13.02.1984

„Entehrend für die ganze Armee“

Der Fall Fritsch-Blomberg 1938 (III) / Von SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne *
Erst war es nur ein Gerücht, das im Haus der Gestapo-Zentrale in Berlin umging. Dann folgten ein paar konkrete Hinweise, schließlich war die ganze Wahrheit heraus: Josef Meisinger und seine Ermittler hatten sich geirrt - die Gestapo schlitterte ihrer größten Blamage entgegen.
Die Wahrheit: Der wegen angeblicher Homosexualität gestürzte und verfemte Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch war unschuldig, der Belastungszeuge Otto Schmidt hatte gelogen. Sein Erpressungsopfer war nicht der Generaloberst, sondern der pensionierte Rittmeister Achim von Frisch gewesen.
Ein paar Beamte in Meisingers Referat II H hatten die Wahrheit schon gekannt, ehe Hitler den vermeintlichen Homosexuellen-Fall hochspielte, um sich des unbequem gewordenen Heeres-Oberbefehlshabers Fritsch zu entledigen. Die Eingeweihten zogen es aber vor, zu schweigen und in der Verleumdungskampagne gegen Fritsch mitzuwirken - was im Referat Meisinger allein zählte, war Anti-Fritsch-Munition.
Das ging so lange gut, bis zwei referatsfremde SS-Führer auftauchten, die plötzlich Verdacht schöpften. Der SS-Oberführer Werner Best, Abteilungschef im Geheimen Staatspolizeiamt, und der SS-Sturmbannführer und Kriminalrat Franz Josef Huber, Referatsleiter in demselben Amt, hatten den Auftrag erhalten, Fritsch am 27. Januar 1938 zu vernehmen.
Im Grunde war es der Generaloberst selbst, der Best und Huber auf die richtige Spur brachte. Bei der Vernehmung kam er immer wieder auf die Aussage Schmidts zurück, der von ihm erpreßte Homosexuelle habe einen Ausweis vorgewiesen, mit dem er sich als "General von Fritsch" legitimierte. Das las sich im Vernehmungsprotokoll so:
FRITSCH: Mir scheint noch wichtig der Fall mit dem Ausweis, ich möchte ihn mal sehen. Er (Schmidt) sagte, der Name hätte oben rechts gestanden, da oben muß nämlich immer einer den Ausweis anerkennen. Das wäre ja auch möglich, daß mein Name tatsächlich daraufgestanden hat, daß ich ihn für einen anderen anerkannt hatte. Das ist nämlich möglich; denn er behauptet ja steif und fest, mit diesem lateinischen F hätte er es gelesen.
BEST: Noch eine Frage. Haben Sie in der vor diesem Zeitpunkt liegenden Zeit solche Ausweise unterschrieben?
FRITSCH: Jawohl, ich unterschreibe jetzt noch welche.
HUBER: Um diese Zeit sind von Ihnen Personen-Ausweise für Offiziere unterschrieben worden? (Wird bejaht.) So daß also von unserem Standpunkt aus die Möglichkeit besteht, daß eben tatsächlich ein Ausweis vorgezeigt worden ist, auf dem sich Ihr Name befand.
FRITSCH: Es ist ja so bedauerlich. Ich muß feststellen, daß es sich um einen Offizier handelt; denn erstens ist der Mann mit anderen Offizieren zusammengewesen - das spricht dafür; und zweitens hat er einen richtigen Ausweis gehabt, und zwar muß es einer gewesen sein vermutlich aus dem Bereich des Wehrkreises III, wenn mein Name darauf stand. Ich hatte früher die Kavallerie-Division, Frankfurt/Oder, da werde ich auch unterschrieben haben.
HUBER: Auch im Bereich Ihres Wehrkreises?
FRITSCH: Jawohl, auch im Bereich meines Wehrkreises.
HUBER: So daß also die Möglichkeit besteht, daß tatsächlich ihm ein Ausweis vorgezeigt wurde, auf welchem sich der Name von Fritsch befand.
FRITSCH: Das ist durchaus möglich.
Der Gedanke, ein Fremder habe mit einem von ihm, Fritsch, unterschriebenen Offiziersausweis "Unsinn" getrieben, ließ den Generalobersten nicht los. Vorsichtig gab er zu Protokoll: "Ob irgendwie ein anderer Mensch da ist, der unter meiner Flagge segelt, das wage ich nicht zu entscheiden."
Ein anderer Mensch - die beiden Vernehmer lasen die Stelle im Protokoll _(Mit Generalleutnant Guderian (2. v. l.), ) _(1938. )
immer wieder. Sie hätten ihr vielleicht keine Bedeutung beigemessen, wäre da nicht der "Bayern-Seppl", der Strichjunge Weingärtner, Fritschs angeblicher homosexueller Partner, gewesen, dessen Reaktion zu den Mutmaßungen des Generalobersten paßte.
Den Zeugen Weingärtner hatte Huber kurz vor Fritschs Erscheinen im Geheimen Staatspolizeiamt in der Nähe des Treppenaufgangs postiert und ihm eingeschärft, gleich werde ein SS-Führer mit einem Herrn heraufkommen, den er sich genau ansehen solle. Best und Fritsch waren daraufhin am Bayern-Seppl vorbeigegangen, doch der war sich sicher: Den Herrn an der Seite Bests kenne er nicht.
Wenn aber nicht einmal der Strichjunge - so folgerten Best und Huber - seinen vermeintlichen "Kunden" wiedererkennen wollte, auch nicht unter dem stärksten Druck der Gestapo-Vernehmer, dann mußte an der Geschichte Schmidts etwas faul sein.
