14.05.1984

„Der Weltenplan vollzieht sich unerbittlich“

Peter Brügge über die deutschen Anthroposophen (IV): Die kosmisch orientierte Medizin *
Bis in sein 55. Lebensjahr führte Kurt Eisenmeier in Hessen hochbezahlt die Geschäfte einer Verpackungsfabrik mit 400 Mitarbeitern. Dann, 1980, zog er mit Frau und Kind freien Willens in die nahe "Dorfgemeinschaft Sassen", um dort für immer mit geistig Behinderten zusammenzuleben. Sein monatliches Netto-Einkommen beträgt jetzt noch 2800 Mark.
War das ein Opfer? Eisenmeier sagt nein. Ein Manager zu sein und Säcke für die ihm verhaßte Agrarchemie zu produzieren sei viel belastender als in einem Einfamilienhaus mit unheilbaren Opfern von Gehirnhautentzündung, mit Debilen, Mongoloiden, Autisten und Epileptikern das Leben zu teilen.
Die Eisenmeiers sind Anthroposophen. In den elf Hinfälligen, Stammelnden, Geistesabwesenden und Zurückgebliebenen an ihrem Familientisch einen letztlich unversehrbaren Geist für vorhanden, für teils sogar erreichbar zu erachten, entspricht ihrem Bild vom Menschen. Und, seltsam: Im Verhalten der Behinderten wirkt sich dies aus. Ruhig, sanft, von zutraulicher Eifrigkeit sind sie zumeist, tragen zur Behaglichkeit ihrer Zweibett-Zimmer mehr bei, als es in Landschulheimen die Schüler tun. Auf die in Pflegeanstalten üblichen chemisch beruhigenden Medikamente kann weitgehend verzichtet werden.
Das hier in voller Dosis angewendete Mittel heißt: Zusammenleben. Es leben in den Häusern der Dorfgemeinschaft 170 Behinderte mit 50 im Sinne unserer Gesellschaft Gesunden, denen noch einmal 30 therapeutische und handwerkliche Helfer und Verwalter zuarbeiten. Das Miteinander vollzieht sich in einer der Normalfamilie unerreichbaren Mischung von Mühe und Musischem in so rhythmischem Regelmaß, als ticke hinter allem lautlos eine Art Lebens-Metronom.
Es handelt sich um eine Polarität, wie sie auf ihre Weise Waldorfschulen ebenfalls verfolgen. Brauchbares, Nützliches zu produzieren strengen alle sich an, soweit sie nur können. Sie üben sich in überschaubaren, aber doch schon eher industriellen Fertigungs-Prozessen, welche ohne Leistungsdruck anregend Hand in Hand laufen.
Und musisch, das heißt in Sassen: gemeinsames Spiel mit der Leier, Malen, Kneten im Ton. Harmonisierende Übungen mit Sprach- und Lautformen beziehen selbst die zur Mitteilung kaum Fähigen ein, in eurythmischer Bewegung äußern sich, therapeutisch angeleitet, auch noch jene, die kaum die Arme heben können.
Zum Musischen gehören die Hand in Hand jeden Morgen, so wie vor und nach jeder Mahlzeit gemeinsam wiederholten Sinnsprüche, ferner, daß abends die zum Singen noch Aufgelegten im zentralen Festsaal wie zu einem Korso zusammenströmen.
Von einem Heil-Barden werden sie da zu einfachsten Liedchen mitbeschwingt. Und sie alle, die sich ohnehin den Tag über schon viele Male begegnet sind, fassen einander dann wieder an den Händen, eine Gemeinschaft friedfertiger, unfertiger, selbstzufriedener Wesen wie aus einer anderen Welt.
Sassen verfügt über Werkstätten zur Herstellung von Möbeln, Teppichen, Krügen, dazu eine biologisch-dynamische Muster-Landwirtschaft. Krügen, Vasen oder keramischen Fliesen geben geistig Gestörte, falls ihnen nur ein für sie faßlich vorbereitetes Rohmaterial geduldig zugeschoben wird, oft bei weitem originellere Formen und Ornamente als die sie anleitenden Keramikkünstler.
Ein Mongoloider betritt die Töpferei morgens häufig mit einem Attache-Koffer voller Entwürfe, die er am Abend zuvor in seinem Zimmer hingestrichelt hat: Tibetanische Symbole tauchen da plötzlich auf, die er in seinem Leben nie gesehen haben kann. Die lobenden Anthroposophen nehmen das stillschweigend für einen Hinweis auf die Weite seelischer Wanderungen. Daß die in Sassen produzierten Futterhäuschen für Vögel die sattsam bekannten anthroposophischen Dachhauben haben müssen, liegt hingegen eindeutig am Genius loci.
Innerhalb des Ganzen und seiner Familien herrscht ein geradezu greifbares Einverständnis auf der für Versehrte und Unversehrte nämlichen Basis: Aufeinander angewiesen sind sie. Die Gesunden brauchen für ihre Ich-Verwirklichung die Kranken, die sie brauchen. In jedem Hause hilft der jeweils etwas Stärkere oder Geschicktere stets einem Schwächeren
bei Verrichtungen, zu denen es bei dem nicht reicht. Der eine putzt dem anderen die Zähne. Selber braucht er die Hilfe eines Dritten, sich anzukleiden. Der Dritte braucht einen Vierten, um sich in die Küche zu schleppen, wo er einem Fünften plangerecht beim Brotschneiden hilft.
Es kann vorkommen, daß sie dann, statt für ein Frühstück, für einen ganzen Monat Brot absäbeln. Da schimpft ein Herr Eisenmeier kein bißchen. Eher schon überlegt er, wie das Mißverständnis von ihm ausgegangen sein könnte.
Zwei seiner Hausgenossen können sich nur im Rollstuhl bewegen. Doch zwei Häuser weiter liegen die Zügel einer 21 Häupter zählenden Gemeinschaft überwiegend Behinderter in den Händen einer Anthroposophin, die selber ihre Anweisungen nur noch aus dem Rollstuhl geben kann. Sie ist unheilbar krank. Doch ihre Willensstärke und Zuversicht vereinen die Tafelrunde der von ihr Abhängigen wie ein Magnet.
Jede Woche rollen Busse mit Sozialarbeitern, Eltern geistig Behinderter, Heilpädagogen die schmale Waldstraße in die sehenswürdige Abgeschiedenheit der "Lebensgemeinschaft" Sassen herauf. Wegzeichen mit diesem Namen bitten um Behutsamkeit und Stille. Auf ein geistiges Kraftfeld, meinen Anthroposophen, gelte es hier Rücksicht zu nehmen.
