16.01.1984

„Schwule wie die Brennesseln entfernen“

Wie die Obrigkeit von alters her Homosexuelle in Uniform bekämpft *
Soldaten und Homosexualität - das Thema kommt nicht zur Ruhe, seit die Nationalstaaten stehende Heere unterhalten. Beim Aufbau der Berufsarmeen im 18. Jahrhundert waren homosexuelle Soldaten von Anfang an dabei: In den trostlosen Militärlagern der Könige grassierte die verketzerte, mit Feuertod und Galgen bedrohte Männerliebe.
Vor allem die Kadettenhäuser im alten Preußen galten als Hochburgen der Homosexualität. Um den kinderreichen, armen Adel zu entlasten und Offiziersnachwuchs für die Armee zu sichern, wurden die Aristokratensöhne schon frühzeitig zu Kadettenkorps zusammengefaßt, in denen sie Sprachen lernten, militärisch exerzierten und gemeinsam das Tanzen übten.
In den kalten und feuchten Schlafsälen rückten die physisch überstrapazierten Kadetten näher aneinander - Beginn so mancher homosexuellen Partnerschaft, die nicht selten ein ganzes Offiziersleben lang währte.
Umgang mit Frauen hatten sie auch später kaum: Sie waren meist arm, wurden nur langsam befördert und hatten zudem in Friedrich dem Großen einen männerliebenden König, den nichts mehr ärgerte als die Absicht eines Offiziers, zu heiraten.
Die Offiziere sollten möglichst nicht heiraten (in manchem Regiment waren von 35 Offizieren nur zwei Ehemänner), die Vorgesetzten verboten aber zugleich aus Standesgründen den Umgang mit "fragwürdigen" Frauenspersonen. Die Folge: Manche Offiziere suchten sich andere, näherliegende Formen der Sexualität.
Wehe aber, wenn ein Fall von "Unzucht" unter Offizieren oder einfachen Soldaten ruchbar wurde! Dann schlug die Militärjustiz erbarmungslos zu, denn noch galt in Preußen die peinliche Gerichtsordnung von 1533, die Constitutio Criminalis Carolina, die für das Verbrechen der angeblich widernatürlichen Männerliebe eine Vielzahl von Todesstrafen vorsah - vom Pfählen und Blenden bis zum Köpfen.
Preußens puritanischer "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. begnügte sich damit, homosexuelle Straftäter aus dem Mannschaftsstand aufhängen zu lassen, wobei der Henker Order hatte, sein Opfer vor der Exekution "unauffällig" zu erdrosseln. Verurteilte Offiziere wurden erschossen oder enthauptet.
Erst Friedrich der Große behandelte Sexualdelikte mit etwas leichterer Hand. Das Todesurteil gegen einen Soldaten wegen Sodomie änderte er mit der knappen Weisung ab: "Das Schwein zur Infanterie versetzen!"
Der König geriet selbst in den Verdacht, zu den Leuten zu gehören, deren von der Norm abweichendes Sexualverhalten er so relativ milde beurteilte. Friedrich gab immer wieder Anlaß zum Hofklatsch: Zu seiner Frau ("Das ist meine alte Kuh") hielt er eisige Distanz, nahm allenfalls die Lieblingshündin "Biche" mit ins Bett und zeigte eine seltsame Leidenschaft beim "Sammeln von Freunden", wie das sein Biograph Thomas Carlyle nennt.
Doch Majestät waren kein beständiger Freund; häufig wechselte er die Favoriten unter seinen Leibhusaren aus. Auch scheint Friedrich gern die Liebschaften hochgestellter Homosexueller ruiniert zu haben, wohl aus Eifersucht, wie im Fall seines Bruders Heinrich: Der vergaß ihm nie, daß er seinen Liebhaber, einen Herrn von Kaphengst, wegkommandiert hatte.
Die homosexuellen Liaisons in Preußens Militär und Aristokratie weiteten sich schließlich so aus, daß es Friedrichs Nachfolger vorzog, den mittelalterlichen Verfemungsparagraphen wenigstens zu entschärfen. Die Todesstrafe für Homosexualität wurde abgeschafft, von 1794 an stand im Preußischen Landrecht, daß "widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts" mit Gefängnis zu bestrafen sei.
