12.03.1984

„Und nun beginnen wir mit Ihrer Umerziehung“

SPIEGEL-Korrespondent Tiziano Terzani über seine Ausweisung aus der Volksrepublik China *
Gestehen Sie, gestehen Sie Ihre Verbrechen, und die Volksregierung wird nachsichtig mit Ihnen umgehen. Wenn Sie irgend etwas verbergen, wird die Bestrafung sehr streng sein ... Gestehen Sie. Es ist zu Ihrem eigenen Besten. Denken Sie an Ihre Zukunft ... Gestehen Sie!"
Fünf chinesische Polizisten in blauer Uniform starren mich an, und die metallische Stimme des Vernehmungsoffiziers erreicht mein Ohr, Stunde um Stunde, wie aus weiter Ferne.
"Gestehen Sie! Wir kennen Ihre Verbrechen. Das Volk hat Sie seit langer Zeit beobachtet", sagt der zweite Vernehmungsoffizier. Mir fallen Bücher ein, die ich vor langer Zeit gelesen habe: "Gefangener bei Mao" von Jean Pasqualini, dem Franzosen, der sieben Jahre im Gefängnis gesessen hatte, und "Geisel in Peking" von Anthony Grey, dem britischen Journalisten, der 26 Monate lang in Einzelhaft gehalten worden war.
Doch dies ist nicht die Vergangenheit, dies ist nicht das China der Viererbande, es ist jetzt - 1984. Und es sind auch nicht sie, die anderen, ich bin es, und ich lächle innerlich bei dem Gedanken: Ich, jetzt, in Peking, eine "Geisel von Teng Hsiao-ping"?
"Welche Verbrechen?" frage ich.
"Sie kennen Ihre Verbrechen, und es wäre besser, wenn Sie sie gleich gestehen. Wenn Sie gestehen, können wir Ihnen helfen. Wir sind Polizisten der Volksrepublik China, und es ist unsere Pflicht, Ihnen bei Ihrer Umerziehung zu helfen. Sprechen Sie. Machen Sie keine Ausflüchte. Gestehen Sie."
Es begann alles am 1. Februar bei einer Ausreise aus China über Macau nach Hongkong. Am Grenzposten Gongbei durchsuchten mich Zollbeamte der Volksrepublik bis auf die Haut und beschlagnahmten meinen Talisman - einen kleinen Buddha, den mir meine Frau nach meiner Freilassung aus der Haft der Roten Khmer 1975 geschenkt hatte.
Das Figürchen hat danach oftmals die Grenze in beiden Richtungen überquert. Nun bekam ich eine Quittung, bei meinem nächsten Aufenthalt in Peking könne ich die Statue wiederbekommen.
Eine Woche später flog ich wieder nach Peking, auf dem Flughafen durchsuchten Zollbeamte gründlich mein gesamtes Gepäck. Die ganze Prozedur dauerte sehr lange, und ich weiß jetzt, daß die Verzögerung lediglich ein Vorwand war, um alle anderen Passagiere vorbeizulassen, so daß es keine Zeugen geben würde für das, was dann kommen sollte.
Als ich auf den Ausgang zuging, hielt mich ein Polizist an: "Sind Sie Deng Tiannuo?" (mein chinesischer Name besteht aus einem Schriftzeichen für den Nachnamen, dasselbe wie bei Teng Hsiao-ping - chinesische Umschrift: Deng -, und zwei Schriftzeichen für den Vornamen mit der Bedeutung "Versprechen des Himmels").
"Ja, der bin ich."
"Bitte folgen Sie mir", sagte er.
Wir gehen in den ersten Stock des Flughafengebäudes in einen kleinen Raum, wo ich mich in einen Sessel setzen soll. Zwei Polizisten bauen sich vor mir auf und beobachten mich.
"Darf ich telephonieren?" frage ich. Antwort: Es gebe kein Telephon.
Nach einer Stunde kommt ein großer, hagerer Offizier mit dicken Brillengläsern und Hakennase, zieht langsam und feierlich ein kleines Stück Papier aus seiner Tasche (am unteren Ende des Papieres klebt das große rote Siegel offizieller Dokumente) und will es vorlesen.
Automatisch greife ich nach Notizbuch und Kugelschreiber. "Stecken Sie das weg. Dies ist nicht der Augenblick, sich Notizen zu machen!", brüllt er. "Ich bin Journalist", sage ich.
"Von wegen Journalist", lacht er, "Sie sind ein Krimineller. Setzen Sie sich." Er hält das Papier mit beiden Händen und deklamiert, als ob es eine Kriegserklärung wäre: "Deng Tiannuo ... im Namen der Volksregierung, nach Artikel 38 des Strafgesetzbuches der Volksrepublik China erkläre ich Sie für festgenommen zur Vernehmung. Ich bin angewiesen, Sie in das Pekinger Amt für öffentliche Sicherheit zu bringen. Ab sofort haben Sie meinen Befehlen zu gehorchen."
Er zeigt mir den Haftbefehl, weist mit dem Finger auf die Unterschrift des Pekinger Sicherheits-Kommandanten und fordert mich auf zu unterschreiben.
