16.07.1984

„Wenn du was sagst, bring' ich dich um“

SPIEGEL-Redakteurin Valeska von Roques über den sexuellen Mißbrauch von Kindern in ihren Familien *
Sehr leise sprach sie, mit gesenktem Kopf von Notizen ablesend, stockend und sichtbar aufgewühlt. Zehn Jahre lang, von ihrem sechsten bis zu ihrem 15. Lebensjahr, sei sie von ihrem Großvater sexuell mißbraucht und vergewaltigt worden, sagte die 21jährige vorne am Pult.
Niemand forderte sie auf, lauter zu reden. Es war so still an diesem Abend im vollbesetzten großen Hörsaal der Technischen Universität in Berlin, daß auch Geflüstertes verstanden worden wäre.
Eine andere erhob sich aus den Reihen der Zuhörer und fing an zu sprechen, bald unter Tränen. Sie war sechs gewesen, als ihr Vater sie zum ersten Mal zwang, seinen Penis in den Mund zu nehmen.
Bis zu ihrem 18. Lebensjahr habe er sie regelmäßig mißbraucht, sie habe geschwiegen aus Angst vor seinen brutalen Ausfällen. Alle Anzeichen für das, was zwischen Vater und Tochter geschah, habe die Mutter geflissentlich übersehen. Als das nicht mehr ging, habe sie die Tochter, nicht den Mann, mit Vorwürfen überschüttet: "Wie kannst du mit uns an einem Tisch sitzen und solche Schweinereien machen."
An jenem Sommertag in Berlin sprachen noch eine 33jährige Lehrerin, mißbraucht als Siebenjährige vom eigenen Vater; eine 20jährige Studentin, als kleines Mädchen zwei Jahre lang sexuell terrorisiert von einem Nachbarn; eine Arbeiterin, in jungen Jahren vergewaltigt vom Bruder und dessen Freunden.
Sie waren Kinder gewesen, allenfalls junge Teenager, als es geschah, und es geschah nicht irgendwo fernab von der schützenden Familie, sondern eben dort, zu Hause oder im engeren sozialen Umfeld.
Die jungen Frauen, die es fertigbrachten, öffentlich zu bekennen, was sie erlebt hatten, sprachen auf einer Veranstaltung der Selbsthilfe-Organisation "Wildwasser", die - als erste ihrer Art in der Bundesrepublik - seit anderthalb Jahren tätig ist.
Die ihr angehören, treffen sich wöchentlich oder öfter, um ihre schrecklichen Kindheitserfahrungen aufzuarbeiten, um verstehen zu lernen, daß - so heißt es in einem Informationsblatt der Gruppe - ihre heutigen "Schwierigkeiten: Selbstzerstörungsswille, Süchte, Depressionen, Ängste", Reaktionen auf damals sind.
Mit einem winzigen Büro in einem von Frauen instandbesetzten Haus in Berlin, Potsdamer Straße, dient "Wildwasser" (Sprechstunde mittwochs 16 bis 19 Uhr, Telephon 030/215 1557) als Anlaufstelle für bedrängte Mädchen. Durch Veranstaltungen wie der in der TU Berlin will die Organisation zudem öffentlich machen, daß "sexueller Mißbrauch" nicht etwa die Ausnahme, sondern "totgeschwiegener Alltag ganz normaler Familien" sei.
Zumindest an den Rändern scheint die Tabuzone aufzubrechen, die den sexuellen Kindesmißbrauch seit jeher umgibt und die amerikanische Autorin Florence Rush veranlaßte, vom "bestgehüteten Geheimnis" der Gesellschaft zu sprechen. _(Auf einer "Wildwasser"-Veranstaltung am ) _(15. Mai in Berlin; in der Mitte eine ) _(Sozialarbeiterin. ) _(Florence Rush: "Das bestgehütete ) _(Geheimnis: Sexueller Kindesmißbrauch". ) _(sub rosa Frauenverlag, Berlin; 328 ) _(Seiten; 22,80 Mark. )
"Eisiges Schweigen" hat die Düsseldorfer Gerichtsmedizinerin Professor Elisabeth Trube-Becker über Jahre hinweg beobachtet, und Kriminalisten verweisen auf ein riesiges "Dunkelfeld", das Ausmaß, Art und Intensität der einschlägigen Delikte verborgen hält.
Nur punktuell, wenn ein Fall justitiabel wird, lassen sich Aufschlüsse gewinnen. Ein Möbelhändler aus Himmelpforten schwängerte vor zweieinhalb Jahren seine damals 15jährige Tochter, sie hat inzwischen ein zweites Kind von ihm (Urteil: drei Jahre).
Ein Holzfacharbeiter aus Tübingen, in einem Bericht der "Quick" unter geändertem Namen als "Arthur Brack" vorgestellt, vergewaltigte seine beiden Töchter Tina und Marion seit deren zwölftem Lebensjahr "getrennt, abwechselnd oder gemeinsam" (Urteil: drei Jahre).
Ein Maler aus Buchholz nahm sich seine 13jährige Tochter regelmäßig zum Geschlechtsverkehr und ließ, gegen Geld, auch zwei Nachbarn am Kindesmißbrauch teilhaben (Urteil: 18 Monate).
Es sind ganz gewöhnliche Fälle aus dem Gerichtsalltag. Ausnahmen sind sie nur insoweit, als sie zu den relativ wenigen Fällen gehören, die strafrechtlich geahndet werden.
