20.08.1984

RECHTSRADIKALEMit dem Rucksack

Erst wurde er als „Kasper“ verharmlost, demnächst muß er wegen Doppelmordes vor Gericht: Karl-Heinz Hoffmann, einst Chef der verbotenen rechtsradikalen „Wehrsportgruppe“. *
Für den oberfränkischen Porzellanmaler und Gebrauchsgraphiker Karl-Heinz Hoffmann war 1980 ein schlechtes Jahr.
Erst wurde seine rechtsextreme "Wehrsportgruppe Hoffmann" (WSG) vom Bundesinnenminister verboten. Zur Jahresmitte hin büßte Hoffmann seinen Waffenschein ein. Und nach dem blutigen Bombenanschlag auf dem Münchner Oktoberfest (13 Tote, 219 Verletzte) geriet er gleich wieder in Verdacht und ein Wochenende lang - in diesem Fall unschuldig - in Haft.
Doch einen rechten Wehrsportler wirft das nicht um. Kurz vor Weihnachten saß Hoffmann zusammen mit seiner Lebensgefährtin Franziska Birkmann und dem ehemaligen WSG-Mitglied Uwe Behrendt in der altdeutschen Küche von Schloß Ermreuth bei Nürnberg und schmiedete Pläne - und mehr: Eine trotz der Verbote verbliebene Maschinenpistole vom Typ Beretta, Kaliber neun Millimeter Parabellum, sollte mit einem Schalldämpfer ausgerüstet werden.
Der Chef befestigte mit zwei Schlauchbindern die Stiele von vier oder fünf Metallbürsten am Lauf der Waffe und stülpte eine alte Spraydose aus Aluminium darüber. Dann wurde die nunmehr 75 Zentimeter lange Pistole mit Schüssen in den Boden des Schloßkellers und auch auf freiem Gelände erprobt. Das Gerät zeigte nach dem Eindruck der Beteiligten eine deutlich schalldämmende Wirkung.
Wenige Tage später, am 19. Dezember 1980, wurden in einem Bungalow in Erlangen, 13 Kilometer von Ermreuth entfernt, zwei Menschen mit je vier Schüssen ermordet: der jüdische Verleger Shlomo Lewin, 69, und seine Gefährtin Frida Poeschke, 57, Tochter eines Brauereibesitzers und Witwe des langjährigen Erlanger Oberbürgermeisters Michael Poeschke.
Am Tatort fanden sich Geschosse, Mantelteile und Hülsen vom Kaliber neun Millimeter Parabellum. Den waffentechnischen Untersuchungen der Polizei zufolge war die Tatwaffe eine MP Beretta, Modell 38, oder ein Folgemodell - wie die Waffe aus der Schloßküche.
Zwei der gefundenen Kugeln ließen durch ihre Deformierungen und die metallischen Anhaftungen auf die Verwendung eines Schalldämpfers schließen, der offenbar teilweise weggeschossen worden war. Neben den Leichen wurden zwei weitere Spuren gefunden: eine Brille "Schubert, Modell 27" aus dem Besitz von Frau Birkmann, dazu das Verschlußstück einer Spraydose, dem Spuren eines Harnstoff-Formaldehyd-Harzes anhafteten - ebenso wie der Alu-Dose aus Ermreuth, die den gleichen Hartschaum zum Einbau von Türen und Fenstern enthalten hatte.
Mordschütze im Erlanger Bungalow war, so die Ermittlungen der Polizei, Uwe Behrendt, damals 28, der sofort nach der Tat ins Schloß Ermreuth zurückgekehrt sei, wo ihm Karl-Heinz Hoffmann und Franziska Birkmann hilfreich zur Seite gestanden hätten.
Der Chef verbrannte, wie die Fahnder ermittelten, die Wollmütze, den Schal, die Jacke und wahrscheinlich auch die Hose des Täters, pulte die Kugeln von den Probeschüssen aus dem Kellerboden, zerquetschte sie im Schraubstock und warf sie dann bei einer Autofahrt aus dem Fenster. Die Tatwaffe hatte Behrendt bereits selber beiseite gebracht: "Die ist weg, die findet kein Mensch mehr."
Zum Schluß soll der Gefolgsmann vom Chef noch 1200 bis 1300 Mark zugesteckt bekommen haben und wurde von Franziska Birkmann, der Alleineigentümerin des Schlosses Ermreuth, mit dem Auto zum Hauptbahnhof Nürnberg gefahren. Behrendt besuchte über Weihnachten seine in der DDR lebende Mutter, danach war er für immer außerhalb der Reichweite deutscher Strafverfolgungsbehörden.
