmal sogar in 200 Kilometer Höhe: Im August 1962 starteteten an aufeinanderfolgenden Tagen die Raumkapseln "Wostok-3" und "-4", die sich im Weltall auf sechseinhalb Kilometer näherten, so daß die Kosmonauten Nikolajew und Popowitsch Sichtkontakt aufnehmen konnten.

Westliche Fachleute waren beeindruckt. Der angesehene britische Radio-Astronom Sir Bernard Lovell konstatierte einen großen Schritt vorwärts in Moskaus Satelliten-Killer-Programm. Tatsächlich aber hatten die Sowjets lediglich die Umlaufbahn so angeordnet, daß sich die Kapseln beinahe kreuzten und danach wieder auseinanderstrebten.

Chruschtschows Rasseln mit Waffen, die es nicht gab, hatte freilich für Moskau unangenehme Konsequenzen: Washingtons Rüstungslobby fühlte sich zur verstärkten Anstrengung ermutigt. Hinzu kam eine mehr als einjährige Aufklärungslücke, in der nicht genau der Ausbau des sowjetischen Raketenpotentials analysiert werden konnte.

Kurz nach dem U-2-Zwischenfall vom Mai 1960 hatte Präsident Eisenhower die Einstellung weiterer U-2-Missionen über der Sowjet-Union verfügt, die pro Flug im Schnitt 4000 verwertbare Aufklärungsphotos erbracht hatten. Erste Satellitenphotos erwiesen sich als unbrauchbar, "dunkel und von schlechter Qualität". Da begann Chruschtschow sein Raketen-Poker mit den USA auf Kuba.

Dabei besaß er einen unfreiwilligen Verbündeten: die Luftwaffe der USA. Amerikas Marine und Heer hatten die Raketendrohungen Moskaus kühl aufgenommen und zur Einschätzung des sowjetischen Militärpotentials zurückhaltende Geheimdienst-Analysen beigesteuert. Der US-Botschafter Llewellyn Thompson kabelte aus Moskau, für eine massive sowjetische Raketenrüstung gebe es keine stichhaltigen Beweise.

Doch Washingtons Luftwaffe hatte schon Ende der 50er Jahre für 1961 einen Bestand von 1000 sowjetischen Interkontinentalraketen vorhergesagt. Hätte sich US-Präsident Kennedy auf diese Erkenntnisse verlassen, wäre Chruschtschows Psycho-Sieg nahe gewesen. An die Luftwaffen-Interpretationen der U-2-Photos erinnert sich ein ehemaliger Bildauswerter so: "Für die Jungs von der Luftwaffe war jeder Fliegendreck auf den Photos eine Raketenstellung. Und wenn man kritisch nachfragte, murmelten sie was von Tarnung."

Rechtzeitig, am Vorabend der Kuba-Krise, brachten "Discoverer"-Spähsatelliten der USA dann die nötige Klarheit: Einzig in Plessezk wurden ernst zu nehmende Raketen-Stationierungen ausgemacht. Der US-Geheimdienst schraubte daraufhin seine sowjetische Interkontinentalraketen-Schätzungen auf rund zehn Geschosse herunter. Das war noch zu hoch gegriffen: Ganze vier SS-6-Raketen standen für den Kuba-Showdown einsatzbereit, die Nachfolgemuster SS-7 und SS-8 befanden sich seit dem Vorjahr in der Erprobung.

Nach dem demütigenden Rückzug seiner Mittelstreckenraketen von Kuba blieb Chrutschschow nur noch Raum für schwache Abwehrgesten. Weil es mit dem politischen Bluff nicht so recht geklappt hatte, verordnete er seinen Militärs die Rückbesinnung auf eine andere militärische List: die Tarnung.

"Woher will der Westen eigentlich die Eigenschaften unserer SS-20-Raketen so genau kennen?" fragte 1982 ein hoher Sowjetfunktionär den SPIEGEL. Denn: "Die Amerikaner können nur zwei Tests beobachtet haben." Das hieße allerdings, daß die Sowjets selbst die Eigenschaften ihrer Superwaffe so genau nicht kennen. Dann ließe sich nicht ausschließen, daß auch die sowjetischen Europa-Raketen nicht so gut sind wie ihr Ruf (und auch nicht so zahlreich, wie das Pentagon meint).

Es wäre ein Triumph der üblichen sowjetischen Rüstungs- und Kriegslist - des Bluffs. Jener hohe deutsche Nato-General, der, über die SS-20-Erkenntnisse der Amerikaner befragt, antwortete, "alle Bilder angeschaut" zu haben, räumt heute ein: "Die Rakete selbst habe ich nicht gesehen." _(Mit zwei britischen Jets über der ) _(Nordsee. )

Mit zwei britischen Jets über der Nordsee.

DER SPIEGEL 28/1984
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