Zu allen Zeiten, in allen Kulturen sind Kinder sexuell mißbraucht und ausgebeutet worden, oft im Namen geheiligter Traditionen. Auch Inzest, den der Sittenkodex vieler Gesellschaften seit jeher verbietet, wurde selten wirklich sanktioniert. Es gab sogar einen Papst, Alexander VI. (1492 bis 1503), der öffentlich damit prahlte, Vater der Kinder seiner Tochter, Lukrezia Borgia, zu sein.
Ob das gegenwärtige Ausmaß von sexuellem Kindesmißbrauch in westlichen Gesellschaften wesentlich schlimmer ist als der Umfang, in dem sich viktorianische Biedermänner an ihren Kinder vergingen, ist schwer auszumachen. Aber jetzt, da die Opfer zu reden beginnen, wird die Dimension deutlich.
In einer Titelgeschichte sprach kürzlich das US-Magazin "Newsweek" von einer "versteckten Epidemie", die jährlich bis zu einer halben Million amerikanischer Kinder erreicht. An einer Universitätsklinik in Washington, D. C., sind, so der dort beschäftigte Arzt Dr. Frederick Green, schwere Schäden aufgrund sexueller Delikte heute "häufiger als Knochenbrüche und Mandeloperationen" zu behandeln.
Früher, so sagte ein Chirurg vor einer von der amerikanischen Regierung einberufenen Kommission, hätten Ärzte vor allem Prostituierte zu Gesicht bekommen, die "derart zugerichtet" waren - mittlerweile aber seien es auch "Mädchen aus besten Familien".
Auch eine im vergangenen Jahr von der Hamburger Frauenzeitschrift "Brigitte" veröffentlichte Dokumentation macht deutlich, daß der sexuelle _(Die Aufnahmen aus einem ) _(gerichtsmedizinischen Archiv zeigen ) _(Blutergüsse nach sexueller ) _(Gewalteinwirkung. )
Mißbrauch nicht schichtspezifisch ist. Typische Opferberichte: _____" Ich war acht Jahre alt, als mein Vater sich zum " _____" ersten Mal vor mir auszog. Ich hatte einen solchen " _____" Schreck vor seinem Glied. Er zwang mich, es zu berühren - " _____" auch zum oralen Sex. Er drohte mir, daß ich in ein " _____" Erziehungsheim komme und dort bis zur Volljährigkeit " _____" bleiben müsse, wenn jemand etwas erfahren sollte. Auch " _____" drohte er mir mit einem Messer und zwang mich, sexuellen " _____" Verkehr mit ihm zu haben. "
Oder: _____" Am Sonntagmorgen, sobald meine Mutter aufgestanden " _____" war, mußte ich zu meinem Vater ins Bett kommen ... Er " _____" drückte mich dann ganz fest an sich und faßte mich " _____" überall an ... Weitaus schlimmer liefen für mich aber " _____" noch die Stunden, in denen meine Mutter nicht zu Hause " _____" war. Er zog mir meinen Schlüpfer runter, hielt eine Hand " _____" an meine Schamhaare und mit der anderen bekam ich dann " _____" zehn oder 20 Schläge. Oder aber er biß mich abwechselnd " _____" auch zehn oder zwanzigmal in jede Pobacke ... Oftmals war " _____" ich versucht, zur Polizei zu gehen und dort alles zu " _____" erzählen, aber auch da hielt mich die Angst vor der " _____" Veröffentlichung zurück und davor, daß man mir vielleicht " _____" gar nicht glauben würde, da mein Vater ein angesehener " _____" Mann in unserer Stadt ist und damals schon war. "
Oder: _____" Eines Tages, nach dem Mittagessen, als meine Oma " _____" schlief, nahm mich mein Opa auf seinen Schoß, zog mir die " _____" Unterhose herunter, drückte mir den Kopf runter und " _____" machte was mit mir. Das dauerte so eine halbe Stunde. Von " _____" dem Tag an ging das nach jedem Mittagessen so. Manchmal " _____" kam auch Blut, und wenn ich weinte, gab er mir Geld für " _____" Süßigkeiten. Manchmal war ich richtig bewußtlos. Ich " _____" verstand dies alles nicht, es tat mir auch so weh, aber " _____" ich wußte nicht, was ich machen sollte. Ich war damals " _____" acht Jahre alt: Wenn ich es meiner Oma oder meiner Mutter " _____" erzählt hätte, hätten sie mich totgeschlagen ... "
Das Frauenblatt hatte im Herbst 1982 einen Artikel der Schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller über sexuellen Kindesmißbrauch veröffentlicht, der viele Leserinnen schockte, weil sie sich wiedererkannten, und dann war es, als ob ein Damm bräche: Hunderte von Frauen schrieben sich in langen Briefen an die "Brigitte" vom Herzen, was sie als Kinder erlebt und oft jahrelang verdrängt hatten.
Es war wie in Amerika, wo sich eine enorme Resonanz ergab, als Opfer begannen, das kollektive Schweigen zu durchbrechen. Die Organisation "Victims of Incest Can Emerge" (Opfer von sexuellem Mißbrauch in der Familie offenbaren sich) wurde vor vier Jahren in Colorado gegründet und ist inzwischen in 26 Bundesstaaten aktiv. In New York bemüht sich seit vorigem Jahr eine Gruppe namens "Incest Survivors" darum, einen internationalen Informations- und Erfahrungsaustausch aufzubauen.