Ich weigere mich: "Erst muß ich die italienische oder die deutsche Botschaft anrufen."
Mir wird bedeutet, daß mir alle Kontakte mit der Außenwelt verboten seien und sich meine Lage nur verschlimmern werde, wenn ich dieses Dokument nicht unterschriebe. Dafür würde ich noch schwerer bestraft werden. Ich weigere mich dennoch.
Ein halbes Dutzend Polizisten geleitet mich hinaus. Wir gehen an dem leeren Taxistand vorbei, an dem mehrere Telephone stehen, und ich versuche, eines zu erreichen. Eine starke Hand reißt mich zurück. Zwischen zwei Polizisten auf den Rücksitz eines schwarzen Mercedes mit heruntergezogenen Vorhängen gezwängt, werde ich nach Peking gebracht, und die lange, stille Fahrt durch die menschenleeren Straßen der nächtlichen Stadt setzt Gedanken und Alpträume frei.
Ich lebe seit vier Jahren in China und habe so manche Schreckensgeschichten über Gefangene der gefürchteten Sicherheitspolizei gehört, Geschichten von Menschen, die ohne irgendein Vergehen oder wegen einer Bagatelle für zwei oder mehr Jahre in Arbeitslagern verschwanden, ohne je einen Richter oder _(Im SPIEGEL-Büro in Peking. )
auch nur einen Gerichtssaal gesehen zu haben.
Verschwinden. Dieses Wort kommt mir immer wieder in den Sinn. Niemand hat mich gesehen, niemand weiß, daß ich festgenommen worden bin.
Bevor wir den Tiananmen-Platz erreichen, biegt das Auto nördlich in die Pei-Shi-Zi-Straße, und wir fahren auf den Hof der ehemaligen Residenz einer Prinzenfamilie, jetzt Hauptquartier des Pekinger Amtes für öffentliche Sicherheit, Abteilung Ausländer.
In einem Empfangsraum mit Teppich, Sesseln und dem üblichen Ölgemälde der Chinesischen Mauer stehen auf dem Tisch Tassen mit heißem Tee, aber keine für mich.
Polizisten kommen und gehen. Einige wollen nur einen Blick auf den Ausländer werfen. Sie flüstern miteinander, ziehen sich wieder zurück. Welchen Vergehens könnten sie mich beschuldigen?
Einige meiner Artikel über China haben bei der Regierung Anstoß erregt, das weiß ich: Mein Bericht aus Tibet hatte "einigen Behörden sehr mißfallen", so der damalige Regierungssprecher.
Im vorigen Jahr, nachdem der SPIEGEL eine Serie über die Zerstörung Pekings veröffentlicht hatte, wurde ich ins Informationsamt des Außenministeriums zitiert und "im Namen der deutschen Massen, die sich über eine solche Verzerrung chinesischer Wirklichkeit beschwert haben", getadelt und verwarnt.
Einige Beamte haben nie geglaubt, daß meine beiden Kinder den Artikel über ihre Erfahrungen in der chinesischen Schule für den SPIEGEL allein, ohne meine Hilfe, geschrieben hätten. Ende vorigen Jahres erwog das Außenministerium, wegen meiner Artikel mein Visum als Korrespondent nicht zu erneuern. Aber nach einem offenen und sehr freundlichen Gespräch im Außenministerium wurde die Angelegenheit am 17. Januar geklärt und mein Visum um ein Jahr verlängert.
Weshalb also sollte dieselbe Behörde nur zwei Wochen danach etwas gegen mich in Gang setzen? Oder war es nicht dieselbe Behörde, sondern jetzt das Ministerium für öffentliche Sicherheit, das mit der Entscheidung des Außenministeriums unzufrieden ist und versucht, mich mit seinen eigenen Methoden aus China loszuwerden - der übliche Kampf zwischen Moderaten und Radikalen?
Eine Gruppe von Polizisten betritt den Raum. Sie geben sich ganz offiziell. Ein junger Mann legt einige Blätter unbeschriebenen Papiers auf den Tisch und macht sich fertig, mitzuschreiben. Neben meinem hageren Vernehmungsoffizier nimmt noch ein anderer Platz, einer mit einem runden, völlig ernsten Gesicht.
Der Hagere: "Wie heißen Sie?"
Antwort: "Das können Sie selbst lesen." Ich reiche ihm meinen Paß.
"Wie lautet Ihr chinesischer Name?" Ich gebe ihm meinen chinesischen Presseausweis, und beide Dokumente verschwinden in der schwarzen Plastiktasche, die der Beamte die ganze Zeit an sich drückt, als ob sie alle seine verborgenen Waffen gegen mich enthielte.
Tatsächlich kommt bald darauf ein zweites kleines Blatt Papier mit einem roten Siegel wie beim ersten Dokument zum Vorschein: ein zweiter Haftbefehl. Dieser befaßt sich mit "der Festnahme des Deng Tiannuo und der Durchsuchung seiner Wohnung".
