16.07.1984

GALOPPRENNENVolk statt Adel

Mit Rennpferden kann Walter Scheel noch keinen Staat machen. Während seiner Präsidentschaft bei den Galoppern sank der Umsatz weiter. *
Wenn er mal da ist, reden Gestütsmeister, Züchter und Trainer mit ihm allenfalls übers Wetter. Doch meistens ist er nicht da.
"Bei uns war er in drei Jahren nur einmal auf der Bahn", klagte Geschäftsführer Heinz Kütemann vom Mülheimer Rennverein, und der Pferdeputzer in einem Krefelder Rennstall antwortete auf die Frage, ob er Scheel kenne, mit der Gegenfrage: "Ist dat der Kumpel vom Tünnes?"
Galopp-Präsident Scheel, 65, seit 1982 mit 8000 Mark monatlicher Aufwandsentschädigung im Amt, gilt in der Branche als wenig geschätzter Laie.
"Berät den denn keiner?" mokierte sich Auktionator Ferdi Leisten, als Scheel in Baden-Baden mit Freunden für 11 000 Mark den Jährling "Antipode" ersteigert hatte, "weil der so nervig" war. Tatsächlich erwies sich "Antipode" als kaum renntauglich. Geschäftsführer Jürgen von Sichart vom Hamburger Rennclub: "Bei Herrn Scheel fehlt das Fachwissen von grundauf. Das kann man im hohen Alter nicht mehr erwerben."
Beim Deutschen Derby fehlte Scheel. Er weilte zur Amtseinführung des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in Bonn und kam dennoch nicht ohne Spott davon. Mit Blick auf Scheels ungewöhnliche Körperhaltung - Füße eng beieinander, Oberkörper leicht gekrümmt, Kopf hoch - frozzelte FDP-Mann Willi Weyer den Parteifreund an: "Mein Gott, Walter, du stehst ja da wie ein Jockey."
Die Galopper hatten das Staatsoberhaupt im Ruhestand hauptsächlich deshalb zum Vorreiter gemacht, weil sie ihre Pfründe vom Fiskus zusehends bedroht sahen. So mußten im Jahr 1981 vom Gesamtumsatz von mehr als 200 Millionen Mark fast 54 Millionen an Abgaben abgezweigt werden.
"Dieses brutale Eingreifen in die Finanzierungsmechanismen der Galopprennvereine", so Scheel, "schädigt jetzt den Staat selbst." Obwohl Pferderennen mit acht Millionen Besuchern jährlich inzwischen mehr Sportfreunde mobilisieren als die Spiele der Fußball-Bundesliga (sechs Millionen), sanken die Jahresumsätze der 18 Rennvereine um mehr als 14 Millionen Mark.
Die Vereine bestreiten ihren Unterhalt - Rennbahnbesucher haben unter der Woche meist freien Zutritt - fast ausschließlich von den Einnahmen aus den Rennwetten. Diese Einnahmen (Fachjargon: Totalisatorumsatz) werden zwar zunächst mit 16,5 Prozent besteuert, die Steuersummen fließen jedoch zum allergrößten Teil in Form von Rückvergütungen wieder in die Kassen der Vereine.
Jahrelang bewilligten die Bundesländer den Rennvereinen den Rückvergütungs-Höchstsatz von 96 Prozent. Doch als sie selber mehr und mehr in die Finanzklemme gerieten, drehten sie auch den Galoppern an der Steuerschraube. Baden-Württemberg zum Beispiel gewährt nur noch eine Steuer-Rückvergütung von 80 Prozent.
Auf seiner Goodwilltour durch die Bundesländer hatte Scheel nicht immer Fortune. In Nordrhein-Westfalen war es ihm gerade gelungen, den Landwirtschaftsminister Hans Otto Bäumer von der Nützlichkeit eines florierenden Turfgeschäftes zu überzeugen, da legte der sein Amt nieder. Nachfolger Klaus Matthiesen muß noch bekehrt werden.
In Baden-Württemberg, wo die Steuerschraube den Galoppsport am härtesten zwackt, erwartet der Internationale Club von Scheel am wenigsten. "Bei uns steht die FDP in schlechtem Ansehen", erklärte Generalsekretär Karsten von Werner. "Da verzichten wir bei den Verhandlungen in Stuttgart lieber auf Scheel."
Woanders war man auch ohne ihn erfolgreich. Der Hannoversche Rennverein erstritt mit einem Gerichtsurteil, daß ihm und allen anderen Rennvereinen die Gemeinnützigkeit erhalten und damit die Zahlung von Körperschaftssteuer erspart blieb. Der Hamburger Rennclub erreichte sogar, daß der Senat _(Bei der Derbywoche in Hamburg am Tag vor ) _(dem Derby, 30. Juni 1984. )
wieder den alten Höchstsatz von 96 Prozent Rückvergütung einführte.
Zweifel an seiner Fachkompetenz im Amt stören Scheel, für den der Pferderennsport "Erholung und Tierschutz zugleich" ist und "verglichen mit dem Quatsch der Formel-1-Rennen viel besser in die Landschaft paßt", nicht im mindesten. Er sagt: "Ich kann zwar nicht die Ahnentafel des Derbysiegers Lagunas herunterrasseln, aber ich bin der typische Rennbahnbesucher, und das ist viel wichtiger." Scheel will den Galoppsport "mehr ins Bewußtsein des einfachen Bürgers bringen".
Nach eigener Einschätzung ist dafür niemand geeigneter als er, denn: "Leute wie ich fehlen dem Turf." Deshalb werde er auch nicht zögern, sich am Jahresende zur Wiederwahl zu stellen.
Scheel bestreitet, daß Vollblutzucht immer noch eine Sache des Adels sei. "Wo gibt es denn die Adeligen noch, ich kenne nur den alten Trainer Adrian von Borcke, und der ist schon 80 Jahre alt."
Die stärksten Verbündeten des Präsidenten im Direktorium für Vollblutzucht und Rennen indes sind auch blaublütig: Hans-Heinrich von Loeper ist der Generalsekretär, Kurd von Lenthe der Vorsitzende der Besitzvereinigung. Und vier Rennvereine in der Bundesrepublik haben einen Adeligen an der Spitze.
Der verblüffte Scheel: "Sieh an, ist das wirklich so?" Es ist so.
Bei der Derbywoche in Hamburg am Tag vor dem Derby, 30. Juni 1984.

DER SPIEGEL 29/1984
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