In der Bundesrepublik haben sich, nach dem Vorbild von "Wildwasser", in etlichen Städten Selbsthilfegruppen zusammengefunden. Wissenschaftler nehmen sich des Themas an. Im Mai begann in der Frankfurter Universität eine Telephon-Aktion der Diplom-Pädagogin Rosemarie Steinhage, die bis zum Ende dieser Woche läuft. _(Das Telephon ist montags, mittwochs, ) _(donnerstags, freitags von zehn bis 20 ) _(Uhr besetzt, Rufnummer 0611/798 25 39. )
Sie will Mädchen, die von Vätern, Verwandten oder Bekannten sexuell mißbraucht wurden, Beratung und Hilfe anbieten und zugleich Daten sammeln für die erste wissenschaftliche Untersuchung über ihre Lage.
"Unvorstellbar groß" nennen Ingrid Lohstöter und Barbara Kavemann das Ausmaß, in dem "speziell Mädchen sexuellen Angriffen" in der Familie ausgesetzt sind. Die beiden Berlinerinnen - Ingrid Lohstöter ist Rechtsanwältin, Barbara Kavemann Soziologin - verfaßten eine Expertise zum Thema für den sechsten Jugendbericht der Bundesregierung, der im Frühjahr veröffentlicht wurde. Ihr Buch "Väter als Täter" erschien vorigen Monat im Rowohlt-Verlag. _(Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter: ) _("Väter als Täter". Rowohlt Taschenbuch ) _(Verlag, Reinbek; 136 Seiten; 7,80 Mark. ) _(Szenen aus "Herzflimmern", ) _("Eisenhans". )
Auch der Psychologe Michael Baurmann, der das Thema für die Forschungsabteilung des Bundeskriminalamtes (BKA) bearbeitet, meint, daß das Ausmaß sexueller Gewalt gegen Kinder in ihren Familien oder ihrer engsten Umgebung in der bundesdeutschen Öffentlichkeit "außerordentlich unterschätzt" werde.
Zwar betont Baurmann, daß viele an Kindern begangene Sexualdelikte harmlos seien und erst durch die aufgeregte Reaktion von Eltern und Behörden schädigend wirkten. Auf "leichte Verstöße gegen sexuelle Normen" werde also einerseits hysterisch überreagiert; zugleich aber werde in geradezu schizophrener Verquickung wirkliche sexuelle Gewalt gegen Kinder "von der Umwelt oft bagatellisiert".
Das kommt auch daher, daß sexueller Mißbrauch von Kindern in landläufiger Vorstellung häufig mit Inzest gleichgesetzt wird und sich dann umgehend verliert im erotisch-prickelnden Fluidum des Begriffs - Inzest, das ist, wenn die schöne 40jährige ihren adoleszenten Sohn ins Liebesspiel einweiht (wie in Louis Malles Film "Herzflimmern") oder wenn die nymphenhafte Kindfrau "Lolita" ihren Pflegevater verführt.
Solche Romane und Filme, auch "Wälsungenblut" nach Thomas Manns Novelle über Geschwisterliebe, handeln von schönen Menschen, die sich in verhängnisvoller, aber immer gegenseitiger Passion verstricken, oder sie führen in Bereiche des Abartig-Krankhaften wie Tankred Dorsts Film "Eisenhans", in dem ein Vater seine debile Tochter vergewaltigt.
Dann wieder wird - Stichwort Pädophilie - im Namen von Emanzipation und ganz progressiv vom Recht der Kinder auf ihre eigene Sexualität gesprochen, die sich in freien Beziehungen zu Erwachsenen endlich entfalten müsse. Kinder-Pornos kaschieren sich zuweilen in solchen pseudo-aufklärerischen Posen und tun mit ihren neckisch-aufreizenden Bildern so, als ob der geschlechtliche Umgang mit Erwachsenen für Fünfjährige unproblematisch sei wie das Spiel mit Puppen.
Pädophilie-Kritiker geraten leicht in den Verdacht, Büttel eines repressivverklemmten Systems zu sein, die schon den Vater vor den Richter schleppen möchten, wenn der sich mit seiner kleinen Tochter in die Badewanne setzt.
Darum geht es nicht.
Es geht um seelische Verwüstungen und körperliche Mißhandlungen, um zigtausende geschundene Kinder. Gerichtsmediziner wie Elisabeth Trube-Becker haben die Opfer zu begutachten: den sechs Monate alten Säugling mit zerfetzter Scheide, monatelang mißbraucht vom Freund der Mutter, oder die Dreijährige, deren After durch ein männliches Glied, das ihres Pflegevaters, zerstört wurde.
Es sind Extremfälle. Doch die Professorin Trube-Becker geht davon aus, daß hinter den Fassaden bürgerlicher Wohlanständigkeit "sexueller Kindesmißbrauch sehr viel häufiger vorkommt als vermutet".
Durchaus unzulänglich, nur in vager Annäherung an die triste Wirklichkeit, vermittelt die Kriminalstatistik immerhin schon Ahnung von dem, was in deutschen Familien geschieht.
