09.04.1984

KABEL-FERNSEHENBabies im Zoo

Auch in München hat die Medienzukunft begonnen - Fernsehen auf 16 Kanälen. *
Franz Josef Strauß hatte das Ereignis als "Meilenstein in der medienpolitischen Entwicklung" gepriesen, aber die Galagäste konnten dem historischen Moment nicht allzuviel abgewinnen.
Rund 600 waren, vorletzten Sonntag, ins Europäische Patentamt zu München gekommen, zur feierlichen Eröffnung des Münchner Kabel-Fernsehens. Aber die Festlaune blieb unterkühlt, vor der TV-Wand mit 21 Monitoren sammelten sich nur kleine Interessen-Gruppen. Und der Pilotprojektleiter Eberhard Witte fragte, beinahe kleinlaut, ob "wir uns über das neue Kind der Medien freuen sollen".
Die Experten hatten ja bereits, vor einem Vierteljahr, die deutsche Kabel-Erstaufführung in Ludwigshafen erlebt und durchweg sehr reserviert die neuen Kanäle begutachtet. Dort, im Oberpfälzischen, hat die örtliche "Anstalt für Kabel-Kommunikation" gut 2000 Haushalte fest an der Strippe. Die Münchner "Pilot-Gesellschaft für Kabel-Kommunkation" (MPK) begann bescheiden mit 500 Abonnenten.
Dabei hatte MPK-Direktor Rudolf Mühlfenzl, ein trotziger Optimist, zur Münchner Kabel-Premiere mit 12 000 angeschlossenen TV-Geräten gerechnet. Aber auch die lockenden Werbeaufrufe ("Sie erleben Fernsehen und Hörfunk in einer neuen Vielfalt") hatten die Bewohner im Kabeltestgebiet München-Ost nicht animiert.
16 TV-Kanäle und 24 Rundfunkprogramme, da hätten die Telephilen doch eigentlich schwach werden müssen. Im Kabel wetteifern nun die Öffentlich-Rechtlichen mit den Privaten, lokale Kleinsender wie "Radio Xanadu" mit dem mächtigen Bayerischen Rundfunk. Auf dem Bildschirm tobt totales Entertainment bis in die tiefe Nacht. Der Kunde zahlt für den Post-coaxialen Segen monatlich 16,25 Mark, zusätzlich zu den normalen Rundfunkgebühren.
ARD und ZDF sind dabei, Bayern III und Südwest III, Österreich I und II, die deutschsprachige Schweiz, die französischsprachige Gesellschaft TV 5. Von Großbritannien aus speist der australische Tycoon Rupert Murdoch seinen showbestückten englischsprachigen "Sky Channel", über den Euro-Satelliten ECS, ins Netz. Im "musicbox"-Kanal dröhnt pausenlos Pop und Rock. Auf Kanal 22 hat sich die "Mediengesellschaft Bayerischer Tageszeitungsverleger" mit ihrer "m.b.t."-Welle etabliert.
Die Ludwigshafener Strippen-Pioniere bedienen München mit dem Altwaren-Programm PKS (siehe Seite 235). Das ZDF offeriert zwei Extra-Kanäle, den "Musikkanal" und "ZDF 2", zeitversetzte Mainzer Tages-Televisionen. Der Bayerische Rundfunk schließlich stellt sich mit den Programmen "Jugend - Spiel - Sport" und "TV-Kultur-Club". Ein Großteil des Münchner Kabelangebots ist auch in Ludwigshafen auf dem Schirm.
Fernsehen total also. "Die neue Zeit", spöttelt die "Süddeutsche Zeitung", "verlangt extrem nerven- und entschlußstarke Menschen". Aber auch für das Münchner Pilotprojekt gilt zunächst: In _(diese Programme können auch ohne ) _(Verkabelung in München empfangen werden ) _(diese Programme können auch ohne ) _(Verkabelung in München empfangen werden ) _(diese Programme können auch ohne ) _(Verkabelung in München empfangen werden ) _(diese Programme können auch ohne ) _(Verkabelung in München empfangen werden ) _(diese Programme können auch ohne ) _(Verkabelung in München empfangen werden )
der Vielfalt liegt die Einfalt. Und "unkritischer Kabel-Euphorie", vor der unermüdliche Schwarzseher wie Bayerns SPD-Landeschef Helmut Rothemund warnen, werden vorerst wohl auch die glühendsten Verfechter privaten Fernsehens nicht verfallen. Zu kraftlos ist noch die private Kabel-Konkurrenz, als daß die Anstaltsinsassen von ARD und ZDF vor ihr erschauern müßten.
PKS Ludwigshafen beispielsweise nährt sich dürftig und täglich mit amerikanischer Serien-Konfektion, mit "High Chaparral" oder "Drei Engel für Charlie"; das verstaubte Spielfilm-Repertoire stammt direkt aus der "Gruft mit dem Rätselschloß" (deutscher Gruselkrimi, 1964, mit Klaus Kinski). In der PKS-Obhut befinden sich auch die sympathischen Stotterer von der "FAZ"-Nachrichtenredaktion, die im ungewohnten Medium solide Zehn-Minuten-News verlesen. Darüber hinaus behelligt PKS seine Zuschauer nicht mit zeitgenössischen Problemen. Das soll auch niemand vom "Sky Channel" und von der "musicbox" erwarten.