Wieder werde ich aufgefordert, zu unterschreiben. Wieder weigere ich mich, doch als das Dokument mir vorgelegt wird, bemerke ich das Datum darauf: 20. Januar. Der Befehl erging demnach drei Tage nach Verlängerung meines Visums. Das sieht in der Tat wie eine Aktion der Polizei gegen die Entscheidung des Außenministeriums aus.
Ein junger starker Polizist filzt mich. Der Inhalt meiner Taschen wird auf dem Tisch ausgebreitet, der Inhalt meines Koffers und zweier Reisetaschen auf dem ganzen Fußboden. Jedes Papier wird untersucht, alles auf Chinesisch Geschriebene und besonders Adressen chinesischer Staatsbürger.
Um 1.45 Uhr am Morgen des 9. Februar, abermals zwischen zwei Polizisten auf den Rücksitz des Mercedes gezwängt, geht es in das Diplomatenviertel. Auf dem Weg dorthin wendet sich der hagere Vernehmungsoffizier vom Vordersitz zu mir:
"Bis jetzt ist Ihre Festnahme geheimgehalten worden, und wir möchten sie auch nicht publik machen. Wir denken an Ihren Ruf, wir möchten nicht, daß Sie Ihre Stellung verlieren. Wir werden jetzt in Ihre Wohnung gehen, und wir werden das leise machen. Wir möchten kein Aufsehen erregen, wir möchten Ihre Nachbarn nicht wecken. Wir hoffen auf Ihre Kooperation."
Ich dagegen hoffe nur, daß mich jemand sieht. Als wir am Haupteingang des Hauses, in dem ich wohne, ankommen, ist keine Menschenseele in Sicht, der Hof ist ruhig, alle Fenster sind schwarz, mit Ausnahme von zweien in der obersten Etage. Aber wer wohnt da?
Erneut bitte ich, die Botschaft von dem Telephon aus anrufen zu dürfen, das in jedem Wohnblock vom Hauswart benutzt wird, um die Sicherheitspolizei zu informieren, wenn ein chinesischer Besucher die Wohnung eines Ausländers betritt. Antwort: Die Begleiter greifen unter meine Arme, jemand stößt mich zur Tür.
Hinter uns, zwischen den vielen Polizisten, von denen einige schwarze Plastickoffer tragen, ist ein Fernsehteam postiert, dazu zwei Photographen, die gerade ihre Blitzgeräte bereitmachen. Eine Falle, ein abgekartetes Spiel, in dem plötzlich Kilos von Heroin unter meinem Bett gefunden werden? Jetzt tue ich das, was ich die ganze Zeit geplant hatte: Ich schreie.
Alle Polizisten fallen über mich her. Einer versucht, mir den Mund zuzuhalten, wobei seine Hand zwischen meine Zähne gerät ... Einer faßt zwischen meine Beine, viele Hände greifen in mein Haar und drücken meinen Kopf zur Seite. Ich fühle ein paar Schläge auf meinen Schultern, aber ich schreie weiter.
Vom Vernehmungsoffizier herbeigerufen, kommen der Hausmeister meines Wohnblocks und sein Kollege vom Nachbarblock zur Unterstützung der Polizei.
Man will mich zurück in das Auto zerren, aber ich kann noch die Wagentür von außen zuschlagen. Kurz darauf haben sie mich überwältigt, Sekunden später stoßen sie mich in den Mercedes. Wir fahren zurück zum Polizeihauptquartier.
Was ich nicht wußte: Meine Schreie hatten einen westlichen Diplomaten und seine Frau aufgeweckt. Die beiden gingen ans Fenster, erkannten in dem Durcheinander der schwarzen Schatten mein graues Haar und riefen die italienische Botschaft an.
Da die Autos keine Kennzeichen trugen und die Männer in wattierten Wintermänteln aus der Ferne als chinesische Polizisten nicht auszumachen waren, hieß es zuerst, ich sei "von einer unbekannten Gruppe von Menschen zusammengeschlagen und entführt" worden.
Im Polizeihauptquartier ist der Hagere außer sich vor Wut. "Sie führen sich ja wie ein Wilder auf. Glauben Sie, Sie können uns mit Ihren Schreien einschüchtern? Wir sind die Sicherheitspolizei des Volkes, und wir fürchten uns vor niemandem. Wir fürchten uns vor nichts. Wir haben Mittel und Wege, um Sie gefügig zu machen. Wir hätten Elektrostöcke benutzen können, aber wir dachten, es würde nicht notwendig sein."
Als wir nach einer Stunde das Hauptquartier wieder verlassen, sehe ich, wie sich die Polizisten Gummiknüppel an den Gürtel hängen. Zwei kräftige junge Männer, die mich in Schach halten sollen, drehen mir sicherheitshalber die Finger beider Hände um.
Beim Verlassen des Autos wirft mir jemand einen schweren wattierten Mantel über den Kopf. Meine Schreie ersticken, ich werde wie ein Paket in meine Wohnung getragen. Vorher noch gehen die Photographen und das Fernsehteam hinein. Sie bauen ihre Lampen auf; die Wohnung ist lichtdurchflutet.
