20.02.1984

ALPENA schöne Sach'

Mit der Bewerbung um die Olympischen Winterspiele von 1992 riskiert das Berchtesgadener Land, wie Olympia-Gegner befürchten, den „Ruin“ der Bergwelt. *
Im südöstlichsten Winkel der Bundesrepublik ist die Umwelt noch halbwegs intakt: Die Gebirgsidylle am Königssee ist von Motorbooten und Uferstraßen bislang verschont geblieben, zum mächtigen Watzmann-Massiv im Hintergrund führt noch immer keine Seilbahn hinauf.
Der 21 000 Hektar große Alpen-Nationalpark von Berchtesgaden schützt Bayerns letzte Zirbelkiefern ebenso wie die Felsmonumente des "Steinernen Meeres" und ein paar Rudel Steinwild. Stellenweise scheint in der beschaulichen Bergregion noch immer das Wort des Heimatdichters Ludwig Ganghofer zu gelten: "Wen der Herrgott liebhat, den läßt er fallen in dieses herrliche Land."
Den Segen der Natur, kein Wunder, betrachten die einheimischen Landräte und Bürgermeister, Hoteliers und Touristikmanager seit Jahrzehnten als ein "Kapital", das für immerwährenden Aufschwung des Fremdenverkehrs sorgen soll - gerade so, als wäre die Idylle nie kaputtzukriegen.
Nicht genug, daß die Region als traditionelle Sommerfrische schon fast drei Millionen Übernachtungen im Jahr registriert, daß Abertausende in die Kitschläden am Königssee und zu Adolf Hitlers Berghof auf den Obersalzberg strömen - Berchtesgaden will nun partout auch als Wintersportzentrum in aller Welt berühmt werden: Die Gemeinde bewirbt sich im Verein mit Bad Reichenhall und einigen anderen Orten des oberbayrischen Chiemgaus um die Austragung der Olympischen Winterspiele 1992.
Offiziell ist die Kandidatur seit November. Das Nationale Olympische Komitee der Bundesrepublik zog das von Berchtesgaden angeführte Kommunen-Kollektiv dem Rivalen Garmisch-Partenkirchen vor, der schon einmal, 1936, die Ehre hatte. Berchtesgadens Bürgermeister Anton Plenk freut sich: "Des is'' a schöne Sach''."
Zwar wird sich erst 1986, wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) seine Entscheidung trifft, herausstellen, ob die Oberbayern auch gegen die Konkurrenz aus Schweden, Norwegen, Frankreich, Italien, Bulgarien und der Sowjet-Union bestehen können. Doch im Berchtesgadener Land befehden sich Gegner und Befürworter der Olympia-Kandidatur schon jetzt so heftig, daß sogar Gerichte bemüht werden müssen - beispielsweise in der Frage, ob die Gegner Informationsstände aufstellen dürfen oder nicht.
Vorreiter der Olympia-Idee ist Berchtesgadens Kurdirektor Michael Dyckerhoff. Der Touristikmanager, der die olympischen Ringe gern mit Laserstrahlen auf den Watzmann projizieren würde, wenn''s 1992 klappt, glaubt "die weitaus größte Mehrheit der Bevölkerung im Rücken" zu haben.
Das gleiche behaupten freilich die in Bürgerinitiativen organisierten Spiele-Gegner von sich - und sie haben womöglich recht. Jedenfalls stimmten Anfang dieses Monats in Bad Reichenhall bei einer Umfrage der örtlichen Initiative über 71 Prozent der Befragten gegen den Ringe-Reigen; an dem Votum beteiligte sich über die Hälfte der wahlberechtigten Reichenhaller, mehr als bei der letzten Oberbürgermeister-Wahl.
Schon vor eineinhalb Jahren hatten sich bei einer vergleichbaren Umfrage im Berchtesgadener Land 55 Prozent der konsultierten Bürger gegen die Olympia-Bewerbung ausgesprochen und ihr Votum mit geharnischten Protestbriefen unterstrichen. "Das Berchtesgadener Land", hieß es beispielsweise, "wird wegen 14 Tagen zum Jahrmarkt umgewandelt."
Solcher Protest mag polemisch klingen angesichts der Tatsache, daß Olympische Winterspiele in den Bewerbergemeinden, anders als es etwa in Sarajevo der Fall war, keinen sonderlichen baulichen Aufwand erfordern. So verfügt Reit im Winkl über brauchbare Sprungschanzen und ausreichend Loipen-Gelände, am Königssee gibt es Eiskanäle fürs Rodeln und Bobfahren, Inzell präsentiert sein Bundesleistungszentrum für den Eisschnelllauf, in Siegsdorf könnte eine vorhandene Ferienwohnanlage in ein olympisches Dorf umfunktioniert werden.
Auch was noch hergerichtet werden müßte, etwa ein auf 40 Millionen Mark veranschlagtes Eisstadion in Bad Reichenhall oder zusätzliche alpine Pisten am Jenner, muß bei naturschonender Gestaltung keineswegs die ganze Gegend ruinieren. Und Inzells Bürgermeister Ludwig Schwabl mag sogar recht haben mit der Behauptung: "Wir machen seit 15 Jahren olympische Generalproben."
Zu befürchten steht aber, daß die Olympia-Premiere samt touristischem Folgedruck, Zersiedelung und sozialem Strukturwandel den idyllischen Winkel umkrempeln wird: Wenn die Region, in der die Winterurlauber bislang gerade 20 Prozent der Erholungsuchenden ausmachen, wirklich zu dem von Kurdirektor Dyckerhoff angestrebten "Vierjahreszeitenland" wird, könnte, so die Olympia-Gegner, der "sanfte" Tourismus in einen "aggressiven" umschlagen.
Dann bleiben, meint Peter Karger, Studienrat und Sprecher der Berchtesgadener Bürgerinitiative, auf Dauer die "zufriedenen Langzeiturlauber" aus, die "eine Art zweite Heimat suchen" und "keinen olympischen Ramschladen" wollen. Nicht wenige Bürger im Berchtesgadener Land fragen sich auch, ob nicht "einige wenige den großen Reibach" machen, während "der große Rest auf Jahrzehnte die Zeche begleichen" müsse, etwa aufgrund "untragbarer Lebenshaltungskosten" und "enormer Mietpreiserhöhungen".
Womöglich aber sind bis 1992 alle Olympia-Debatten gegenstandslos - sei es, daß die IOC-Funktionäre vom Berchtesgadener Land nichts halten, sei es aus einem ganz anderen Grund: Wenn das anhaltende Waldsterben auch die bayrischen
Gebirgswälder ruiniert, könnten, so befürchtet der Bund Naturschutz (BN) in Bayern, Hangerosionen und Vermurungen "die Bewohnbarkeit ganzer Alpentäler in Frage stellen".
Es sei, äußerte deshalb schon ein BN-Sprecher, "gar nicht mehr so sicher", ob 1992 in den Alpen noch Olympische Spiele veranstaltet werden können. _(Mit dem Bürgermeister von ) _(Garmisch-Partenkirchen, Neidlinger, und ) _(dem Chiemgau-Landrat Schmucker. )
Mit dem Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen, Neidlinger, und dem Chiemgau-Landrat Schmucker.

DER SPIEGEL 8/1984
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