Doch bald wurden die Preußen von den liberalen Bayern übertrumpft: Der Königstaat im Süden schaffte 1813 das Homosexuellen-Verdikt ganz ab. Am Ende aber setzten sich die reaktionären Preußen durch. Als 1871 das Reichsstrafgesetzbuch entstand, wurde in ihm auch ein Paragraph 175 aufgenommen, der wiederum die Homosexualität kriminalisierte; auf "widernatürliche Unzucht" stand jetzt wieder Gefängnis.
Die Stimmung der Zeit verhalf dem alten Aberglauben von der religions- und
gesellschaftszerstörenden Macht der Homosexualität zu einem neuen Triumph; nationalistisches Kraftmeiertum und die pessimistische Kulturkritik der wilhelminischen Ära brachten Homosexuelle in den Ruch, Wegbereiter vaterländischer Dekadenz zu sein.
Die Homosexualität wurde in eine Tabuzone abgedrängt, in der sie sich recht ungehemmt ausleben konnte. Kaum ein Staatsanwalt interessierte sich dafür, zumal die Männerfreundschaft sich auf die oberste Gesellschaftsschicht zu beschränken schien und der brave Bürger das heikle Problem gern verdrängte.
Typisch dafür das Verhalten von Kaiser Wilhelm II.: Er mochte nichts von der "Unzucht" hören und wich nach Möglichkeit jedem Gespräch darüber aus.
Selbst in den hektischen Tagen der Eulenburg-Krise, des größten Homosexuellen-Skandals der Monarchie, hielt sich Wilhelm so lange zurück, daß die Historiker noch heute darüber rätseln, von wann an und wieweit er den Fall überhaupt kannte. Dabei trug der Sturz der "alten Philine", wie die Liebhaber den Diplomaten und Kaiser-Freund Philipp Fürst zu Eulenburg und Hertefeld nannten, nicht wenig zum Untergang des persönlichen Regiments Wilhelms II. bei.
Eine aufgebrachte Ex-Ehefrau hatte den Anstoß gegeben. Lily von Moltke war mit dem Generalmajor Kuno Graf von Moltke, dem Stadtkommandanten von Berlin, verheiratet gewesen und hatte während der Abkommandierung ihres Mannes nach Wien erkannt, daß der seit Jahren ein Liebesverhältnis mit dem dortigen Botschafter Eulenburg unterhielt, woraus sie die Konsequenzen zog: Sie ließ sich scheiden.
Die Frau wußte auch, daß sich die beiden Männer bei ihrer gemeinsamen Dienstzeit in der Armee kennengelernt und auf der Universität auch zu anderen Homosexuellen enge Kontakte geknüpft hatten. In der "Liebenberger Tafelrunde", so genannt nach dem Herrensitz Eulenburgs in der Mark Brandenburg, trafen sie sich später wieder, inzwischen auf hohe Posten in Armee und Diplomatie gelangt.
Lily von Moltke besaß noch ein paar Briefe ihres Ex-Mannes an Eulenburg, die sie 1906 dem Journalisten Maximilian Harden, Herausgeber der Zeitschrift "Die Zukunft", aushändigte. Der wartete schon lange auf eine Chance, den Eulenburg-Kreis tödlich zu treffen, den er für die dilettantische Außenpolitik Deutschlands verantwortlich machte.
Der Journalist schlug los. Vom April 1907 an erschien kaum noch eine Nummer der "Zukunft", in der Harden nicht die Anklage erhob, das Reich werde von einer Clique süßlich-krankhafter Personen regiert, deren unfähige Außenpolitik schwerste Gefahren für Volk und Vaterland heraufbeschwöre.
