21.05.1984

Die eiserne Hand schafft mehr

Maschinen statt Menschen - eine Automatisierungswelle rollt durch die deutschen Unternehmen Computer, Roboter, Automaten - die Chip-Revolution hat Deutschlands Industrie mittlerweile voll erfaßt. Es wird rationalisiert wie wohl noch nie, die Intelligenz-Maschinen nehmen den Menschen die Arbeit ab. Um das Beschäftigungsproblem zu lösen, bleibt nur die Alternative: Mehr konsumieren - oder weniger arbeiten. *
Autofabrik Opel, Rüsselsheim. Im Bau M 55 "schafft", so sagen die Autobauer seit letzten Februar, "die Diedesheim". Tonnenschwere Schlitten, Werkstückträger genannt, huschen wie von Geisterhand gelenkt leise übers Band. Plötzlich packen die Maschinen zu. Sie bohren, fräsen, schneiden, reiben, drehen, sie prüfen und sie messen.
Automatisch werden die fertigen Produkte ausgespuckt: Zylinderköpfe und Zylinderblöcke, scheinbar wahllos durcheinander. Drei Opel-Männer beobachten das verwirrende Treiben.
"Einzigartig auf der Welt", rühmt Chefkonstrukteur Hans-Eberhard Frank von der Maschinenfabrik Diedesheim, sei dieses flexible "Variocenter". Auch ganz ohne Arbeiter könnten die Maschinen künftig auskommen, etwa in einer Geisterschicht über Nacht. Einmal programmiert, arbeitet die Anlage dann unverdrossen weiter. Ein "Höchstmaß an Produktivität" wird garantiert.
Fernsehwerk Graetz, Bochum. Von einer über drei Kilometer langen, kurvenreichen Förderschlange baumeln ferngelenkte Teile für Fernsehgeräte. Mehr als zwei Dutzend "Bestückungsautomaten" stehen dazwischen herum. Manche klappern im Takt einer Zehntel Sekunde, einige verarbeiten bis zu 450 000 Bauteile pro Schicht, das 50fache dessen, was Arbeiterhände leisten können.
Über allem thront ein Roboter, von den Bochumern "der blaue Klaus" genannt.
In nur 30 Sekunden nagelt der hilfreiche "Klaus" mit 33 Klammern die Front des Geräts mit dem Gehäuse zusammen, rund 1000 Stück pro Schicht.
"Fertigungstechnisch", weiß Werksdirektor Gerhard Blume, habe Graetz "eines der modernsten und effizientesten Werke der Branche". Der Ausstoß konnte ohne zusätzliches Personal vervielfacht werden. In nur zwei Arbeitsstunden wird heute ein TV-Gerät hergestellt, rechnet der Direktor vor, 1975 dauerte das Ganze noch viermal, 1979 noch doppelt so lange.
Bis 1990 soll die Produktionszeit abermals halbiert werden, auf eine Stunde. Schwärmt Blume: "Ein enormer Produktivitätszuwachs."
Textilbetrieb F. A. Kümpers, Rheine. Mehr als 120 moderne Webmaschinen surren in dem uralten Backsteinbau des Werkes Wettringen. 15 weitere Maschinen neuester Bauart, Marke "Sulzer", werden gerade aufgestellt. Sie weben unermüdlich bis zu 60 000 Meter Stoff am Stück auf gewaltige Tuchrollen.
Sechs Tage in der Woche, insgesamt 144 Stunden lang, laufen die grünen Gewebe-Automaten. Kaum noch 100 Beschäftigte kümmern sich, in vier Sechs-Stunden-Schichten, um die Produktion. Manche der modernen Weber warten 30 bis 40 Maschinen.