Im nächsten Monat nun, fast vier Jahre nach dem Doppelmord von Erlangen, soll Hoffmann und seiner Gefährtin Birkmann der Prozeß gemacht werden. Die Verhandlung, in der allein wegen des Mordvorwurfs 55 Zeugen und elf Sachverständige auftreten sollen, birgt politisch wie juristisch Brisanz.
Politisch: Der Mordvorwurf richtet sich gegen Mitglieder einer Gruppe, deren kriminelle Energie lange Zeit von Bayerns CSU-Regierung verharmlost worden war. Im Frühjahr 1980, im Jahr des Doppelmordes, mokierte sich Franz Josef Strauß über das Bonner WSG-Verbot, man solle "diesen Hoffmann, der wirklich wie ein Kasper aussieht", doch "in Ruhe lassen", wenn er "sich vergnügen will, indem er am Sonntag auf dem Land mit einem Rucksack und mit einem mit Koppel geschlossenen 'Battle Dress' spazierengeht".
Und im September desselben Jahres kanzelte CSU-Minister Tandler einen Funkreporter ab, der ihn zum Thema Rechtsradikalismus interviewte: "Ihre Sorge sollte sich in erster Linie gegen den Linksextremismus wenden." Denn: "Man soll nicht ein Schattenreich aufbauen, eine Schattengefahr aufbauen über das hinaus, was existiert" (SPIEGEL 41/1980).
Juristisch: Die Vorgeschichte des Hoffmann-Prozesses wirft die Frage auf, ob die Justiz im Freistaat Bayern mit
zweierlei Maß mißt. Denn sowenig zimperlich sich die Nürnberger Justiz etwa im Frühjahr 1981 bei der Verhaftung von 141 linksverdächtigen "Komm"-Demonstranten zeigte, denen Sachbeschädigungen in Höhe von insgesamt 20 000 Mark vorgeworfen worden waren (SPIEGEL 47/1981), so schwer tat sie sich in Sachen Hoffmann. Dem Prozeß ging ein mehrmonatiges justizinternes Hickhack voraus.
Mehr als zwei Jahre nach der Tat erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Karl-Heinz Hoffmann wegen zweifachen Mordes und gegen Franziska Birkmann wegen Beihilfe dazu. Als Tatschützen kamen die beiden nach den Ermittlungen der Fahnder nicht in Betracht; sie hatten am Mordabend im Schloß den Besuch eines befreundeten Paares. Doch, so der Nürnberger Oberstaatsanwalt Rudolf Brunner: "Man kann einen Mord auch begehen, ohne selbst zu schießen."
Bei dem für Kapitalverbrechen zuständigen Schwurgericht jedoch, der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth unter Vorsitz von Johann Mürschberger, 60, hatten die Ankläger mit ihrem 170 Seiten starken Ermittlungsergebnis zunächst kein Glück. Nach Lektüre der Anklage gelangten die drei Berufsrichter der Kammer nicht zu der für eine Verurteilung erforderlichen "vollen Überzeugung".
Das Gericht glaubte zum Beispiel den Einlassungen von Hoffmann und seiner Gefährtin, bei dem selbstgebastelten Schalldämpfer habe es sich lediglich um ein "Produktionsmuster" für eine geplante Schalldämpferfabrik im Libanon gehandelt, die scharfe Maschinenpistole sei nur "zum Schutz im Haus" gewesen. Überdies seien ja "öfter scharfe Waffen herumgelegen", so daß man nicht gleich an eine geplante Straftat habe zu denken brauchen.
Nach solchen Einsichten lag für die Richter der Schluß "nicht fern, daß Behrendt ohne Wissen und Wollen Hoffmanns die Tat allein begangen hat". Auch Hoffmanns öffentliche Ankündigung im Fernsehen nach dem WSG-Verbot, seine künftigen Aktivitäten könnten "für die herrschenden Kreise weitaus unangenehmer werden", ließ die Kammer ebenso unbeeindruckt wie die Äußerung gegenüber einem Zeugen kurz vor der Erlanger Bluttat: "Eines Tages mache ich was, da werden dann alle schauen."
Das Nürnberger Landgericht hob jedenfalls die Haftbefehle gegen Hoffmann und Franziska Birkmann wieder auf. Während Frau Birkmann seither auf freiem Fuß ist, sitzt Hoffmann seit seiner erneuten Festnahme am 16. Juni 1981 auf dem Frankfurter Flughafen wegen zahlreicher anderer Delikte wieder in Straf- und Untersuchungshaft.