Aber auch den Öffentlich-Rechtlichen ist für ihre Kabel-Sonderkanäle nicht viel eingefallen. Der ZDF-Musikkanal lebt von Reprisen und versucht, sich mit "Dampf und Volksmusik", ehrwürdigen "Musik ist Trumpf"-Sendungen oder dem Jugendblasorchester Radolfzell ins Kabel zu schmeicheln. Und von einem überwältigenden Einbruch der Zukunft in die Pilotprogramme des Bayerischen Rundfunks kann durchaus auch noch nicht die Rede sein.
"Jugend - Spiel - Sport" und "Kultur-Club" werden überwiegend aus dem Archiv versorgt, mit Spielfilmen oder Volkskundlichem über "Alphorn und _(MPK-Aufsichtsratsvorsitzender Reinhold ) _(Kreile, MPK-Direktor Rudolf Mühlfenzl, ) _(Pilotprojekt-Leiter Eberhard Witte, ) _(Edmund Stoiber. )
Scherrzither" und Liedern der Mehlprimelbuam.
Aber es wird im BR auch hart an einer echten Innovation gearbeitet, für die das Kabel wohl das geeignetste Medium ist, am Lokalfernsehen. Die "Stadtrundschau", werktäglich 15 Minuten lang, leitet City-Berichte, möglichst oft live, an die Versuchs-Münchner. Das Magazin steht unter der Fuchtel des streng konservativen Wolf Feller, so daß der "Stadtrundschau"-Pfiffigkeit enge Grenzen gesetzt sind.
Ein anderer Lokalteil regt sich zage im Verleger-Kanal m.b.t. Die "Tele-Zeitung", um "mehr Boulevardjournalismus" bemüht, spürt mit drei Kamerateams und zwölf Redakteuren Münchner Aktualitäten nach, werktags 30 Minuten lang. Mit recht betulichen Beiträgen über Schornsteinfeger oder Tierbabies im Zoo befindet sich die Truppe unübersehbar noch in der Schulungsphase. Immerhin hat m.b.t. aber schon - Rarität im Kabel-TV - Werbespots an Land gezogen, etwa für McDonalds oder Haribo (macht Kinder froh). "Die Werbung", sagt MPK-Geschäftsführer Mühlfenzl, wird eben "auf die Akzeptanz der einzelnen Kanäle und Programme seitens der Zuschauer warten".
Wie sich das Häuflein der Kabel-Kunden in der Bilderflut orientiert, die Dauer des Fernsehkonsums, die Neigung zu den einzelnen Kanälen wird laufend eine Projektkommission untersuchen. Es zeichnet sich aber bereits ab, daß die Jugend ganz närrisch nach den "neuesten und heißesten deutschen und internationalen Videoclips" der total verpopten "musicbox" ist. Ältere Kabel-Kunden bekunden glaubhaft, ihre Weißwurst auch künftig außer Hauses verzehren zu wollen.
Und das ist eine, für den Fortbestand der Münchner Biergärten, außerordentlich beruhigende Prognose.
[Grafiktext]
FERNSEHEN TOTAL AUF 16 KANÄLEN Das in München durch das Kabel-Pilot-Projekt erweiterte Programm-Angebot Deutsches Fernsehen, Kanal 1 Zweites Deutsches Fernsehen, Kanal 2 Bayerisches Fernsehen, Kanal 3 Südwest 3, Kanal 16 Österreichisches Fernsehen 1, Kanal 4 Österreichisches Fernsehen 2, Kanal 5 Schweizer Fernsehen, Kanal 17 ZDF 2 ZDF 2, Kanal 9 (zeitversetztes ZDF-Programm) Kabel- und Satellitenrundfunk, Kanal 7 (Spielfilme, Serien und FAZ-Nachrichten) Bayerischer Rundfunk, Kanal 8 (Jugend-Spiel-Sport) Bayerischer Rundfunk, Kanal 13 ("TV-Kultur-Club") Kanal 12 ("Musikkanal") mbt Femsehen Hörtunk Kabeltexte Textkanal bayerischer Zeitungsverleger, Kanal 22 ("Die Tele-Zeitung") musicbox Kabelmedia, Kanal 11 (Popmusik) Satellite Television, London, Kanal 14 (Musik, Sport, Entertainment) Satellimages, Paris, Kanal 15 (Kultur-und Unterhaltung)
[GrafiktextEnde]
diese Programme können auch ohne Verkabelung in München empfangen werden diese Programme können auch ohne Verkabelung in München empfangen werden diese Programme können auch ohne Verkabelung in München empfangen werden diese Programme können auch ohne Verkabelung in München empfangen werden diese Programme können auch ohne Verkabelung in München empfangen werden MPK-Aufsichtsratsvorsitzender Reinhold Kreile, MPK-Direktor Rudolf Mühlfenzl, Pilotprojekt-Leiter Eberhard Witte, Edmund Stoiber.

DER SPIEGEL 15/1984
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