Es ist üblich, daß die Besucher sich wundern. Sichtbares, Fühlbares und Zahlen sprechen für dieses heilsame Modell: Die 72 Mark, die der zuständige Landeswohlfahrtsverband für einen Behinderten pro Tag hierher abführt, könnten in simpelsten Heimen gerade die schiere Unterkunft decken (die Pflegesätze in der Psychiatrie erreichen bereits 300 Mark pro Tag).
Ein Bettenplatz in dem von Kurt Eisenmeier erbauten und bewohnten Haus ist auf 70 000 Mark gekommen, 50 000 weniger als es dem amtlichen Richtpreis entsprochen hätte. Die Werkstätten, in denen jeder tätige Behinderte 20 Mark Prämie am Tag bekommt, erwirtschaften einen Überschuß von jährlich 400 000 Mark - Pflegestätten anthroposophischen Unternehmergeistes.
Sassen ist erkennbar wahlverwandt mit den von emigrierten deutschen Anthroposophen während der Nazizeit in England begründeten und später vor allem in der Bodensee-Region nachentwickelten "Camphill"-Dörfern. Eine
Handvoll Sinnsucher, darunter ein Schiffsingenieur, ein Schauspieler, ein Karosseriebauer, ein Mann aus der Werbung, ein Kraftfahrer, zwei Hausfrauen, drei Landwirte und Eisenmeier setzten vor 15 Jahren den Keim der Ansiedlung.
Die Gebäude des alten Hofgutes Sassen und ein bißchen Umland haben sie, die "Lebensgemeinschaft e. V.", für 200 000 Mark erworben und dann nach und nach mit Staatshilfe 20 Millionen investiert. 113 Hektar Bauernland gab es dafür, 80 Stück Großvieh, Maschinen, Produktionsstätten und all die behaglichen, anthroposophisch überdachten Familienhäuser.
Jedes Jahr muß die Lebensgemeinschaft e. V. anfragenden Eltern von mindestens 300 Behinderten Absagebriefe schreiben. Denn wie jede Camphill-Einrichtung und fast jede der 35 anthroposophischen Behinderten-Schulen in der Bundesrepublik ist dieses Dorf stets ausgebucht. Es übt, auch darin kein Sonderfall, auf die unversehrten Angehörigen der aufgenommenen Kranken mitunter solche Faszination aus, daß diese sich in der Nähe selber ansiedeln.
All so etwas mögen Besucher sich notieren. Doch dabei kommen sie den das Sassener Leben bewegenden Kräften kaum näher. Denn: Ohne die von Rudolf Steiner bezogenen Einsichten wäre das alles ja nicht so. Einen "ewigen Kern" müssen Kurt Eisenmeier und seine Partner in ihren gestörten Hausgenossen mit der Seele suchen, meditativ ertasten können - das ist es, worauf es ankommt.
Einen Kern, der schon "viele Erdenleben hindurch" (so Steiner) gewandert ist und der sich in seiner jetzigen abnormen Leiblichkeit doch immer noch äußert. Andernfalls wäre diese Lebensgemeinschaft e. V. nur Plage und Caritas. Manchmal, bei langer, behutsamer Gemeinsamkeit, sagt Herr Eisenmeier, habe er in einer ersichtlich elenden Leibeshülle intuitiv etwas wie den erwähnten Kern aufblitzen sehen.
In Sassen und ähnlichen Dorfgemeinschaften, in anthroposophischen Schulen und Heimen für Behinderte habe ich einen Wesensunterschied zwischen der normalen Vorstellung von Helfen und Heilen und der von Steiners Anhängern begriffen: Sie machen weiter, wo nach medizinischem Ermessen eigentlich nichts zu machen ist. Aber sie tun das nicht, "ut aliquid fiat" - damit eben irgend etwas geschehe. Diese resignative Abgangsfloskel der medizinischen Schulweisheit stülpen sie optimistisch um: Bei ihnen kann immer noch etwas geschehen.
Allerdings nicht irgend etwas. Alles heilsame Handeln orientiert sich an einem kunstvoll verflochtenen Funktionsschema von Leib, Seele und Geist (sprich: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich). Auf ein polares, stets labiles Gleichgewicht einander bedingender gegensätzlicher Kräfte, Wirkungen und Vorgänge will es hinaus. So entspricht es der Generalrichtung, die anthroposophischen Ärzten und Seelenpflegern von Rudolf Steiner und der ihm ergebenen Ärztin Ita Wegman vor sechzig Jahren angewiesen und von ihnen niemals angezweifelt wurde.
So ganz neu war das alles ja nicht. Altpersisches, hinduistisches, taoistisches Wissen, Gedanken von Plato, den Alchimisten, von Schelling oder Goethe wurden hellsichtig, umsichtig vermengt und neu etikettiert zu einer Rezeptur ganzheitlicher Heilbemühung.
Eine Heilpädagogin, die im Heim für behinderte Kinder einen ruhelosen Störenfried neben einen apathisch-reflexarmen Zimmergenossen bettet, baut auf Ausgleichswirkung des Gegensätzlichen ebenso wie der anthroposophische Internist, der eine von unerklärlichem Wasserstau geplagte Patientin unter die Dauerdusche legt. Ein Pol heißt Sklerose (Verhärtung), der Gegenpol Entzündung (Auflösung), und mit jeweils Entgegengesetztem, vom Aquarellieren (lösend) bis zum Psalterspiel (stabilisierend) soll dann die Therapie einhergehen. Kontrastprogramme durchdringen die Heilpraxis wie das ewig wogende Ringen der Kontrahenten Luzifer (Diabolos) und Ahriman (Satanas) den Geisterkosmos der Anthroposophen.
So haben auch sie ihr Yin und Yang. Alle Krankheit, die angeborene Behinderung nicht ausgenommen, wurzelt folglich in Störungen eines Seele und Ich selbstredend einbeziehenden Ausgleichs. Eine Rezeptur von Gegengiften und Gegengewichten soll den wieder herstellen. Bald 10 000 deutsche Heilpädagogen, Ärzte, Heil-Eurythmisten, aber auch die bei Steiner nachblätternden Kompositeure von Arzneimitteln orientieren sich danach, so gut es geht, und bedienen sich in seinem Namen oft beim alten Paracelsus und der 1179 gestorbenen benediktinischen Heil-Mystikerin Hildegard von Bingen.
Das Menschen-Modell der Schulmedizin, diese Nähr- und Geistes-Stoffe umsetzende und speichernde Maschine, verwandelt sich vor den Augen der Steinerianer in ein dreigegliedertes System von ineinanderwirkenden leiblich-seelischen Zuständigkeiten.