Im Jahre 1981 wurden der Polizei im Bundesgebiet und in West-Berlin 42 284 Sittlichkeitsdelikte bekannt. Auf den Mißbrauch von Kindern entfielen dabei 12 146 Fälle, auf exhibitionistische Handlungen 10 888, versuchte und vollendete Vergewaltigung 6925, versuchte und vollendete Nötigung 3579.
Da in diesen letzten beiden Gruppen die Opfer zu 30 Prozent jünger als 18 Jahre alt sind, addieren sich die Fälle, in denen Kinder und Jugendliche in schwerwiegende Sittlichkeitsdelikte verwickelt waren - Exhibitionismus also ausgeschlossen -, auf mehr als 15 000 angezeigte Fälle.
Die aber bilden nur die dünne Oberfläche, die ein riesiges kriminalistisches Dunkelfeld abdeckt - Experten schätzen, daß nur jeder zehnte bis 20. Fall angezeigt wird. Das hieße, daß bei zurückhaltender Schätzung jährlich etwa 150 000 Kinder sexueller Gewalt zum Opfer fallen.
"Wie furchtbar alltäglich das ist, läßt sich ermessen, wenn man sich auf der Grundlage solcher Zahlen errechnet, daß etwa alle zwei bis vier Minuten in der Bundesrepublik ein Mädchen sexuell attackiert wird", sagt Ingrid Lohstöter.
Denn um Mädchen handelt es sich in ganz großer Mehrheit, zu 85 Prozent nach der Kriminalstatistik. Die betroffenen Jungen wiederum werden nicht von Mama verführt, sondern von Homosexuellen: Bei sexuellen Vergehen an Kindern sind die Täter zu 99 Prozent Männer.
Die meisten kennen ihr Opfer gut. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, daß nur in Ausnahmefällen - vielleicht fünf Prozent - sich ein völlig Fremder an Kindern vergeht. Bis zu 95 Prozent stammen die Täter aus dem sozialen Nahfeld der Kinder, sind mit ihnen verwandt oder gut bekannt. Dem entspricht auch, daß Kinder weniger in Parks oder einsamen Geländen mißbraucht werden, sondern zu 70 bis 80 Prozent in der eigenen Wohnung oder der des Täters.
"Die Warnung vor dem ''fremden Onkel'' ist wenig sinnvoll", heißt es in wünschenswerter Deutlichkeit in einer vom Bundeskriminalamt herausgegebenen Studie, _(Michael C. Baurmann: "Sexualität, Gewalt ) _(und psychische Folgen". BKA ) _(Forschungsreihe Band 15. Wiesbaden 1983. )
"angebracht wäre eher die Warnung vor dem echten Onkel, dem Vater, dem Freund, dem Partner in der Wohnung ..." Die Untersuchung gilt 8058 angezeigten Sexualdelikten aus Niedersachsen, aber die Ergebnisse lassen sich, wie Autor Michael Baurmann betont, auf die Bundesrepublik übertragen.
Bei einer Analyse einschlägiger Fälle in Rheinland-Pfalz kommt Baurmann zu dem Schluß, daß die größte Tätergruppe (36,8 Prozent) aus dem engsten Familienkreis stammt: Es waren beispielsweise zu zehn Prozent die Väter, zu 6,9 Prozent die Stiefväter, zu 6,9 Prozent der Lebensgefährte der Mutter, zu 1,5 Prozent
Großväter, zu 3,8 Prozent Freunde, zu 4,6 Prozent der Onkel.
Weitere 34,1 Prozent der Täter waren den Kindern gut bekannt: Lehrer, Bekannte der Familie, der Hausmeister.
Nichts macht die Perversion des Verbrechens deutlicher als die Faustregel der Experten: Je enger die Beziehung, desto schlimmer der Angriff.
Baurmann fand heraus, daß Fremde die vergleichsweise harmloseren Delikte - Gliedvorzeigen etwa - begehen. Schwerwiegende Übergriffe bis hin zum erzwungenen Geschlechtsverkehr nehmen mit steigendem Verwandtschafts- und Bekanntschaftsgrad zu; desgleichen die Aggressivität: Unter den verwandten Tätern verhielten sich 59,8 Prozent gewalttätig, unter den bekannten 31 Prozent. Dagegen wurden unter den Fremden nur 9,2 Prozent ausgemacht, die Gewalt anwendeten.
Auch die Dauer des Mißbrauchs nimmt zu, wenn er in den eigenen vier Wänden stattfindet. Bei rund 50 Prozent der Opfer, die mit dem Täter "gut" oder "sehr gut" bekannt waren, währte der Mißbrauch bis zu sieben Jahre lang - keine Rede also vom "Ausrutscher", der dazu führt, daß der Vater einmal und dann nie wieder den erblühenden Reizen seiner Tochter erliegt.
Die Auffassung, daß Kinder nur in der Unterschicht, in asozialen Familien vornehmlich, mißbraucht werden, gehört zu den Mythen lauteren Bürgersinns. Aus ihrer langen Erfahrung als Gerichtsmedizinerin weiß Elisabeth Trube-Becker: "Das ist kein Delikt der einfachen Leute, das kommt in allen Kreisen vor. Nur: Wer greift schon einen Arzt oder Firmenchef an, der sein eigenes Kind mißbraucht? Da heißt es dann, die Kleine phantasiert. Aber wenn das Kind eines Arbeitslosen aus dem Wohnblock klagt, dann stürzen sich alle auf den Mann, weil sie meinen: ''Dem zeigen wir es jetzt''."