Hardens grelle Attacken wären erfolglos geblieben, hätte Eulenburg nicht einen eisernen Grundsatz adeliger Homosexueller gebrochen: nie ein Verhältnis mit Personen einer "niederen" Klasse anzufangen. Zu den zeitweiligen Liebhabern Eulenburgs gehörte auch ein Fischer vom Starnberger See namens Jakob Ernst, auf dessen Spur sich nun der Schnüffler Harden setzte.
Er verstrickte Eulenburg und Moltke schließlich in Beleidigungsprozesse, in denen er auch Jakob Ernst mit der Aussage auftreten ließ, er habe geschlechtlichen Verkehr mit Eulenburg gehabt. Der Fürst wurde im April 1908 verhaftet, ein Prozeß begann, der jedoch nie zu Ende geführt wurde, weil der zusammengebrochene Eulenburg nicht mehr verhandlungsfähig war.
Der Name Ernst aber signalisierte auch dem Kaiser eine drohende Gefahr; er wußte nur zu gut aus seiner Prinzenzeit, was der Fischer mit Eulenburg getrieben hatte. Der hatte ihn noch 1888 in einem Brief daran erinnert: "Gestern fuhr ich in Starnberg mit dem gewissen Fischer Jakob nach Berg und gedachte unserer Exkursion 1886. Jakob huldigt immer noch den alten Grundsätzen."
Wilhelm II. ließ Eulenburg und die ganze Liebenberger Tafelrunde fallen, sie alle traf der Bannstrahl gesellschaftlicher Ächtung: Flügeladjutanten des Kaisers, Fürsten und Generale, der Hausmarschall, Offiziere aus den exklusivsten Garderegimentern - ihre Karrieren waren dahin.
So spektakulär mochten die vier k.u.k. Offiziere nicht handeln, die in den Abendstunden des 24. Mai 1913 in Wien auszogen, den in ihrer Optik gefährlichsten Homosexuellen der österreich-ungarischen Armee zu beseitigen. Sie machten "kurzen Prozeß" - im Stil des feudalistischen Ehrenkodex.
Eben hatten die vier die Nachricht erhalten, der langgesuchte russische Meisterspion, den sie nur unter seinem Decknamen "Nikon Nizetas" kannten, sei kein anderer als der Oberst Alfred Redl, Generalstabschef des VIII. Armeekorps, der im Hotel "Klomser" abgestiegen war. Sie mochten das anfangs gar nicht glauben: Oberst Redl ein Landesverräter, der Mann, der in jedem Spionageprozeß als Sachverständiger des Kriegsministeriums auftrat!
Sofort erteilte der Generalstabschef der Armee, General Conrad von Hötzendorff, dem Major Maximilian Ronge vom Geheimdienst und drei weiteren Offizieren den Befehl, Redl zu verhaften und einem ausführlichen Verhör zu unterziehen. Doch Ronge und die drei anderen dachten gar nicht daran, Conrads Order zu befolgen. Sie waren entschlossen, den Skandal um jeden Preis zu vertuschen.
Ronges Gruppe fuhr ins "Klomser" und verlangte von dem verwirrten Redl den Freitod zur höheren Ehre der Armee; Redl bat um eine Pistole, die ihm Ronge beschaffte. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, in Wien sei ein Oberst Redl plötzlich verstorben. Die Presse fand bald die Wahrheit heraus.
Je zwielichtiger aber die Affäre blieb, desto eifriger wurde sie von Militärpropagandisten zu einem Paradefall für das Verderben soldatischer Homosexualität stilisiert. Noch heute gilt der Fall Redl als ein Beispiel dafür, wie leicht homosexuelle Militärs von einer fremden Macht erpreßt werden können.
Der Haken daran ist nur, daß der historische Redl gar nicht erpreßt worden ist. Redl hatte sich 1906 aus freien Stücken dem russischen Militärattache in Wien, Oberst Martschenko, als Spion angedient und war nicht müde geworden, für die Russen zu arbeiten.
Ein Jahr nach Redls Tod war die aristokratisch-exklusive Homosexualität vergessen und einem Massenphänomen gewichen: Tausende von Soldaten ergaben sich im Ersten Weltkrieg während der kargen Kampfpausen der Männerliebe, die manchen von ihnen über das Grauen des Krieges hinweghalf.