Da haben sie eine synthetische Dreieinigkeit, die für sich in Anspruch nehmen darf, ausschließlich Steiners Erkenntnis zu entspringen: Bewußtseinsvorgänge sind Sache des Nerven-Sinnes-Systems; Fühlen basiert auf dem rhythmischen Wechselspiel des Kreislaufs und der Atmung; der Wille schließlich entspricht dem, was sich im Stoffwechsel und im Bewegungsapparat ereignet. Dazu gesellt sich, wohlgemerkt, die bereits genannte (vierteilige) Leib-Seele-Ich-Verwebung. Im schlierigen Ineinanderschwimmen der Farben auf den Menschen-Darstellungen der anthroposophischen Kunst äußert sich diese Grundidee eines fortwährend vom Materiellen ins Geistige und vice versa wirkenden Gemenges.
Stets spielt da Evolutionsgeschichte hinein, wie sie Anthroposophen unter Zuhilfenahme von Goethe und Steiner sich denken. Auf- und absteigend aus dem Pflanzlichen haben sich danach Metamorphosen ereignet: hinab zum "Reich der Minerale", in Steigerungen empor ins "Tierreich" und zum Homo sapiens. Das, woraus in unendlich ferner Vergangenheit durch eine Reihe planetarischer Entwicklungsstufen die Wurzel des heutigen Ich-Menschen geworden ist, war von Anbeginn vorhanden. Und
all diese Vergangenheiten befinden sich wie urzeitliche Hüllen mit dem Menschen noch immer auf dem Weg und können medizinisch angepeilt werden.
Die Frage, welches Mittel in welchen Bereich hinein wirkt, ist in einem generellen Schema gleichfalls geregelt. Im animalischen (seelischen, astralen) Bereich sollen pflanzliche, in den eher pflanzlich gedeuteten (ätherischen) Vital-Funktionen sollen von Tieren stammende Stoffe guttun. Das Ich, die geistige Oberzone, wird nach diesem Heils-Kanon durch Arzneien aus den zweifellos unverwelklichen, unverwesbaren Stoffen des Mineralreiches so oder so beeinflußt. Quasi von den Antipoden seiner Evolution her.
Wieder und wieder kehre der Wesenskern in immer neuen Verkörperungen. Anthroposophische Ärzte motiviert das, den Abbruch von Schwangerschaften abzulehnen.
Angesichts dieser selbst bei größtmöglicher Vereinfachung etwas verwirrenden Schicksals-Wanderkarte nach den Quellen ihrer Erkenntnis gefragt zu werden, irritiert Anthroposophen schon deshalb, weil die Antworten nur noch mehr Verwirrung stiften müssen. Wieso beispielsweise gibt es diese auf- und absteigenden Linien in ihrem Evolutionsplan? Antwort: weil für den Aufstieg des einen Gattungszweiges stets ein opferhafter Ausgleich sich ereignete, indem ein anderer sich abwärts wandelte.
Woher sie das wissen? Notfalls decken sich da die Verehrer Rudolf Steiners wie ein Sandwichman mit Zitaten aus seinem uferlosen Gesamtwerk oder stecken ihre Köpfe in diesen gedruckten Kosmos, den sie häufig für den eigentlichen zu halten gezwungen sind.
ER hat''s gewußt. Von IHM wissen sie''s. Die von IHM aber vor allem geforderte Denk- und Meditations-Disziplin führt keinen so weit, wie ER anscheinend damit kam.
Dennoch kann beispielsweise Hans Werner, ein Krebsarzt aus der anthroposophischen Klinik Öschelbronn, schon genau sagen, was übersinnlich nach dem Exitus vor sich gehen wird: "Wenn sich dann im Tode die Lebens-Zeitkräfte vom physischen Leib lösen und sich der Seele zuwenden, erscheint im nachtodlichen Bewußtsein das Zeittableau der Lebensrückschau."
So weit hinaus führen die Linien, an denen die anthroposophischen Heiler ihr Handeln adjustieren. Da wirkt es wie eine okkulte Bagatelle, wenn sie in Steiners "Akasha-Chronik" die Eingebung empfangen: "Nicht die Ursache, sondern die Folgen der Blutpulsation sind die Bewegungen des Herzens." Und weiter: "Seelisches ist die Ursache davon, wie sich das Blut verhält." Jene medizinischen Materialisten, denen das Herz bloß Pumpe ist, befinden sich womöglich in einem ähnlich unwägbaren Abstand zur Wahrheit. Nur liegen sie technisch eben richtig.
Die Dreigliederung der Physis gilt nicht bloß als Denkmodell. Eine bahnbrechende Erkenntnis sehen Anthroposophen in ihr. Ähnliches ließe sich womöglich von den Freudianern sagen. Die haben ja ebenfalls ihre Dreieinigkeit: von Es, Ich und Über-Ich.
Immerhin läßt sich allerlei sonst noch Dreigegliedertes bereits mit unbewaffnetem Verstand ausmachen: Ohr, Haut, Finger, Zehen, Arm oder Bein sind so aufgebaut. Jeder kann nachzählen. Ockult erst und entsprechend intuitiv betrachtet, das verspricht uns der heilpädagogisch erfahrene Anthroposoph Helmut Klimm, werde in diesem Bau an jeder Stelle das Ganze sich dartun.
Ein Gesamtbild wird gebraucht. Eines, in dem leibliche, seelische, biographische Schichten sich vereinen, eine eher deutbare als berechenbare Vielfalt von Faktoren, vergleichbar dem Durcheinander auf der Wetterkarte. Anthroposophisch lassen sich daraus die Begriffe von Krankheit und Gesundheit individuell bestimmen. Überflüssig zu sagen, daß zu der dafür nötigen ärztlichen Weisheit ein weiter Weg führt.
Auf diesem Weg droht allerlei mystischer Nebel. Wie sonst sollte man beispielsweise die Eingebung nennen, Diagnose anhand von Saugpapier zu betreiben, auf dem ein wenig Patientenblut sich zu unberechenbaren Klecksen verteilt? Manche anthroposophische Mediziner deuten aus solchen "Steigbildern" tatsächlich die Formen kranker Organe heraus. Andere weisen das von sich und vergleichen es mit der Leberschau bei antiken Opferritualen.
Mit den milliardenfachen Verdünnungen der 150 Jahre älteren homöopathischen Medizin des Samuel Hahnemann sind die anthroposophischen Ärzte einverstanden. Doch bei der Auswahl und Erklärung der Wirkstoffe bevorzugen sie die Perspektiven Steiners.
