12.03.1984

THEATERVom Fiasko zu Fiesko

Das „Faust-II“-Debakel am Ost-Berliner Deutschen Theater hat Folgen: Intendant Rolf Rohmer, Schützling von DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann, wird auf Druck des Ensembles abserviert. *
Der Gang blieb ihm nicht erspart: Monatelang hatte der Minister den Intendanten gegen wachsende Kritik gestützt, Ende Februar mußte er persönlich auf einer Vollversammlung des Ensembles die Ablösung des von keiner Bühnenpraxis beleckten Kulturfunktionärs bekanntgeben.
Damit war ein Laientheater zu Ende, das der "führenden Schauspielbühne des sozialistischen Nationaltheaters" zum hundertjährigen Jubiläum im vergangenen Herbst statt neuem Glanz in prächtig restaurierten Räumen nur eine handfeste Krise beschert hatte.
Nachfolger des erst im September 1982 als Intendant installierten Theaterprofessors Rohmer wird der Schauspieler Dieter Mann, 42. Die künstlerische Leitung übernimmt Friedo Solter, 50, der Regisseur, der vor zwanzig Jahren von der Schauspielschule weg den Neuling Mann als Hauptdarsteller für seine eigene Debütinszenierung "Unterwegs" verpflichtet hatte. Zweiter fester Regisseur bleibt Alexander Lang, 42.
"Endlich jemand, der nicht vom Leiten lebt", meint ein Kollege zur Berufung Dieter Manns - die Niederlage der Funktionäre wird als Sieg des traditionell stärksten Ost-Berliner Ensembles erlebt. Möglich wurde der Überraschungscoup durch ein Machtwort aus dem Politbüro:
Kulturpapst Kurt Hager selbst spielte Personalchef.
Die Unternehmung, über die Intendant Rohmer jetzt gestürzt ist, war schon im Gang, als er sein Amt antrat: Zur Wiedereröffnung des luxuriös renovierten Hauses im September 1983 sollte, angeblich auf höchsten Wunsch, nichts Geringeres als "Faust II" auf die Bühne kommen. Und die Hauptbeteiligten waren die drei Männer, die nun Rohmers Erbe antreten: Dieter Mann als Mephisto-Darsteller, Alexander Lang als Faust, Friedo Solter als Regisseur.
Ihre Arbeit litt nicht nur unter Bauverzögerungen, sondern auch unter dem Desinteresse des Intendanten, dem Kronleuchter und stilgetreue Ausmalung des Traditionshauses wichtiger waren. Der weißhaarige, immer korrekt im dunklen Anzug regierende Theaterakademiker verbrachte Wochen mit Sitzungen zu Protokollfragen des Gala-Staatsereignisses, auf einer "Faust"-Probe erschien er en passant ein einziges Mal.
Als auch ihm klar wurde, daß die Mammutunternehmung niemals termingerecht fertig würde, ließ er die "Faust"-Proben abbrechen - daß Regisseur Solter beim Kulturminister protestierte, mit Rücktritt drohte und den Intendanten einen Dilettanten schimpfte, half nichts. Die Weihe des Hauses wurde mit einer aufgewärmten "Tasso"-Inszenierung von Solter aus dem Jahr 1975 gefeiert, Parteichef Honecker ließ sich mit Rohmer und Solter fürs "Neue Deutschland" photographieren und sprach: "Jetzt warten wir auf den ''Faust''."
Der Konflikt war damit nicht geschlichtet, denn er reichte zurück bis zum letzten Ost-Berliner "Faust"-Skandal, der umstrittenen "Faust I"-Inszenierung von Wolfgang Heinz und Adolf Dresen im Deutschen Theater 1968. Damals gehörte der Theaterwissenschaftler Rohmer zu den Gegnern der Aufführung, der Jungregisseur Solter zu ihren Verteidigern - er warf Rohmer "Staatssicherheitsargumente" vor.
Nun aber mußte Rohmer alles versuchen, um Solters "Faust II" doch noch auf die Bühne zu bringen, und im Dezember heckte er mit dem Kulturminister einen letzten Rettungsplan aus: Das nach zweijähriger Renovation eben wiedereröffnete Prachttheater sollte noch einmal für zwei Monate geschlossen werden, um mit Proben rund um die Uhr den "Faust" zu vollenden.
Noch vor Partei und Öffentlichkeit begehrte der Betrieb gegen diese Radikallösung auf. Bei einer Ensemblesitzung gab Faust-Darsteller Lang eine schriftliche Erklärung ab: Er probe nur noch unter Vorbehalt weiter, denn die Gesellschaft werde "Rechenschaft" fordern, ob der ökonomische Aufwand dem künstlerischen Nutzen entspreche. Mephisto Mann reagierte sofort mit einem Gegenprotest - das Hickhack sah aus wie ein Rückfall in die denunziatorische Kulturpolitik der fünfziger Jahre, die selbst in finstersten Ulbricht-Zeiten am Deutschen Theater nie geherrscht hatte.