Best hatte ein so schlechtes Gefühl in der Sache, daß er sich bei dem SS-Chef Heinrich Himmler meldete und seine Bedenken vortrug; er habe dabei, so erinnerte sich Best später, "eindeutig die Meinung ausgesprochen, daß dem Belastungszeugen Schmidt nicht zu glauben sei". Huber will sogar schon damals, wie er dem US-Historiker Harold C. Deutsch erzählte, den Doppelgänger gekannt haben.
Ende Januar 1938 wußten Himmler und Reinhard Heydrich, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, genug, um sofort eine interne Untersuchung einzuleiten. Die Spürhunde der Amtsspitze entdeckten rasch die Wahrheit: Die Gestapo hatte im Fall Fritsch erbärmlich gepfuscht.
Wichtige Indizien waren unterschlagen, die Ermittlungen ausschließlich auf die "Entlarvung" des bei der SS-Führung verhaßten Fritsch ausgerichtet worden. Einfachste Grundsätze kriminalistischer Arbeit hatten die Gestapo-Männer mißachtet: Fritsch war vor seiner Vernehmung am 27. Januar nie zu einer Stellungnahme veranlaßt worden, die Ermittler hatten sich nicht einmal vergewissert, ob der General zur Tatzeit überhaupt in Berlin gewesen war.
Nicht der kleinste Versuch war unternommen worden, um festzustellen, ob Fritsch (wie Schmidt behauptete) in dem Berliner Stadtteil Lichterfelde-Ost wohnte oder ob er (auch dies eine Angabe Schmidts) starker Raucher war. Ihnen war sogar der Griff zu dem Handbuch "Wer ist''s" zuviel gewesen, das ihnen zumindest offenbart hätte, daß Fritsch 1933 noch gar nicht General war.
Weit schlimmer aber war für Himmler und Heydrich, daß die Gestapo schon am 15. Januar 1938, also zehn Tage vor dem Hochspielen der Fritsch-Affäre durch Hitler, wußte, daß es in dem Fall einen Doppelgänger gab. An diesem 15. Januar war nämlich der Kriminalinspektor Fehling auf die Spur des echten Weingärtner-Kunden gestoßen, hatte ihn kurz vernommen und dessen Bankauszüge beschlagnahmt.
Das konnte für Himmler und Heydrich katastrophal ausgehen. Wenn Hitler merkte, daß ihn die Gestapo mit unsolidem Anti-Fritsch-Material ausgestattet hatte, das jeden Augenblick widerlegt werden konnte, würde seine Wut gegen die Stümper von SS und Polizei keine Grenzen kennen - von der Reaktion der Wehrmacht ganz zu schweigen.
Dagegen sah Heydrich nur ein Mittel: vertuschen, abwiegeln, leugnen. Der Amtschef ließ jedem Gestapo-Mann einhämmern, es dürfe kein Wort über den Fall Fritsch an die Außenwelt dringen. Selbst Kollegen in anderen Polizeibereichen sollten nichts erfahren, ja schon für die anderen Referate der Gestapo-Zentrale galt Heydrichs Sprechverbot.
Zugleich wurden alle Spuren beseitigt, die Neugierige zu dem Doppelgänger Frisch hätten führen können. Auch der Zeuge Weingärtner mußte verschwinden - in einem entfernten Gefängnis unter Kontrolle der Gestapo.
Dann starteten Meisingers Leute ein dreistes Ablenkungsmanöver. Als würden sie noch immer an die Homosexualität des Generalobersten von Fritsch glauben, ließen sie ihre Fahnder in Kasernen der Wehrmacht und in Privatwohnungen einfallen, um neues Belastungsmaterial gegen den gestürzten Heeres-OB zu sammeln.
Wer jemals als Putzer bei Fritsch gedient hatte, mußte sich von der Gestapo vernehmen lassen. Der Schirrmeister Giersch, der Feldwebel Nehring, der Stabsunteroffizier Schmidtke, der Gefreite Carls - keinen der "Burschen" ließen Meisingers Schnüffler aus, jeder hatte sich darüber zu äußern, ob er den _(Rechts neben Heydrich (halb verdeckt): ) _(SS-Führer Nebe, Wolff, Best. )
Generalobersten von Fritsch für einen Homosexuellen halte.
Als nächste kamen Fritschs ehemalige Adjutanten an die Reihe, die sich ebenfalls verhören ließen, obwohl sie ganz genau wußten, daß das Eindringen der Gestapo-Männer in die Kasernen illegal war, weil die Führung der Truppe, wie dies vorgeschrieben war, niemals ihre Einwilligung dazu erteilt hatte.
Schließlich griffen sich Meisingers Ermittler auch zwei Männer namens Fritz Wermelskirchen und Gerhard Zeidler, die als Jungen 1933 bei dem General freie Beköstigung, einen sogenannten Freitisch, bekommen hatten. Fritsch selber hatte den Fahndern den Tip gegeben, bei den beiden einmal nachzufragen.
Genüßlich hielten die Gestapo-Männer fest, was Wermelskirchen, Zeidler und ihre Mütter zu erzählen wußten: Ja, der General habe manchmal militärische Übungen mit seinen Kostgängern veranstaltet, habe sie gelegentlich auch ins Ohr gekniffen oder ihnen mit einem Lineal auf das Gesäß geschlagen.
Das fanden die beiden Jungen lediglich komisch, nur Mutter Luise Zeidler war da anderer Meinung. Den Gestapo-Männern diktierte sie ins Protokoll: Sie habe sich damals gedacht, ob der General vielleicht anders eingestellt sei als andere Männer.
Scheinerfolge dieser Art spornten die Gestapo an, immer arroganter gegenüber den Fritsch-freundlichen Ermittlern der Wehrmachtjustiz aufzutreten. Ihre Ermittlungsberichte enthielten die Gestapo-Männer den feldgrauen Konkurrenten vor, und bald wollte das Geheime Staatspolizeiamt auch an dem kriegsgerichtlichen Verfahren beteiligt werden, was jedoch die Militärjuristen zu verhindern wußten.