Einem Patienten mit nervösem Magenleiden, einem Ulcus-Kranken etwa, verordnen sie mit Vorliebe ein altmodisches Mittel mit Antimon, einem Halbmetall, das in der Natur vor allem im _(Nach einer Zeichnung von Hans Holbein d. ) _(J. )
Antimonit, seiner Schwefelverbindung, vorkommt. Dabei handelt es sich erstens um eine Substanz aus den Urzeiten der Evolution. Zweitens ist das Antimonit so büschelförmig kristallisiert, daß einen geübten Interpreten von Naturformen beim Anblick dieses Minerals zwangsläufig der Gedanke an eine entsprechend versammelnde Wirkung auf den menschlichen Organismus befällt.
Der anthroposophische Psychiater Rudolf Treichler verspricht denn auch, Gaben von Antimon unterstützten "das Ich des Magenkranken", hülfen ihm, "den verzehrenden Ehrgeiz der Seele beherrschen zu lernen".
Was aber, wenn ein Magengeschwür zu bluten anfängt? Vor dem Koma oder der großen Chirurgie wird den Patienten dann gewiß nicht Antimon bewahren. Auch nach anthroposophischer Notfall-Betrachtung würde er dann besser eines jener neuen Cimetidin-Präparate der Pharma-Chemie einnehmen, die heute bis zu 80 Prozent der früher üblichen Magenoperationen überflüssig machen.
Nun zum Magnesium. Treichler findet, das habe, wie "im Blitzlicht sichtbar wird", eine "intensive Lichtbeziehung". Im Menschen führe es dazu, daß im Stoffwechsel "stagnierende Prozesse wieder in Fluß kommen" und sich eine mit ihnen vielleicht zusammenhängende depressive Stimmung "auflichte".
Magnesium, das weiß er einfach, rege das Ich an (was immer das sein mag), "sich wieder mit dem in Gang kommenden Fluß des Leber-Gallensystems zu verbinden und dadurch Willenskraft zu entwickeln".
Noch weit mehr werde im Menschen mit Hilfe von kristallisierender Kieselsäure intensiviert, lerne ich in einem Almanach der Firma "Weleda", für die Rudolf Steiner einst sogar Haarwasser und das dazu passende Werbebild entworfen hat. Kieselkristalle verbessern danach "Wahrnehmungsfähigkeit, Sinnestätigkeit, Bewußtseinsentfaltung".
Wie wär''s mit etwas Schwefel dazu? Er befeuere "die Verbrennungsprozesse", heißt es, den Stoffwechsel. Fehlt nur noch Eisen, "das rhythmische Atmungsmetall", gut für Puste und Kreislauf.
Alle drei Stoffe, zermahlen und zusammen mit Honig (tierisch) und Wein (pflanzlich) zu einer harten Kruste eingedickt, dann abermals zermahlen, das ergibt bei der Weleda "Kephalodoron", ein altes Universal-Heilmittel. Es bringt etwas für den durch und durch dreigegliederten Menschen, speziell (Kiesel!) für dessen "oberen Pol".
Bei der Weleda in Schwäbisch Gmünd und Arlesheim, so wie bei der Firma "Wala" in Eckwälden, werden tausenderlei Natursubstanzen, von Arnika und Digitalis bis zur Rosenblüte, vom Amethyst bis zum Goldstaub, nach ähnlichen Harmonie-Konzepten zu Heilmitteln.
Das meiste ist seit Jahrzehnten in Gebrauch, einiges die Neuauflage von Jahrhundertealtem. Allein die Firma Weleda, die zu ihrer Kundschaft 15 000 anthroposophisch ahnungslose deutsche Ärzte rechnen darf, vertreibt 8000 alte Präparate, und sie stehen zumeist im Arzneienbuch der Homöopathie. Das verschont die Firma zumindest bis auf weiteres vor dem gefürchteten Zwang zur Anmeldung und Neuzulassung nach dem Bonner Arzneimittelgesetz. Das gesetzliche Verlangen, für neue Heilmittel normgerechte Dokumentationen vorzulegen, beunruhigt die Pharmakologen und Ärzte anthroposophischer Orientierung trotzdem. Eine von den Pharma-Giganten der Chemie souverän gehandhabte Prüfungs-Mechanik müßten sie fürchten wie eine ahrimanische Zangenbewegung.
Die Konzerne visieren mit ihren Medikamenten Krankheiten an wie Zielscheiben. In aufwendigen Labortests werden die Treffer maximiert. Das Resultat passiert die überzeugende Anzahl von Tierversuchen, Wirkungen und Nebenwirkungen ergeben sich belegbar, dann folgen die sattsam bekannten Blind- und Doppelblind-Versuche am Menschen. Das erbringt statistisch verwertbare Massen von Daten, wenngleich es einen Contergan-Fall nicht ausschließt. Dem zeitgenössischen "Wahrheits"-Bedürfnis dient eine blendende Wahrscheinlichkeits-Mathematik, während sich im Kleingedruckten der Beipack-Prospekte
die Unberechenbarkeit noch spiegelt.
Doch über Heilmittel, welche für organisch und okkult zueinander stimmende Ausgleichswirkungen konstruiert wurden, über Mixturen, deren Anwendung eigentlich erst im Zusammenhang mit der Biographie eines Erkrankten sinnfällig erscheint, wie bringt man da ausreichendes Beweismaterial zusammen? Wie sollen sie getestet werden, da doch ihre Erfinder und Anwender ein anthroposophisches Bild vom Menschen und der Wahrheit verteidigen?
Zur Verblüffung der Pharma-Lobby haben die Anthroposophen in Bonn mit ihren ungewohnten Auffassungen von medizinischer Erkenntnisgewinnung Gehör gefunden. Der Mensch ist für sie nicht einfach "auch eine Art Tier". Tierversuchen messen sie erst Beweiskraft zu, falls eine mit ihrer Evolutionstheorie zu vereinbarende Beziehung zwischen menschlichen und tierischen Funktionen definiert werden kann.
Für verwerflich, einen Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht, erklären sie Versuche an Menschen, bei welchen neben einem Mittel Scheinmittel gegeben werden (Blindversuch). Das schlimmste ist für sie das Ansinnen, auch noch dem Arzt zu verschweigen, wer ein solches Scheinmittel bekommt (Doppelblind-Versuch).
Statistische Beweis-Verfahren schließlich lehnen sie ab, weil diese nur Aussagen über Wahrscheinlichkeiten statt der individuellen Erkenntnis ermöglichen. Zur Erkenntnis gehört für sie anstandshalber die Erklärung der jeweils zu ihr führenden Erkenntnistheorie: eine Wegbeschreibung, ein Menschenbild, ein Weltbild.