Bevor am 12. September die Hauptverhandlung gegen Karl-Heinz Hoffmann, 46, und Franziska Anni Else Birkmann, 38, beginnt, mußten die Nürnberger Richter ihre Kompetenzen neu regeln. Wegen des Beschlusses der 5. Kammer, mit dem sie die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt hatte, wurde auf Beschwerde der Ankläger die 3. Große Strafkammer unter Vorsitz von Rudolf Koob, sonst ausschließlich zuständig für Drogendelikte, zu einer "Schwurgerichtsauffangkammer" deklariert.
Im Nürnberger Justizgebäude, wo nach 1945 die Kriegsverbrecherprozesse der vier Alliierten stattfanden, wird möglicherweise bis ins nächste Jahr verhandelt werden müssen. Denn Anfang Juli wurde dem Mordprozeß aus verfahrensökonomischen Gründen eine weitere dicke Anklageschrift zugeordnet, in der Hoffmann die Vorbereitung von Sprengstoffdelikten, Anwerbung von Deutschen für einen fremden Wehrdienst, schwerer Diebstahl, Geldfälschung, Nötigung, gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen wird.
Im Zentrum des Nürnberger Prozesses steht die Frage nach den Beziehungen zwischen dem WSG-Führer und seinem Gefolgsmann Uwe Behrendt, jenem Mann, der laut Anklage als Werkzeug Hoffmanns die Erlanger Schüsse abgab. Beide traten jahrelang als schier unzertrennliches Duo auf, der eine als eher verbalradikaler Inspirator der Truppe, der andere als rabiater Schläger und Schießer.
Behrendt, der von den WSG-Troupiers "Mister Spock" genannt wurde, nach dem spitzohrigen Allbewohner aus der TV-Serie "Raumschiff Enterprise", stammt aus der DDR, wo er in jungen Jahren wegen versuchter Republikflucht zu einer Haftstrafe von 20 Monaten verurteilt wurde. Nachdem Behrendt mit anderen Häftlingen Mitte 1974 von der Bundesregierung für 50 000 Mark freigekauft worden war, studierte er in Ulm, Erlangen und Tübingen Theologie, Germanistik und Medizin und unternahm Reisen nach Südafrika und Rhodesien.
In Tübingen wandte sich Behrendt dem rechtsradikalen "Hochschulring Tübinger Studenten" (HTS) zu, dessen Chef Axel Heinzmann den Wehrsportler Hoffmann gelegentlich als Redner und die WSG als Saalschutz einlud. Die WSG und der HTS, dem vorübergehend auch der mutmaßliche Münchner Oktoberfest-Attentäter Gundolf Köhler angehörte, machten durch Schlägereien von
sich reden, und Behrendt, bald dem "harten Kern" um Hoffmann zugeordnet, war meistens mit dabei.
Mit Messern und Chemischen Keulen bewaffnet, demolierten Karl-Heinz Hoffmanns Schlägertrupps Buchhandlungen, sprengten Veranstaltungen und bedrohten linke Demonstranten, die sie "Kommunaken" schimpften. Nach Einsätzen der Hoffmann-Truppe registrierten Lokalreporter unter Augenzeugen blankes Entsetzen: "Diese Eruption nackten Terrors", zitierte das "Schwäbische Tageblatt" einen Zuschauer, "gehört für mich zum Schrecklichsten, was sich seit 1945 ereignet hat."
Hoffmann mußte wegen einer Schlägerei in Tübingen und anderer Delikte eine Freiheitsstrafe von anderthalb Jahren verbüßen, an die sich fugenlos U-Haft anschloß. "Spock" Behrendt war in den engsten Führungszirkel der WSG aufgerückt, wo er Hoffmann half, die Organisation in den Nahen Osten zu verlagern und ausgemusterte Bundeswehrfahrzeuge an die linksrevolutionäre Befreiungsorganisation PLO zu exportieren.
Hoffmann, der laut Zeugen von der PLO ein regelmäßiges Gehalt bezog und außer den Fahrzeugüberführungen auf dem Landweg auch ganze Schiffsladungen ins Morgenland dirigierte, hatte für seinen getreuen Behrendt immer wieder einen "Spezialauftrag" parat.
So sollte das Ex-WSG-Mitglied Ralf Rößner - bei dem früher mal die seinerzeit noch zugeschweißte spätere Tatwaffe von Erlangen von der Polizei gefunden und registriert worden war - ausgeschaltet werden: Rößner hatte sich an gefälschten Dollars vergriffen, die in geheimen Erddepots gelagert waren.