Doch es gab einen Mann außerhalb der Gestapo, der das Vertuschungsmanöver von Heydrich und Meisinger durchschaute. Er trug zwar wie sie die schwarze Uniform der SS, doch ihm mißfiel lebhaft, daß sich Himmlers Schutzstaffel des ganzen Polizeiapparates bemächtigt hatte: Kripo-Chef Arthur Nebe kam den Fritsch-Freunden zu Hilfe.
Das tat er freilich noch nicht aus irgendwelchen Widerstandsmotiven, die ihm die Historiker später schon für diese Zeit zuschrieben. Nebe war damals noch gläubiger Nationalsozialist, auf Hitler ließ er nichts kommen. Aber er konnte Heydrich nicht ausstehen, dem er nicht zuletzt nachtrug, der Kriminalpolizei das Sachgebiet "Bekämpfung der Homosexualität" entzogen und Meisingers Referat zugeschlagen zu haben.
Seither sammelte Nebe unermüdlich Material, mit dem er nachweisen wollte, daß die Gestapo gar nicht den kriminalistischen Sachverstand besitze, um die Homosexualität erfolgreich zu bekämpfen. So war er an allen Pannen interessiert, die Meisingers Referat unterliefen. Jeder zur Gestapo versetzte Kripo-Mann kannte Nebes Interesse, mancher bediente ihn mit Insiderwissen.
Kein Wunder, daß Nebe erfuhr, welche "Panne" den Mitarbeitern Meisingers im Fall Fritsch unterlaufen war. Nebe war entschlossen, sein Wissen zu nutzen. Er hatte einen Freund, der solche Informationen suchte, gehörte er doch zu regimefeindlichen Kreisen, die sich gerade für die Rehabilitierung Fritschs engagierten: den ehemaligen Regierungsrat und NS-Gegner Hans Bernd Gisevius.
Am späten Abend des 31. Januar traf sich Nebe mit dem Freund in einem dunklen Park des Berliner Stadtteils Zehlendorf und erzählte ihm, was er aus der Prinz-Albrecht-Straße gehört hatte. Gisevius merkte sich, "daß im sogenannten ''Falle'' Fritsch eine Verwechslung vorliegt. Heydrich und Himmler wüßten es. Jedoch seien alle erdenklichen Maßnahmen getroffen, die Sache zu vertuschen".
Wer allerdings der Doppelgänger war, wußte Nebe nicht. Aber auch die begrenzten Kenntnisse des Kripo-Chefs genügten Gisevius, um sofort seine Freunde in der Abwehrabteilung des Konteradmirals Wilhelm Canaris aufzusuchen und auch andere Fritsch-Helfer zu alarmieren.
Vor allem den Abwehrchef Canaris, Gegenspieler von Gestapo und SD, interessierte der Bericht von Gisevius. Er spekulierte: Wenn sich erhärten ließ, daß es im Fall Fritsch um eine Personenverwechslung ging, war die Gestapo diskreditiert. Dann war auch Hitler bloßgestellt, und er würde seinen Zorn auf die dilettantischen Methoden der Geheimen Staatspolizei richten.
Diesen Augenblick galt es dafür zu nutzen, den Machtapparat Heydrichs und Himmlers zurechtzustutzen. Canaris hatte einen Plan: In der Stunde, da sich Fritschs Unschuld erwies, mußte die Wehrmacht die Abhalfterung der gesamten Gestapo-Führung verlangen.
Canaris kontaktierte den Oberst Friedrich Hoßbach, der noch immer (trotz seiner Absetzung als Hitlers Wehrmachtadjutant) die Zentralabteilung im Generalstab des Heeres leitete, und gemeinsam konzipierten sie die Strategie zur Rettung Fritschs und zur Entmachtung der Gestapo.
Die beiden Planer zogen auch führende Generale ins Vertrauen, so den Heeres-Generalstabschef Ludwig Beck und den Chef des neuen Oberkommandos der Wehrmacht, General Wilhelm Keitel. Der ängstlich-schwache OKW-Chef sah jedoch die Aktivität von Canaris und Hoßbach in der Fritsch-Sache ungern; er befürchtete, sie bringe die Wehrmachtführung in Gegensatz zur Gestapo, und nichts erschreckte den General mehr als die Aussicht auf eine Konfrontation mit dem Machtapparat Himmlers.
Canaris ließ jedoch nicht davon ab, neue Helfer für die Fritsch-Sache zu suchen. Er scheute sich nicht einmal, Hermann Göring zu hofieren, dessen unheilvolle Rolle in dem Intrigenspiel gegen Fritsch er allerdings nicht kannte. Göring, stets auf die stärkeren Bataillone setzend, war umgeschwenkt; nach dem Abgang Blombergs einziger aktiver Generalfeldmarschall und mithin ranghöchster Soldat der Wehrmacht, schien es ihm nicht unratsam, den Wahrer militärischer Traditionen hervorzukehren.
Zudem war Göring inzwischen zum Vorsitzenden des von Hitler bestellten Gerichts des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht ernannt worden, der über den Fall Fritsch entscheiden sollte. Göring
wußte schon, daß er vorsichtig taktieren mußte; eben hatte ihn Best darüber aufgeklärt, wie unsolide der Belastungszeuge Schmidt sei.
Auf ebendiesen Göring und sein Gericht zielten alle Aktivitäten der Freunde und Helfer Fritschs. Canaris belieferte nun Göring mit Pro-Fritsch-Material, und der Beeinflussung Görings und des kriegsgerichtlichen Verfahrens diente auch der Bericht, in dem Canaris den Informanten Gisevius darlegen ließ, welche Indizien für eine Personenverwechslung sprächen.