Die Polizisten schubsen mich in der Wohnung herum. Ich muß mich vor einer Buchwand aufstellen, in einem der Sessel sitzen, dann an meinem Schreibtisch.
Die Durchsuchung dauert von drei Uhr bis 6.15 Uhr morgens. Mehr als 20 Menschen durchwühlen die Wohnung. Kein einziger Gegenstand bleibt unberührt. Schubladen werden ausgeleert, Bücher geöffnet, Photos, Akten, Adreßbücher mit den Namen aller Leute, die ich in China kenne, geprüft, Lampen werden abmontiert und von innen betrachtet. Man führt mich hierhin und dorthin, damit ich vor den Beweisen meiner Verbrechen, die sich langsam auf dem Eßtisch türmen, gefilmt werden kann.
Bei der Bestandsaufnahme kommen 64 Gegenstände zusammen, daneben noch 16 Familienbilder und Photos von Kunstgegenständen, von Statuen, die ich in chinesischen Museen aufgenommen hatte.
In drei großen Taschen wird der ganze Fund fortgetragen, dabei sind: *___ein Poster von Mao Tse-tung und Hua Kuo-feng. 1980 in ____China gedruckt, an das ich ein zwei Zentimeter großes ____Kruzifix gesteckt hatte: das Souvenir hatte ich in ____einem buddhistischen Tempel in der Provinz Honan ____erstanden; *___eine Postkarte mit der Reproduktion der Mona Lisa, ____deren Gesicht durch das von Mao ersetzt war (die ____Postkarte hatte mir ein Kollege aus Europa geschickt); *___sieben Speckstein-Knöpfe; *___ein modernes Weihrauchgefäß; *___einige wertlose Bronze-Buddhas, die auf einem Hausaltar ____standen; *___drei kleine alte Bronze-Figuren von meinem ____Schreibtisch; *___ein Plakat eines Tanka, eines tibetanischen Wandbilds; *___eine hölzerne Schildkröte aus Thailand; *___ein Silberkästchen aus Laos; *___eine Steinabreibung aus Kambodscha; *___zwei chinesische Vasen; *___ein Schrankschloß; *___drei Grillenkäfige (ich bat darum, den Grillen, die ____während der ganzen Aktion friedlich weiterzirpten, die ____Beschlagnahme zu ersparen, diesem Wunsche wurde ____stattgegeben).
Peking erwacht, während wir zum Polizeihauptquartier zurückkehren. Die ersten Jogger laufen die Straße entlang, und ich denke an den Alten, der im Park der Sonne sein Schattenboxen lehrt: Heute morgen werde ich seinen Unterricht versäumen.
Das Verhör geht weiter, Stunde um Stunde. Der Hagere und der Rundgesichtige wechseln sich ab. Zwischendurch räumen sie mir manchmal etwas Zeit zum "Nachdenken" ein. Ich verweigere jegliche Mitarbeit.
In den Pausen treten einige Polizisten hinzu, die den freundlichen Part zu spielen haben. Einer spricht mich auf Französisch an, ein anderer auf Englisch, einer auf Spanisch, ein vierter auf Deutsch. Sie geben mir alle einen "persönlichen Rat": "Gestehen Sie. Es ist zu Ihrem Besten."
Dann kommen wieder die harten Vernehmungsoffiziere dran mit ihren Drohungen und Unterstellungen: "Es hat keinen Zweck, sich zu sträuben ... Wir
wissen alles ... Wir wurden informiert von ..."
Jeder weiß, daß dies ein Trick ist, so alt wie die Polizei selbst, und doch ruft man sich alle Freunde ins Gedächtnis und denkt, daß sie alle potentielle Verräter sein könnten. Ich denke an das chinesische Adreßbuch, das in meinem Schreibtisch gefunden wurde, und überlege mir, wie viele dieser Leute erpreßt werden könnten, gegen mich auszusagen und mich der furchtbarsten Missetaten zu beschuldigen.
Die Welt ist weit entfernt. Durch das Fenster schaue ich auf die Äste eines Baumes vor dem grauen Himmel über Peking und stelle mir vor, daß alle Chinesen, die ich kenne, genauso verhört werden können wie ich.
Plötzlich fühle ich, wie sie sich wohl fühlen: Was ein Chinese vor der Polizei empfinden muß - verzweifelt, ohne Boden unter den Füßen, lediglich die Möglichkeit zu gestehen, zu bereuen und sich den Rettern auszuliefern.
Ich denke: Jetzt bin auch ich ein Chinese!
Die Ausländer in diesem Land kommen den Chinesen selten nahe, denn diese bleiben hinter den Mauern, die aufgerichtet wurden, um die Fremden von ihnen zu trennen.
Die Ausländer leben in besonderen Wohnungen westlichen Stils, essen in besonderen Restaurants, reisen in besonderen Eisenbahnabteilen und übernachten in besonderen Hotels, immer geleitet und überwacht von besonderen Chinesen, deren besondere Aufgabe der Umgang mit den Fremden ist.