Rund 20 Millionen Mark hat Gustav-Adolf Kümpers, Gesellschafter und Geschäftsführer, in den letzten Jahren in neue Maschinen, Automaten, Roboter und Computer gesteckt. Die Belegschaft der Spinnerei und Weberei wurde, bei gleichbleibender Produktion, seit 1970 von 1700 auf 800 gedrückt. Auch künftig will Kümpers Personal durch Rationalisierung einsparen, zur "weiteren Steigerung unserer Produktivität", wie er sagt.
Signale einer Welt von morgen, die jetzt das ganze Land durchziehen. Für Deutschlands Unternehmer, so scheint es, hat die Zukunft nun erst richtig angefangen: Allerorten werden aus Büros und Fabrikhallen die alten Gerätschaften entfernt, überall halten die neuen Maschinen Einzug - jene Anlagen, die sich selbständig steuern, die fühlen und greifen, die scheinbar denken können und ein grenzenloses Gedächtnis haben.
Experten wie Bernd Hof vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft rechnen mit dem Eindringen moderner Elektronik in alle Industriebereiche. Das werde, sagt Hof, in den nächsten Jahren einen "tüchtigen Produktivitätsschub" geben.
Eberhard Fehrmann, Technologie-Experte beim Deutschen Gewerkschaftsbund, sieht, fast wortgleich mit dem Kollegen von den Arbeitgebern, einen "beispiellosen Rationalisierungsschub".
Hans-Jürgen Krupp, Chef des Berliner DIW-Instituts, begründet, warum sich der Produktivitätsfortschritt künftig eher beschleunigen wird: Wieder anziehende Investitionen, sagt Krupp, Rationalisierung und die Ausbreitung der Roboter sprächen dafür.
Menschliche Arbeitskraft jedenfalls wird, wenn die Produktion nicht im Tempo der Rationalisierungen ausgeweitet werden kann, in Teilen der Fertigung überflüssig. Viele Unternehmen, darunter fast alle Großen der deutschen Industrie, haben in den letzten zwei Jahren ihren Umsatz vergrößert - und gleichzeitig den Personalstand verringert.
Aufzuhalten ist der Trend zu der neuen Generation der Intelligenz-Maschinen
nicht. Ihn stoppen zu wollen, hieße, den Anschluß im weltweiten Wettbewerb zu verpassen; hieße auch, die Chance für bessere Arbeitsbedingungen und für mehr Freizeit auszulassen.
Selbst die Gewerkschaften, die mit dem schnellen Vormarsch der Automaten und Roboter ihre Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten begründen, gebärden sich nicht als Maschinenstürmer. Sie verlangen nur, daß sich die Gesellschaft der Umwälzung in den Werkhallen bewußt wird; daß sie sich nicht von den Maschinen überrumpeln läßt, sondern Herr der neuen Technik bleibt.
Was sich da an den Fließbändern und in den Büros tut, war ja seit Jahren absehbar. Doch nur zu gern übten sich Politiker und Verbandsobere darin, den Trend zu verniedlichen. Schon immer, heißt es, habe der technische Fortschritt darin bestanden, daß menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wurde. Dieser Prozeß sei auch in den letzten Jahren nicht schneller geworden.
Gemessen wird das Tempo der Veränderung mit einem viel benutzten Begriff - der Produktivität.
Produktivität heißt nichts anderes als Leistung. Bauern messen so ihren Ernteertrag je Hektar Ackerland, Krämer ihren Warenumschlag je Quadratmeter Ladenfläche und Fabrikanten den Produktionsausstoß - etwa die Anzahl hergestellter Bratpfannen - je Beschäftigten oder je Arbeitsstunde.
Für die gesamte Volkswirtschaft gibt es ähnliche Kennziffern als Leistungsmaß. Die sogenannte gesamtwirtschaftliche Arbeitsstunden-Produktivität, der Wortwurm ist unter Ökonomen besonders beliebt, mißt die Wertschöpfung je geleisteter Erwerbstätigenstunde.