Zum erstenmal seit ihrer Entstehung wurde Steiners medizinischer Schule, auf dem Umweg über das Bundesgesundheitsministerium, die Wissenschaftlichkeit solchen Denkens bescheinigt. Es änderte nichts an ihrer Not, für die künftige Zulassung auch ihrer Heilmittel dann eben auf andere Weise ausreichende Belege beizubringen.
Einen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Krebs und einem Zusammenbruch des Gleichgewichts innerhalb der Leib-Seele-Gliederung muß keine medizinische Schule so zwingend annehmen wie die anthroposophische. Friedrich Lorenz, Krebsarzt und Leiter der Medizinischen Sektion im Dornacher Goetheanum, ist nur einer von vielen, die es so sehen. Ebenso wie einzelne Zellen, meint er, könnten sich "Denken, Fühlen und Wollen aus dem Ganzen lösen und selbständig wuchern".
Psychose sei der Krebs der Seele, Krebs die Psychose des Leibes - so habe ich es noch und noch bei anthroposophischen Heilern vernommen. Doch wo im Mineralischen, Pflanzlichen oder Tierischen wäre eine Substanz, die helfen könnte, solchem Systembruch entgegenzuwirken.
Rudolf Steiner hielt die Mistel (Viscum album) für geeignet. Sie ist eine in ihrem Wachstum ausnahmsweise nicht der Sonne zugewandte, vom Jahresrhythmus offenbar unabhängige immergrüne Besonderheit, die vor dem Frühling blüht und im Winter fruchtet. Parasitär gedeiht sie auf Ulmen, Pappeln,
Kiefern, Apfelbäumen und hat, anthroposophisch betrachtet, etwas von einem tier-pflanzlichen Zwischenwesen der Evolution.
"Gestaute Zeitprozesse", meint der Krebsarzt Werner, schlummerten in ihr. Schlicht gesagt: Ein Gewächs, das sich wider Evolutionssprünge seit Urzeiten sperrt, müßte ausuferndes Zellwachstum wie Krebs gleichfalls bremsen können: wieder einmal so ein Gegenpol.
Rudolf Steiner hatte die Sache nur nebenhin angetippt. Sechs Jahrzehnte danach trägt das nun unheimlich Früchte. Anthroposophische Forscher, Ärzte und Vermarkter konkurrieren plötzlich gegeneinander mit einem halben Dutzend aus der Mistel gewonnenen Krebs-Heilmitteln. Außer den Krebskranken in der unvergleichlich wohltemperierten Pflege anthroposophischer Spezial- und Gemeinschaftskrankenhäuser werden solche Präparate Zehntausenden von bloß Verängstigten regelmäßig zur Vorsorge gespritzt.
Daß Abwehrwirkung von Extrakten der Mistel ausgeht, räumt die Schulmedizin mittlerweile ein. Aber das ist alles. Professor Kurt Schumacher, Hämatologe und Onkologe am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus: "Viscum album als Psychotherapie halte ich noch für mäßig gut ... ein Gespräch ist für den Patienten effektiver."
Wissenschaftliche Stütze für diese von vielen namhaften Schulmedizinern geteilte Reserve sind Tierversuche. Das eben, was Anthroposophen so contre coeur geht. Der Medizin-Statistiker Professor Joachim Hornung von der Freien Universität Berlin, unbestreitbar ein schierer "Schulmediziner", erregt sich mit ihnen über den Vorwurf, die Mistel-Therapie sei im wissenschaftlichen Sinne nicht wirksam. "Mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit" sei eine "Verlängerung der Lebenserwartung" anzunehmen.
Doch wieder hapert es mit der Dokumentation aus der diffizilen anthroposophischen Praxis. In ihr erweist sich jeder Fall als eigentlich unvergleichlich. Begleitet wird die Mistelkur mit einem unendlich variablen Paket unterschiedlichster therapeutischer Impulse.
Diät und Eurythmie, Malen, Singen, Plastizieren, die Lektüre von Märchen, Heilbäder, Massage, ja sogar das Schreiben mit der linken Hand oder das umgekehrte Hersagen von Reimen kommen in Frage, Leib und Seele aufeinander wieder einzustimmen.
Die Therapie erster Wahl allerdings heißt auch für die anthroposophischen Ärzte: Operation.
Rudolf Steiner hat weder über die Mischung noch über die Anwendung des Extraktes von Viscum album eindeutige Anmerkungen hinterlassen. Einer auf ihn und Goethe eingeschworenen Forschung reichte das völlig zur Rechtfertigung für einen technologisch, gelinde gesagt, verblüffenden Aufwand. So werden im Haus Hiscia in Arlesheim bei Basel, einem der Firma Weleda zuarbeitenden Institut, Mistelsäfte in großen Zentrifugen mit 11 000 Umdrehungen pro Minute geschleudert. Teller aus Titan drehen sich unter einer mit Helium gefüllten Glocke.
Dabei ergeben sich Sicherheits- und Hitze-Probleme. Die zu bewältigen riefen die Ärzte und Ingenieure aus Arlesheim den Anthroposophen Professor Ernst August Müller, einen Physiker aus dem Göttinger Max-Planck-Institut für Strömungsforschung, zu Hilfe. Der Krebsarzt Friedrich Lorenz fürchtete schon, die ganze Sache werde "auseinanderfliegen".
Ursache für den Aufwand war eine beiläufige Anmerkung Rudolf Steiners: Es werde die Mistelwirkung vielleicht steigern, wenn man Sommerernte und Winterernte "ausziehe" und "spiralig" rühre. Seine Gefolgsmänner suchten einen Maßstab für die dazu anthroposophisch wünschenswerte Drehzahl. Aus der Erd-Anziehung wollten sie in Arlesheim die sich vereinigenden Säfte vorübergehend herausheben. Ein kosmisch orientierter Arzt wie Lorenz findet: "Dadurch wird es erst zum Heilmittel."
Das Erzeugnis heißt "Iscador". Damit eine so organische Substanz nicht in etwas so Anorganisches wie blankes Glas abgefüllt wird, entwickelten sie in Arlesheim ein Verfahren, das Innere der Ampullen hauchfein mit sterilem Bienenwachs zu überziehen.
In diesem geistigen Bezugs-System gebührt besondere Bedeutung der Frage nach dem Wirtsbaum der jeweils abgeernteten Misteln. Je nachdem sollen die Beeren-Extrakte dann gegen bestimmte Arten von Krebs besonders wirken.