Die Vorstellung wiederum, daß nur abartig kranke Triebtäter sich an Kindern vergehen, eigenen zumal, stimmt in der Regel auch nicht. In seiner Untersuchung von amerikanischen Sexualtätern fand der israelische Soziologe Menachem Amir keinen einzigen besonderen klinischen oder psychopathologischen Typ. Auch andere Studien beschreiben die Täter eher als zurückhaltend, passiv und angepaßt, als unauffällige Bürger.
Dabei trifft aber sicher zu, was die Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch und Nikolaus Becker über "Menschen, die sich vorzugsweise zu kleinen Kindern hingezogen fühlen", geschrieben haben: daß diese "wegen starker eigener kindlicher Anteile der Auseinandersetzung mit Erwachsenen ausweichen. Solche Männer können ihre problematisch gebliebene männliche Identität nur in der Begegnung mit der kindlichen Schwäche erleben".
Oder, in den Worten von Florence Rush: "Sie suchen sich Kinder, weil diese ihnen mehr noch als die Frau an Erfahrung und Körperkraft unterlegen sind und daher leichter genötigt, verführt, verlockt oder gewaltsam gezwungen werden können."
Letztlich geht es also um ein fast banales Motiv: Machtmißbrauch.
Dieses alltägliche Übel wird freilich unkenntlich, sobald sich die allgemeine Empörung gegen einen anonymen Täter richtet. Damit "der normale Bürger sicher sein kann", schreibt Michael Baurmann, "mit diesem ''abartigen Wesen'' nichts gemein zu haben", wird quasi wider besseres Wissen der Fremde beschuldigt: der böse Onkel mit der Bonbontüte, der im Park hinterm Busch lauert.
Obwohl feststeht, daß Sittlichkeitsdelikte an Kindern überwiegend in deren sozialem Nahraum begangen werden, warnen Behörden und Verbände unbeirrbar vor dem fremden Sittenstrolch - und schicken damit geradezu Kinder ins Unglück, die vor Angriffen aus ihrer engsten Umgebung nicht gewarnt werden.
In gegenwärtig verbreiteten Hinweisen des Münchner Stadtjugendamtes wird zum Beispiel Eltern geraten, ihre Kinder derart aufzuklären: "Gehe nie mit fremden Menschen mit, auch wenn sie noch so nett sind" - "Lasse nie eine fremde Person in die Wohnung ..." - "Geh bei Dunkelheit möglichst schnell nach Hause. Im Dunkeln ist es für Verbrecher leichter, an Kinder heranzukommen ..."
Ein vom Bundesfamilienministerium herausgegebenes Merkblatt "Kinder in Gefahr" erwähnt zwar, daß in zwei Dritteln aller Fälle die Täter "Bekannte der Familie oder sogar Verwandte" sind, übergeht aber dann die sicher schwierige, aber vordringliche Frage, wie mit dieser Hauptgefahr, der aus dem Familienkreis, umzugehen sei.
Und weil die Gesellschaft offensichtlich nicht wahrhaben will, was da in ihren Familien geschieht, bleibt das geheimste Verbrechen auch weitgehend ungeahndet.
Wird schon nur jedes zehnte bis 20. sexuelle Vergehen an einem Kind überhaupt angezeigt, kommt es in weit über der Hälfte aller Fälle nicht zum Verfahren. Verurteilt werden, so errechneten Ingrid Lohstöter und Barbara Kavemann unter Berücksichtigung der Dunkelziffer, bei Vergewaltigung allenfalls zwei, bei sexuellem Mißbrauch nur ein Prozent der Täter.
So spiegelt auch die Justiz die in der Gesellschaft wirkenden Vorurteile, die Schuld bei Sexualdelikten häufig eher
beim Opfer als beim Täter zu suchen. Immer wieder werden Mädchen in Gerichtsverhandlungen, heißt es in der Lohstöter-Kavemann-Untersuchung, "im Stil eines Kreuzverhörs vorwurfsvoll gefragt", warum sie nicht geschrien hätte, nicht aus der Wohnung geflüchtet seien, sich denn "um Gottes Willen nicht gewehrt" hätten.
In der Strafzumessung wiederum ist dann von Belang, so ein Berliner Richter in der Expertise, "ob es sich um einen Mann mit einem guten Ruf handelt, dem nur ein Ausrutscher passiert ist und den die Anzeige und das Verfahren so geschockt haben, daß keine Wiederholung zu befürchten ist". In Wahrheit ist gerade dies, wie die Baurmann-Untersuchung zeigt, an der Tagesordnung.
Kollektive Verdrängung also allenthalben. Sie schickt die betroffenen Kinder in eine ausweglose Isolation. Mächtige Emotionen geraten in heillose, krankheitsstiftende Verwirrung, wenn Mädchen vom Vater, Onkel oder Großvater Gewalt angetan wird, von Menschen also, die zu respektieren und ihnen zu vertrauen sie gewohnt waren. Dabei ist die Anwendung von physischer Gewalt durch den Täter nicht einmal das wichtigste Kriterium für das Ausmaß der seelischen Zerstörung, die das Verbrechen hinterläßt. Bereits die Sozialisierung von Mädchen bewirkt, daß sie sich nicht wehren - schon gar nicht gegen den Vater. Entscheidend ist vielmehr, daß menschliche Nähe, Intimität und Vertrauen, die Grundlagen jeder menschlichen Entfaltung also, fürchterlich mißbraucht und verraten werden. Die Kinder müssen nun einen Menschen lieben, gegen den sie auch Ekel, Wut, Empörung und Rachsucht empfinden.