Dieser nationale Fortschrittswert war Anfang der Achtziger tatsächlich nicht gerade imponierend groß - er schwankte so um ein bis drei Prozent. Doch diese niedrige Quote - von Unternehmerfunktionären gern als Beleg dafür bemüht, daß sich so viel gar nicht verändere - täuschte über die wahre Entwicklung hinweg.
Die Stunden-Produktivität stieg deswegen nur so mäßig, weil die Konjunktur durchhing. Viele Unternehmen litten unter Auftragsmangel, bauten aber (in der Hoffnung auf bessere Zeiten) das Personal nicht entsprechend ab: Eine relativ geringe Warenproduktion wurde mit vergleichsweise vielen Beschäftigten gefahren.
Das änderte sich, als im vorigen Jahr die Konjunktur wieder anzog. Prompt schoß die Produktivität nach oben - wobei die Meßziffern des vorigen Jahres nun, wegen der besseren Auslastung der Maschinen bei gleichem Personalstand, übertrieben sind. Immerhin: Im Februar dieses Jahres lag das Produktionsergebnis je Arbeiter in der deutschen Industrie um fast elf Prozent über dem Stand vom Vorjahr (siehe Graphik).
Besonders emsig im Rationalisieren waren die Computerhersteller, deren Produktivität im Jahresschnitt um 31 Prozent stieg, erfolgreich auch die Phono- und Fernsehbranche mit 14 Prozent sowie die Chemie, die ihre Leistungsfähigkeit um elf Prozent steigerte.
Wenn auch solche Raten atypisch sind - vieles spricht dafür, daß die Produktivitätszuwächse in den nächsten Jahren deutlich über dem Schnitt der Siebziger von 3,2 Prozent liegen werden. Es waren keineswegs die gegenwärtig gern schwarzmalenden Gewerkschaftsökonomen, sondern die Volkswirte des unverdächtigen Münchner Ifo-Instituts, die schon vor vier Jahren Rekordziffern für die Jahre bis 1990 voraussagten: Um 4,07 bis 5,20 Prozent, so Ifo, würde die Stunden-Produktivität jährlich gesteigert.
Um vier bis fünf Prozent wird also jährlich die Produktion an Waren- und Dienstleistungen bei gleichem Personalbestand gesteigert. Oder, wenn so viele Güter niemand brauchen kann: Bei geringerem Produktions-Plus werden eben entsprechend Stellen gestrichen.
"Das unausgeschöpfte Potential an technischen Neuerungen" sei groß, meint Klaus-Dieter Schmidt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Schmidt sieht gute Chancen, zu den großen Produktivitätsfortschritten der goldenen 60er Jahre zurückzukehren. Damals (als es allerdings
noch keine Mühe machte, die zusätzlichen Produkte loszuschlagen) lagen die Steigerungen bei knapp fünf Prozent.
Wie wirkungsvoll sich menschliche Arbeitskraft einsparen läßt, kann besonders gut im Wolfsburger Volkswagenwerk besichtigt werden. Dort geriet die Halle 54, wo der Golf montiert wird, zu einem Symbolbau für das heraufziehende Automatenzeitalter.
4000 statt sonst 5000 Arbeiter montieren in dem nagelneuen Fabrikgelände den Golf, 40 Roboter helfen dabei. Das Produktivitätstempo ist eindrucksvoll: plus 20 Prozent.
Im Rohbau I der Wolfsburger geht es noch fortschrittlicher zu. Früher
Im Rohbau I der Wolfsburger geht es noch fortschrittlicher zu. Früher schweißten dort 300 Mann am Polo herum, nun sind es noch 26. Roboter, von VW-Werkern Robbies genannt, besorgen den Rest. Der Produktivitätsgewinn schwoll auf über 1000 Prozent.
In der Halle 3 punkteten und schweißten einstmals 240 Werktätige die Autovorder- und -hinterteile zu einem Ganzen zusammen. Seit letzten September schaffen das die Roboter allein. Der Zuwachs ist in Prozenten nicht mehr meßbar.
