16.04.1984

MÄNNERBEWEGUNGAbendländische Tradition

„Maskulisten“ wollen die Gleichberechtigung erstreiten. *
Dem Europäischen Parlament und der EG-Kommission werden erstaunliche Versäumnisse vorgehalten. Die Politiker, moniert ein neuer internationaler Männerbund, hätten zwar "viel für die 'Befreiung der Frauen' getan", aber "nichts unternommen, um die Männer von traditionellen Fesseln zu lösen".
Männer, behaupten die Kritiker, seien rundherum benachteiligt. Kein Naturgesetz, sondern ihre Rolle in der Gesellschaft bringe sie "fünf bis acht Jahre früher ins Grab" als eine Frau; doch trotz geringerer Lebenserwartung dürften sie, was "unlogisch" sei, erst später in Rente gehen. Obendrein seien sie "rechtlich weniger gegen gefährliche Arbeitsbedingungen geschützt" als weibliche Werktätige.
Männer müssen "Militärdienst ableisten" und bekommen nach der Geburt eines Kindes "keinen Vaterschaftsurlaub". Wenn Männer ein Verbrechen verüben, würden sie, wie empirische Studien belegen, für die gleiche Tat "härter bestraft als eine Frau". Und Männer hätten "das gleiche Risiko, von ihrer Frau geschlagen zu werden wie umgekehrt", nur würden sie halt still dulden und "nicht darüber sprechen".
Das ganze Elend der Männer ist in einem Jammerkatalog aufgelistet, der viersprachig - deutsch, englisch, französisch, niederländisch - Leidensgefährten zur Solidarität mahnt. Bei einer "Europäischen Konferenz" zu Ostern in Brüssel wollen die Initiatoren eine Bittschrift ans Europa-Parlament beschließen lassen und darauf drängen, daß die Straßburger Abgeordneten eine Kommission einsetzen, die die "gesetzliche, soziale, wirtschaftliche und psychologische Diskriminierung des Mannes" untersucht.
Die Parolen gleichen, seitenverkehrt, denen der Frauenbewegung, und auch
der Name der Männer-Organisation ist eine Wortschöpfung, die den Feministinnen abgeschaut ist: Sie nennen sich "Maskulisten" und fordern für ihre Geschlechtsgenossen, was ebenso, aber andersherum, ihre weiblichen Widersacher beanspruchen - "gleiche Rechte".
Darunter verstehen die Anhänger der "Europäischen Maskulisten-Bewegung" (Kontaktadresse: Postfach 1578 in Brüssel) vor allem bessere Konditionen für geschiedene Männer. "Das gemeinsame Sorgerecht für beide Elternteile", lautet ein zentrales Anliegen, solle "die Regel, nicht die Ausnahme" sein. Und Unterhaltszahlungen an die Ex-Gattin müßten befristet sein - es sei den geschiedenen Frauen zuzumuten, "innerhalb einer bestimmten Zeit finanziell unabhängig zu werden".
Die Verquickung von Sorgerecht und nachehelichem Unterhalt für den früheren Partner propagiert besonders der deutsche Zweig der Maskulisten-Föderation: die "Interessen- und Schutzgemeinschaft unterhaltspflichtiger Väter und Mütter" (ISUV), ein Trutzbund von Männern, die sich als Opfer des geltenden Ehe- und Scheidungsrechts fühlen.
Trotz der weiblichen Komponente im Vereinsnamen ist der Frauen-Anteil unter den rund 4 000 Mitgliedern verschwindend gering - gerade "etwa zweieinhalb Prozent", wie der ISUV-Vorsitzende Peter Meinck einräumt.
"Das gegenwärtige Recht in Sachen Scheidung", meint Funktionär Meinck, 46, ein Diplom-Ingenieur aus München, "nimmt sich aus wie ein unerbittlicher Rachefeldzug für jahrtausendelange Unterdrückung, Ausbeutung und Kujonierung der Frau." Die sozialliberale Koalition habe sich bei ihrer Familienrechtsreform offenbar vom "Jammerbild der verlassenen, mit vielen kleinen Kindern sitzengelassenen Frau" leiten lassen.
Die Klage-Litanei der Männer, die unter Alimenten-Lasten ächzen, scheint freilich auch von der Bonner Wende-Regierung nicht so recht erhört zu werden. Jedenfalls mahnte die ISUV bislang erfolglos die "längst überfällige" Kurskorrektur an, die konservative Politiker vor dem Regierungswechsel versprochen hatten.
Für Meinck geht es dabei um nichts weniger, als "zu der vor sieben Jahren über Bord geworfenen abendländischen Rechtstradition zurückzufinden", was wohl eine Wiederinstandsetzung des ehrwürdigen Patriarchats bedeuten soll: "Die emanzipatorische Denkweise des neuen Eherechts steht jetzt zur Disposition."
Da der restaurative Rückfall auf nationaler Ebene nicht vorankommt, verlegen sich die Chauvis auf weltumspannendes Paktieren. Zum Oster-Treffen in der belgischen Hauptstadt werden Gleichgesinnte aus aller Herren Länder erwartet, nicht nur aus EG-Staaten, sondern auch
aus der Schweiz, aus Norwegen und Schweden; selbst Maskulisten aus Übersee, Mexikaner und Amerikaner, haben sich angemeldet.
Rühriger Wortführer der maskulistischen Internationale ist der australische Computer-Ingenieur Hugo de Garis, 36, der - seit seiner Scheidung vor einem Jahr - neben seinem Halbtags-Job in Brüssel die Öffentlichkeitsarbeit der Bewegung betreibt. Er und der Kalifornier Fredric Hayward, 37, Gründer der amerikanischen "Men's Rights Incorporated", haben denn auch schon weiterreichende Gedanken publiziert, wie die Gleichberechtigung der Geschlechter verwirklicht werden könnte.
So sollten beispielsweise, "da viele Männer nunmehr eine aktive Elternrolle spielen wollen", auch Frauen "der Verteidigung ihres Landes gleichen Tribut zollen", und zwar nicht nur als Sanitäterinnen oder in der Feldküche, sondern auch im Dienst mit der Waffe - daß "die Körpergröße der Soldaten unerheblich" sei, hätten ja "die Erfahrungen der Amerikaner in Vietnam bewiesen".
Und die Devise der Frauenrechtlerinnen, die gegen Abtreibungsverbote demonstrierten ("Mein Bauch gehört mir"), soll durch Miteigentums-Ansprüche der Männer faktisch aufgehoben werden: Auch die Männer, postulieren de Garis und Hayward, müßten das Recht haben, "Elternverantwortung bei unerwünschten Schwangerschaften abzulehnen oder das Leben ungeborener Kinder bei gewollten Schwangerschaften zu verteidigen".
Bei der Brüsseler Tagung stellen die Maskulisten ihre Vater-Rolle an einem wehrlosen Knaben zur Schau: Am Samstagabend pilgern sie in einer Prozession zum "Manneken-Pis", der, laut ISUV-Einladung, "symbolischen Vaterfigur der Konferenz".

DER SPIEGEL 16/1984
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