Die Militärjustiz (intelligenter als die Hitlers im Zweiten Weltkrieg) war umsichtig genug, die Homosexualität in der Truppe nur sanft zu bekämpfen. Die Homosexuellen in Uniform machten auch kaum einen Hehl aus ihren "abartigen" Neigungen, zumal sie sich als leistungsfähige Frontsoldaten fühlten und sich vor dem Zugriff der Militärjustiz sicher wähnten.
Homosexuelle Rabauken wie der Leutnant Edmund Heines oder der bayrische Generalstabshauptmann Ernst Röhm ließen keinen Zweifel daran, daß sie öffentlich als Militär-Schwule anerkannt sein wollten. Röhm schrieb: "Ich stelle vorweg fest, daß ich nicht zu den Braven gehöre und nicht den Ehrgeiz habe, ihnen zugesellt zu werden."
Ihre Liaisons nahmen sie auch in die Freikorps und nationalistischen Parteiarmeen hinüber, deren Terror im Nachkriegs-Deutschland auch homosexuelle Untertöne hatte. Als Röhm und seine Freunde 1931 Hitlers Braunhemden-Armee, die Sturm-Abteilung (SA), übernahmen, schien sich die Homosexualität zum erstenmal in einer Massenorganisation hemmungslos ausbreiten zu können.
Zahllose Parteigenossen protestierten bei Hitler, doch da geschah, was schon der Kaiser praktiziert hatte: Der NS-Führer ignorierte die homosexuellen Aktivitäten seiner Freunde - solange Röhm und die SA ihm bei der Eroberung der politischen Macht in Deutschland nützlich waren.
Prompt erging ein Hitler-Befehl an die Partei, in dem stand, die SA sei "keine moralische Anstalt zur Erziehung von höheren Töchtern, sondern ein Verband rauher Kämpfer". Hitler wies auch alle Klagen der Parteigenossen über menschliche Gewohnheiten, "die rein auf privatem Gebiet liegen", als Zumutungen "grundsätzlich und in aller Schärfe" zurück.
Hitler entdeckte erst das "Gift der Homosexualität", als ihm nach der NS-Machtergreifung die unangepaßte SA zum Problem wurde. Röhms Millionenheer war bei der Beuteverteilung zu kurz gekommen, es verlangte eine "zweite Revolution". Die aber hätte die ganze kunstvolle Allianz mit den konservativen Kräften, vor allem mit der Wehrmacht, in Frage gestellt, ohne die das Dritte Reich nicht denkbar war.
Am 30. Juni 1934 löste Hitler das Problem auf seine Art: Unter dem Vorwand, Röhms SA habe einen Putsch gegen das Regime geplant, überfielen SS-Einheiten und Polizeiverbände die SA-Quartiere, erschossen Röhm und seine wichtigsten Mitarbeiter, wobei auch gleich ein paar prominente konservative Regime-Gegner ermordet wurden.
Von Stund an aber gab es keinen erbarmungsloseren Verfolger der Homosexualität als Adolf Hitler. "Ich möchte", hieß es auf einmal, "daß jede Mutter ihren Sohn in SA, Partei und HJ gehen lassen kann, ohne die Furcht, er könne dort sittlich oder moralisch verdorben werden."
SS und Polizei entfesselten eine hektische Jagd auf Homosexuelle, zumal deren Bekämpfung nun auch noch mit den rassistischen Wahnideen des Nationalsozialismus aufgeladen wurde. Homosexuelle galten als Verschmutzer des "guten deutschen Blutes", sie galten den Nazis als bevölkerungspolitische Blindgänger und gemeinschaftsfeindliche Elemente, die auszuschalten seien.
Der SS-Chef Heinrich Himmler konnte sich 1938 "vorstellen, daß ein Homosexueller in der SS in einigen Jahren schon mit dem Tode bestraft wird". Die Schwulen müßten einfach, auch dies Himmler-Erkenntnis, "entfernt werden, wie wir Brennesseln ausziehen, auf einen Haufen werfen und verbrennen".