Den Ermittlungen zufolge tauchte Behrendt mit einer Handgranate in der Wohnung des Abtrünnigen auf, um ihn samt Freundin in die Luft zu jagen - doch die Opfer waren schon ausgeflogen.
Im libanesischen Exil versuchte Hoffmanns "Spock" die nach dem Verbot in "Wehrsportgruppe Ausland" umbenannte Truppe zusammenzuhalten - mit Methoden, die auch bei Hoffmanns Pflichtverteidiger, dem Tübinger Rechtsanwalt Klaus-Harald Bukow, "den Kaffee hochkommen" ließen.
Unbotmäßige WSG-Männer wurden im Libanon über Hürden gejagt oder bei Salz und ohne Wasser eingesperrt. Sie mußten laut Zeugenaussagen ihren eigenen Urin trinken und das bei Prügelorgien Erbrochene wieder aufessen. Behrendt gehörte, so ein Ermittler, zu den "Oberfolterern".
Einem WSG-Kameraden, dem aus Hamburg stammenden Kay Uwe Bergmann, der in ein Uno-Krankenhaus zu entfliehen suchte, trat Behrendt mit dem Stiefel ins Gesicht, nachdem er auf dessen blanker Haut Trockenspiritus verbrannt und ihm den linken Arm ausgekugelt hatte. Bergmann ist seither spurlos verschwunden.
Obwohl LKA-Fahnder im Fall Bergmann von einem "Mord ohne Leiche" sprechen, haben sie auf eine Aufklärung vor Ort von vornherein verzichtet. "Im Libanon hätten wir wahrscheinlich mehr Leichen gefunden, als wir überhaupt suchten."
Im libanesischen Exil hatten sich Behrendt und seine Mannen außer der Ermordung von früheren Anhängern, von "Verrätern" oder Antifaschisten noch viel mehr vorgenommen: Überfälle auf eine Ölraffinerie in Deutschland und auf einen Uno-Konvoi, Anschläge gegen die US Army und ein israelisches Schiff, die Errichtung eines Freiheitssenders und die Entführung von Botschaftsangehörigen.
Für den Fall, daß der Anführer Hoffmann länger als ein halbes Jahr in Haft kommen sollte, war die reihenweise Erschießung von Richtern und Staatsanwälten vorgesehen. Allen voran stand ein "Staatsanwalt Schmidt" auf der WSG-Abschußliste; zu Beginn der Ermittlungen gegen Hoffmann nämlich hatte im Auftrag des Generalbundesanwalts auch Staatsanwalt Gerulf Schmidt in Nürnberg gegen Hoffmann recherchiert - wegen des Verdachts der Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung, deren Tätigkeit darauf gerichtet war, Sprengstoffexplosionen herbeizuführen und Morde zu begehen.
Die Tatbestandsmerkmale des einschlägigen Paragraphen 129 a treffen zwar bis aufs Haar auf Machenschaften und Vorhaben der Hoffmann-Gruppe zu, doch der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) hob einen vom Amtsgericht Erlangen wegen dieses Deliktes erlassenen Haftbefehl im Januar 1982 wieder auf.
Eine terroristische Vereinigung mit Sitz im Ausland nämlich sei, so der BGH, nicht strafbar - auch "wenn deren Mitglieder ausschließlich oder überwiegend Deutsche sind" oder sogar "ihren Wohnsitz im Bundesgebiet haben und von dort für die Vereinigung, etwa durch Mitgliederwerbung, tätig sind".
Trotz dieses Freibriefs, den andere Terroristengruppen künftig sicherlich zu nutzen wissen, konnten die Hoffmann-Anhänger ihre Mord- und Sprengpläne nicht mehr in die Wirklichkeit umsetzen - ein Umstand, den die nachsichtige Mürschberger-Kammer Hoffmann abermals zu seinem Vorteil anrechnete. Beinahe vorwurfsvoll bezeichnet der Beschluß den WSG-Chef als "ängstlichen Zauderer", der "von allem redete und Wunschträumen nachhing".
Zu Hoffmanns Wunschträumen zählten - so jedenfalls berichteten übereinstimmend der Nachwuchs-Wehrsportler Alfred Keeß, der im Libanon zeitweilig an eine Heizung gekettet worden war, und der Mitte 1981 in die deutsche Botschaft in Beirut entflohene Hans-Peter Fraas - Mordanschläge auf einen Juden, der 40 Kilometer von Ermreuth entfernt lebte, oder auf einen israelischen Mossad-Agenten in Berlin. Hoffmann laut Anklage zu Fraas: "Tätest du so etwas machen?"