Wenn sie ihn nicht verlieren wollen - und welches Kind will das -, müssen sie die extrem negativen Empfindungen, die er bei ihnen hervorruft, verneinen und "wegstecken". Hier wirkt das Prinzip "Du sollst nicht merken", das die Schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller in ihrem letzten Buch unter diesem Titel beschrieben hat.
Sexuell mißbrauchte Kinder entwickeln eine "tragische Toleranz", die dazu führe, daß "sie sich nicht verteidigen und den Mißbraucher nicht anzeigen" können. Aber wenn sie sich wehren, werden sie eingeschüchtert. Christiane, eine Berlinerin, die in dem Buch "Väter als Täter" zitiert wird: _____" Mein Vater drohte mir, wenn du was sagst, egal zu " _____" wem, ich bring'' dich um. Dann sagte er, wenn du was " _____" sagst, dann lachen dich ja auch alle aus. Stell dir vor, " _____" du kriegst einen dicken Bauch, was die Leute dann von dir " _____" denken werden. "
Petra, eine 14jährige, berichtet in der feministischen Zeitschrift "Emma": _____" Er schlug mich ein paar mal hintereinander mit der " _____" flachen Hand ins Gesicht. Da bekam ich Angst ... Dann " _____" sagte er, ich solle ihm einen wichsen. Ich sagte zu ihm, " _____" ich mache das nicht. Er drohte mir an, wenn ich das nicht " _____" mache, dann krieg'' ich noch mehr Dresche. Also machte ich " _____" es. "
Aus der Dokumentation der "Brigitte": _____" Wenn ich nicht mit meinem Vater schlafen wollte, " _____" durfte ich dieses und jenes nicht mehr. Außerdem mußte " _____" ich mir von nun an mein Taschengeld ''verdienen''. Falls " _____" ich es jemandem erzählen würde, käme ich wieder ins " _____" Waisenhaus und er ins Gefängnis. Nein, das wollte ich auf " _____" keinen Fall. "
Wenn die Tochter dann einen Freund findet, kann das den Vater, der nun den Nebenbuhler fürchtet, in geradezu archaische Raserei versetzen. Über Monate hinweg - ein aktueller Fall aus den Akten der Münchner Polizei - mißbraucht der Stiefvater die 13jährige Tochter, immer, wenn die Mutter _(Oben: Sue Lyon in "Lolita" (mit James ) _(Mason); links: Jodie Foster ) _((Standphoto); Brooke Shields in "Pretty ) _(Baby". )
abends als Kellnerin arbeitet. Als das Mädchen einen Freund kennenlernt, verweigert sie sich. Darauf erhitzt der Stiefvater einen Lötkolben und verbrennt dem Kind die Klitoris.
Es mag die Ausnahme sein, daß eine Mutter die eigene Tochter zum Inzest treibt. Das Bremer Kinderschutz-Zentrum kennt eine 13jährige, die von der Mutter ausgezogen und dem Vater mit der Bemerkung zugeführt wurde: "Dein Vater will dich einbumsen, damit du weißt, was auf dich zukommt." Vielleicht wollte sich die Frau auf diese Weise ihrem Mann sexuell entziehen.
Häufig aber ist, daß Mütter ihre mißbrauchten Kinder im Stich lassen. Die meisten von ihnen verwickeln sich in gegeneinander laufende Zwänge. Sie wollen wohl wirklich ihre Töchter beschützen, aber dann drängt es sie auch, zu ihrem Mann zu halten. Sie decken ihn aus Angst vor der Schande, aus Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen einer Strafanzeige - was wird aus der Familie, wenn er ins Gefängnis muß?
Darum verschließen sie lieber Ohren und Augen vor dem, was sie wahrnehmen, aber nicht wahrhaben wollen. Manche reagieren brutal - gegen die Tochter.
Als eine Sechsjährige unlängst von der Polizei zum Hamburger Jugendnotdienst gebracht wurde, war das Kind kaum ansprechbar und konnte nicht aufhören zu schluchzen. Beim Baden bemerkte die Erzieherin Blutergüsse an den Armen, den Oberschenkeln und am Unterbauch des Mädchens, das ihr schließlich sagte: "Als ich der Mama erzählt hab'', was der Papa mit mir gemacht hat, hat sie mich verhauen" - mit einem Holzscheit, wie sich später ergab, auf die Scheide.
Oft genug senden mißbrauchte Kinder Signale an die Umgebung aus, wortlose Hilferufe - aber sie werden nicht vernommen.
Monatelang stand eine Siebenjährige in Düsseldorf, wie Professor Trube-Becker berichtet, jeden Morgen zwei oder drei Stunden vor Unterrichtsbeginn frierend und hungrig vor der verschlossenen Schule. Keinem Lehrer fiel das merkwürdige Verhalten des Kindes auf. Erst als sich die Mitschüler über die stinkende, ungewaschene Kleidung des Mädchens beschwerten, wurden Nachforschungen angestellt. Sie ergaben, daß sich das Kind jeden Abend angekleidet ins Bett legte, um sich vor den sexuellen Angriffen des Stiefvaters zu schützen; eine Mutter hatte es nicht mehr.