Das Gisevius-Papier war der erste Lichtblick in dem Dunkel der bis dahin erfolglosen Ermittlungen, mit denen zwei Reichskriegsgerichtsräte begonnen hatten. Ihr Wortführer war der regimekritische Karl Sack, ein ebenso brillanter wie mutiger Jurist, der nicht einen Augenblick daran zweifelte, daß der Generaloberst von Fritsch unschuldig sei.
Doch er mußte Rücksicht nehmen auf den ängstlich-anpasserischen Kollegen Biron, einen Luftwaffenrichter, der auf Druck Görings mit der Führung der Voruntersuchung beauftragt worden war. Sack hatte anfangs alle Mühe, den Parteigenossen Biron zur Aktivität zu bewegen, zumal der überall karrierehemmende Schwierigkeiten sah.
Hinzu kam, daß den beiden Untersuchungsrichtern kein neues Material zur Verfügung stand. Die Gestapo mauerte und riß ständig die Initiative an sich, während sich die Wehrmachtjustiz in die Defensive gedrängt sah. Nicht einmal der optimistische Fritsch-Verteidiger Rüdiger Graf von der Goltz sah neue Indizien.
Da mußte der Bericht von Gisevius die drei Juristen in Hochstimmung versetzen. Doch sie verflog rasch, denn Sack, Biron und Goltz wußten nicht, wie sie herausfinden sollten, wer der Doppelgänger war. Nebe hüllte sich in Schweigen. Den Namen kannte er noch immer nicht, aber er hatte neue Nachrichten aus der Prinz-Albrecht-Straße.
Dank Nebes Tips gelang es den beiden Untersuchungsführern endlich am 11. Februar, den angeblich verschwundenen, in Wahrheit von der Gestapo festgehaltenen Zeugen Weingärtner zu finden, der mit Fritsch den homosexuellen Akt verübt haben sollte. Weingärtner bestritt (wie schon vor der Gestapo) entschieden, daß der Generaloberst sein Partner gewesen sei.
Der Präsident des Reichskriegsgerichts, General Walter Heitz, hielt die Aussage für so entscheidend, daß er bereit war, Hitler die Niederschlagung des Verfahrens zu empfehlen. Heitz, Sack und Biron reisten zum Berghof Hitlers, wo sie dem Diktator am 13. Februar 1938 ihren Wunsch vortrugen. Doch Hitler lehnte ab, er verlangte "eindeutige" Beweise für Fritschs Unschuld. Das nutzte die Gestapo zu einem neuen Störmanöver. Sie lud Fritsch abermals zu einer Vernehmung vor. Goltz und Canaris rieten dem Generalobersten ab, doch der wollte sich nicht hindern lassen, seine "Pflicht" zu tun.
Schließlich wartete der OKW-Chef mit einem Kompromißvorschlag auf. Keitel riet, Gestapo und Fritsch sollten sich auf "neutralem Boden" treffen, in einer der SS gehörenden Villa in Wannsee, die offiziell aber nicht der Gestapo unterstand. Fritsch willigte ein.
Der Reichskriegsgerichtsrat Ernst Kanter, ein neues Mitglied der Ermittlungsgruppe Biron/Sack, sollte Fritsch begleiten, und eine Heereseinheit sollte auffällig-unauffällig in der Umgebung postiert werden, um die Gestapo vor "Dummheiten" zu bewahren.
Am 20. Februar fand die neue Vernehmung Fritschs statt, die ergebnislos verlief. Kriminalrat Meisinger führte das Verhör diesmal selber. Er trat dabei so rüde auf, daß Kanter eingreifen und den Gestapo-Mann ersuchen mußte, sich nur mit Fragen zu befassen, die zum Verfahren gehörten.
Jetzt wurde es selbst Fritsch zuviel. Am 23. Februar diktierte er Sack eine zusätzliche Aussage ins Protokoll der Wannsee-Vernehmung: "Eine so schmachvolle Behandlung hat zu keiner Zeit je ein Volk seinem Oberbefehlshaber des Heeres angedeihen lassen. Ich gebe das hiermit ausdrücklich zu Protokoll, damit die spätere Geschichtsschreibung weiß, wie im Jahre 1938 der Oberbefehlshaber des Heeres behandelt worden ist. Eine solche Behandlung ist nicht nur unwürdig für mich, sie ist zugleich entehrend für die ganze Armee."
Das war just der Eklat, den Canaris für seine Zwecke benötigte. Wo immer er hinkam, erzählte er die Geschichte von dem Zusammenstoß in Wannsee.
Jeder hohe Funktionär im Reich sollte von der Mißhandlung Fritschs erfahren. Canaris erzielte dabei manchen Erfolg: Auf der Jahrestagung der Schlieffen-Gesellschaft am 28. Februar brandmarkten die Polizeipräsidenten von Berlin und Potsdam, immerhin hohe Funktionäre der SA und SS, das Vorgehen der Gestapo.
Solche Empörung trieb auch die drei Untersuchungsführer zu einem neuen Versuch an, Fritschs Unschuld zu beweisen.
Sie hatten schon manche Behauptung des Belastungszeugen Schmidt widerlegt: Ihnen war der Nachweis gelungen, daß Fritsch niemals den von Schmidt beschriebenen Ausweis besessen und nicht im Umkreis des Hauses 21 der Ferdinandstraße gewohnt hatte, in das Schmidts Erpressungsopfer Frisch im November 1933 hineingegangen war, um Schmidt auf eine falsche Spur zu führen.