In ganzseitigen Anzeigen "Pro Roboter" lobt VW, wie die liebe "eiserne Hand" nun "unsere Mitarbeiter von schweren und einseitigen körperlichen Anstrengungen" entlastet. Die Manager klopfen sich eisern auf die Schultern: "Das sind Wege zur Humanisierung der Arbeitswelt."
Das ist wohl wahr. Nur, die internen Berechnungen über die häßlichen Nebenwirkungen des Produktivitätsgewinns putzt der Konzern nicht so laut heraus. Schon in den nächsten vier Jahren gehen, wenn die Arbeitszeiten nicht gekürzt werden, 10 000 VW-Jobs verloren.
Günter Hartwich, Produktionsvorstand bei VW, hält solcherart Fortschritt für "eine ganz knackige Angelegenheit". Denn Roboter streiken selten, sind nie mürrisch, allzeit fleißig. Hartwich hofft auf einen anhaltenden Produktivitätszuwachs von "mindestens fünf Prozent" pro Jahr.
Wirtschaftswissenschaftler haben die neue Welle mit Hilfe von Zinseszinstabellen schon mal bis zur Jahrtausendwende verlängert. Halten die prognostizierten Zuwachsraten so um vier bis fünf Prozent tatsächlich an, dann könnten die hochindustrialisierten Staaten um die Jahrtausendwende mit dem gleichen Arbeitseinsatz wie heute doppelt soviel leisten: doppelt so viele Autos bauen oder Autobahnen, doppelt so viele Kochtöpfe oder Kühlschränke herstellen, doppelt so viele Waschmaschinen oder Wohnsilos montieren, doppelt so viele Bankauszüge oder Versicherungsverträge ausfertigen.
Ob die Menschen das viele Zeug überhaupt brauchen, das kommt in dem Modell der Theoretiker zunächst nicht vor.
Die Amerikaner, dem Fortschrittsglauben noch ganz und gar zugetan, feiern solche Aussichten schon als "die schönste wirtschaftliche Überraschung" ("Newsweek"). Da die Arbeiter effizienter arbeiten, könnten die Manager mehr Lohn ausschütten, ohne die Preise anzuheben. Der Lebensstandard würde unaufhaltsam steigen. Die nächste Generation der Werktätigen, behauptet der Stanford-Professor Michael Boskin schlicht, sei folglich "zweimal so reich wie heute".
Das freilich muß nicht sein. Die umgekehrte Rechnung ist auch möglich. Bleibt der Produktionsausstoß nämlich konstant, weil sich für die vielen Waren keine Abnehmer finden - dann führt ein Zuwachs an Produktivität allein zur Einsparung von Arbeitskräften.
Bei einem jährlichen Plus der Produktivität von vier bis fünf Prozent könnte die Wirtschaft also - auch das ist möglich - genau soviel leisten wie jetzt, aber mit der Hälfte der Beschäftigten. Etwa im Jahr 2000 wären dann in der Bundesrepublik mehr als zehn Millionen Arbeiter und Angestellte aus Fabriken und Büros verdrängt.
Gewiß, diese Rechnung geht ebenfalls nicht ganz auf: Auch Maschinen müssen schließlich produziert werden. Das ist bisher ein besonders arbeitsintensives Verfahren.
Und dennoch: Einen völligen Ausgleich für die verlorenen Jobs bringt die
Herstellung der jobsparenden Geräte nicht. Recht fraglich bleibt das uralte Argument, einst von Napoleons Finanzexperten Jean Baptiste Say erfunden, bereits die Produktion neuer, technisch besserer Maschinen schaffe genügend zusätzliche Arbeitsplätze.
Sollte die Theorie tatsächlich stimmen, dann müßten alle durch Maschinen und Roboter verdrängten Arbeiter im Maschinenbau beschäftigt werden. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Wassily Leontief witzelte einmal über dieses Argument, daß folglich die durch Autos freigesetzten Pferde bei der Autoproduktion eingesetzt werden müßten. Tatsächlich wurden die Pferde geschlachtet.