Das alles, wie gesagt, ist Folge einer Steinerschen Marginalie. Dr. Lorenz gibt zu, da sei allenfalls die Rede gewesen von einer "spiraligen Durchkreisung bis in die kleinsten Kreise". Er ist stolz, Steiner in so extremer Weise Rechnung zu tragen. "Im Wärmekurs, Gesamtausgabe Band 321", das muß er bedauern, "hat ER einiges noch nicht Realisierbare gesagt."
Kann es sein, daß Steiner derlei wollte? Zweifel drängten sich mir auf. Zwei Autobahnstunden nordöstlich von Arlesheim geriet ich im schwäbischen Öschelbronn in eine Gruppe anthroposophischer Mistel-Forscher, die den Weg der Arlesheimer für einen in die Irre zu halten scheinen. In ihrem von Spenden zehrenden "Carl-Gustav-Carus-Institut" (Carus war ein Goetheanist des 19. Jahrhunderts) haben sie sich der Frage, wie Winter- und Sommer-Extrakt zu einer Einheit werden können, "goetheanistisch" genähert.
Eine Art Mistel-Metamorphose strebten sie an, eine im Sinne ihres Goethe
und der von ihm und Steiner skizzierten Fortentwicklung von Natur geistig höhere Saftverbindung. Nach polaren Gegensätzen und Gegenkräften haben sie Ausschau gehalten.
Die "Sommerernte" auf den Wirtsbäumen ereignet sich bald nach der Blüte: Dazu, fanden sie, kontrastiere eine Ruhe wie die von spiegelglatten Wasserflächen (sogenannter "Rieselfilm"). Wintersaft, Planzenstarre: Als ein völliges Gegenbild dazu erschien ihnen eine Zerstäubung. So einigten sie sich auf das Resultat, den Wintersaft über eine spiegelglatte Fläche von Sommersaft zu sprühen, welche sich allerdings erst bei rund 7000 Umdrehungen pro Minute in ihrer Zentrifuge einstellen wollte.
Einer Hochleistungs-Schleuder müssen auch sie sich bedienen. Deren rasend rotierender Teller ist so geformt, daß an seinem Rand die vermengten Säfte wie Brandungswellen um und um rollen. So spielen Anthroposophen in Goethes Namen Natur.
Der Strömungsphysiker Müller hat der Gruppe in Öschelbronn ebenfalls helfen müssen. Stets wird ja die äußerste Möglichkeit der Technik in Anspruch genommen. Das beginnt bei der Ernte. Gleich unter den Bäumen werden die Mistelbeeren tiefgefroren.
Die Carus-Forscher gaben ihrem Krebsbekämpfungsmittel den Namen "Abnoba-Viscum". Thomas Göbel, ihr Senior, hebt hervor, daß diese anthroposophische Lösung bewußt einmal über Steiner hinausgedacht sei. Der habe nicht einmal verlangt, daß man die Säfte überhaupt mischen müsse.
Familiäre Nähe zum Kranken wünschen sich die Behandelnden in allen sieben anthroposophischen Krankenhäusern. Den Namen "Gemeinschaftskrankenhaus" führen nur die beiden größten: das in Herdecke (440 Betten) und das von den Kolben-Herstellern Ernst und Hermann Mahle gestiftete im schwäbischen Filderstadt (210 Betten). Der Name meldet ein Programm: Sozialer Wandel und der medizinische sind eins.
Den Nährboden dafür liefert Steiners Soziallehre ebenso wie seine Inspiration für die "Erweiterung der Heilkunst". Also: keine Chefärzte und Oberschwestern. Gearbeitet wird in Gruppen, unter Verzicht auf herrschaftliche Abgrenzungen und, was die Ärzte anbetrifft, das standesgemäße Abkassieren.
Folgerichtig gehören die Patienten zu diesem Bund. Ihr Leiden wird hier nicht bloß diagnostisch anvisiert und unter therapeutisches Punktfeuer genommen. Möglichst gemeinsam forschen Ärzte und Kranke bis in biographische, ja seelische Bereiche hinein nach tieferen, womöglich sogar schicksalhaften Ursachen. Dabei gedeihen oft Wechselwirkungen, die der Schulmedizin zunehmend nur noch abstrakt bekannt sind.
Die medizinische Technologie der Gemeinschaftskrankenhäuser, ihre Chirurgie oder Intensivmedizin weichen vom Repertoire großer Allgemein-Krankenhäuser keinen Deut ab. Mit manchen von ihnen haben sie das "Rooming-in" gemeinsam: Mutter und Kind im selben Zimmer. Bei der Geburt können Väter dabeisein.
Im übrigen aber hebt das anthroposophische Rezept des Miteinander sich mächtig vom Gebräuchlichen ab. Stimulierende Alltäglichkeiten, wie Wasch-, Weck- und Mahlzeiten, auch der Zimmerschmuck werden mit einer von der Einweisung bis zur Entlassung andauernd zuständigen Schwester nach Wunsch abgestimmt. Notfalls spielt sie einem Patienten, der selber nicht mehr Saiten zupfen oder flöten kann, seine spezielle Schlafmelodie.
Noch auf der Intensivstation sind Besucher prinzipiell erwünscht. Gestorben wird möglichst unter Begleitumständen, die sich dem Leitbild von gemeinschaftlicher Haltung untadelig unterordnen. Alle sollen dann zugegen sein, die behandelt und geholfen haben.
Vom Patienten, der in der Regel alles andere als ein Anthroposoph ist, wird erwartet, daß er seinerseits reine Konsum- und Erwartungshaltungen aufgibt, mit dem Vertrauensklima übereinstimmt. Andernfalls kann es Enttäuschung geben.
Vier Fünftel der Mitarbeiter in der Filder-Klinik und in Herdecke wissen nämlich auch kaum etwas von Steiners Menschenbild. Die brauchen schon ein bißchen Anerkennung. Der anstrengend humanen Ordnung fügen sie sich, weil sie ihnen sinnvoll erscheint. Ihr Krankenstand ist entsprechend niedrig.
Hundert vom Etat getragene Schwestern für doppelt so viele Patienten, das war beispielsweise den Ärzten in Filderstadt zu knapp. Sie verzichteten - manche murrend - auf die Honorare von Privatpatienten, und davon zahlen sie eine zusätzliche Gruppe Schwestern.
Ebensowenig kassieren die Herdecker Ärzte Privathonorare. Bei ihnen fließen die in einen Entwicklungsfonds des Hauses. Diese unglaubliche Einstellung zum Geld hat das politische Klima gefördert, in dem die Düsseldorfer Landesregierung am Ende die ans Gemeinschaftskrankenhaus anschließende Freie Universität von Herdecke guthieß.