Eine Woche darauf bekannten Kulturminister und Intendant, ihr Rettungsplan sei ein "politischer Fehler" gewesen, und erklärten das endgültige Aus für "Faust II". Zwei Tage später stand Regisseur Solter erstmals nach vielen Jahren wieder als Schauspieler auf der Bühne des Deutschen Theaters: Unter der Regie seines ehemaligen Schülers Lang, der vom Faust-Darsteller unversehens zum Faust-Gegner geworden war, spielte Solter in der Uraufführung der "Wahren Geschichte des Ah Q" von Christoph Hein die Maso-Rolle eines miesen Polizisten. In den Werkstätten des Theaters begann man inzwischen, die größtenteils fertigen "Faust"-Dekorationen zu demontieren.
Der gescheiterte Intendant Rohmer soll mit einem Lehrstuhl an der Humboldt-Universität getröstet werden. Daß sich das Ensemble gegen einen ungeliebten, ihm aufgezwungenen Chef durchzusetzen weiß, hatte man am Deutschen Theater schon bewiesen, als 1970 der ruppige Intendant der Rostocker Bühnen, Hanns Anselm Perten, nach Ost-Berlin befördert wurde - und nach nur zwei Spielzeiten zurück an die Ostsee mußte.
Seit 1946, als der aus dem Exil kommende Wolfgang Langhoff hier die Geschäfte übernahm - sein Kollege aus Zürcher Emigrantentagen, Wolfgang Heinz, folgte ihm 1963 -, hat diese Bühne ihre Sonderstellung bewahrt. Dazu _(Links: Dieter Mann; rechts: Erich ) _(Honecker und Rudolf Rohmer bei der ) _(Eröffnungsfeier am 29. September 1983. )
gehörte neben einem starken Ensemble immer das Nebeneinander verschiedener Regiehandschriften: die "Goldenen Sechziger" des DDR-Theaters (Peter Hacks) fanden hier statt, wo Regisseure wie Benno Besson, Adolf Dresen und Friedo Solter arbeiteten.
Und auch in den letzten Jahren, als nach der Abwanderung vieler Regisseure die Ost-Berliner Theaterszene langsam ins Grau absank, hat das Deutsche Theater einiges von seinem Glanz behalten - durch den vitalen Solter wie durch den extravaganten Alexander Lang, auch wenn dem seine ins Marionettenhafte hochstilisierte Artistik den Spott eingebracht hat, er mache das Deutsche Theater zur teuersten Kasperlebühne der Welt.
Nicht nur der Intendant und sein Stellvertreter sind dem "Faust"-Debakel am Deutschen Theater zum Opfer gefallen. Auch die Politikerin Gisela Holan, die im Kultusministerium zuständige Oberaufpasserin für die Staatstheater, wurde abgelöst, und schon ist in Ost-Berliner Theaterkantinen davon die Rede, daß auch Kultusminister Hoffmann nicht mehr ganz fest auf seinem Sessel sitze.
Noch ein anderer Oberaufpasser der Ost-Berliner Szene hat in den letzten Wochen seine Macht eingebüßt: Rainer Kerndl, Dramatiker, Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbands und Cheftheaterkritiker des "Neuen Deutschland". Erst verschwand Kerndls jüngstes Stück "Der Georgsberg" - eine Satire auf die Westdevisen-Geilheit im realen Sozialismus - wenige Tage nach der Premiere vom Spielplan des Maxim-Gorki-Theaters, dann verschwand auch Kerndl selbst aus den Spalten des "Neuen Deutschland". Wer unter ihm gelitten hat, findet daran nur ungerecht, daß er über ein schlechtes Stück und nicht über seine schlechten Kritiken gestolpert ist.
Für die Aufräumungsarbeiten am Deutschen Theater beginnt der neue Mann Dieter Mann - ein Arbeitersohn, gelernter Dreher, der über die Arbeiter- und Bauern-Fakultät zum Theater fand und zum großen Publikumsliebling aufstieg - nun neu zu planen. Alexander Lang soll Goethes "Iphigenie" und Grabbes "Gothland" inszenieren, Thomas Langhoff die "Emilia Galotti" und den "Kaufmann von Venedig". Die in der allgemeinen Panik abgebrochenen Proben für Kipphardts "Bruder Eichmann" und die "Komiker" von Trevor Griffiths haben wiederbegonnen, sogar an die neueren, in der DDR bisher ungespielten Heiner-Müller-Stücke will man sich nun wagen.
Auf dem Höhepunkt der "Faust"-Krise hatte Mephisto-Darsteller Mann erklärt: "Für mich ist das Deutsche Theater erst wirklich wiedereröffnet, wenn der ''Faust II'' über die Bühne geht. Das bin ich mir schuldig." Von einem Termin dafür aber ist vorläufig nicht die Rede. "Faust"-Regisseur Solter wendet sich erst einmal Schiller zu: "Fiesko" nach dem Fiasko.
Links: Dieter Mann; rechts: Erich Honecker und Rudolf Rohmer bei der Eröffnungsfeier am 29. September 1983.

DER SPIEGEL 11/1984
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