Es ist wohl unbestreitbar, was unlängst Mitarbeiter des Soziologischen Forschungsinstituts an der Universität Göttingen in einer Studie festgestellt haben: "Die alte, als allgemeines Schema immer schon problematische Optimismusthese, daß die Freisetzungseffekte der Rationalisierung langfristig durch die arbeitsplatzschaffenden Wirkungen des technischen Fortschritts kompensiert würden, muß endgültig ''ad acta'' gelegt werden. Von selbst gleicht sich nichts mehr aus."
Während die Deutschen noch darüber streiten, ob durch den Einsatz eines Roboters letztlich zwei, vier oder bald schon zehn Arbeitsplätze verloren gehen, stehen in Japan die ersten Fabriken, in denen Roboter neue Roboter bauen.
Die deutsche IBM-Tochter setzt in ihren Fertigungsbetrieben inzwischen Roboter für den Computerbau ein. Das Wachstumsunternehmen schaffte denn auch im vorigen Jahr sein Umsatz-Plus von 15 Prozent mit 331 Mitarbeitern weniger als im Jahr zuvor.
Der jüngste Rationalisierungsschub begann allerdings nicht in der Computerindustrie. Er setzte in einer Branche, ein, die besonders technikfern scheint: in der Landwirtschaft.
Wohlgenährt durch Subventionen, machten die Landwirte tüchtig Gebrauch von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Sie bauten neue Höfe und Ställe und stopften diese voll mit Traktoren und Maschinen. "Der Computer kam in den Kuhstall", verdeutlichte Ex-Landwirtschaftsminister Josef Ertl fröhlich die Technisierung.
Mit Abstand führten die Landwirte über viele Jahre hinweg die Produktivitätstabelle an. Das Volk kann heute nicht mehr aufessen, was die Landwirte abernten und melken. So stieg ausgerechnet das zubetonierte Industrieland Bundesrepublik Deutschland zum viertgrößten Agrarexporteur der Welt auf. Gleichzeitig wurde die deutsche Landwirtschaft zum unbedeutendsten Arbeitgeber.
Die nächste Produktivitätswelle schwappte in das verarbeitende Gewerbe, vor allem in die von ausländischer Konkurrenz bedrängte Textilindustrie. Die Branche schaffte nicht nur immer modernere, immer effektivere Spinn- und Webmaschinen an. Sie entdeckte auch als erste, daß die neumodischen Automaten 24 Stunden täglich, 168 Stunden in der Woche, arbeiten können.
In den Zentren der Zunft, beispielsweise in und um Wuppertal herum, sind die Folgen sichtbar: In der Schmalweberei J. H. vom Baur Sohn rattert jede zweite Maschine in einer Geisterschicht nächtens durch. Die Etiketten-Fabrik Karl Rinke in Sprockhövel fährt drei volle Schichten rund um die Uhr, bei Bornemann & Bick am selben Ort gibt es sogar eine Wochenendschicht. Kapitaleinsatz total.
Mit den Maschinen, die hier soviel kosten wie in asiatischen Niedriglohnländern, konnte die Branche ihre Produktion im letzten Jahrzehnt nahezu halten, schaffte sogar den Sprung zum weltgrößten Textilexporteur. Gleichzeitig aber wurde die Zahl der Beschäftigten auf rund 250 000 halbiert.
Die Textilbetriebe, die sich mit den Supermaschinen gegenüber der Konkurrenz aus den Drittwelt- und Schwellenländern behaupten konnten, erscheinen heute als Vorbild für alle Industrie-Unternehmen:
Die Produktionskosten müssen, so lautet die Devise, von den Lohnkosten abgekoppelt werden; nur so scheint die Existenz in einem zusehends verbissener geführten internationalen Konkurrenzkampf gesichert.