Oder Andrea. Mit acht Jahren war sie zum ersten Mal mit einer Gonorrhoe in eine Münchner Kinderklinik eingeliefert worden, mit neun und zehn Jahren wieder. Erst als beim dritten Mal Jugendamt und Krankenhaus Erkundigungen einzogen, stellte sich heraus, daß der Stiefvater das Kind infiziert hatte.
Nach ihrer zweiten Einlieferung war das Mädchen vor ein Auto gelaufen und schwer verletzt worden. Selbstkritisch räumten zwei Therapeuten, die den Fall unlängst in der Zeitschrift "Pädiatrische Praxis" schilderten, die Möglichkeit ein, daß es sich dabei um einen Selbstmordversuch gehandelt haben könnte.
Nicht selten verschaffen sich mißbrauchte Kinder auch Gehör, indem sie Gesetze brechen. Von der Hamburger Polizei wurde kürzlich ein elfjähriges Gastarbeiter-Mädchen aufgegriffen, das gewollt ungeschickt in einem Kaufhaus eine Bluse gestohlen hatte. Bei der Polizei erzählte Xenia, was ihr zu Hause niemand geglaubt hatte: daß ihr acht Jahre älterer Stiefbruder sie seit ihrem fünften Lebensjahr mißbraucht und auch zum Analverkehr gezwungen hatte.
Das hatte Spuren hinterlassen. So nahm wenigstens die Polizei sie ernst, aber das ist die Ausnahme. Vielmehr widerfährt Mädchen, die sich ihren Lehrern, Sozialarbeitern oder der Polizei offenbaren, neues Ungemach: ein verletzender Unglaube, der sich nährt aus massiven Vorurteilen über die Opfer sexueller Gewalt, aus quasi wissenschaftlichen Erkenntnissen über die erotische Bereitschaft von Kindern und schließlich aus pädagogischer oder therapeutischer Überheblichkeit.
In Berlin stand 1978 ein angesehener Bürger, Arzt und Politiker, vor Gericht, der seine Töchter und Pflegetöchter nach einem merkwürdigen Familienritual strafte: Sie mußten sich nackt ausziehen und erhielten je nach "Vergehen" bis zu 39 Schläge auf das Gesäß. Vorher streichelte er die entblößte Kehrseite seiner Töchter, hinterher salbte er die Striemen und Blutergüsse lange und sorgfältig ein.
Daß die 14- bis 16jährigen Mädchen trotz heftiger Gegenwehr sonntags morgens zu ihm ins Bett mußten, wobei er sich nackt oder spärlich bekleidet auf sie legte, oder daß sich die pubertierenden Mädchen nackt vor ihm waschen mußten, wobei er Arien pfiff und im Takt dazu auf ihr Gesäß schlug - das gab Silvia zu Protokoll, eine seiner Töchter, die von zu Hause weggelaufen war.
Doch der behandelnde Arzt in der Nervenklinik, in der Silvia schließlich nach einem Selbstmordversuch landete, versicherte ihr, sie müsse akzeptieren, daß sie Vergewaltigungsphantasien habe und sich die Mißhandlungen durch den Vater gewünscht habe, um von ihm als Frau anerkannt zu werden.
Daraus sprechen unmißverständlich die Auffassungen Sigmund Freuds, der das theoretische Gerüst für solche Unterstellungen lieferte. Zwar hatte Freud selber ursprünglich geglaubt und 1896 in einem damals schockierenden Vortrag vor dem Wiener "Verein für Psychiatrie und Neurologie" auch verkündet, daß viele seiner Patientinnen in der frühen Kindheit von Anverwandten oder Betreuern sexuell mißbraucht, "verführt" worden seien und daß darin der Ursprung ihrer seelischen Leiden liege.
Doch schon im folgenden Jahr rückte Freud von dieser These der "Ätiologie der Hysterie", für die er in der Fachwelt heftig attackiert worden war, wieder ab - aus dubiosen Motiven. Nicht etwa, weil er herausfinden mußte, daß Patientinnen ihn mit Erzählungen über gewaltsame sexuelle Erlebnisse in ihrer frühen Kindheit angeschwindelt hatten, sondern weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, widerrief Freud seine These.
Gegen sie spreche, schrieb er in einem Brief an seinen Freund, den Berliner Hals-Nasen-Ohren-Arzt Wilhelm Fließ (der selbst höchst abstruse Thesen vom Sitz der Sexualität im Nasenbereich vertrat), daß dann ja "in sämtlichen Fällen der Vater als pervers beschuldigt werden mußte ... während doch solche Verbreitung der Perversion gegen Kinder wenig wahrscheinlich ist".
"Ich mußte endlich zu der Einsicht kommen, daß die hysterischen Symptome sich von Phantasien, nicht von realen Begebenheiten ableiten", erklärte
Freud später, als er bereits seine berühmte These von der frühkindlichen Sexualität und der ödipalen Phase im Leben von Kindern entwickelt hatte, in der kleine Jungen ihre Mutter und Mädchen ihren Vater zu verführen trachten.
In einer Zeit grassierender Kinderprostitution in den großen Städten Europas, in einer Zeit auch, in der Gerichtsmediziner wie der Franzose Ambroise Tardieu erschütternde Studien über das Ausmaß sexueller Gewalt gegen Kinder in ihren Familien veröffentlichten, rettete Freuds betörende These die Väter des viktorianischen Zeitalters vor der Selbstanklage.