Eine Gestapo-eigene "Reichszentrale für die Bekämpfung der _(Als kranker Untersuchungshäftling auf ) _(dem Weg zu seinem Prozeß. )
Homosexualität" leistete schon Vorarbeit: Sie inszenierte von Zeit zu Zeit Razzien gegen Homosexuelle, die pauschal verhaftet und meist ohne Gerichtsverfahren in Konzentrationslager eingewiesen wurden, wo man ihnen auf die Häftlingskleidung einen rosa Winkel nähte, fortan das Kainszeichen der Homosexuellen im Dritten Reich.
Bei einer solchen Razzia geriet 1935 auch der vorbestrafte Arbeiter Otto Schmidt ins Gestapo-Netz, ein kleiner Berliner Ganove, der sich auf das Erpressen von Homosexuellen spezialisiert hatte. Er gab vor der Gestapo an, er habe auch prominente Leute erpreßt, darunter einen "General Fritsch".
Der Vernehmer wollte wissen, ob das der Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, Oberbefehlshaber des Heeres, sei, den er da erpreßt haben wolle. Er ließ ein Bild des Generalobersten holen, auf das Schmidt einen Blick warf, um sofort zu bestätigen: Ja, das sei sein Mann.
Und dann erzählte der Erpresser: Er habe an einem Novemberabend des Jahres 1933 am Wannseebahnhof Berlin einen gleichgeschlechtlichen Akt zwischen einem ihm zunächst fremden Mann und dem ihm bekannten Strichjungen Martin Weingärtner beobachtet. Er sei dem Fremden nachgegangen, habe ihn gestellt und von ihm ein Schweigegeld verlangt.
Der Mann habe gesagt, er sei der General von Fritsch, und das habe er durch Vorlage eines Ausweises bewiesen. Darauf sei die Erpressersumme vereinbart worden: 2500 Reichsmark.
Die Affäre war geboren, die eines Tages die noch einigermaßen unabhängige Wehrmachtführung stürzen sollte. Werner von Fritsch - das war der erzkonservative General, der immer wieder der SS Schwierigkeiten bereitet hatte und sogar als Wunschkandidat für einen Militärputsch gegen Hitler galt.
Himmler stürzte zu seinem Führer, doch er merkte rasch, daß er zur Unzeit gekommen war. Homosexuelles war in diesem Sommer 1936 bei Hitler wieder einmal nicht gefragt. Er liebe den General von Fritsch, hatte der Führer kurz zuvor wissen lassen, und auch dies hatte er gesagt: "Mein Glaube an die Wehrmacht ist unerschütterlich." So schaute er nur kurz in die von Himmler mitgebrachte Schmidt-Akte und befahl dann, "diesen Dreck" zu verbrennen.
Der Generaloberst war dem Aufrüstungsfanatiker Hitler viel zu unentbehrlich, als daß er ihn wegen einer solchen Lappalie opfern wollte. Zwei knappe Jahre später aber hatte sich die Lage gewandelt: Kriegsminister von Blomberg hatte sich bei den konservativen Militärs durch die Heirat mit einer umstrittenen Frau unmöglich gemacht, Fritsch sich zum erstenmal durch eine wenn auch vage Kritik am expansionistischen Kurs seines Führers dekuvriert.
Auf einmal war Himmlers Akte wieder erwünscht, in einer Nacht ließ der SS-Chef das angeblich vernichtete Papier "rekonstruieren", wie das Gestapo-Beamte nannten. Hitler war jetzt an der Homosexualität seines Heeres-OB schon so interessiert, daß er verlangte, Fritsch müsse dem Zeugen gegenübergestellt werden.
Am Abend des 26. Januar 1938 wurde Fritsch in die Reichskanzlei gerufen und fieberte schon darauf, "das Schwein" endlich zu sehen. Sie prallten beide zusammen. Schmidt schrie: "Das ist er!", und Fritsch sagte nach einigem Zögern: "Den Herrn kenne ich nicht."