Der jüngste Rationalisierungsschub wirbelt nun die Büros durcheinander. Just das Dienstleistungsgewerbe, das nach den Prognosen früherer Jahrzehnte doch den aus der Produktion Verstoßenen Unterschlupf bieten sollte, deckt sich nun mit Arbeitskräfte sparenden Computern und Schreibautomaten ein.
Nach einer Studie des Siemens-Konzerns kann rund ein Drittel sämtlicher Büroarbeiten automatisiert werden. "Drastische Personalreduktionen" sind absehbar, warnen die Göttinger Soziologen. Gerade das Geldgewerbe sei "zu einem bevorzugten Gebiet für technische und organisatorische Rationalisierungsmaßnahmen geworden", so die Forscher, die nun "eine zunehmende Eigendynamik gewinnen".
Und wie! Der Kassierer wird ersetzt durch den Geldautomaten; die Sachbearbeiterin für die Überweisungsaufträge wird überflüssig durch einen Automaten, der auch handgeschriebene Belege lesen kann; die Zahl der Sekretärinnen in der Vorstadt-Filiale kann halbiert werden, weil Schreibautomaten nun die meisten Brief- und Vertragstexte gespeichert haben.
"Zunächst werden die untergeordneten Verwaltungsjobs verschwinden", erläutert Jörg Siekmann, Leiter des Karlsruher Instituts für Informatik, "im papierlosen Büro werden immer mehr Rechner mit immer größerer Intelligenz zum Einsatz kommen, und irgendwann wird es über Expertensysteme auch dem mittleren Management an den Kragen gehen, denn dessen Funktionen sind ersetzbar und werden bereits ersetzt." _(Der Automat mischt - nach dem Bedarf der ) _(Kälber - Milchpulver mit temperiertem ) _(Wasser zu trinkfertiger Milch. )
Der Deutsche Gewerkschaftsbund erwartet allein in den Bereichen Textverarbeitung, Nachrichtentechnik und Datenverarbeitung bis 1990 einen Verlust von 2,5 Millionen Arbeitsplätzen.
Knapp die Hälfte der 1,2 Millionen Montage-Arbeitsplätze in der Industrie sieht die Fraunhofer-Gesellschaft als gefährdet an. Die Prognos AG in Basel wie das Ifo-Institut in München schätzen die Rationalisierungseffekte der Robotertechnologie in diesem Bereich auf rund 500 000 Jobs bis 1990.
Die Beamten des Bundesforschungsministeriums meinen, mit dem Einzug der Elektronik könnten in den nächsten sechs Jahren insgesamt rund sieben Millionen Arbeitsplätze verloren gehen.
In den Aufbaujahren der Republik hatten Entlassungen in einem Bereich der Wirtschaft kaum schlimme Folgen. Die betroffenen Arbeiter fanden in einem anderen Bereich schnell eine neue Stelle. Das Angebot an Arbeitskräften war so knapp, daß hilfsbereite Gastarbeiter noch mit Blumensträußen begrüßt wurden.
Inzwischen aber ist die Lage anders. 2,5 Millionen Bundesbürger sind zwangsweise untätig. Geburtenstarke Jahrgänge drängen auf den engen Arbeitsmarkt. Entlassene Knechte oder Kumpel finden keinen neuen Job am Fließband, überzählige Industriearbeiter nur selten einen freien Arbeitsplatz im Warenhandel. Selbst der Staat, früher die letzte Fluchtburg der Verdrängten, verschloß in seiner Geldnot die Behördenstuben. Rund 100 000 Arbeitsplätze will allein die Bahn abbauen.
Muß das wirklich so weitergehen? Ist es tatsächlich unvermeidlich, daß die Gesellschaft sich in zwei Klassen spaltet - in die der Arbeitsplatzbesitzer und in die der Arbeitslosen?