Die Europäer, die Amerikaner, die Russen - sie leben in China wie auf einem Karussell, das sie von den Wirklichkeiten des Lebens fernhält. Jedesmal wenn sie versuchen abzusteigen, um eine normale Beziehung zu einem normalen Chinesen aufzunehmen, wenn sie in seine Wohnung gehen oder mit ihm einen Spaziergang machen, baut sich die unsichtbare Mauer auf. Für einen Chinesen ist der inoffizielle Kontakt mit einem Ausländer "illegal".
Von Privilegien beschützt, haben sie keine wirkliche Chance, zu erfahren, was ein Chinese träumt oder fürchtet. Doch hier ist meine Gelegenheit. Plötzlich hat sich für mich ein winziges Fenster auf einen wichtigen Aspekt des chinesischen Lebens geöffnet: das Verhältnis eines Bürgers zur Volkspolizei, des einfachen Menschen zur etablierten Macht. Endlich bin ich dabei, dem dunklen Kern nahezukommen, der ein so wichtiger Teil dieses Landes ist.
Nach 19 Stunden erscheinen zwei italienische Diplomaten. Besorgt blicken sie auf den zerrissenen Ärmel meines Mantels. Jetzt erst wird bekanntgegeben, was man mir vorwirft: *___Verächtlichmachung der chinesischen Führung und der ____Kommunistischen Partei Chinas, was einer der Vernehmer ____einmal eine "konterrevolutionäre Tat" nennt. Beweise ____zum Beispiel: das Poster von Mao mit dem Kruzifix und ____die Postkarte der Mona Lisa; *___Privater Erwerb und Besitz von "wichtigen chinesischen ____Kultur-Reliquien". Beweis: der Krimskrams aus meiner ____Wohnung, den ich, wie viele Ausländer in Peking, zum ____größten Teil auf Vogel- und Grillenmärkten gekauft ____habe; *___Transport "nationaler Schätze ins Ausland". Beweis: die ____Buddha-Figur, fünf Zentimeter hoch, die meine Frau mir ____vor neun Jahren als Talisman geschenkt hat.
Nun stellen sie ihren Beschuldigten vor eine einfache Wahl: Entweder er unterschreibt die beiden Haftbefehle, die Bestandsaufnahme der Hausdurchsuchung, die Verhörprotokolle und verfaßt ein "Geständnis", oder er wird in ein chinesisches Gefängnis gesperrt.
Da ich bereits begonnen habe, wie ein Chinese zu fühlen, fällt mir der Entschluß nicht schwer, mich wie ein Chinese zu benehmen. In vielen Jahren habe ich gelernt, daß Nachgiebigkeit in China eine Tugend ist und Hartnäckigkeit ein Verbrechen.
Deshalb unterschreibe ich die Dokumente und bereite eine Erklärung vor. Die Diskussion über diesen Text dauert eine Weile. Der Sicherheitsbeamte will, daß "Geständnis" darübersteht, ich will ihn "Erklärung" nennen. Wir einigen uns auf: "Mein Fehler". Der Kernpunkt: _____" Ich, der Unterzeichnende Tiziano Terzani, in China " _____" bekannt als Deng Tiannuo, erkläre, daß ich in der Tat im " _____" Besitz einiger kleiner chinesischer Raritäten war, die " _____" ich privat erworben hatte. Ich erfahre jetzt, daß der " _____" Ankauf dieser Gegenstände, der Besitz und der Transport " _____" außer Landes gegen das Gesetz der Volksrepublik China " _____" verstößt. Ich bedaure, diesen Fehler begangen zu haben, " _____" und bitte um Verständnis. "
Um 18 Uhr des 9. Februar werde ich freigelassen, aber mein Status ist jetzt der eines "Verdächtigen unter Hausarrest": Mein Paß wird von der Polizei einbehalten, ich darf Peking nicht verlassen und muß dem Amt für Öffentliche Sicherheit für weitere Vernehmungen zur Verfügung stehen. Ich komme nach Hause in eine zerwühlte Wohnung.
Für den nächsten Tag bin ich um 14.30 Uhr zum Verhör bestellt. Derselbe Raum, dieselben Polizisten. "Und nun beginnen wir mit Ihrer Umerziehung", erklärt der Hagere, während ein anderer Polizist sich Notizen macht. "Ihre Einstellung hat sich nach den ersten Stunden geändert: Sie haben einige Fortschritte gemacht, und wir werden Ihnen zu weiteren verhelfen. Erzählen Sie nun alles, erzählen Sie uns Ihre Gedanken. Verbergen Sie nichts vor uns."
Verschiedene Gesetze und Bestimmungen werden mir vorgelesen bis zu dem Berg der Strafen, die meine Verbrechen nach sich ziehen können: von einem Bußgeld von wenigen Jüan bis hin zu zehn Jahren Gefängnis.
Es hat keinen Sinn zu argumentieren, und ich entschuldige mich für das, was ich nach ihren Worten falsch gemacht habe. "Ihre Einstellung hat sich gebessert", sagt mit einem wohlgefälligen Lächeln der hagere Vernehmungsbeamte.