Der Generaloberst wirkte dabei so hilflos, daß er sich nur neuerlichen Verdächtigungen aussetzte. Selbst Fritschs engsten Kameraden kamen leise Zweifel, ob an der Denunziation nicht doch etwas sei. Fritsch galt auch bei Militärs als ein etwas weltfremder Junggeselle, er mied die Frauen und war selten auf einer Gesellschaft zu sehen. Und da war die Geschichte mit den zwei fremden Jungen, die Fritsch in seiner Wohnung beherbergt und beköstigt hatte.
Nicht einmal sein engster Mitarbeiter, der Generalstabschef Ludwig Beck, mochte nach der von Hitler erzwungenen Entlassung Fritschs für den ehemaligen Vorgesetzten einen Finger krümmen. Werner von Fritsch wäre verloren gewesen, hätten sich nicht ein paar couragierte Militärs aus dem zweiten Glied zusammengetan, um den alten Chef herauszupauken.
Sie konnten am Ende Hitler bewegen, einer unabhängigen Untersuchung durch Organe der Militärjustiz zuzustimmen. Die brachten rasch heraus, daß die Gestapo einer Personenverwechslung aufgesessen war, die Himmlers Kriminalisten zwar längst erkannt hatten, gegenüber der Außenwelt aber immer noch dreist vertuschten: Der Schwule vom Wannseebahnhof war nicht der Generaloberst Freiherr von Fritsch gewesen, sondern ein pensionierter Rittmeister von Frisch, der dann auch alles zugab.
Das Gericht des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht entschied am 18. März 1938, die Unschuld Fritschs habe sich "in allen Punkten" erwiesen, was ihm freilich wenig nutzte: Hitler holte den Generalobersten nie mehr zurück. Die Gestapo aber war restlos blamiert und revanchierte sich mit immer rüderen Razzien gegen Homosexuelle.
Die Wehrmacht sah sich zusehends unter dem Druck des Regimes, auch in ihren Reihen die Jagd auf Homosexuelle zu verschärfen. Anfangs widersetzten sich die Militärs, "widernatürliche Unzucht" schien ihnen kein sonderlich wichtiges Problem.
Da konnte es noch vorkommen, daß ein zu Kriegsbeginn vom Heer herausgegebener "Erlaß zur Manneszucht" die Homosexualität zwar verurteilte, zugleich aber konzedierte, daß Täter aus dieser Deliktgruppe "sonst gute und brauchbare Soldaten" seien. Auch verhängten anfangs die Kriegsgerichte recht maßvolle Urteile bei Verletzungen des Paragraphen 175.
Doch Hitler verlangte immer brutalere Strafen gegen Soldaten, die sich homosexuell "vergangen" hatten. Als 1942 ein Gerichtsherr einem wegen "widernatürlicher Unzucht" verurteilten Soldaten den Rest seiner Strafe "zur Bewährung vor dem Feinde" aussetzte, fuhr Hitler wütend dazwischen.
Von nun an straften die Kriegsgerichte fast ebenso rüde wie Himmlers berüchtigte SS- und Polizeigerichte. Homosexuelle wurden in die Gruppe der "Gemeinschaftsfremden" eingereiht, was es möglich machte, auf Zuchthaus, ja sogar auf Todesstrafe zu erkennen - wegen "Wehrkraftzersetzung". Ein Kenner, der Militärhistoriker Franz Seidler, bilanziert: "Wohl keine Armee der Welt war so besessen von der Schädlichkeit der Männerbeziehungen wie die Wehrmacht im Dritten Reich."
Hat die Bundeswehr daraus gelernt?
Als kranker Untersuchungshäftling auf dem Weg zu seinem Prozeß.

DER SPIEGEL 3/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 3/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Schwule wie die Brennesseln entfernen“

  • Tipps für längeres Leben: Kaffee, Sex und Telefonbuch zerreißen
  • Vergängliches Naturschauspiel: Die seltsamen Eisblumen von Tennessee
  • Neu Delhi: Affenplage im Regierungsviertel
  • Hai-Angriff bei Fütterung: Tauchlehrer verliert den Durchblick