Es wäre schon grotesk: Da ermöglicht es die phantastische Erfindung der Chips, einen Großteil von monotoner, geisttötender Arbeit auf Maschinen zu übertragen; da wird es in einer Ära beispiellosen Massenwohlstands möglich, den erreichten Lebensstandard mit immer weniger Arbeitseinsatz zu halten - und die Industriegesellschaften würden in zwei neue, scharf getrennte Klassen geteilt.
Deutsche Wirtschaftswissenschaftler, wie beispielsweise die aus dem Rat der Sachverständigen, haben das Problem erst einmal verdrängt. Die weisen Professoren hoffen auf ein Wunder: auf ein riesiges Wachstum in der Zukunft.
Würde nämlich die Produktion wieder schneller als die Produktivität steigen, dann wären die Sorgen behoben. Die Firmen könnten alle Leute behalten und bei besonders schönen Steigerungsraten noch ein paar dazu engagieren.
Es sei zwar wahr, daß in dem von Rationalisierung und technischem Fortschritt geprägten Strukturwandel "mannigfache Friktionen" auftreten, die "für den einzelnen" auch schon mal Arbeitslosigkeit bedeuten könnten, beschwichtigten die Sachverständigen. "Doch", so schrieben die Professoren in ihrem jüngsten Gutachten weiter, "es werden neue Beschäftigungsmöglichkeiten an die Stelle der wegfallenden alten treten, solange der Wunsch nach mehr Gütern und Dienstleistungen vorherrscht."
Das klingt, nach Lage der Dinge, schon arg wie Gesundbeten. Die Realität sieht jedenfalls so aus, daß sich die nötigen Zuwächse nicht eingestellt haben - daß es im Gegenteil so etwas gibt wie ein Gesetz abflachender Wachstumsraten. Von Nachkriegsjahrzehnt zu Nachkriegsjahrzehnt wurde der Anstieg des realen Bruttosozialprodukts immer geringer. 6,7 Prozent waren es im Schnitt der Fünfziger, 3,1 Prozent im Schnitt der Siebziger.
Je wohlhabender eine Volkswirtschaft ist, desto mühsamer wird es, die Wachstumsprozente einzusammeln. 1670 Milliarden Mark ist das wert, was die Bundesbürger letztes Jahr an Waren und Dienstleistungen schufen. Ein nur dreiprozentiges Wachstum bedeutet bei diesem Sozialprodukt, daß jährlich Güter und Dienste im Wert von 50 Milliarden Mark hinzukommen müssen. Vor 20
Jahren reichten für drei Prozent mehr in einem Jahr noch elf Milliarden Mark Zuwachs, vor zehn Jahren 27,5 Milliarden.
Die Räte glauben dennoch zu wissen, wie wirtschaftswunderliche Zuwachsraten zuwege gebracht werden könnten. Durch niedrige Löhne und durch hohe Gewinne würde die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gestärkt. Soll heißen: Die Firmen könnten die zusätzliche Produktion auf den Weltmarkt werfen.
"Unübersehbar groß", steht im jüngsten Gutachten des Sachverständigenrats zu lesen, "ist das Potential an Nachfrage und Absatzmöglichkeiten in den wirtschaftlich unterentwickelten Ländern."
Eine wundersame Lösung: Deutschland als Fabrik für die Dritte Welt - so, als ob es noch genug Landschaften für neue Fabriken gäbe, als ob Wasser und Luft noch klar und rein wären.
Vor allem ist wohl zu fragen, womit die Südamerikaner oder die Afrikaner ihre vielen zusätzlichen Einkäufe in Deutschland bezahlen sollen. Im Moment und auf absehbare Zukunft erhalten diese Länder, die allesamt hochverschuldet sind, kaum noch einen Kredit für Bestellungen in den Industriestaaten; die selbst erwirtschafteten Devisen reichen gerade für das Nötigste.
Es ist auch kaum zu erwarten, daß die Konkurrenten im Welthandel es hinnähmen, wenn die Deutschen ihre Beschäftigungsprobleme durch noch mehr Export nach draußen schafften.