Doch die Aussage des Strichjungen Weingärtner ließ keinen Zweifel daran, daß die Homosexuellen-Szene am Wannseebahnhof tatsächlich stattgefunden hatte, freilich nicht mit Fritsch. Wer aber war der Unbekannte?
Sack fiel der Bericht wieder ein, der von einer Personenverwechslung gesprochen hatte. Auch Kanter wußte etwas: Der Gestapo-Inspektor Fehling hatte ihm erzählt, Schmidt mache manchmal aus seinen Opfern mehr, als sie in Wirklichkeit seien. Der Partner des Weingärtner mußte also ein Offizier sein, der eine ähnliche Position oder einen ähnlichen Namen wie Fritsch besaß.
Vielleicht - so spekulierten die drei Ermittler - gab es Zeugen, die diesen Doppelgänger mit Schmidt zusammen gesehen hatten, womöglich sogar bei der Übergabe des Schweigegeldes. Biron und Sack setzten mit neuen Nachforschungen dort an, wo das Geld ausgezahlt worden war: im Wartesaal des Bahnhofs Lichterfelde-Ost.
Die beiden lasen noch einmal die Aussage Schmidts nach, in der er beschrieb, wie er und sein Kumpan Heiter, genannt "Bucker", den er als Kriminalbeamten vorstellte, sich mit dem "General" vor dem Wartesaal getroffen hatten.
Schmidt: "Ich habe ihn vor der Tür begrüßt und ihm gesagt, hier ist mein Kollege. Der Zivilist ist aufgeregt, er sagt, kommen Sie, meine Herren, was soll das alles, und er führt uns durch den Gang. Wir gingen in die zweite Klasse der Bahnhofswirtschaft. In der Ecke links waren weißgedeckte Tische, an die wir uns setzten."
"Der Zivilist", so hieß es dann bei Schmidt weiter, "sagte, wir müssen die Sache aus der Welt schaffen. Es wurden zunächst drei Asbach-Uralt und dann noch drei getrunken. Er fragte: Rauchen Sie, meine Herren? Natürlich! Es wurde eine Kiste Zigarren bestellt, was für eine Sorte kann ich nicht mehr sagen. Ich glaube 30-40 Pfennige, es waren gute Zigarren."
Und weiter: "Er war aufgeregt und hat den Mantel an- und den Hut aufbehalten, weil der Bucker nicht (überzeugend) war. Ob er was gemerkt hat? Ich glaubte, er hatte etwas gemerkt, daß die Sache nicht stimmt, weil der Bucker ein bißchen komisches Aussehen hat, weil man ihm den Kriminalbeamten nicht ansehen konnte. Der Zivilist jammerte, ich denke, die Sache ist erledigt. Ich sagte ''Ja''."
Nach einigem Palaver war alles vorbei gewesen. Schmidt: "Er gab die tausend Mark, die ich einsteckte, ohne nachzuzählen, und wir verabschiedeten uns nach langwierigen Gesprächen und Ehrenwortgeben. Als wir gingen, sagte er noch, nehmen Sie sich man die Zigarren mit. Ich habe die Zigarren herausgegriffen. Der Herr blieb sitzen, und ich bin abgehauen."
Sack und Biron nahmen an, daß der "General" sich nicht zufällig mit den Ganoven gerade in diesem Wartesaal getroffen habe, möglicherweise sei er dort häufiger gewesen. Gemeinsam fuhren sie nach Lichterfelde-Ost.
Am Nachmittag des 1. März suchten sie den Wartesaal auf und befragten die Kellnerin. Die konnte sich nach einiger Mühe erinnern, früher sei oft ein pensionierter Offizier gekommen, meist in Begleitung einer Dame, und er wohne in der Nähe, möglicherweise in der Ferdinandstraße.
Die beiden Untersuchungsführer beschlossen, gleich am nächsten Morgen die Nachbarhäuser der Ferdinandstraße 21 abzusuchen; sie wollten auch im Adreßbuch nach einem Fritsch-ähnlichen Namen Ausschau halten. Die Idee fand Biron so gut, daß er noch am Abend Goltz anrief und ihm davon erzählte.
Der Anwalt war zu ungeduldig, um auf das Ergebnis der Visite in der Ferdinandstraße zu warten. Er beschaffte sich ein Adreßbuch, schlug die Seite mit den Eintragungen über die Bewohner der Ferdinandstraße auf und las auf einmal: "von Frisch, A., Rittmeister a. D." Und wo wohnte der? Ferdinandstraße 20, dem Haus benachbart, das laut Schmidt der angebliche General von Fritsch betreten hatte.
Sofort benachrichtigte der Graf die Ermittler, am nächsten Vormittag eilten die beiden Untersuchungsrichter Biron und Sack in die Ferdinandstraße. Kurz darauf standen sie vor dem kranken Rittmeister und einer Krankenschwester - der Dame, von der die Kellnerin gesprochen hatte.
Es stimmte alles: Der Rittmeister Achim von Frisch bekannte sich zu dem Vorgang am Wannseebahnhof, er besaß den von Schmidt beschriebenen Pelzmantel, und er wies auch die Quittungen für das gezahlte Erpressungsgeld vor. Die Krankenschwester erzählte dazu noch, daß der Gestapo-Inspektor Fehling schon im Januar bei ihnen gewesen war. Mit einem Schlag enthüllte sich Biron und Sack die ganze Intrige der Gestapo.
Sack nahm die Aussage des Rittmeisters zu Protokoll, dann unterrichteten die beiden Reichskriegsgerichtsräte Goltz. Der eilte zu seinem Mandanten und rief ihm zu, ohne jeden Gruß, nur die gute Nachricht im Kopf: "Herr Generaloberst, Sie können Viktoria schießen lassen, der wirkliche Fritsch ist gefunden, der Fall ist restlos aufgeklärt."