Belohnungen honorieren meine "ständigen Fortschritte". In der ersten Nacht bekam ich nichts zu trinken, und als ein junger Polizist versuchte, mir eine seiner Zigaretten anzubieten, riß ein anderer mir die Zigarette aus der Hand und wies seinen Kollegen aus dem Raum.
Bei der zweiten "Umerziehungssitzung" bietet mir ein Wächter gekochtes Wasser an ("weißen Tee" nennen es die
Chinesen), bei der dritten Sitzung wird mir eine Tasse richtigen, dampfenden Tees vorgesetzt.
Beim Verhör fahre ich fort, mich wie ein Chinese zu verhalten, bemerke aber, daß ich auf diese Weise mich von meiner europäischen Seele entferne. Der deutsche Botschafter Günter Schödel, der am Montag, 13. Februar, aus Bonn zurückgekehrt und vollständig unterrichtet ist, meldet sich drei Tage lang nicht bei mir.
Es gibt auch noch Augenblicke der Spannung. "Wo haben Sie diesen tibetischen Tanka, den wir in Ihrer Wohnung gefunden haben, gekauft?"
"Das ist kein Tanka, es ist die Reproduktion eines Tanka, in London gedruckt. Sehen Sie, hier auf der Rückseite steht es: ''Printed in London''. Ich habe es im Victoria & Albert Museum für ein oder zwei Pfund gekauft."
"Sie sind ein Lügner. Machen Sie keine Ausflüchte. Sagen Sie die Wahrheit. Sie haben es in Lhasa gekauft. Wann waren Sie in Lhasa?"
"Ich war im September 1980 in Lhasa, aber ich habe dieses Plakat nicht dort gekauft."
"Sie lügen und Sie wissen das."
Der Offizier, der mich verhört, ist kein Narr. Warum also geht er so vor? In China ist das, was man sieht, oft nur ein Schatten, und, was uns wie Wirklichkeit vorkommt, nichts als Theater.
Deshalb ist es wahrscheinlich, daß der hagere Vernehmungsoffizier, der brüllt und mich der Verächtlichmachung Maos oder des Kaufs eines Tankas in Tibet beschuldigt, in Wirklichkeit auf etwas gänzlich anderes aus ist. Aber worauf?
Während all dieser Tage der Verhöre und der Umerziehung fühle ich mich auch zu Hause unter ständiger Beobachtung. Alle meine Schritte werden registriert, und seltsame Dinge geschehen: Chinesische Bekannte, die ich seit Monaten nicht mehr gesehen hatte, rufen an und erbitten Gefälligkeiten; eine "Studentin", die ich nie kennengelernt hatte, bittet mich am Telephon, ein Buch von mir ausleihen zu dürfen; ein Mann möchte bei mir Geld wechseln.
Zweimal kommen "Arbeiter" in meine Wohnung, um einen undichten Wasserhahn zu reparieren, der gar nicht undicht ist ("Man hat uns benachrichtigt", sagt ihr Anführer).
Die Untersuchung meines Falles ist offensichtlich noch nicht abgeschlossen. Weitere Anklagen?
"Du solltest aufhören, dich in Peking wie ein Chinese zu kleiden und auf einem Fahrrad zu fahren", riet mir vor einiger Zeit ein chinesischer Freund, "die Polizei könnte glauben, du bist ein Spion."
Könnte ich der "Spionage" beschuldigt werden?
"Sie müssen wissen, daß es Ausländer gibt, die in unser Land kommen, um politische und wirtschaftliche Sabotage zu betreiben", sagt mir einmal der hagere Vernehmungsoffizier.
Jedes Dokument, das nicht von der offiziellen Presse veröffentlicht ist, wird in China als "Staatsgeheimnis" betrachtet, und der Erwerb solcher Dokumente durch Ausländer könnte daher als "Spionage" betrachtet werden. "Meiyou, meiyou" ("Nichts da, nichts da"), hörte ich einen Polizisten während der Hausdurchsuchung dem Hageren zuflüstern.
Das war es wohl, wonach sie wirklich suchten: Selbst die interne chinesische Zeitschrift mit Übersetzungen von Artikeln, die in der westlichen Presse erschienen sind, meine eigenen eingeschlossen, ist ein "Staatsgeheimnis". Ich hatte keine Ausgabe dieser "Geheimsache" in meinem Archiv.
Doch das Thema Spionage kommt während meiner Umerziehung nicht wieder auf. Nach der dritten Sitzung gibt mir der Vernehmungsoffizier als Hausarbeit die Niederschrift meiner Selbstkritik auf.
"Schreiben Sie präzise, verheimlichen Sie nichts, beschreiben Sie aufrichtig Ihre Einstellung, oder Sie werden das Ganze wieder und wieder schreiben müssen", sagt er. Ich habe drei Tage Zeit, die Hausarbeit abzuliefern.