Von außen besehen scheint die "Erweiterung der Heilkunst" in diesen Gemeinschaftskliniken sich in humanerer Arbeitsorganisation zu erschöpfen. In Vorgängen, deren Übertragbarkeit aufs Normal-Klinikum immerhin denkbar wäre. In den Rezepturen erst und in der Vermengung von Heilkunst mit Kunst glimmt unnachahmlich die andere Weltanschauung auf.
In der Filderklinik sieht man Gestalten in Nachtgewändern mit biblischen Psaltern und Harfen musizieren, als wären''s bereits Erscheinungen von anderswoher. Dabei handelt es sich um völlig lebendige Patienten. So, nach ärztlicher Bestimmung, wollen sie ihre Leib-Seele-Konstitution sanieren oder einem lauschenden Therapeuten Erkenntnisse zuspielen über das, was mit ihnen los ist.
Weitere dieser Musiktherapie dienliche Instrumente: Alphorn und Krummhorn und die "Chrotta", eine Art Fidel nach keltischen Vorbildern. Es wird außerdem getrommelt und geflötet. Ob
man in ein Alphorn kräftig puste oder es nur sanft anblase, sagt der Psychosomatiker und "Kunst-Therapeut" Paul von der Heide, ergebe einen medizinisch höchst unterschiedlichen Effekt. Ähnliches beobachtet er beim therapeutischen Umgang mit Stiften und Farben. Prompt verschlimmerten sich die Durchfälle bei einer Colitis, falls der Patient mit einem "Verflüssigung" anregenden Medium wie stark verdünnter Wasserfarbe male. "Strukturierend" heiße es da zu wirken, beispielsweise durch Zeichnen.
Mit Bienenwachs wird geknetet, um "Formkräfte" für einen gestörten Stoffwechsel oder gegen ein Rheumaleiden zu entbinden. Eurythmie soll dem Kranken generell helfen, aus sich, so schwer es ihn ankommen mag, Gestisches herauszuholen. Den Experten der Leib-Seele-Gliederung ermöglicht das angeblich einen besseren Durchblick. Dabei sehen sie sich wieder auf eine meditativ geweitete Vorstellungskraft angewiesen.
Über einen Mangel an Zuwendung und Anwendung kann kein Patient da klagen. In der Filderklinik wird außerdem mit einem brandroten und einem strahlendblauen Raum gearbeitet, in den einer zur (je nachdem) Erregung (rot) oder Besänftigung (blau) seines Vegetativums hineingebeten wird. Selbst Patienten ohne jedes Augenlicht spüren diesen Reiz noch kräftig.
Die Nachfrage übertrifft (bei einer durchschnittlich 90prozentigen Belegung der Filderklinik) die Leistungskraft sämtlicher Therapeuten. Sie sind zu zehnt: vier Heil-Eurythmisten, zwei Musiktherapeuten, drei in Gesprächstherapie ausgebildete Ärzte, eine Plastiziererin. Ihren Wartelisten entspräche eine Personalverdoppelung.
Das also ist die Begleitmusik der anthroposophischen Heilkunst. Überall bemerkte ich eine verstärkte Bereitschaft, sich an Befunde auch seelisch heranzutasten, zu improvisieren, sich inspirieren zu lassen. In einem der normalen Zweibettzimmer der Filderklinik besuchte ich ein Ehepaar, dessen depressive Leidenszustände sich wohl wechselweise bedingten. Wie Teile eines Systems, doch ein jeder ganz eigen, wurden sie bedoktert.
In Herdecke hat der Psychiater Konrad Schily eine Patientin mit hoffnungslos fortgeschrittenen Metastasen in pfleglicher Begleitung auf die Insel Samothrake geschickt, weil das ihr letzter Wunsch war. Dort besserte sich ihr Zustand. Sie schickte die Begleiterin zurück und kam erst viele Monate später selber, immer noch krebskrank. Doch die Metastasen hatten sich zurückgebildet.
Ein Herz-Spezialist in Herdecke wendet sogar zur Reanimation, wo es um Sekunden geht, mitunter einzig ein homöopathisches Mittel an. Eine Dokumentation, die nachvollziehbar Aufschluß über die Kriterien derartiger Entscheidungen gäbe, existiert noch nicht.
Jürgen Schürholz, ein Internist der Filderklinik, bekämpft Lungenentzündungen
bei alten Leuten mit Antibiotika. Kräftigeren schlägt er vor, das ohne Chemie durchzufiebern. Nur wenige weigern sich. "Ihre Angst", sagt Schürholz, dränge sie dann eben ohne Not zur Massiv-Therapie. Schneller fit seien beweisbar die "Selbstheiler".
Andererseits berichteten mir im gleichen Haus Patienten, man habe ihnen Valium 10, Cortison, Betablocker und andere Kampfmittel der Pharmachemie voll angedeihen lassen, parallel dazu jedoch musische und homöopathische Anwendungen aus dem anthroposophischen Sortiment. Mitunter mutet es an, als werde hier medizinisch ein Satz aus Goethes "Faust" beherzigt: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen ...
Eingeweihte plagt ein unerklärlicher Widerspruch. Wieso gewinnt die anthroposophische Medizin Gelände, und verliert doch innere Kraft? Vor 50 Jahren, das ist verbürgt, konnten die mit Steiner übereinstimmenden Praktiker auf ihre Weise Krankheiten heilen, denen ihre Nachfolger von heute ohne die Medikamente der Schulmedizin nichts anhaben könnten.
Einer, auf den sie sich wie auf ein erloschenes Leuchtfeuer zurückbesinnen, der Arzt Wilhelm zur Linden, erreichte während des letzten Weltkriegs die Zulassung homöopathischer Mittel innerhalb der Deutschen Wehrmacht, nachdem er auf seiner Lazarettstation vermeintlich unheilbar Nierenkranke damit reihenweise kuriert hatte.
Vergleichbares vollbringen anthroposophische Ärzte nicht mehr. Was mag daran schuld sein? Von einer Verlagerung geistiger Kräfte reden manche bedrückt. Bei der Lösung des Problems Diabetes etwa habe sich die gezeigt. Rudolf Steiner hatte 1920 besonders dringlich die Suche nach einem neuen organischen Heilmittel dafür angeregt; mit Rosmarin wurde da laboriert. Bald danach endeckten zwei junge Kanadier das Insulin - ohne eine Ahnung von Anthroposophie.