Aber selbst solche Kunde konnte Fritsch nicht aufmuntern: "Auch das wird dem Führer nicht genügen. Er will etwas Derartiges nicht glauben." Beinahe hätte der Fatalist noch recht behalten - dank einer Vertrauensseligkeit von Canaris.
Hoßbach hatte gleich befürchtet, die Gestapo werde nicht tatenlos zuschauen und werde versuchen, den Rittmeister von Frisch, der gleichsam über Nacht zu einem für sie gefährlichen Kronzeugen geworden war, in ihre Gewalt zu bringen. Das mußte um jeden Preis verhindert werden.
Hoßbach beschwor Canaris, sich etwas einfallen zu lassen, das die Abwehr berechtigte, Frisch in Schutzhaft zu nehmen. Canaris lehnte ab: "Diesmal sind Sie wirklich zu mißtrauisch." Er meinte, der Zeuge solle ruhig in seiner Wohnung bleiben.
Am nächsten Tag war Frisch verschwunden - verhaftet von der Gestapo. Erst im letzten Augenblick war Canaris noch die Idee gekommen, einen Photographen der Abwehr in der Ferdinandstraße zu postieren. Das Photo wurde
(neben Sacks Vernehmungsprotokoll) zu einer Lebensversicherungspolice für den Rittmeister a. D. Frisch.
Der Fall Fritsch war geklärt, jetzt erhob die Reichskriegsanwaltschaft formell Anklage gegen den Generalobersten Freiherr von Fritsch wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen den Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches. Eine Hauptverhandlung wurde festgesetzt. Schauplatz der gerichtlichen Auseinandersetzung: das "Preußen-Haus" in Berlin, Sitz des ehemaligen Herrenhauses, der Ersten Kammer des untergegangenen Königreiches.
Am Morgen des 10. März 1938 begann die Hauptverhandlung. Göring zog mit seinen Richtern, den Oberbefehlshabern der Teilstreitkräfte und den Senatspräsidenten, in den Saal, die Anwesenden erhoben sich. Fritsch aber blieb ostentativ sitzen - die einzige Demonstration des ehemaligen OB. Göring riß nach einigen Minuten die Verhandlungsführung an sich, doch er kam nicht weit.
Der Ankläger hatte gerade mit der ersten Vernehmung Schmidts begonnen, da tauchte ein Adjutant aus der Reichskanzlei auf und überbrachte Göring eine Meldung. Ein Flüstern ging durch die Reihe der Richter. Kurz darauf erfuhr auch Fritsch, was der Bote gebracht hatte: einen Befehl Hitlers, der alle Oberbefehlshaber in die Reichskanzlei rief. Die Verhandlung wurde vertagt.
Der erste außenpolitische Gewaltstreich Adolf Hitlers stand bevor: die Annexion Österreichs. Hitlers Gegenspieler in Wien hatten der kleinen Alpenrepublik eine offenkundig undemokratische Volksabstimmung aufgezwungen, und das nutzte der Berliner Diktator zu einem tollkühnen Plan: durch einen raschen Einmarsch in Österreich das dortige klerikal-faschistische Regime zu stürzen und die Nazis auch in seiner Heimat an die Macht zu bringen.
Just in diesem Augenblick offenbarte sich, wie sehr Hitler seine Militärs, selbst die regimekritischen, schon im Griff hatte. Als sich erwies, daß die Führung des Heeres überhaupt keinen Plan für die Besetzung Österreichs hatte, ließ Hitler den Generalstabschef Beck kommen.
Es war der große Augenblick, auf den Beck immer gewartet hatte. Er erläuterte Hitler, für den Einmarsch benötige man das VII. und XIII. Armeekorps und eine Panzerdivision, die sofort mobil gemacht werden müßten, was natürlich schwierig sei, da keine Mobilmachungspläne bestünden; es müsse "also alles improvisiert werden", aber zu schaffen sei es.
Hitler erklärte, er wolle "am kommenden Sonnabend, am Tage vor der beabsichtigten Abstimmung, einrücken". Beck kalkulierte: Dann müsse der Mobilmachungsbefehl noch heute, am 10. März, an die Verbände der Wehrmacht hinausgehen.
Nach dem Gespräch war Beck, der Kritiker der Hitlerschen Expansionspolitik, wie umgewandelt: Der Führer hatte ihm Befehle gegeben, der Führer seinen Rat gesucht - so und nicht anders hatte er sich immer die Rolle des Generalstabschefs vorgestellt.
Emsig trieb er seine Planungsoffiziere an, die Befehle des Führers zu erfüllen. Nach fünf Stunden hatte Becks Operationschef, Generalmajor von Manstein, die Pläne fertig, "mit 20 Minuten Verspätung sind sie herausgegangen", wie sich Manstein später erinnerte. Bedenken gegen Hitlers Eroberungspolitik?
Ludwig Beck hatte sie in diesem Augenblick nicht.
Die Truppen setzten sich in Bewegung, bald darauf begann ein diplomatisch-militärisches Pressionsmanöver gegen Wien, dessen Steuerung Göring übernahm. Neben Hitler war er der eigentliche Regisseur des "Anschlusses": Seine Beauftragten setzten Österreichs Regierung unter Druck, seine Orders zwangen die neuen Männer in Wien, das Deutsche Reich um militärische Intervention zu "bitten".
Der Erfolg gab Hitler und Göring, scheinbar oder anscheinend, recht: Hunderttausende von Österreichern jubelten den deutschen Marschkolonnen zu, der Diktator stand auf dem Höhepunkt seiner Macht und Popularität. Und mit ihm Hermann Göring, der bei den Eingeweihten als der Hitler-Paladin galt, der die Krisen während des Österreich-Coups mit der ihm eigenen Robustheit gemeistert habe.