Für einen Chinesen ist es heute eine selbstverständliche Angelegenheit, eine Selbstkritik zu schreiben. Ich habe gehört, daß Studenten, die nach zwei oder drei Jahren an westlichen Universitäten nach China zurückkehren, bis zu sechs Monate damit verbringen, Berichte über das zu schreiben, was sie gesehen, was sie getan, was sie gedacht und was sie im Ausland gefühlt haben. Mao hat einmal Selbstkritik "eine Besonderheit der chinesischen Kommunistischen Partei" genannt, "etwas wie Hundefleisch, bei dem man erst, wenn man es gegessen hat, feststellt, wie gut es schmeckt".
Für einen Chinesen ist Selbstkritik wahrscheinlich das, was für einen Katholiken die Beichte ist: der einzige Weg zur Erlösung.
So schreibe ich 20 Seiten und nenne sie "China und ich". Sie handeln von meiner langen Beziehung zu diesem Lande, meiner damaligen Sympathie für Mao Tse-tung. Ich wiederhole, daß ich, wie alle anderen Ausländer in China, von Chinesen kleine chinesische Raritäten gekauft habe.
Und wie der kleine Buddha, der auf dem Wege nach Macau beschlagnahmt wurde, 1975 in meinen Besitz kam. Und daß dieser Buddha wie die anderen kleinen Kunstwerke aus anderen asiatischen Ländern mit meinem Umzug 1980 nach Peking gelangte, als es noch kein Gesetz gab, das die Ausländer verpflichtete, alle mitgebrachten Antiquitäten zu deklarieren.
Beim Abliefern meiner Hausarbeit zeigt sich, daß der hagere Ausfrager inzwischen andere Sorgen hat: "Es wurde uns mitgeteilt, daß die italienische Botschaft erwähnt hat, Sie seien während der Durchsuchung Ihrer Wohnung geschlagen worden. Schreiben Sie jetzt eine Erklärung, daß das nicht wahr ist."
Das tue ich nicht. Mir werden zwei Tage zur "Überlegung" gegeben. "Es ist unsere Pflicht, Ihnen bei Ihrer Umerziehung zu helfen", sagt der Vernehmer, "aber was Sie geschrieben haben, ist keine Selbstkritik, sondern eine Selbstverteidigung."
Ich muß das Ganze noch einmal schreiben. Dazu kommt eine neue Beschuldigung: In der Nacht der Durchsuchung habe ich den Gang der Justiz gehindert und den schwarzen Mercedes beschädigt: "Wir haben Photos von diesen Schäden." So schreibe ich noch weitere
fünf Seiten: Woher jeder einzelne Gegenstand kommt, wieviel er kostete, daß ich für einige Stücke noch die Quittungen habe. Der Umerzieher ist diesmal zufrieden, wird aber wütend, weil sein europäischer Zögling sich weiter weigert, eine Erklärung über die Schläge abzugeben.
Dann findet er einen chinesischen Ausweg. Er gibt eine lange Rede zu Protokoll, Deng Tiannuo habe versucht zu entfliehen, und da er "dreimal stärker" sei als jeder von ihnen, habe Kraft angewendet werden müssen.
"Wohin hätte ich fliehen sollen?", frage ich. "Sie müssen wenigstens zugeben, daß ich denken konnte, Sie wollten fliehen", sagt er. Diese Freiheit kann ich ihm nicht nehmen.
Am 17. Februar treten beide Vernehmungsoffiziere zusammen auf und sagen mir, daß sie nun einen Bericht über meine Fortschritte an ihre Vorgesetzten erstellen müssen und ich auf die Entscheidung zu warten habe.
Die typische chinesische Lösung für alle Probleme, der Kompromiß, scheint mir jetzt aussichtsreich.
Tage und Wochen vergehen in Ungewißheit, ich höre nichts mehr. Ohne Paß und ohne die Möglichkeit, mich in der Öffentlichkeit zu verteidigen - das würde, so sagten sie, meine Lage nur verschlimmern -, warte ich ab. Am Morgen des 2. März klingelt das Telephon:
"Hier ist das Sicherheitsamt. Kommen Sie um drei. Wir werden Ihnen die Entscheidung über Ihren Fall mitteilen."
Während ich im Innenhof des alten Palastes mit den rotlackierten Säulen und dem grauen Dach warte, hoffe ich, daß sich das kleine Fenster, das sich auf das innere Leben Chinas geöffnet hat, nun doch bald wieder schließen möge.
Dasselbe Zimmer, derselbe Polizist. Auf drei Tischen sind alle 64 Gegenstände ausgebreitet, die beschlagnahmt wurden. "Sie können sich Notizen machen"; der Hagere liest vor. Kernsatz: _____" Nach Artikel 24, 27, 28 des Gesetzes zum Schutz der " _____" Kulturschätze der Volksrepublik China hat Deng Tiannuo " _____" kriminelle Taten begangen. Nach Artikel 137 des " _____" Kriminalgesetzes der Volksrepublik China wird jeder, der " _____" wertvolle Kulturschätze stiehlt oder exportiert, zu " _____" Gefängnis von nicht weniger als drei und nicht mehr als " _____" zehn Jahren verurteilt. Eine Geldstrafe kann zusätzlich " _____" verhängt werden. In schweren Fällen kann der Schuldige " _____" mit lebenslanger Haft bestraft werden. " _____" Wir hätten diesen Fall von Deng Tiannuo auf " _____" juristischem Wege behandeln können, aber aufgrund der " _____" guten chinesisch-italienischen und chinesisch-deutschen " _____" Beziehungen, aufgrund der Fortschritte, die Deng Tiannuo " _____" in seiner Umerziehung gemacht hat, und seiner Bewußtheit " _____" seiner kriminellen Taten haben wir beschlossen, ihn mit " _____" Milde zu behandeln. "
Das bedeutet: Beschlagnahme von 24 "Objekten", zusätzlich der in Gongpei beschlagnahmten Bronzestatue, und eine Geldstrafe von 2000 Jüan (2250 Mark).