Die anderen, die der Natur materialistisch analysierend die Geheimnisse abrangen, die gewannen immerzu. Herzschrittmacher, Dialyse, Penicillin, Thrombose-Mittel, Transplantationen, heroische Selbstversuche wie der von Werner Forßmann - derlei ist ohne jede okkulte Erkenntnis-Suche gekommen.
"Siege des Materialismus" hat das Gerhard Kienle, einer der Gründungs-Väter von Herdecke, genannt. Er hat gefragt: "Wie erreichen wir eine Situation, eine Stimmung, daß die Ideen, die, nüchtern gesagt, aus dem Kosmos kommen, auch von uns bemerkt werden?"
Das geistige Potential, fand er, reiche einfach nicht aus für die den Anthroposophen vorschwebende "Weltbewegung im Sinne des Hygienischen Okkultismus". Dazu müßten viel mehr von den Anthroposophen noch konsequenter und konzentrierter denken, wollen, handeln. Kienle beklagte ein "geistiges Vakuum".
Das gerade übe einen "Sog" auf die mächtigen Gegenkräfte aus. Auf jene Mächte, die dem "Richtigen" statt dem
"Wahren" überall die Wege bereiteten. Er selber, bekannte der Neurologe Kienle, habe versucht, ein Arzneimittel - "im Sinne der Weltentwicklung" - zu kreieren. Es sei ihm nicht gelungen, "diese Barriere zu durchbrechen".
1983, ein Jahr danach, starb er, neunundfünfzigjährig, an der Entzündung und Selbstaufzehrung seiner Bauchspeicheldrüse. Die von ihm erstrittene freie Universität wurde gerade eröffnet.
Bettlägerige zu waschen, darin war eigentlich jeder der 26 angehenden Mediziner der neuen Universität Witten/ Herdecke schon lange vor dem Studienbeginn erfahren. Bei ihrer Auswahl unter 5500 Bewerbern hatte man ihrer nachweislichen Praxis in der Krankenpflege oder Sozialarbeit höheres Gewicht beigemessen als der Notenquersumme des Reifezeugnisses. Nun, im Studium, sollten sie Eindrücke intensiver Pflege einmal auch in der horizontalen Lage des Kranken gewinnen. Also säuberten sie einander vom Scheitel bis zur Zehe nach Pflegerart.
Ein Doktor-Spiel für Kinder? Soziale Sinneserfahrungen solcher Art erweitern eben nebst täglicher erschöpfender Mitarbeit im Gemeinschaftskrankenhaus das sonst zunftübliche Angebot ihres Curriculums.
Kenntnisse, wie sie die moderne Massenuniversität nur noch über Lautsprecheranlagen von sich gibt, eignen sie sich als universitäre Kleingruppe an. Und ein obligatorisches Studium fundamentale offeriert ihnen neben dieser Substanz die zur Substanz-Gewinnung führenden Erkenntnistheorien. Da müssen sie merken, wie begrenzt die sind.
Anatomie-Vorlesung in Herdecke, das bedeutet so nebenbei innerliches Erspüren des Schädelaufbaues, indem jeder einen Schädel in Ton modelliert. Von Rudolf Steiner ist vorerst nicht die Rede. Über ihn, von dessen Erkenntnis-Wegweisung ins sinnlich nicht Wahrnehmbare, von dessen sozialen und medizinischen Anregungen die Krankenhaus- und Universitätsgründer ihre Energien herleiteten, wird nun im Studium fundamentale ein bißchen gelesen. Neben anderen medizinischen Schulen, sagt der Uni-Mitgründer Konrad Schily, gelte es das vorzustellen.
Ist das alles? Eine Elite der anthroposophischen Gesellschaft fragt es mit Ingrimm und wird mit Andeutungen abgespeist. Der in Herdecke mitwirkende Marburger Arbeitsphysiologe Professor Günter Hildebrandt, selber Anthroposoph, versprach für die Vermittlung des materialistisch-empirischen Wissens eine Form, durch welche "das Spirituelle bereits durchleuchtet". Meditative Techniken, wie sie von Steiner einst "zur Kräftigung des Heilerwillens" empfohlen worden sind, wolle man den Studenten - die sich nebenbei in zwei Fremdsprachen vervollkommnen müssen - wohl anbieten. Aber nicht als Pflichtstoff.
Steiner wird vorsorglich verdünnt. Behutsam nennt Hildebrandt den Grund: "Die Offenbarung von Erkenntnissen und deren nur gemüthafte oder verstandesgemäße Aneignung ist nicht tragfähig, wenn es darum geht, Inhalte in der Öffentlichkeit zu vertreten." Konrad Schily wird deutlicher: "Unter keinen Umständen" dürfe diese Uni "Bekenntnis-Charakter haben".
Die Gründer haben ihren ganz eigenen anthroposophischen Ehrgeiz. Zuviel ausgesprochene Anthroposophie könnte dem hinderlich sein. Beweisen wollen sie, daß diese Art Universität billiger, besser, humaner funktioniert als jede staatliche.
Ihre Universitäts-Zahnklinik (18 Behandlungsplätze) eröffnet 1984 mit 18 im Gelegenheitskauf erworbenen Behandlungsstühlen ihren Studienbetrieb. Sie kostet fünf Millionen, ein Siebtel dessen, was für ein gleich großes Projekt staatlich veranschlagt war.
1984 wird außerdem ein Erst-Semester Wirtschaftswissenschaft einziehen. Biologie, Philosophie, Orientalistik, Mathematik, Agrokultur, Tiermedizin, Ökotechnik sollen folgen, alles darauf angelegt, nach dem Prinzip "Small is beautiful" dem öffentlichen Bildungssystem ein besseres entgegenzusetzen. Eines, das dem Ideal von Leistungs- und Denkfähigkeit unter spartanischen Bedingungen gerecht wird.
Von Spenden der Anthroposophen wird das nicht leben können. Daß - namenlos - große Summen aus der Wirtschaft kommen, deutet Schily an. An einer staatsfreien Ausbildung von Nachwuchs-Elite, wie sie sich in Herdecke anbahnt, ist der deutschen Wirtschaft schon fast ebenso gelegen wie den deutschen Anthroposophen.
Herdecke selber soll Heilmittel werden: eine homöopathische Dosis. Zugedacht ist das einem gewaltigen und maroden Fall besonderer Art - der deutschen Universität.
Im nächsten Heft
Kosmische Geheimnisse des biodynamischen Landbaus - Strahlung aus dem Kompost - Biokost für Hitler - Rezept gegen Waldsterben - Bauern teilen ihre Höfe mit Städtern
Nach einer Zeichnung von Hans Holbein d. J.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 20/1984
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