Das erleichterte ihm nun auch, die Fritsch-Affäre mit Pfiffigkeit und Zynismus aus der Welt zu schaffen. Es war schon gespenstisch, wie der Mann, der die ganze Intrige gegen den Heeres-OB inszeniert hatte, sich auf einmal als Retter Fritschs und Wahrheitsapostel aufspielte, wobei er freilich darauf achtete, daß seine einstigen Helfer in der Prinz-Albrecht-Straße nicht zu viele Hiebe abbekamen.
Göring wußte nur zu gut, daß die Gestapo am kürzeren Hebel saß und der Belastungszeuge Schmidt nicht mehr zu halten war. Fehling war ständig um Göring herum und weihte ihn in die Blößen der Gestapo-Position ein, auch Best war zur Stelle. Göring zu Best: "Mach ich''s nicht gut?"
In der am 17. März wiederaufgenommenen Hauptverhandlung brüllte Göring den Gestapo-Zeugen Schmidt an, ob er denn glaube, das Gericht noch weiter belügen zu können. Göring schrie so lange, bis Schmidt gestand, er habe gelogen, denn der Generaloberst sei ihm vorher nicht bekannt gewesen.
Fritschs Verteidiger wollte wissen, ob Schmidt für den Fall einer Änderung seiner ursprünglichen Aussage bedroht worden sei. Darauf Schmidt: Ja, Meisinger habe ihm gedroht: "Wenn Sie umfallen, verlieren Sie den Kopf!" Sofort meldete sich der Kriminalrat zu Wort: Er habe den Zeugen lediglich zur Wahrheit ermahnt.
Die Gestapo hatte die Schlacht verloren. Biron beantragte, das Gericht möge die erwiesene Unschuld des Angeklagten feststellen, doch so rasch mochte Graf von der Goltz die Verleumder nicht davonkommen lassen. In einem mutigen Schlußplädoyer klagte er sie an: "Ein einmalig ungeheuerliches Vergehen von Verbrecherhand" sei "in nichts verflogen", die "ungeheuerlichste Beschimpfung des ganzen Heeres" in sich zusammengebrochen.
Göring war verärgert. "Das war ja unerhört", sagte er zu einem Richter, "der Mann hat gewagt, sogar den Führer anzugreifen, obwohl er sehr geschickt formuliert hat." Doch dann mußte er über den Parteigenossen Goltz schmunzeln. Göring: "Ist doch ein famoser Kerl."
Am 18. März 1938 gab der Verleumder seinem Opfer die Ehre zurück. Generalfeldmarschall Göring las feierlich vor, was das Gericht beschlossen hatte: "In der Sache gegen den Generaloberst a. D. Werner Freiherr von Fritsch hat das Gericht des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht ... für Recht erkannt: Die Hauptverhandlung hat die Unschuld des Generaloberst a. D. Freiherr von Fritsch in allen Punkten ergeben."
Jetzt wollten manche Militärs mit der schwarzen Konkurrenz abrechnen. Der neue Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walther von Brauchitsch, ein entfernter Onkel des Flick-Managers Eberhard von Brauchitsch, hatte versprochen, er werde eine Demarche bei Hitler unternehmen, sobald die Unschuld seines Vorgängers vom Gericht bestätigt sei.
Auch die Gegner rechneten mit einer Aktion. Täglich liefen in der Prinz-Albrecht-Straße Meldungen ein, denen Heydrich und Himmler entnehmen mußten, im Heer rotteten sich Offiziere zusammen, die mit dem Gedanken spielten, die Macht der Sicherheitspolizei zu brechen.
Eines Tages erreichte den Heydrich-Adlatus Walter Schellenberg ein Alarmruf seines Chefs. Heydrich befahl, Schellenberg solle sich sofort mit Pistole und Munition bewaffnen und sich bei ihm melden.
Schellenberg beeilte sich, so gut er konnte. Er traf Heydrich in unruhiger Stimmung an; zusammen gingen sie ins Kasino des Geheimen Staatspolizeiamtes.
Stunde um Stunde verrann, Heydrich wurde immer nervöser. Plötzlich blickte er auf die Uhr. Heydrich: "Wenn die in Potsdam nicht innerhalb einer Stunde losmarschieren, dürfte die Gefahr vorüber sein." Erst da merkte Schellenberg, daß Heydrich ernsthaft mit einer Aktion der Potsdamer Garnison gegen die Prinz-Albrecht-Straße gerechnet hatte.
In der Tat hegten einige Militärs solche Pläne, doch den Männern um Canaris schwebte eine andere Lösung vor. Mit einer Demarche bei Hitler wollten sie zumindest Macht und Einfluß der Geheimen Staatspolizei verringern. Der Abwehrchef hatte die Parole ausgegeben: "Befreiung der Wehrmacht von dem Alpdruck einer Tscheka."
Canaris und Hoßbach formulierten Vorschläge, die Brauchitsch zur Aktion anspornen sollten. "Der Gestapo", schrieben Canaris und Hoßbach, "muß (im Fall Fritsch) der Vorwurf gemacht werden: a) daß sie eigenmächtig, nachdem der Führer die Vernichtung der Akten angeordnet hatte, die Ermittlungen wiederaufnahm; b) daß sie bei Führung der Ermittlungen es pflichtwidrig unterlassen hat, die zur Entlastung des Beschuldigten dienenden Umstände aufzuklären; c) dem Führer wahrheitswidrig gemeldet hat, die Schuld des Generalobersten v. Fr. sei erwiesen, obwohl nur eine völlig unzulängliche Untersuchung stattgefunden hatte."