Schlußpunkt: "Deng Tiannuo ist nicht mehr geeignet, in China zu leben."
Der Offizier: "Die Beweisstücke liegen vor Ihnen. Es sind unschätzbare Objekte von wissenschaftlicher, kultureller und historischer Bedeutung, Symbole unserer langen Geschichte und Kultur." Dabei ist das Tanka-Plakat aus London.
Die nationalen Schätze, soweit überhaupt von gewissem Wert: *___drei "Buddhastatuen aus der Ming-Dynastie", in ____Wahrheit: fünf, sechs und zwölf Zentimeter hohe grobe ____Kopien von alten Buddhafigurinen; *___eine "Tierfigur aus der Ming-Dynastie": ein ____Opiumgewicht in Huhnform, drei Zentimeter hoch, aus ____Burma; *___drei "Figuren aus der Ming-Dynastie": vier bis sechs ____Zentimeter hohe, wohl alte Figuren, aber einfache ____Volkskunst, die Bauern den Besuchern der Großen Mauer ____anbieten. Da hatte auch ich sie gekauft; *___sieben "alte Jadestücke": Knöpfe aus Speckstein. Als ____meine Familie im vergangenen Sommer nach Hongkong ____übersiedelte, wurden sie vom Büro zum Schutz der ____Kulturschätze für "unexportierbar" erklärt, ich könne ____sie besitzen, aber nicht ausführen - und deshalb waren ____sie noch in meiner Wohnung.
Auf dem zweiten Tisch liegen die Gegenstände, die mir zurückgegeben werden. Von einer Beleidigung Maos ist nicht mehr die Rede. "Dieses Verbrechen hat man Ihnen verziehen", sagt der Polizist. "Ebenso haben wir Ihr Verbrechen des Widerstands gegen die Justiz vergeben."
Was bedeutet es, "nicht mehr geeignet" zu sein für ein Leben in China? "Das ist doch leicht zu verstehen: Es heißt, daß Sie China so bald wie möglich verlassen müssen", sagt der Hagere und liest seinen Zettel weiter vor.
"Ich will Ihnen einen persönlichen Ratschlag geben: Wenn Sie einmal aus China raus sind und dann irgendwelche Tricks versuchen und die Wahrheit verfälschen, dann fällt die gesamte Verantwortung auf Sie. Es hat schon ähnliche Fälle gegeben, aber wir sind stets damit fertiggeworden. Soviel für heute."
Am nächsten Tag bezahle ich die 2000 Jüan und bekomme eine Quittung. Für die beschlagnahmten Objekte gibt es keine Quittung. Die italienische Botschaft bittet um die Liste und um eine Kopie des Urteils, beides wird abgelehnt. Bonns Botschafter Schödel geht zum Außenministerium und bittet, die Beweisstücke der kriminellen Aktivitäten besichtigen zu dürfen. Es wird abgelehnt. Begründung: "Dieses wäre eine unerträgliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten der chinesischen Sicherheitspolizei."
Ich habe weder chinesische Kulturschätze oder Kunstschätze aus China geschmuggelt noch habe ich in einem der von mir unterzeichneten Dokumente gestanden, dieses getan zu haben. Gestanden habe ich nur, Objekte gekauft zu haben, die nach meiner Kenntnis des Gesetzes legal gekauft werden dürfen.
Aber in China bin ich jetzt ein Krimineller. Welche Finesse: In meinen Artikeln hatte ich die Zerstörung der alten chinesischen Kultur durch die Kommunisten immer wieder kritisiert, und jetzt werde ich als Räuber dieser Kultur hingestellt!
Am 3. März bekomme ich den Paß zurück, ohne den man keine Flugkarte nach Hongkong kaufen kann. Den Presseausweis muß ich in der Informationsabteilung des Außenministeriums abgeben. Am 5. März bei Sonnenaufgang fahre ich zum Flughafen.
Meine chinesische Kleidung habe ich zu Hause gelassen. Ich trage wieder eine Krawatte. Alle Formulare fülle ich auf Englisch aus, nicht mehr auf Chinesisch wie zuvor, und unterzeichne als "Terzani". Deng Tiannuo gibt es nicht mehr. _(Mit chinesischen Mitarbeitern vor seiner ) _(Ausreise. )
Im SPIEGEL-Büro in Peking. Mit chinesischen Mitarbeitern vor seiner Ausreise.
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 11/1984
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