Daß Freud mit der Aufgabe seiner Verführungstheorie die Psychoanalyse auf einen verhängnisvollen Irrweg schickte, wie ein Ende 1983 in den USA erschienen es Buch von Jeffrey Moussaieff Masson behauptet (SPIEGEL 8/1984), mag übertrieben sein. Sicher ist, daß Freud eine der Gesellschaft bequeme Konstruktion schuf, als er sexuelle Gewalt an Kindern aus der Wirklichkeit auf eine innere Bühne verlegte, auf der Kinder ihre sexuellen Phantasien nach mythischen Grundmustern ausleben.
Der wirkliche Inzest wird dann zur Fortsetzung eines inneren Dramas - das Kind führt ihn herbei. "Stets ist in inzestuösen Verbindungen die Frau der aktive Teil der Partnerschaft, die ''Verführerin'', die Einleiterin einer solchen Beziehung", heißt es in einem 1968 erschienenen "Lexikon der Liebe". Weil nämlich "die Tochter in der Mutter die Rivalin um die Liebe des Vaters sieht", versucht sie, "ihr das Liebesobjekt zu entringen".
Von daher ist es nicht weit zu Betrachtungsweisen, in denen der Täter und die Zerstörungen, die er anrichtet, ganz und gar aus dem Blickfeld des Wissenschaftlers verschwinden. In seinem Lehrbuch der Kriminologie, 1976 im Beck-Verlag erschienen, schreibt etwa Hans Joachim Schneider, ordentlicher Professor in Münster, über die "Ursachen der Unzucht mit Kindern":
"Kindliche Opfer von Sexualdelikten sind ungewöhnlich an Sexualität interessiert. Die Mädchen haben im allgemeinen eine schlechte Triebkontrolle, die zurückzuführen sein mag auf Liebesentzug, Zurückweisung, Unbeständigkeit der Mutter-Tochter-Beziehung ... Die Mädchen lernen auf ihrer Suche nach Liebe, Wärme, Anhänglichkeit und Unabhängigkeit, daß sie solche Befriedigung nur durch sexuelle Beziehungen erreichen können. Die unschuldige Naivität eines pubertierenden Mädchens ist eine Seltenheit geworden."
Ganz gewiß wirken die Kindfrauen, die in Filmen und Illustrierten präsentiert werden, die Brooke Shields, Sue Lyons, Jodie Fosters, ungemein erotisch. Aber das macht vor allem die Optik des Photographen. Und das bedeutet nicht, daß Kinder in der Sexualität mit Erwachsenen als Gleiche erleben können.
Die unterschiedlichen Lebensalter, die Differenz in Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten schaffen immer wieder ein Machtgefälle zwischen Erwachsenem und Kind in einer sexuellen Beziehung - ein "Herrschaftsverhältnis", so drückt es der Sexualpädagoge Günter Amendt aus, in dem "der Stärkere den Schwächeren" ausbeutet.
Niemand sagt das deutlicher als die Betroffenen selbst, wenn sie nur einmal zu Wort kommen dürfen. Im Sonderheft "Sexualität" von "Konkret" wendet sich eine junge Frau, die als 13jährige von ihrem Vater mißbraucht worden war, an die "stolzen Bekenner der Pädophilie", aber sie meint wohl alle, die verharmlosen:
"Ich werde niemals die Kraft haben, mich öffentlich zu ''bekennen'', wie die Pädophilen oder andere Minderheiten, denn das alles ist mein privates Gespenst ... Und wenn jetzt noch einer unter euch es wagen sollte, zu sagen oder auch nur zu denken, ich sei der Einzelfall, der unmaßgebliche, und eure zärtlichen, freiwilligen Verhältnisse sähen grundsätzlich anders aus, dann möchte ich meinen ganzen aufgestauten Haß, meinen Ekel, meine daherrührende Verkrüppelung auf euch ausschütten, daß es euch die Luft nimmt und ihr daran erstickt."
Die Autorin stellt sich vor als "ein aus dem schlimmsten Gefängnis, der ''Kindheit'' entlassenes 28jähriges Wesen". _(Eva Ionesco in "Spielen wir Liebe". )
Auf einer "Wildwasser"-Veranstaltung am 15. Mai in Berlin; in der Mitte eine Sozialarbeiterin. Florence Rush: "Das bestgehütete Geheimnis: Sexueller Kindesmißbrauch". sub rosa Frauenverlag, Berlin; 328 Seiten; 22,80 Mark. Die Aufnahmen aus einem gerichtsmedizinischen Archiv zeigen Blutergüsse nach sexueller Gewalteinwirkung. Das Telephon ist montags, mittwochs, donnerstags, freitags von zehn bis 20 Uhr besetzt, Rufnummer 0611/798 25 39. Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter: "Väter als Täter". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 136 Seiten; 7,80 Mark. Szenen aus "Herzflimmern", "Eisenhans". Michael C. Baurmann: "Sexualität, Gewalt und psychische Folgen". BKA Forschungsreihe Band 15. Wiesbaden 1983. Oben: Sue Lyon in "Lolita" (mit James Mason); links: Jodie Foster (Standphoto); Brooke Shields in "Pretty Baby". Eva Ionesco in "Spielen wir Liebe".
Von Valeska von Roques

DER SPIEGEL 29/1984
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