13.08.1984

FILMIm Palmenrausch

In Cannes erhielt der Wenders-Film „Paris, Texas“ die Goldene Palme. In Deutschland wird zur Zeit juristisch gestritten, wo und wie der Film verliehen werden soll. *
Kein deutscher Film wurde in höheren Tönen gelobt, keiner mit größerer Erwartung befrachtet als "Paris, Texas" von Wim Wenders. Im Mai gewann der Film die "Goldene Palme" von Cannes, am 28. September sollte er in die deutschen Kinos kommen. Statt dessen spielt "Paris, Texas" jetzt vor Gericht.
Anfang des Monats kündigten Regisseur Wenders und Produzent Chris Sievernich, beide Gesellschafter der Berliner "Road Movies Filmproduktion", dem Münchner "Filmverlag der Autoren" den Verleihvertrag auf, weil ihnen eine wirtschaftlich vernünftige Auswertung von "Paris, Texas" nicht gesichert schien. Wenders ist, pikante Pointe des Streits, Mitgesellschafter des Filmverlags der Autoren, neben dem Hauptgesellschafter Rudolf Augstein und den Filmemachern Hark Bohm, Hans W. Geissendörfer und Uwe Brandner.
Während der Filmverlag Wenders Film mit (ursprünglich) 40 Kopien behutsam starten und bei Kassenerfolg nachlegen wollte, sieht Road Movies in dem preisgekrönten Epos die Chance, daß endlich einmal ein deutscher Film mit den amerikanischen Großproduktionen gleichziehen könnte, wenn nur massiv genug geworben, größere Kinos gemietet und der Markt mit mindestens 80 Kopien beschickt würde.
Es ist ein Streit um Geld und um die richtige Verkaufsstrategie. Der Filmverlag fürchtet, daß der Film, eher auf ein feinfühliges Publikum angelegt, in großen Kinos zu Tode gefeiert werden könnte: leere Häuser wirken abschreckend.
Wenders und seine neuen Berater fürchten, daß mit einem zögerlichen Start der triumphale Eindruck, der schon durch die Vorschußlorbeeren aus Cannes programmiert schien, verwischt werden könnte. Wenders, der mit der Handke-Verfilmung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" begonnen hatte, stehe zum erstenmal in greifbarer Nähe eines Großgeschäfts, und nun würde sein Werk nicht gebührend verliehen.
Der Filmverlag der Autoren hat bisher sechs Wenders-Werke betreut, darunter der "Stand der Dinge", in dem Wenders sein amerikanisches Desaster mit "Hammett" und Coppola filmisch verarbeitete. "Stand der Dinge" erhielt 1982 den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig und wurde auf dem Lido-Festival als Antwort des europäischen Kinos auf die amerikanische Herausforderung frenetisch gefeiert: David gegen Goliath.
Im deutschen Kino lief das preisgekrönte Opus eher schlecht. Schuld des Verleihs, meint Wenders heute - blieb aber trotzdem beim Filmverlag. Ein Werk für Cineasten, urteilt der Verleih, und zog daraus die Begründung für seine vorsichtige Startpolitik.
Für beide Strategien gibt es erfolgreiche Vorbilder. Peter Zadeks sehr frei nach einem Simmel-Roman verfilmten "Die wilden Fünfziger" wurde mit einem gigantischen Werbeaufwand und zahlreichen Kopien in die Kinos gedrückt und waren extrem erfolgreich. Umgekehrt startete Robert van Ackerens "Flambierte Frau" bescheiden mit nur 15 Kopien in den Programmkinos - und brachte es nach zehn Wochen auf 600 000 Zuschauer (und zum Schluß auf 100 Kopien).
Im Streit um die korrekte Route nach "Paris, Texas" erschien Wenders in den Medien als Märtyrer, der "zu retten" suchte, "was zu retten ist" ("Die Zeit"). "Ein trauriges Kapitel", fand die "Frankfurter Rundschau", "eine selbstmörderische Situation."
Der Streit ging über Monate, wobei vom Filmverlag lange (zu lange?) nichts zu hören war. In der vorigen Woche eskalierte die Auseinandersetzung. Per Einstweiliger Verfügung, zugestellt am Dienstag, untersagte die Koproduzentin "Pro-Ject-Filmproduktion im Filmverlag der Autoren" dem Regisseur Wenders und seinen Road Movies, Erklärungen abzugeben, die die Auswertung von "Paris, Texas" betreffen oder den "Verleihvertrag zum Gegenstand" haben: "Der Maulkorb", resümierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".
"Paris, Texas" ist die melancholische Story eines heroischen Verlierers namens Travis (Harry Dean Stanton), der zusammen mit seinem kleinen Sohn seine Frau sucht und als Peep-Show-Mädchen wiederfindet. Durch den einseitig transparenten Spiegel, über Telephon, erzählt er ihr die Geschichte der (eigenen) Ehe. Sie aber (Nastassja Kinski) fragt den vermeintlichen Galan nur, ob sie den Pullover ausziehen soll. Der Traum zerbricht, der Verlierer macht sich per Auto auf und entschwindet im Abendrot.
"Paris, Texas" - das war der Ort, wo Travis für glücklichere Tage ein Stück Land erworben hatte.
Was wie ein klassischer Western beginnt und endet, galt "Le Monde" als der "bewegendste Film der letzten zehn Jahre". Die "FAZ" ernannte Wenders zum "augenblicklich bedeutendsten deutschen Filmregisseur". In der "Süddeutschen Zeitung" feierte Kritiker (und Wenders-Biograph) Peter Buchka den Regisseur als den "zur Zeit besten der Welt". Solche Hymnen haben, auch, den Konflikt verschärft.
In den Augen von Wenders wollte der Filmverlag mit avisierten 500 000 Zuschauern sein neues Werk weit unter Wert verkaufen und - ähnlich wie angeblich zuvor auch Wenders' "Im Lauf der Zeit" und "Stand der Dinge" - in Schuhschachtel- und Programmkinos verramschen.
Aus der Sicht des Filmverlages wiederum ist der Kritiker- und Cineastenliebling Wenders nach nur mäßig erfolgreichen Filmen nicht zwingendermaßen auch ein Garant für gewaltige Kassenerfolge beim Publikum. Nach dem Palmenrausch von Cannes haben die Münchner nun 64 Kopien für "Paris, Texas" vorgesehen; für den Herbst seien verstärkt Großkinos gebucht worden.
Den Filmverlag macht betroffen, daß Wenders gerade in dem Augenblick gehen will, da er sich vom finanziellen Sorgenkind zum Kassenschlager gemausert sieht. Schon Fassbinder, Mitbegründer des Filmverlags, ist ja 1979 ausgerechnet mit seinem größten Hit, der "Ehe der Maria Braun", zu einem US-Verleih gegangen, während er die Außenseiter-Filme bei der deutschen Ursprungsfirma beließ.
Markiert der Streit Wenders/Filmverleih das Ende des Filmverlags? Hauptgesellschafter Rudolf Augstein in einer Erwiderung an die "FAZ": "Wenn alle Filme, die Geld kosten oder kein Geld bringen, beim Filmverlag 'landen', und alle Filme, die Geld bringen, per Vertragsbruch dem Filmverlag entrissen werden, dann wäre man wohl neugierig, von woher diesem Privatinstrument der deutschen Filmförderung ein neuer Mehrheitsgesellschafter, lies Geldgeber, erwachsen soll. Für Leo Slezaks Frage, 'Wann geht hier der nächste Schwan?' wird sich ein Lohengrin denn kaum noch finden."

DER SPIEGEL 33/1984
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