Schon seit langem verbucht die Bundesrepublik fast jedes Jahr die höchsten Ausfuhr-Überschüsse aller Industrie-Nationen. Die Westdeutschen exportieren beinahe so viele Güter wie das viermal so große Volk der Amerikaner, mehr noch als das doppelt so volkreiche Japan. Das Bundesvolk, kaum mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung, gebietet über ein Sechstel des Weltmarktes für Industrieprodukte. In zunehmendem Maße schirmen chancenlose Konkurrenten ihre Grenzen ab, allen voran die Entwicklungsländer.
Die bisher so bequeme Lösung, mit Mehr-Produktion alles wieder ins Lot zu bringen, liegt nicht mehr bereit. Es scheint wie ein Zufall der Geschichte, daß die hochindustrialisierten Staaten an Grenzen des Wachstums just zu einem Zeitpunkt stoßen, da Roboter und Computer schier grenzenlose Produktion ermöglichen.
Die meisten Menschen wollen das nicht wahrhaben. Sie klammern sich an Erinnerungen, an jenen Neuanfang bei Null, als zwei Weltkriege alle Werte zerstört hatten und ein phantastischer Aufschwung auf den anderen folgte.
Gerade deutsche Wissenschaftler wie etwa im "Kronberger Kreis" versammelte konservative Professoren bestärken die Bevölkerung nun mit uralten Glaubenssätzen, perfekt scheinenden Patentlösungen: "Eine Krise kann man nicht dadurch beheben, daß man weniger arbeitet, sondern dadurch, daß man mehr arbeitet."
Alles spricht dafür, daß die Folgen der Chip-Revolution so eben nicht zu bewältigen sind - daß hingegen die Arbeit neu organisiert und neu verteilt werden muß.
Albert Einstein, der Physiker, sah da vor fünf Jahrzehnten schon klarer als heute die Mehrzahl seiner Professoren-Kollegen von der Ökonomie. "Die Entwicklung der Technik fordert von dem Individuum immer weniger Arbeit für die Befriedigung des Bedarfs der Gesamtheit", schrieb Einstein. Folge: "Eine planvolle Verteilung der Arbeit wird immer mehr zur gebieterischen Notwendigkeit."
Einsteins Lösung des Problems ist ganz einfach: "Diese Verteilung wird zu einer materiellen Sicherung der Individuen führen." Die Menschen gewännen überdies mehr Freizeit und damit mehr schöpferische Kraft. All das wäre recht "günstig" für die Entwicklung der Persönlichkeit.
Der greise Jesuit Oswald von Nell-Breuning bewertet die schönen Folgen des Fortschritts heute ganz ähnlich. "Wenn wir mit allem versorgt sind", so der Frankfurter Sozialethiker, könne die Menschheit sich mehr um den "Lebensinhalt" statt um den "Lebensunterhalt" Gedanken machen.
Vielleicht ist das aber auch viel zu optimistisch gesehen. In einer solch arbeitsarmen Überflußgesellschaft, schrieb der britische Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes 1930, seien die Menschen ihres "traditionellen Lebenszwecks beraubt" - ihrer in zahllosen Generationen angezüchteten Instinkte "im Kampf um den Lebensunterhalt".
"Mit Schrecken", so Keynes, "denke ich an die Neuanpassung der Instinkte und Gewohnheiten des Durchschnittsmenschen an diese veränderte Situation."
[Grafiktext]
UNTER LEISTUNGS-DRUCK Produktionsergebnis pro Arbeiter Veränderungen gegen Vorjahr in Prozent; Industrie und Bergbau der Bundesrepublik 1977 bis 1982: Jahreswerte; 1983: Quartalswerte 1984: Monate Januar, Februar
[GrafiktextEnde]
Der Automat mischt - nach dem Bedarf der Kälber - Milchpulver mit temperiertem Wasser zu trinkfertiger Milch.

DER SPIEGEL 21/1984
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