Meisinger habe außerdem Schmidt gedroht, wenn er umfalle, verliere er seinen Kopf. Die beiden Autoren verlangten: "Meisinger wird sich deshalb wegen eines Verbrechens der Zeugniserpressung nach Paragraph 373 Reichsstrafgesetzbuch zu verantworten haben." Gegen die anderen an dem Fall beteiligten Beamten der Gestapo müsse ein Dienststrafverfahren eingeleitet werden.
Das aber genüge noch nicht: "Darüber hinaus muß eine völlige Änderung des
Systems und der leitenden Personen verlangt werden." Zentrale Forderung sei: "Wesentliche Änderungen in der Führerstellenbesetzung der Geheimen Staatspolizei. Hierbei kommen in erster Linie in Frage: Himmler, Heydrich, Jost (SD), Best, Meisinger, Fehling u. a."
Canaris und Hoßbach begründeten: "Eine weitere gedeihliche Zusammenarbeit der Wehrmacht mit den verantwortlichen, an der Diffamierung des Generaloberst Freiherr von Fritsch und damit auch an dem beleidigenden und niederträchtigen Angriff auf das Heer beteiligten und führenden Personen der Geheimen Staatspolizei ist nach Lage der Dinge untragbar."
Die beiden Autoren werden gewußt haben, was sie da den Generalen Brauchitsch und Beck zumuteten: nichts weniger als die Forderung nach Beseitigung der SS- und Gestapo-Führung. Hoßbach und Canaris schrieben denn auch, es müsse alles vermieden werden, was den Gegnern erleichtere, die Demarche "als eine Meuterei, einen Militärputsch oder eine andere gegen die Partei gerichtete Aktion" auszulegen.
Wer aber sollte an der Demarche teilnehmen? Die Autoren schlugen vor: Brauchitsch, Beck, außerdem die Generale von Rundstedt, von Bock und List. Um den beiden Führern des Heeres Mut zu machen, regten die Verfasser ferner an, Göring und Keitel an dem Unternehmen zu beteiligen.
Damit aber wurde das Canaris-Hoßbach-Programm vollends zur Illusion, denn es gehörte schon ein gerütteltes Maß an Naivität dazu, sich den Opportunisten Göring und "Lakeitel", wie man den OKW-Chef zu nennen anfing, in einer Phalanx gegen die SS-Führung vorzustellen.
Aber auch die Führung des Heeres dachte nicht daran, den Vorschlägen zu folgen. Kein maßgeblicher General des Heeres brachte die Courage auf, das Säuberungsprogramm gegenüber dem zu schrankenloser Macht aufgestiegenen Hitler zu vertreten. Brauchitsch wollte sich an seine früheren Vorsätze nicht mehr erinnern und verbannte das heikle Papier in die Aktenablage, Beck war weniger denn je für oppositionelle Schritte ansprechbar.
Auch der dritte General auf Canaris'' Liste - Rundstedt - verweigerte sich jeder Aktion gegen Himmler und die Gestapo. Das erfuhr auch Fritsch, der in einem Anfall verspäteter Wut den SS-Chef zu einem Pistolenduell fordern wollte und seinen Kameraden Rundstedt zum Sekundanten erwählt hatte.
Rundstedt sollte die schriftliche Forderung Fritschs dem Reichsführer-SS übergeben, doch er zuckte zurück; tagelang lief er mit dem Papier herum, ehe er sich entschloß, seinem Kameraden von Fritsch die Idee wieder auszureden. Rundstedts Argument: Man dürfe die Kluft zwischen Heer und Regime nicht noch vertiefen.
Das war deutlich genug. Die Militärs hatten die Chance verpaßt, die Blamage der Gestapo wenigstens zur Wiederherstellung ihrer teilautonomen Stellung vor dem 4. Februar 1938 zu nutzen. Auch hier erwies sich: Der Wehrmachtführung war mit den Fällen Fritsch und Blomberg politisch das Rückgrat gebrochen worden.
Hitler kam zudem den Militärs einen kleinen Schritt entgegen. Er rief einen Kreis von Generalen zusammen und rehabilitierte Fritsch, ohne ihn freilich wieder in den Dienst zurückzurufen. Er verlieh ihm lediglich den Ehrentitel eines Chefs des Artillerie-Regiments 12 - in den Reihen des Regiments ist Werner von Fritsch als "Zielscheibe", wie er sich selber bezeichnete, am 22. September 1939 im Kampf um Warschau gefallen.
Himmler hingegen ließ den Strich-Erpresser Schmidt erschießen, stellte Fehling vor ein Disziplinargericht und entfernte ihn zeitweilig aus der Gestapo-Zentrale. Einer der Sachbearbeiter der Fritsch-Affäre, Kriminalkommissar Eberhard Schiele, mußte ebenfalls das Geheime Staatspolizeiamt verlassen, und auch Meisinger verlor seine Reichszentrale für die Bekämpfung der Homosexualität und dann seinen ganzen Gestapo-Posten.
Für die meisten Fritsch-Freunde aber wurde das Drama von Verleumdung und Rehabilitierung des Generalobersten zum Anlaß eines Umdenkungsprozesses, der sie in den Widerstand gegen Hitler führte. Als Märtyrer eines "Aufstands des Gewissens" starben sie später alle: Canaris wie Nebe, Sack und Oster, auch der anfangs so zögerliche Beck.
Was hatte doch der Fatalist Fritsch über Hitler gesagt? "Dieser Mann ist Deutschlands Schicksal, im Guten und im Bösen, und dieses Schicksal wird seinen Weg zu Ende gehen; geht es in den Abgrund, so reißt er uns alle mit - zu machen ist da nichts."
Ende _(Mitte: Göring. )
Mit Generalleutnant Guderian (2. v. l.), 1938. Rechts neben Heydrich (halb verdeckt): SS-Führer Nebe, Wolff, Best. Mitte: Göring.
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 7/1984
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