Hoffmann, der bei den Vernehmungen unbekannte Sachverhalte nur einräumte, wenn er sich total in die Enge getrieben sah, etwa die Täterschaft Behrendts,
den Bau des Schalldämpfers, die Beseitigung der Geschosse aus dem Kellerboden, entschloß sich nach der Konfrontation mit den Aussagen von Keeß und Fraas zu einer kühnen Vorwärtsstrategie. Er habe, sagte Hoffmann aus, im Hotel Byblos in Damaskus zwar mit Fraas geredet, aber erst lange nach dem Doppelmord von Erlangen. Fraas wie Keeß habe er nämlich vor Augen gehalten, wie sie sich die für den Fall ausgesetzte Belohnung von 100 000 Mark ergattern könnten. Sie brauchten der Polizei nur zu sagen: "Der Jude von Erlangen, das wäre eigentlich mein Job gewesen" - dann sei er, Hoffmann, "weg vom Fenster".
Außer den Aussagen der Zeugen Fraas und Keeß hat die Staatsanwaltschaft eine Art Sachbeweis aufzubieten: Wenige Wochen vor der Tat in Erlangen war in Hoffmanns Schlafzimmer ein Exemplar der italienischen Illustrierten "Oggi" vom Januar 1977 gefunden worden - mit einer Reportage über die Wehrsportgruppe und einem scharfen Kommentar, der Hoffmann mit Hitler verglich und vor seinen Aktivitäten dringend warnte. Autor: Shlomo Lewin, der in der Illustrierten auch abgebildet war.
Uwe Behrendt, der 1980 wie Hoffmann und andere Wehrsportler bereits per Haftbefehl gesucht wurde, mußte, wie die Ermittler rekonstruierten, im Oktober zur Mordtat in Erlangen mit einem mauretanischen Paß anreisen, den ihm die PLO zur Verfügung gestellt habe. Nach seinem Verschwinden tauchte er einmal unter dem Falschnamen Hans Eckner in einer vom ZDF gesendeten Pressekonferenz in Beirut auf. Im Sommer 1981 beging "Spock" angeblich im Libanon Selbstmord.
Einer der Zeugen, die das bestätigen, ist das frühere WSG-Mitglied Leroy Paul, der im April dieses Jahres in Brügge festgenommen worden ist und der dem Ex-Chef inzwischen auch noch auf andere Weise Sorgen bereitet: Seinetwegen bekommt Hoffmann von Neonazis Briefe in seine Zelle in Straubing mit Texten wie diesem: "Du Kretin - Du hattest ja einen Juden in der Truppe."
Eine vorerst letzte Spur des mutmaßlichen Doppelmörders Behrendt stöberte die Polizei vor wenigen Monaten in Stockholm auf: Einer von drei Pässen, die einem Araber abgenommen wurden, war der von Uwe Behrendt.
Der WSG-Chef hofft in seiner Straubinger Haftzelle, daß sich im bevorstehenden Strafverfahren die großzügige Linie des Kammervorsitzenden Mürschberger fortsetzt und daß die blutigen Folterungen im Libanon ähnlich wie der Vorwurf einer terroristischen Vereinigung sich vom Tisch wischen lassen.
Gutachten des Max-Planck-Instituts für Strafrecht und der Deutschen Botschaft in Beirut sollen beweisen, daß in dem vom Bürgerkrieg geschüttelten Libanon seinerzeit weder ein Rechtsverfolgungswille noch ein Rechtsbefolgungswille existierte. Dann aber wäre, anders als sonst, das deutsche Recht auf die Taten im Libanon nicht anwendbar.
In Straubing tischlert Häftling Hoffmann derweil Stühle für die Staatsanwaltschaft. Außerdem bereitet er einen Roman vor, in dem er Thesen aufwärmen will, mit denen er einst schon seine scharfen Jungs beeindruckt hatte. Der Bombenanschlag vom Oktoberfest sei "vom israelischen Geheimdienst ausgegangen", ähnlich wie der Erlanger Doppelmord: "Das waren die Juden selber. Die haben den weggeräumt, da ja der Lewin bei den Krummnasen eine umstrittene Persönlichkeit war."
Wie sich Hoffmanns Erzählungen mit der - von Hoffmann eingeräumten - Täterschaft von "Mister Spock" vereinbaren lassen sollen, läßt der Autor offen.
Der Anfang seines Romans, immerhin, liest sich ganz schön heiß: "Es herrschen die für die Sommermonate üblichen Temperaturen. Drückende Schwüle liegt über Tel Aviv. Die leichte Mittelmeerbrise bringt kaum Linderung."

DER SPIEGEL 34/1984
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